Einleitung

Gründungsurkunde Gemeinde Winterberg 1925

Evangelisches Gemeindeleben in Winterberg ist relativ jung. Durch die Zugehörigkeit zu Kurköln galt auch für den größten Teil der heutigen Großgemeinde Winterberg bis zur Säkularisation 1802 der Grundsatz: „Cuius regio eius religio“ (Wessen das Land, dessen die Religion). Es mangelte zwar nicht an Versuchen, den Protestantismus auch im Raum Winterberg, beispielsweise unter Gebhard Truchseß von Waldburg (Kurfürst von Köln 1577 - 1584) einzuführen, aber langfristig blieb der Katholizismus für das Sauerland bestimmend.

Ausnahme war der Bereich der Höhendörfer, die zum evangelisch-reformierten Wittgenstein gehörten. Hier war der ehemalige Marienwallfahrtsort Girkhausen bestimmend, der auch für Neuastenberg, Langewiese, Mollseifen und Hoheleye zuständig war. Diese Orte waren 1713 durch Graf Casimir (regierte 1712 – 1741) gegründet worden, u.a. um den Wittgensteinischen Territorialanspruch auf dieses Gebiet zu untermauern. Da Graf Casimir in religiösen Dingen tolerant war, kam es aber auch zur Ansiedlung von Katholiken in diesem Gebiet.

Langewiese

Evangelische Kirche Langewiese um 1900

Nach einer Notiz des Grafen Casimir predigte 1734 „Herr Tuchfeld“ zum ersten Mal „auf dem neuen Dorfe“, so die damalige Bezeichnung. Seit etwa 1740 sind die evangelischen Bewohner dieser Orte dann auch in den Girkhäuser Kirchenbüchern vermerkt. Seit dieser Zeit tauchen noch heute in den Höhendörfern vorhandene Namen, wie Dickel, Lauber, Spies und Trapp, auf.

1863 wurde eine evangelische Schule gebaut, die zunächst auch Gottesdienstzwecken diente. Während dieser Zeit gab es innerhalb der Kirchengemeinde Girkhausen mit Pfarrverweser Lohmeyer auch einen Geistlichen für die Höhendörfer. 1876 war es schließlich soweit, dass die selbstständige Kirchengemeinde Gleidorf-Langewiese unter Pfarrerverweser Weber gegründet wurde. Dem Gründungspresbyterium gehörten außerdem Förster Georg Heinrich Wagner aus Mollseifen, Gemeindevorsteher Philipp Meyer aus Langewiese und Gemeindevorsteher Georg Heinrich Schmidt aus Neuastenberg an. Später sind dann noch drei Personen aus dem Raum Gleidorf-Fredeburg erwähnt. Zusätzlich gab es die sog. Repräsentation, bestehend aus „G. Heinrich Trapp, Lauber, W. Trapp, Franz Spies, Weller, W. Spies“. Der Bau der Kirche in Langewiese erfolgte 1877/78, ab 1882 der des Pfarrhauses, und 1907 die Errichtung einer Schutzwand zwischen Kirche und Pfarrhaus. Schon 1895 kam es aber zur Abpfarrung von Gleidorf, da die sich die Verbindung vor allem in verkehrstechnischer Hinsicht als schwierig erwies.

Um 1900 richtete sich das Interesse in Langewiese zunehmend auf die Evangelischen aus Winterberg und Umgebung. Aus der Zeit um 1914 ist bekannt, dass in Langewiese der kirchliche Unterricht vom bisher in reformierten Gegenden üblichen Heidelberger Katechismus zum kleinen Kathechismus Martin Luther hin erfolgte. Wollte man den Winterbergern entgegenkommen? Sicher ist, dass um 1900 mehrfach über eine Eingemeindung Winterbergs und der umliegenden Dörfer nach Langewiese gesprochen wurde. 1925 wurde die Kirchengemeinde Winterberg pfarramtlich mit Langewiese verbunden (bis 1950).

1933 wurde eine neue evangelische Schule errichtet. Das alte Gebäude diente nun als Kindergarten. Am 23. März 1945 wurde die neue Schule durch Bomben völlig zerstört. Bis 1955, als wieder ein eigenes Schulgebäude zur Verfügung stand, fand der Unterricht in der katholischen Schule statt. Die Schließung der Schule erfolgte 1968/69.

Im 2. Weltkrieg war Pfarrer Knippenberg ab 1943 auch für Aufgaben in Girkhausen zuständig, weil der dortige Stelleninhaber vermisst war. 1971 trat er in den Ruhestand. Die Pfarrstelle wurde nicht mehr besetzt und mit Girkhausen verbunden. 1972 übertrug die Kirchengemeinde der Kommunalgemeinde ein Grundstück beim Friedhof zur Errichtung einer Friedhofskapelle. 1982 schließlich erfolgte die Zusammenlegung mit Girkhausen, die bis zum 31.12.2006 andauerte.

Winterberg

Grundsteinlegung 1925

1816 mit der Übernahme des alten Herzogtums Westfalen durch Preußen wurde auch im Sauerland die Religionsfreiheit ermöglicht. Besonders Beamte wurden gern von der Regierung in die Diaspora geschickt. Schon für 1818 ist belegt, dass 4 Evangelische in Winterberg, 2 in Niedersfeld, 5 in Silbach und 7 in Züschen lebten. Bedingt durch die Nachbarschaft zu den protestantischen Ländern Waldeck einerseits und Hessen andererseits waren im Amt Medebach dagegen im selben Jahr schon 44 und im Amt Hallenberg 25 Evangelische (einschließlich der 7 Züscher) registriert. Von 1831 bis 1837 ist überliefert, dass der damalige Girkhäuser Pfarrer Florin einmal im Monat Gottesdienst in Medebach hielt und somit wohl auch für die Betreuung der Evangelischen in Winterberg zuständig war. Man kann also hier von einer ersten gemeinsamen Langewieser und Winterberger Zeit sprechen.

Ab 1849 wurden die Winterberger dann der 1837 gegründeten Evangelischen Kirchengemeinde Medebach „zugewiesen“, aber nicht eingepfarrt. Auch wenn die Zahl der evangelischen Winterberger weiter gering blieb, ist doch bedeutsam, dass 1857 der Name Marwedel als Besitzer der Apotheke in Winterberg auftauchte, die bis 1954 in Familienbesitz blieb. Die Angehörigen der Familie Marwedel dürften die ersten über mehrere Generationen in Winterberg ansässigen Evangelischen in Winterberg gewesen sein.

Um 1900 war die Zahl Evangelischer bedingt durch den Eisenbahnanschluß und den aufkommenden Tourismus stark angestiegen. 1905 gab es in Winterberg 75 und im Amt Niedersfeld 34 Protestanten. Auch wenn die Kirchengemeinde Medebach weiterhin für die Versorgung Winterbergs zuständig blieb, fand eine Orientierung in Richtung Langewiese statt. Ein Grund hierfür – neben der weit geringeren Entfernung – mag gewesen sein, dass sich in Winterberg auch Familien niederließen, die aus dem Wittgensteinischen stammten.

Historisches aus den Gemeinden Langewiese und Winterberg

Das Pfarrhaus im Bau 1925

Um diese Zeit wurde der Wunsch nach einem eigenen Gemeindeleben so laut, dass 1912 ein Kirchenbauverein gegründet wurde, mit dessen Hilfe Gemeindegründung und Kirchenbau vorangetrieben werden sollten. Vorgesehen war, die entstandenen Bindungen Richtung Langewiese zu nutzen und sich der Synode Wittgenstein anzuschließen. Trotz beachtlicher Anfangserfolge machte der 1. Weltkrieg dieser Entwicklung ein Ende. Der Kirchenbauverein wurde aber am 12. Juni 1921 gerichtlich eingetragen. Der Vorstand weist mit Apotheker Carl Marwedel als 1. Vorsitzenden, dem damaligen Langewieser Pfarrer Hans Matthäus als 2. Vorsitzenden, Stadtsekretär Gustav Müller als erstem, Rentner Gottfried Glodde als zweitem Schriftführer, Straßenmeister Heinrich Kligge als Kassenführer, Oberförster Paul Schröder als erstem, Landwirt Fritz Opes als zweitem, Werkmeister Georg Schweizer als drittem und Werkmeister Friedrich Glodde als viertem Beisitzer aus, dass man um Repräsentation der länger ansässigen und in wichtigen Positionen tätigen Evangelischen bemüht war.

Die Erfolge des Kirchbauvereins blieben aber zunächst wegen der schlechten Wirtschaftslage aus. 1924 schließlich gelang es, mit Hilfe des Konsistoriums, den Hilfsgeistlichen Johannes Hoensch aus Dortmund nach Winterberg zu entsenden. Nachdem ein gemeinsam geplantes Projekt mit der Evangelischen Frauenhilfe in Soest gescheitert war, konnte dank großer finanzieller Fortschritte am 28. Juni 1925 der Grundstein zum heutigen Gemeinde- und Pfarrhaus gelegt werden. Am 15. November wurde das Gemeindehaus (der heutige Gemeindesaal) in einem Festakt seiner Bestimmung übergeben, während das Pfarrhaus erst im kommenden Jahr vollendet wurde.

Ab dem 1. November 1925 waren die Gemeinden Winterberg, Siedlinghauen, Silbach, Elkeringhausen, Altastenberg mit Lenneplätze, Niedersfeld, Züschen, Hallenberg, Braunshausen und Liesen zu einer Kirchengemeinde zusammengefaßt, pfarramtlich mit Langewiese verbunden und somit Mitglied der Synode Wittgenstein. 1926 konstituierte sich das Presbyterium, bestehend aus Heinrich Kligge, Paul Schröder, Gustav Müller und Carl Marwedel. Als Gemeindevertreter (Repräsentanten) fungierten Förster August Beitzel, Fritz Opes, Polizist Heinrich Mentgen, Postbeamter Karl Schütz, Gottfried Glodde und aus Hallenberg Mühlenbesitzer Heinrich Kuhmichel.

Die Entwicklung der folgenden Jahre in Winterberg war von häufigem Wechsel der Geistlichen gekennzeichnet. Vakanzen wurden durch den Langewieser Pfarrer überbrückt. 1933 wurden Hallenberg, Liesen und Braunshausen wieder nach Bromskirchen eingepfarrt. Ab 1942 blieb die Pfarrstelle vakant. Die geistliche Versorgung wurde nun von Bestwig (Pfarrer Hamer) vorgenommen. Dass nicht der Pfarrer Knippenberg in Langewiese hierfür zuständig war, lag an seinen Vertretungsaufgaben in Girkhausen.

1945 übernahm Pfarrer Hugo Arnscheidt die Pfarrstelle, die durch den großen Zuzug von evangelischen Flüchtlingen und Evakuierten derart aufgewertet wurde, dass Winterberg ab 1950 eine selbstständige Pfarrgemeinde wurde. Die Verbindung mit Langewiese wurde aufgehoben. 1955 schließlich erfolgte die Abpfarrung von Siedlinghausen und Silbach. Zwischen 1946 und 1966 bestand auch in Winterberg eine evangelische Schule, die in dem Räumen der katholischen Volksschule untergebracht war.

1964 wurde, da die bisherigen Räume für die vergrößerte Gemeinde nicht mehr ausreichten, an die bestehenden Gebäude die heutige Kirche gebaut, 1981 schließlich das heutige Gemeindezentrum.

Mit dem 1. Januar 2007 wurde der Bezirk Langewiese der Kirchengemeinde Winterberg zugeteilt. Diese umfaßt nun neben der Kernstadt die Orte Elkeringhausen, Niedersfeld, Altastenberg, Lenneplätze, Neuastenberg, Langewiese, Mollseifen, Hoheleye und Züschen.

Für und in Langewiese bzw. Winterberg tätige Geistliche

Schuljahrgang Langewiese 1908

In Girkhausen vor Gründung der Kirchengemeinde Langewiese:

Leonhard Leydich 1707 – 1747, Johann Philipp Leydich 1747 – 1748, Christian Georg Gans 1748 – 1779, Christian Georg Bausse 1780, Johann Friedrich Schlarbaum 1780 – 1800, Johann Wilhelm Schnabel 1800 – 1813, Johann Wilhelm Florin 1813 – 1859, Ludwig Wilhelm Florin 1859 – 1888

In Girkhausen nach Zusammenlegung der Gemeinden Girkhausen und Langewiese:

Christoph Scheffler 1971 - 1987, Klaus Peter Brandl 1988 – 1995, Achim Schwarz 1996 - 2007

In Medebach vor Gründung der Gemeinde in Winterberg:

Eduard Höpken 1837- 1839, Carl Vorländer 1839 – 1841, Julius Heine 1842 – 1844, August Doerries-Klopf 1844 – 1857, Eduard Bruns 1857 -1864, Gustav Jerxsen 1864 – 1892, Hugo Deppe 1893 – 1896, Peter Rausch 1896 – 1903, August Severmann 1903 – 1924

In Langewiese:

Friedrich Wilhelm Lohmeyer 1865-1869 Hilfsprediger in Langewiese, Gustav August Dickel 1871 – 1874 (später Superintendent), Oscar Friedrich Wilhelm Heinrich Knigge, ord. 17.12.1889 in Langewiese, als Pfarrverweser in L. u. Gleidorf tätig, in Gleidorf bis 1906 (ab 1897 als Pfr.), Heinrich Philipp August Weber 1874-1890, am 27.10.1884 in L. zum Pfarrer ernannt, Julius Ronte, 1891-1904, Karl Wilhelm Schüler, 1904-1909, Karl Ringsdorff 1909-1913, Johannes Gründler 1913-1917, Joseph Chambon 1917-1919, Hans Matthäus 1919-1928, Robert Quest 1928-1930, Hermann Otto Gericke 1930-1938, Hans Knippenberg 1938-1971 (predigte noch bis Ostern 1974)

In Winterberg:

Johannes Waldemar Max Hoensch 1924 – 1926, Karl Herling 1926 – 1927, Friedrich Dönne 1927 – 1928, Heinrich Wilhelm Gerhard Zwitzers 1928 – 1929, Horst Schirmacher 1930 – 1932, Wilhelm Klammer 1932 – 1935, Herbert Werner Fischer 02. – 04.1935, Johannes Wilhelm Berthold Hoffmann 05. – 11.1935, N. Küster 1935 – 1936, Franz Julius Heinrich Friedrich Luhmann (vorher in Gleidorf) 1936 – 1942, Heinrich Fritz Hugo Arnscheidt 1945 – 1972, Martin Johanningmeier 1973 – 1975, Gilbert Drews 1976 – 1992, Herbert Kampmann 1992 – 1995, Manfred Gringel 1996 – 2007, ab 2007:Matthias Gleibe

Wer sich über die Geschichte unserer Gemeinde näher informieren will

Gottesdienstbesucher in Winterberg um 1930

Herausgeber: Presbyterium der Evangelischen Kirchengemeinde Winterberg: 75 Jahre Evangelische Kirchengemeinde Winterberg, 2000, erhältlich über die Kirchengemeinde

Herausgeber: Presbyterium der evangelischen Kirchengemeinde Girkhausen-Langewiese: 1878 bis 2003 125 Jahre evangelische Kirche Langewiese, 2003

Friedrich Opes: Der Evangelische Kirchenbauverein in Winterberg, in „De Fitterkiste“ Band 14, Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Winterberg, 2005

Weitere Quellen

Evangelische Schule Langewiese

Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Winterberg: Hefter: Akten betreffend die Gründung des Evangelischen Kirchenbau-Vereins Winterberg E. V. und Entwickelung zur Kirchengemeinde

Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Winterberg: Lagerbuchchronik

Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Winterberg: Protokollbuch der Presbyteriumssitzungen 1926 – 1981

750 Jahre Girkhausen, Herausgeber: Fritz Krämer, 1970

Geschichte und Gegenwart, Evangelische Kirchengemeinde Medebach 1837 – 1900, Herausgeber: Evangelische Kirchengemeinde Medebach, Korbach 1990

Paul Aust: 100 Jahre St. Franziskus-Hospital, in: „De Fitterkiste“ Band 2, Heimat- und Geschichtsverein Winterberg, 1990

Winterberg und seine Dörfer, Herausgeber: Heimat- und Geschichtsverein Winterberg, 1999

Josef Rüther: Heimatgeschichte des Landkreises Brilon, 1956

Ulf Lückel: Informationen aus dem Archiv des Kirchenkreises Wittgenstein

Familienarchiv und mündliche Überlieferung Familie Opes, Ehrenscheider Mühle