Johannes Weissingers erster Bericht

Die Trinity-Church in Tiffin.

14. September 2012

Ich bin in Tiffin angekommen bin. Das Flugzeug landete gestern am späten Abend in Detroit und dort wurde ich freundlich empfangen von Rick Dorsch, dem Pfarrer der Trinity United Church in Tiffin, und Al Bilger, einem Gemeindeglied, das mir in den nächsten Tagen nicht nur ein Auto zur Verfügung stellen, sondern auch helfen wird, die ersten praktischen Probleme zu lösen. Freundlich war auch der Angestellte des Flughafens, der allerdings – für unsere Verhältnisse freilich ungewohnt – nicht nur meinen Reisepass kontrollierte, sondern auch Abdrücke aller meiner Finger nahm und mein Gesicht photographierte. „Was willst Du in Ohio?“ „Ich habe eine Einladung“, antwortete ich und reichte ihm meinen Einladungsbrief. Den sollte ich ständig bei mir tragen, so der Rat an mich, den ich in der Vorbereitung der Reise gehört habe. Ich werde sehen, wie oft dieser mir noch hilfreich sein wird.

Es ist schon dunkel, als wir von Detroit Flughafen nach Tiffin fahren. Deshalb entgeht mir nichts an ersten Bildern, wenn wir gleich beginnen, uns einander bekannt zu machen bzw. ich habe auf viele Fragen zu antworten. Eine der ersten betrifft gleich meine Beauftragung für den islamisch-christlichen Dialog. Ich berichte von meinen Erfahrungen, beginnend mit der Arbeit im Dortmunder Norden vor über 35 Jahren. Dabei verlasse ich mich auf das, was Rick mir schrieb, als ich an meinen Englischkenntnissen zweifelte: „I can understand what you are trying to say.“ So ist es. Ich werde gefragt, ob ich Konrad Schulz (?), Pfarrer in Bad Vilbel, kenne oder Markus Alvermann (?), einen jungen Theologen, der in Deutschland keine Stelle fand und nun Pfarrer in Schottland ist. Nein, so klein ist die Welt nun doch nicht; immerhin kenne ich einige Personen der Gemeinde auf dem Heilsberg in Bad Vilbel und die Schwierigkeiten junger Theologen, eine Stelle zu finden. Auch der Präsidentschaftswahlkampf ist ein Thema. Ja, es sei richtig, dass es diesmal um viel gehe und die Gesellschaft tief gespalten sei. Seit einer Woche gibt es in der Zeitung meiner Gastgeber jeden Tag einen Beitrag wechselnder Autoren darüber, worum es in dieser Wahl geht. Meinem Eindruck nach jeweils faire Darstellungen der konträren Positionen.

Untergebracht ist Pfarrer Johannes Weissinger bei Bob und Nancy Howe, Bob Howe ist ein sehr gutes Beispiel für den zupackenden Amerikaner.

Untergebracht bin ich bei Bob und Nancy Howe. Er arbeitet für eine Firma, die Behälter für flüssigen Stahl herstellt, sie in einer Gesundheitsbehörde mit dem speziellen Arbeitsfeld „Hilfen für Menschen mit niedrigem Einkommen“, einem Hilfsprogramm der Regierung Obama, von dem man nicht weiß, ob es von einem Präsidenten Romney fortgeführt würde. Sie bewohnen – wir würden sagen – ein Landhaus, etwas außerhalb der Stadt Tiffin, herrlich gelegen an dem Fluss Sandusky. Weitläufig das Gelände, nicht ungewöhnlich, dass man von der Küche aus ein Reh aus dem Wald treten sieht, was ich gestern Abend tat. Sie steht kurz vor ihrem Ruhestand, er wird den Arbeitsplatz wechseln müssen, weil die Firma zwei Fabriken zusammenlegt. Also Umzug nach Pittsburg in absehbarer Zeit.

Nach meiner ersten Nacht studiere ich die Zeitung. Die Privatuniversität Heidelberg, zu der die Trinity Church enge Beziehungen hat, hat ein Wellnesscenter für die Studenten in Betrieb genommen. Der Bau wurde ermöglicht durch die Stiftung eines kinderlos gebliebenen Ehepaares Sauerwein – nicht die erste Einrichtung, die durch diese Stiftung finanziert wurde. Am Nachmittag eine Fahrt mit der Tochter Beckie Howe in die Nachbarstadt Forstoria. Auf dem Weg die nicht abgeernteten Maisfelder – wegen der Dürre in diesem Sommer lohnt die Ernte nicht. Beckie weist mich auf eine Unterkunft für mehrere mexikanische Familien hin, die von dort aus zu verschiedenen Arbeitsplätzen als Erntehelfer gebracht werden. In Forstoria gibt es viele Häuser, die zum Verkauf stehen – nicht nur eine Folge der Immobilienkrise, sondern auch eine spezielle Folge der Schließung des größten Unternehmens in Forstoria. Das gleiche Problem in Tiffin, obgleich nicht so schlimm. Eine Fabrik, die Toiletten herstellte, ist nach Mexiko verlegt – 300 Arbeitsplätze in Tiffin sind verloren. Ich werde sehen, ob das ein Thema in der Kirchengemeinde ist, haben doch, so die Aussage meines Gastgebers, alle Gemeindeglieder ein eigenes Haus (wie die meisten Einwohners Tiffins).

In einem Elektroladen kaufe ich einen Adapter für die elektrischen Geräte. Auf dem Namensschild des Verkäufers steht „Rosenberger“. Richtig, er hat deutsche Vorfahren, spricht einige Worte Deutsch, ist aber selbst nie in Deutschland gewesen, weiß auch nicht, aus welcher Gegend Deutschlands seine Vorfahren stammen. Das wird mir in den nächsten Tagen immer wieder erzählt.

Abends eine Einladung bei Rick, der noch zwei Ehepaare aus der Gemeinde eingeladen hat. Die Aufgabe beginnt: Namen und Gesichter, verbunden mit Geschichten zu lernen. Ballreichs Chips sollen die besten ihrer Art sein. Aber ich bin gewarnt: Viele Menschen sehen so aus, als ob sie etwas zu viel dieser Köstlichkeiten essen würden.

Das traditionelle Heritage Festival findet statt, am Vormittag eine Parade durch die Stadt – vergleichbar den Umzügen bei unseren Stadtjubiläen.

15. September 2012

In der Stadt ist viel los. Das traditionelle Heritage Festival findet statt, am Vormittag eine Parade durch die Stadt – vergleichbar den Umzügen bei unseren Stadtjubiläen. Auch die United Church ist durch die Gemeinde St. Johns vertreten. Ein Mann trägt ein Transparent mit der Losung „God´s still speaking“, Gott spricht (auch noch) heute zu den Menschen. Mach du keinen Punkt, wo Gott ein Komma macht – deshalb tragen manche Gemeindeglieder einen Button mit einem Komma. Natürlich nutzen auch die politischen Kandidaten, die sich um die Plätze im Repräsentantenhaus und im Senat und um das Amt des Commissioners bewerben, diesen Umzug, um für sich zu werben. Interessant, dass für einen Fremden wie mich auf den Werbezetteln, die verteilt werden, die Partei, zu der die jeweiligen Kandidaten gehören, nicht verzeichnet ist. Die Wahl zielt halt – zumindest strukturell – mehr auf die einzelne Person als auf die Partei. Und auch das kennen wir: Ein Kandidat für die Bezirksebene wirbt damit, dass er kein Politiker sei, sondern ein Geschäftsmann.

Im Gemeindehaus gibt es Mittagessen, organisiert von den Gemeindegliedern. Bob und Nancy, meine Gastgeber, nehmen mich in ihre Mitte. „Wasser, Eistee, Limonade“ als Brücke zu den Menschen. Ich blicke in viele Gesichter, höre viele Namen und immer wieder die Geschichte mit den deutschen Vorfahren. Nach zwei Stunden haben wir vielleicht vierhundert Menschen bedient.

Zurück in meiner Unterkunft sehe ich im Fernsehen, wie Ohio State gegen California im Football gewinnt. Zwischendurch immer wieder Werbung, auffallend viel für private Kliniken und – nicht abgesetzt von anderer Werbung – die Werbung für Obama und Romney. Die Stimmen in Ohio sind besonders umkämpft, da Ohio einer der Bundesstaaten ist, in dem der Ausgang der Wahl offen ist und damit das Gesamtergebnis bestimmend.

16. September 2012

„Soll ich eine Krawatte umbinden?“ „Im ersten Gottesdienst nicht, im zweiten ja“, rät Bob. Der erste Gottesdienst beginnt 8.30 Uhr und ist geprägt von neueren Liedern und einem „mehr informelleren“ Ablauf. Rick predigt nicht von der Kanzel und ohne Talar. Vor der Predigt für die Erwachsenen gibt es eine eigene Predigt für Kinder (in diesem Gottesdienst ist ein Kind). Wie in dem Spiel, in dem die Teilnehmer das nachmachen, was einer vormacht, so ist es mit Jesus. Er ist our leader. Wir sollen tun, was er tat: Menschen zusammenführen, Hungernde speisen. Die Lieder werden begleitet von einer Band, in der auch Gerald als Schlagzeuger mitspielt: er gehört zur katholischen Kirche, aber er liebt diese Musik. Er wird anschließend in die katholische Messe gehen. Der zweite Gottesdienst, um 10.30 Uhr beginnend, ist „traditioneller“, die Musik geprägt durch die Orgel (die Organistin Joan hat u.a. in Berlin-Spandau Kirchenmusik studiert) und durch einen Chor, eindrucksvoll auch durch ein einheitliches Gewand.

Für beide Gottesdienste gilt: Sie haben den Besucher im Blick, der das erste Mal am Gottesdienst teilnimmt. Ein ausführliches Gottesdienstprogramm mit dem Wortlaut des Vaterunsers und eines anderen Gebetes, das von allen gesprochen wird, wird an alle ausgeteilt. Die Gottesdienstteilnehmer begrüßen einander. Zwischen den beiden Gottesdiensten nimmt man Erfrischungen zu sich, redet miteinander oder trifft sich zur „sunday school“, aufgeteilt nach verschiedenen Altersklassen, von den Kindern bis zu den Erwachsenen (in einer Erwachsenengruppe wurde gerade das Problem der Schöpfungsverantwortung anhand der Luftverschmutzung besprochen).

Ich selbst werde kurz vorgestellt und spreche ein Grußwort. Wie ein Geschenk ist die Losung des vergangenen Freitags, meines ersten Tages in Tiffin, das Wort aus dem Psalm 85, Vers 10: „Güte und Treue/ Wahrheit treffen sich, Gerechtigkeit und Frieden küssen sich.“ Die United Church of Christ (UCC) hat sich das Leitbild einer just peace church, einer Kirche des gerechten Friedens, gegeben. Ich greife den Werbespruch auf, den ich beim Einkaufen in einem Kaufhaus sah: „you can give more value to the way you live“. Stimmt, sage ich und zitiere den Satz aus den Weisheitssprüchen: „Auf dem Weg der Gerechtigkeit ist Leben.“ Im Anschluss an den zweiten Gottesdienst stehe ich wieder zwischen Bob und Nancy und gebe Wasser, Eistee und Limonade aus.

Auch wenn er sich nicht auf eine Zeitreise begab, so traf Johannes Weissinger dennoch Mark Twain und Abraham Lincoln (von rechts) in Ohio.

Am Nachmittag dann noch ein Besuch des „heritage village“, zu einem großen Teil wie die auch bei uns üblichen mittelalterlichen Märkte. Daneben aber auch speziellere historische Stände. An einem spreche ich mit Abraham Lincoln und Mark Twain. Übrigens: Überall im Park stehen Sammelbehälter für Abfall mit der Aufschrift: „Wir haben nur eine Erde, halte sie sauber.“ (Auch in der Trinity Church wurden die Aluminiumdosen von Coke etc. in einem Behälter zum Recyclen gesammelt. Ganz so unbekannt, wie oft in Deutschland zu hören, ist das, was man Umweltschutz nennt, in den USA anscheinend doch nicht.)

17. September 2012

Es ist der Tag, an dem die praktischen Dinge geregelt werden. Al Bilger leiht mir ein Auto, für meine Verhältnisse zuhause eines der gehobenen Klasse, aber hier inmitten „großer Schlitten“ nicht als solches auffallend. Warum nur fahren die Amerikaner so große Autos, wenn sie doch wohltuend rigide Geschwindigkeitsbeschränkungen haben? Vielleicht, weil auf langen Strecken Komfort angenehm ist. Dann gehen wir zu der Niederlassung einer Versicherung und schließen eine Unfallversicherung für das Auto ab. Die will bezahlt sein. Also als nächstes zur Bank. „Willst Du auch eine Benutzerkarte für die öffentliche Bücherei?“ Ja, das ist vielleicht ganz hilfreich. Also in die Bücherei. Wir gehen schließlich mit zwei entliehenen Büchern hinaus, die auch schon ausländischen Studenten an der hiesigen Universität gute Dienste für den korrekten Gebrauch des Amerikanischen Englisch getan haben.

Und dann beginnt ein längeres Unternehmen. Für mein altes Nokia-Handy suche ich eine Simkarte für Amerika. Soll es geben. Aber nicht in Tiffin. Wir werden nach Findlay geschickt. Als wir den genannten Laden nach längerem Suchen schließlich gefunden haben, werden wir in diesem zwar freundlich begrüßt, aber die gewünschte Simkarte gibt es dort nicht. Doch der Verkäufer hat einen Tipp für uns. Die dortige Verkäuferin ist zu vielen Witzen aufgelegt, versucht auch ihr Bestes, aber am Ende kaufe ich ein neues Handy. Das hätten wir auch schon in Tiffin haben können, aber macht nichts: Ich habe gesehen, wie weitläufig die Malls angelegt sind. Übrigens: Die riesigen Parkplätze sind spärlich besetzt. Ist das an anderen Tagen anders?

18. September 2012

Ich treffe mich mit Rick in dessen Büro. Er erzählt mir von der Geschichte der Gemeinde. 1913 beschädigte eine Flut das Gebäude der Grace Reformed Church schwer, Anlass, sich mit einer zweiten, der First Reformed Church, zusammen zu tun und an der Stelle der beschädigten Kirche 1924/ 1925 eine neue gemeinsame Kirche mit dem neuen Namen Trinity United Church zu bauen. 1991/92 wurden Anbauten an den Gottesdienstraum fertig gestellt. In ihnen sind heute auf mehreren Etagen die vielen Gruppenräume und das Büro für die Sekretärin(nen) und den Pfarrer untergebracht. Rick bezeichnet die Gemeinde als besonders missionarisch orientiert, vielleicht heißt das aber eher „diakonisch ausgerichtet“. Denn als besonderes Merkmal nennt er das in den 1960er Jahren begonnene Angebot an Familien, in denen beide Elternteile arbeiten müssen, um genug zu verdienen, ihre Kinder zur Betreuung in der Gemeinde abzugeben. In einem großen, turnhallenähnlichen Raum gibt es verschiedene Spielmöglichkeiten – auch ein Spielgelände draußen gibt es. Die Öffnungszeiten sind großzügig von 6.30 bis 17.30 Uhr. Dieses Tiffin Seneca (der Name des Bezirks) Day Care Center wird finanziert einerseits mit staatlichen Geldern aus dem Hilfsprogramm für arme Familien, andererseits von diesen selbst je nach den eigenen Möglichkeiten. Auch Schüler kommen nach dem Unterricht in dieses Zentrum und werden nach Feierabend von ihren Eltern abgeholt.

Rick informiert mich über die verschiedenen Ausschüsse in der Leitung der Gemeinde. Hierin unterscheidet sich die hiesige Gemeinde nicht sonderlich von den Wittgensteiner Strukturen, vielleicht mit einer Ausnahme: es gibt einen eigenen Ausschuss, der die Stiftungen an die Gemeinde verwaltet und auf die ordnungsgemäße Verwendung der Stiftungsgelder achtet. Von den – wir würden sagen – Presbyteriumsmitgliedern wird jährlich jeweils ein Drittel für drei Jahre gewählt. Eine Wiederwahl ist möglich, danach muss eine Pause eingelegt werden, bevor eine erneute Wahl möglich ist.

Zum Mittagessen (lunch ist nicht ganz dasselbe) fahren wir zur Universität Heidelberg und treffen zufällig John Bing, einen Politikprofessor. Während er isst, sprudelt er nur so heraus mit Kommentaren zum Weltgeschehen. Einen Iran im Besitz von Atomwaffen hält er für „thinksble“, möglich. Die Lehre aus dem Irak-Krieg ist für ihn: Beginne keinen Krieg. Ansonsten zeigt er am Beispiel des früheren Außenministers Dean Rusk, wie wichtig frühe Erfahrungen für einen Politiker sind. Dean Rusks Politik war geprägt durch seine Erfahrungen in Deutschland in den 1930er Jahren. Romney ist geprägt von seinen zwei Jahren in Paris und den dortigen Erlebnissen mit Moslems. Die Rolle der Religion sieht er kritisch. Die Religion befähige Menschen, nicht nur das eigene Leben hinzugeben, sondern auch anderen Menschen das Leben zu nehmen, weil sie ja „noch ein anderes Leben“ hätten.

Nach dem Mittagessen in der Universität besuchen wir vier Gemeindeglieder im Altersheim. Vor zehn Jahren brannte das Gebäude, das zu der Zeit ein Hotel war, im Inneren ganz aus. Renoviert wurde das Haus als Altersheim. Als erstes treffen wir zwei Frauen, die in einem großzügigen Flur auf einem Sofa sitzen. Mary, eine frühere Musiklehrerin, legt gleich los. In einem Bücherprospekt wird für ein Buch geworben, das eine Liebesgeschichte erzählt zwischen einem Deutschen, der in der Nazizeit in die USA flieht, als US-Soldat zurückkehrt und sich in eine deutsche Frau verliebt. Helen unterrichtete in einer Grundschule, hat wie Mary – fast bin ich geneigt zu sagen „natürlich“ – deutsche Vorfahren, aus Baden-Baden. Nein, das ist nicht die Gegend, aus der ich komme, aber in Deutschland liegt es auch. Vor allem Mary kann sich für meine Idee, mir englische Zeitungsartikel vorzulesen, begeistern. Das sei doch wie eine Rückkehr in ihren früheren Beruf, sage ich, nur dass sie vielleicht mehr Erfolg haben wird, mir die richtige (amerikanische) Aussprache englischer Wörter beizubringen, als wenn sie versuche, mir Gesangsunterricht zu geben – ein ähnlicher Versuch sei in meiner Kindheit trotz großen Engagements beider Seiten schon einmal kläglich gescheitert, sage ich. Also bis später! Danach Besuch bei Eugene (?). Nein, er habe kein Nickerchen gemacht, sagt er und steigt vom Bett. Die Bilder in seinem Zimmer hat er selbst gemalt, Bilder wie von der Nordseeküste. Nicht dass er dort war, aber er liebt solche Bilder. Zuletzt besuchen wir Betty. Sie habe in letzter Zeit oft Kopfschmerzen, klagt sie, aber sonst gehe es. Hier wie auch bei den anderen Besuchen spricht Rick ein Gebet. Weniger als eine Stunde haben wir gebraucht, Rick allein wäre vielleicht schneller fertig gewesen.

Abends trifft sich der Ausschuss für Christian Education. Obwohl es bei den Wünschen für den nächsten Haushalt der Gemeinde auch um Erwachsenenbildung geht, steht doch die Arbeit mit Kindern im Vordergrund. „Wir haben gute Ideen, aber woher kommen die Kinder, für die wir diese Angebote machen?“ Die meisten Kinder sind Enkel der im Ausschuss mitarbeitenden Gemeindeglieder. Auch ein weiteres Problem ist mir nicht ganz unbekannt: Was ist die richtige Zeit für das Angebot am Sonntag? Man will wohl sehen, welche Erfahrungen andere Gemeinden am Ort machen – es gibt noch eine zweite Gemeinde der UCC -, aber man dürfe auch nicht zu viel experimentieren, das verwirre am Ende nur. Beeindruckend die gute Vorbereitung der Sitzung - zu jedem Tagesordnungspunkt gibt es eine schriftliche Vorlage -, die Verteilung der Aufgaben – Andacht und Vorsitz sind nicht Sache des Pastors – und die herzliche Atmosphäre der Beratung.

19. September 2012

Morgens schreibe ich im Gemeindebüro, in dem ich einen eigenen Arbeitsplatz habe, an meinem ersten Bericht aus Tiffin. Vor mir mehrere Poster, die über die Pflichten des Arbeitgebers und die Rechte der Arbeitnehmer informieren, z.B. das Recht auf die Sicherheit und den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, das Recht auf Erhalt des Mindestlohns und auf Wiedereinstellung nach einer längeren Unterbrechung. Zu jedem Punkt wird auf das entsprechende Gesetz verwiesen.

Am Nachmittag fahren wir in den Nachbarort Bloomville. Dort lebt seit 22 Jahren – als ich diesen Teil des Berichts das erste Mal schrieb, wusste ich noch ihren Namen; jetzt ist er mir entfallen. Ich fürchte, dass wird mir noch häufiger passieren. Vor neun Jahren starb ihr Mann. Wir sitzen auf der Veranda hinter ihrem Haus, um uns ein kleiner Hund, den sie vor zwei Jahren aus einem Tierheim holte. Früher habe sie einen Husky und einen Deutschen Schäferhund gehabt, aber nun sei dieser kleine gerade richtig – „ein guter Kompagnon“, der übrigens mehr sie als sie ihn ausgesucht habe, denn bei ihrem Besuch im Tierheim sprang er sofort auf ihren Schoß. Zwei Söhne wohnen ganz in der Nähe, zehn bzw. 15 Minuten entfernt von ihr. Auch eine Tochter wohnt und arbeitet ganz in der Nähe, in Tiffin. Zudem habe sie einen guten Nachbarn. Rick und sie sprechen über die neue Baustelle an der Brücke, über die der Weg zu ihr normalerweise führt, auch über die Lage auf dem Immobilienmarkt.

Ihr Sohn habe ein schönes Haus mit großem Grundstück für nicht einmal 120.000 Dollar gekauft. Die Preise sind gut für den Käufer, doch schlecht für den Verkäufer. So habe ihr anderer Sohn ein Haus für sich und seine zukünftige Frau gekauft, aber aus der Ehe wurde nichts. Das Haus ist also viel zu groß für ihn allein, es aber jetzt zu verkaufen sei dumm. Eigentlich stamme sie ja aus Pennsylvanien, aber hier fühle sie sich auch wohl, im Gegensatz zu Cleveland, wo sie mit ihrem Mann wegen dessen Arbeit wohnte. Eine so große Stadt sei zu geschäftig und hektisch für sie. Man glaubt es sofort, wenn man von ihrer Veranda sieht. Nun hat sie Krebs, ich vermute Lungenkrebs, denn im Haus ahnt man die starke Raucherin. „Schönen Dank, bis zum nächsten Mal.“

Abends der Ausschuss für Gottesdienst und Musik. Das sei ein besonders guter Ausschuss, geben Bob und Nancy, meine Gastgeber, mir mit auf den Weg. So ist es. Die guten Erfahrungen im gestern besuchten Ausschuss wiederholen sich. Zum letzten Tagesordnungspunkt verlassen zwei Mitglieder des Ausschusses den Raum. Es geht um eine Lohnerhöhung für sie. Schnell ist klar, dass auch ihnen die den anderen Angestellten der Gemeinde gewährte Lohnerhöhung um 2% zusteht. Auf den Cent genau wird ausgerechnet, was das heißt. Mir ist nicht ganz deutlich, warum die Frau, die für eine Band, die für neuere Musik zuständig ist, offensichtlich nicht bezahlt wird, wohl aber die, die für die traditionelle Musik verantwortlich sind. Vielleicht ist es so wie meistens: Die Neuerungen sind zunächst ehrenamtlich.

20. September 2012

Morgens gehe ich in die Stadtbücherei, um mir ein Buch über den Völkermord der Roten Khmer in Kambodscha auszuleihen. Denn am Abend wird das unser Thema sein. Ich werde auch fündig und mache zudem eine erfreuliche Entdeckung. Auf der Rückseite des Buches von Henry Kamm, Cambodia – Report from a stricken (heimgesuchten) land, lese ich die folgende Empfehlung: „Kamm's insight into what happened und what has to happen there will be a major contribution to our understanding of today´s Vietnam“. Die Empfehlung stammt von Morton J. Abramowitz, President of the Carnegie Endowment for International Peace. Was erfreut mich daran? Es war die Carnegie Stiftung, die 1913 Friedrich Siegmund-Schultze die Herausgabe der Vierteljahreszeitschrift „Die Eiche” ermöglicht hat. Und davon erzähl ich doch immer wieder gern.

Zum Mittagessen geht Rick in den Kiwanis Club, in dem er Mitglied ist, und nimmt mich als Gast mit. Der Kiwanis Club ist ein internationaler Club, der mit den Rotaries oder Lions vergleichbar ist. Wir treffen manches Gemeindeglied, mir bekannt schon vom Wochenende, zudem Leon Putnam, einen früheren Professor der hiesigen Heidelberg Universität für Philosophie und Religion. Leon hat noch Paul Tillich in Harvard gehört und selbst in den 1960er Jahren ein Buch über die „Zukunft des Glaubens“ geschrieben. Ich freue mich auf ein Gespräch mit ihm. Ist doch, was damals „Zukunft“ hieß, möglicherweise unsere Gegenwart. Der Ablauf im Club weicht sicher in einem Punkt von dem in deutschen Clubs üblichen ab: Vor den Nachrichten über Clubmitglieder, der Vorstellung der Gäste und einem Vortrag eines Gastes – diesmal ist es ein wirklich lebendiger und spannender Bericht über die Arbeit der ersten von jetzt schon fünf so genannten „nature-peace schools” – stehen die Anwesenden auf, singen und beten „God bless America“. Alle singen mit, auch wenn z.B. mein Gegenüber schwedischer Herkunft ist, wie er gleich bei der Begrüßung sagt – oder vielleicht gerade deshalb. Die Vortragende bezeichnet sich als „naturalist”, zeigt zum Schluss ein Schildkrötenbaby und einen Schildkrötenrucksack, in dem sie und andere die jungen Schildkröten von der gefährlichen Straße zurückhalten und zurück zum Sandusky River bringen. In Erinnerung bleibt mir auch, was sie erzählte von den alten Bäumen, die sie die Kinder von den früheren Zeiten erzählen lässt, angefangen von der Zeit der Indianer bis heute. Ich denke an das Wort von Albrecht Goes: „Wie kaum etwas anderes macht das Wandeln unter alten Bäumen den Menschen demütig.“ Ehrfurcht vor dem Schöpfer und seiner Schöpfung tut not. Ich wünsche der Arbeit dieser „naturalists” viel Erfolg. Die finanzielle Unterstützung durch Clubmitglieder wird hoffentlich nicht ausbleiben.