Delegation aus Ngerengere zu Gast in Wittgenstein


George Pindua, Paulina Kihaga, William Mitimingi und Christina Chaula singen am Pfingstmontag 2016 beim Gottesdienst im Abenteuerdorf Wittgenstein in Wemlighausen.                   Film von Michael Albe-Nolting

18 Tage lang hatte der Evangelische Kirchenkreis Wittgenstein Besuch von vier Gästen aus Tansania: Neben Superintendent William Mitimingi, der Lehrerin Christina Chaula und der Erzieherin Paulina Kihaga aus dem Wittgensteiner Partnerkirchenkreis Ngerengere war auch Vizebischof George Pindua von der Diözese Morogoro der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania zu Gast, zu eben dieser gehört Ngerengere. „Bildung“ stand als große Überschrift über dem offiziellen Delegations-Besuch, vier Jahre nach dem bisher letzten von Tansaniern in Wittgenstein und zwei Jahre nach dem Gegenbesuch von vier Wittgensteinern in Ngerengere.

Ein entscheidend wichtiges Thema wie die frühere Schul- und heutige Gemeindepfarrerin Christine Liedtke weiß: „Das Thema ‚Bildung‘ war ein grundlegendes und hat uns noch einmal die Augen geöffnet für die besonderen Herausforderungen unserer Partner in Tansania, wo Bildung der Schlüssel zu Arbeit und Einkommen ist und damit aus dem Kreislauf der Armut herausführen kann. Mit den Augen unserer Gäste lernten wir neu schätzen, welch vielfältiges Material unserer Schülerschaft in den Schulen zur Verfügung steht, so dass Lerninhalte und Kompetenzen auf unterschiedlichste Art und für vielerlei Sinne vermittelt werden können. Christina, die Lehrerin an einer weiterführenden Schule ist, stellte staunend fest, welche Nähe und welch guten Kontakt die Lehrkräfte in unseren Schulen zu den Schüler(inne)n haben; da ist in Tansania die Distanz größer.“

Gleich zu Beginn besuchten die Gäste den kreiskirchlichen Bildungsausschuss, in dem es um Bildungsgerechtigkeit ging, und außerdem auch noch die Kindertagesstätte am Bäderborn als Teil des Evangelischen Familienzentrums Bad Laasphe, das Thema hier: vorschulische Bildung. Pfarrerin Silke van Doorn freute sich als Wittgensteiner Schulreferentin über Bereitschaft und gegenseitiges Interesse am Austausch. Natürlich sei man schnell ins Vergleichen gekommen und habe sogar kritische Dinge ansprechen können. Beim Gespräch über die Distanz zu den Kindern habe sie, so Silke van Doorn, den Eindruck gehabt, sei die Haltung der Besucher nicht mehr „So ist das eben“, sondern „Das wollen wir auch für unsere Kinder“.

Christina Chaula und Paulina Kihaga wohnten während der Zeit in Deutschland bei Christine Liedtke in Girkhausen, was ihr nochmal tiefere Einblicke bescherte: „Als Gastgeberin war es wunderschön, die Unterschiede zwischen den Kulturen aufzuspüren, die sich nicht auf den ersten Blick offenbaren, sondern erst durch das Teilen des Alltags deutlich werden, und denen wir in Gesprächen beim Essen, beim gemeinsamen Singen, beim Fragen und Antworten auf die Spur kamen. Etwa in der Beziehung von Frau und Mann. Sicher haben die beiden Frauen viel zu erzählen von den deutschen Männern, die den Frauen die Tür aufhalten, sie zuerst begrüßen, die kochen und einkaufen, die selber die schweren Taschen tragen oder sie eher den Frauen abnehmen, statt sie ihnen zu geben.“

Kein Wunder, dass die tansanische Christina zur deutschen Christine nach dem gemeinsamen Beten des Ökumenischen Glaubensbekenntnisses von der Ökumenischen Weltversammlung 1990 in Seoul sagte, dass ihr der Satz „I believe, that all men and women are equally human“ ganz besonders gefalle, auf Deutsch: Ich glaube, dass alle Männer und Frauen gleichberechtigte Menschen sind. Die Begegnung und das Miteinander-Reden waren ganz wichtige Punkte dieses Besuches, auch im Umfeld zahlreicher Gottesdienste. So wusste Erndtebrücks Pfarrerin Kerstin Grünert davon zu berichten, dass die beiden Frauen aus Tansania nach dem Open-Air-Gottesdienst bei der Skihütte an Himmelfahrt das Gespräch mit Presbytern der Gemeinde suchten.

Gudrun Thimm aus Werntrop, die seit Jahren im Partnerschaftsausschuss des Kirchenkreises mitarbeitet, freute sich, dass beim Himmelfahrts-Gottesdienst in Eslohe sofort die große Herzlichkeit der Tansanier zu spüren gewesen sei. Hier waren die beiden Männer im Gottesdienst, der von der Gitarrengruppe aus Wenholthausen mitgestaltet wurde und bei dem die Young Ambassadors des Kirchenkreises sangen, die in einem Austauschprogramm mit den USA engagiert sind. Beim anschließenden Frühstück gab es die Möglichkeit für Gespräche, sehr interessiert und ganz offen habe Vizebischof George Pindua auch danach beim Besuch in einer Gruppe der Jugendhilfeeinrichtung Martinswerk in Dorlar seine Fragen gestellt.

Um Bildung ging es auch im Raumländer Gemeindehaus, wie die Weidenhäuserin Anneliese Imhof, ebenfalls ein großer Aktivposten im Partnerschaftsausschuss, ausführte: „Der Frühstückskreis Raumland unterstützt seit einigen Jahren ein Mädchen und einen Junge, der Weidenhäuser Frühstückskreis seit Januar dieses Jahres zwei Schüler. Außerdem werden noch drei Paten von privaten Spendern aus Weidenhausen unterstützt. Insgesamt sind es jetzt im Kirchenkreis Wittgenstein 18 Patenschaften.“ Anschaulich konnte das afrikanische Quartett all den Paten erläutern, wie sinnvoll ihre Schulpatenschaften in die Bildung eines jungen Menschen angelegt sind, welchen Unterschied die 11 Euro im Monat für die jungen Leute in Ngerengere machen können.

Dabei zeigte sich Berleburgs Pfarrerin Claudia Latzel-Binder, die schon einige Delegationen erlebt hat, beeindruckt davon, wie klar und problemlos Kommunikation diesmal funktionierte und wie viel die Besucher in Gespräche einbrachten. Auch Wittgensteins Superintendent Stefan Berk nahm diese Delegation anders wahr als die bisherigen. Sowohl die Frauen als auch die Männer. Vizebischof George Pindua wolle Partnerschaft nicht nur geschehen lassen, sondern gestalten. Der neue, jüngere Superintendent William Mitimingi bringe ebenfalls spürbar einen frischen Wind und größere Ambitionen mit in diese mittlerweile 25-jährige Verbindung zwischen Ngerengere und Wittgenstein. Ein wohltuendes Erlebnis war da für den Erndtebrücker Pfarrer auch das Weite-wirkt-Festival in Halle.

Genau wie für Christine Liedtke: „Innehalten und Aufmerken hat uns verbunden, das gemeinsame Lachen und Singen, die geteilten Erfahrungen bei Besuchen, Gottesdiensten und beim Festival in Halle - und besonders: unser Glaube.“ Es gibt zwar große Unterschiede, nicht nur in der Behandlung von Frauen, aber das verbindende Fundament war für die Girkhäuserin stärker: „‚Wir sind ein Leib in Christus, One in Christ‘ - so fasste es der stellvertretende Bischof George in Worte. Das ist unser gemeinsamer Nenner, das ist unsere Basis, das ist es, was uns zur Verantwortung füreinander ruft: In Christus sind wir Geschwister, gehören wir zusammen, können wir nicht ohne einander sein. Es ist gut, dass wir uns alle zwei Jahre sehen, mal hier, mal in Tansania, dass wir unsere Sorgen miteinander teilen und das, was uns froh macht. Es ist gut, dass über den persönlichen Kontakt das Verständnis für die unterschiedlichen Herausforderungen in unseren Ländern wachsen kann und dass wir durch Nachfragen und Erklären eine neue Sicht auf das jeweils Eigene bekommen.“

Das Programm der Delegation war eng getaktet, zum bereits Angesprochenen kamen Begegnungen mit Landrat Andreas Müller in Siegen, mit Berleburgs Bürgermeister Bernd Fuhrmann, mit der Frauenhilfe als Teil der kirchlichen Bildungsarbeit sowie in unterschiedlichen Schulen.

Auch das Fazit des Partnerschaftsausschuss-Vorsitzenden Pfarrer Oliver Lehnsdorf aus Oberndorf fiel klar aus: „Wenn ich an die vergangenen zweieinhalb Wochen der Partnerschafts-Delegation denke, bin ich voller Dankbarkeit. Denn es war eine Zeit der freundschaftlichen Begegnungen und des fruchtbaren Austauschs. Es war eine Zeit des gemeinsamen Lernens und Lebens. Von daher wünsche ich mir, dass diese Partnerschaft auch weiterhin von Gottes Segen umfangen ist.“

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... und ab dem 9. Mai 2016:

Die Fotos stammen
von Anneliese Imhof, Michael Albe-Nolting, Oliver Lehnsdorf und aus der Kirchengemeinde Dorlar.