„Sprung in Brunnen“ (14. August 2013)

Gern signierte Prof. Dr. Hubertus Halbfas nach seiner ganz besonderen Märchenstunde in der Evangelischen Auferstehungskirche Gleidorf noch die Bücher, mit denen er die katholische und evangelische Religionspädagogik über Jahre hinweg sehr stark beeinflusst hat.

Die Gründe, in die Kirche zu gehen, sind zweifelsohne mannigfaltig. Doch zum Märchen-Hören geht man üblicherweise definitiv nicht ins Gotteshaus. Das war am Mittwochabend in der Auferstehungskirche Gleidorf anders. Die örtliche Evangelische Kirchengemeinde hatte im Rahmen des Spirituellen Sommers den bekannten, geschätzten katholischen Theologen Prof. Dr. Hubertus Halbfas eingeladen. Der wollte bei seinem „Sprung in den Brunnen“ - so der Titel der Veranstaltung - dem spirituellen Gehalt von Märchen auf den Grund gehen. Außer ihm kamen mehr als 100 Menschen in die kleine evangelische Kirche, um dem 81-jährigen Sauerländer zuzuhören, der als Professor für Katholische Theologie und Religionspädagogik gearbeitet und der Religionspädagogik, sei sie katholisch oder evangelisch, über Jahrzehnte hinweg Impulse gegeben hatte.

„Es war einmal…“ - so begann der Vortrag, denn zunächst einmal erzählte Hubertus Halbfas ein Märchen. Es sollte nicht das einzige in dieser 80-minütigen Veranstaltung bleiben - und das war schön so. Als sei er ein professioneller Märchenerzähler erweckte er die oftmals verstaubten Vokabeln und archaischen Abenteuer zum Leben, ließ in wohlformulierten Worten Bilder aus anderen Welten und Zeiten lebendig werden. Dabei griff er nicht nur auf die Gebrüder-Grimm-Geschichten mit ihrer Happy-End-Garantie für die Guten zurück. Sein Schatz an Erzählungen war viel größer, reichte von Grönland bis Südafrika. Natürlich kamen die drei Königssöhne als die üblichen Märchen-Verdächtigen vor, darüberhinaus aber auch Schwarzbunte-Milchvieh-Landwirte und Walfisch-Bewohnerinnen. Und während der Bauer womöglich noch ein Christ war, waren es Rabbi Eisik aus Krakau und die beiden morgenländischen Moschee- Besucher, von denen einer bei seiner vorgeschriebenen Waschung vorm Gottesdienst für sieben Jahre in einen Brunnen fällt, hundertprozentig nicht. Offensichtlich macht das Brunnen-Motiv nicht an abendländischen oder christlichen Grenzen Halt. Ein anderes gern genommenes Symbol ist die Tür oder das Tor, die wahlweise unbedingt oder auf keinen Fall durchschritten werden sollen. Und so brachte Hubertus Halbfas nicht nur der „Getreuen Johannes“ aus der Grimmschen Feder, sondern auch Atréju aus Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ mit nach Gleidorf. Mit diesem breitangelegten Personal aus einem irrealen Universum zog der Wissenschaftler dann seine Schlüsse für echte Menschen in dem Hier und Jetzt der real existierenden Welt.

Egal, ob man durch das Zauber-Spiegel-Tor, das einem das eigene wahre Ich zeigt, gehen muss oder sich in den tiefen Brunnen zum persönlich echten Selbst abseilen lässt, man muss stark sein, um das ertragen zu können. Vielleicht kostet es auch Substanz und einige Klafter Fleisch, den eigenen Pfad zu finden und zu gehen, dennoch steht für Märchenerzähler Hubertus Halbfas fest: „Es ist ein Weg auf Leben und Tod, aber er muss gegangen werden.“ Stellt man sich dieser Aufgabe, kann man nur dazulernen. Etwa, wenn man als Mann in einen Brunnen fällt und für sieben Jahre als Frau leben muss, dann findet man einen Weg zur menschlichen Ganzheit, der dem eigenen Leben eine ganz neue Dimension verleiht. Und manchmal muss man für den Weg in die eigene Tiefe gar nicht weit gehen. Auch wenn das Schicksal erlaubt, dass die Brüder für den Vater die teuersten Teppiche auf den ausgetretenen Pfaden im weiten Westen oder im fernen Osten entdecken, so kann man selbst doch vielleicht auf nie zuvor beschrittenen Wegen zuhause etwas unendlich viel Kostbareres für den Vater finden. Auch wenn man selbst der dritte, der jüngste, der naivste, der einfältigste Bruder ist.

Aus dem unerschöpflichen Fundus an Erzählungen, die Hubertus Halbfas allein durchs Vortragen inszenierte, kristallisierten sich nicht nur all die bereits genannten Weisheiten heraus, sondern auch noch diese alles entscheidende Erkenntnis: „Märchen sind Lebensgeschichten, in denen wir die Hauptpersonen darstellen.“ Zur Klarstellung: „Eigentlich sind es überhaupt keine Kindergeschichten.“ Aber natürlich können Kinder sie lesen und für sich verstehen. Ohnehin liest und versteht Jeder Märchen anders. Das ist auch keine Schwierigkeit. Erst wenn man als Mann in den verbotenen Korb der Dinge schaut, den die Frau aus dem Himmel mit in die Ehe gebracht hat, und diesen für leer hält, dann wird es ein Problem, dass zwei Menschen ein- und dasselbe anschauen und dennoch unterschiedliches sehen. Wobei nicht mal die eigene Rolle auf ewig festgeschrieben ist: „Man ist mal die Goldmarie, manchmal ist man die Pechmarie, in dieser Flexibilität wollen Märchen verstanden werden.“ Und trotzdem sollte man den Sprung in den Brunnen wagen, denn für Hubertus Halbfas steht fest: „Wer bei sich selbst ankommt, der kommt auch bei Gott an.“

Elisabeth Grube, Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Gleidorf, sagte es nochmal anders in der Auferstehungskirche: „Man springt in den Brunnen und kommt in den Himmel.“ Nach der Veranstaltung in der proppenvollen Kirche war sie begeistert, sowohl vom Referenten als auch von seinem Vortrag: Es sei sehr eindrücklich gewesen, wie Hubertus Halbfas die Märchen ganz unmittelbar erzählt habe und damit klare Bilder vor ihren Augen entstehen ließ. Diese hätten ihr noch einmal deutlich gemacht, in welch großer Weisheit Märchen Wege wiesen, wie man zu sich selbst, zur eigenen Identität, zum eigenen Menschsein finde.

Und an dieser Stelle ist es nach der Märchenstunde auf einmal gar nicht mehr schwer, das komplizierte Wort „Spiritualität“ zu verstehen. Eigentlich müsste an jeder Tür und an jedem Brunnen im Märchen genau dieses Wort stehen - und nicht nur deshalb war der Abend in der Gleidorfer Auferstehungskirche ein perfekter Baustein im Spirituellen Sommer 2013.