Salutogenese

Claudia Latzel-Binder stellte als Assessorin des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein gestern das Salutogenese-Konzept vor, schon vorher lobte Dr. Ulrich Möller in diesem Zusammenhang die Wittgensteiner für ihre Weitsicht.

„Salus“ ist Latein und heißt „Heil, Gesundheit, Wohlergehen“, „Genese“ ist Griechisch und bedeutet „Entstehen“. Salutogenese ist eine Kombination aus Beidem und außerdem der Name eines neuen Projektes im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein. Hier finden Sie das ausformulierte Salutogenese-Konzept und dessen Durchführungsbestimmungen.

Berleburgs Pfarrerin Claudia Latzel-Binder stellte als Assessorin des Kirchenkreises jenes Konzept, das sie selbst ausgearbeitet hatte, im Juli 2011 bei der Wittgensteiner Kreissynode im evangelischen Laaspher Gemeindehaus vor. Bei „Salutogenese im Pfarramt“ geht es darum, dass der Kirchenkreis ganz bewusst das Wohlergehen seiner Pfarrer ganz neu ins Auge fassen möchte. In Zeiten eines sich verändernden Pfarrerbildes mit einer großen Arbeitsverdichtung der weniger werdenden Mitarbeiter, höheren Ansprüchen an ihre Arbeit und gleichzeitigen Gehaltseinbußen wollen die Wittgensteiner damit ein deutliches Zeichen setzen: „Mit dem Konzept der Salutogenese versucht der Kirchenkreis, den negativen Auswirkungen dieser Tendenzen auf das Pfarramt entgegenzuwirken. Es versteht sich ausdrücklich prophylaktisch und stärkt gelingendes und gesundes Arbeiten“, konkretisierte Claudia Latzel-Binder.

Konzept als Standortvorteil?

Wobei die Wittgensteiner nicht nur aktuelle, sondern auch künftige Kollegen im Auge haben. Inzwischen ist die Pfarrstelle in Feudingen zwar wieder sehr gut besetzt, doch die langwierige Suche hat klar gemacht, dass es auch in Zukunft nicht leicht sein wird, Menschen hierher zu holen. Leute, die von außen schauen, sehen vor allem die mutmaßlich schwerwiegende Autobahn-Ferne Wittgensteins. Vielleicht könnte in Zukunft ein solches Gesundheits-Konzept bei der Pfarrer-Suche zu einem echten Wittgensteiner Standortvorteil werden. Konkret skizzierte die Assessorin diverse Bausteine des Gesamtkonzeptes, die sich als freiwillige Angebote verständen und von den Pfarrerinnen und Pfarrern individuell abgerufen und ausgestaltet werden könnten. So hält der Kirchenkreis Supervisions-Möglichkeiten vor und will physiotherapeutische oder ähnliche Behandlungen finanziell fördern. Er möchte bei der Organisation zur Entlastung des häuslichen Umfeldes helfen, etwa bei der Betreuung und Pflege von Angehörigen. Dabei werden die kirchlichen Strukturen des Wittgensteiner Diakonischen Werkes, der Gemeindemitarbeiterinnen und Tageseinrichtungen genutzt.

Projekt im Geiste der Kirchenkreis-Konzeption

Der Kirchenkreis will darüber hinaus theologische und andere Aus-, Fort- und Weiterbildungen bezuschussen, darauf achten, dass die Pfarrer ihren Urlaub nehmen, und sogar nötigenfalls für Gottesdienst-Vertretungen in dieser Zeit sorgen. All das entspringt übrigens einem großen Ganzen. Dieses neue Angebot entspricht genau dem Ansatz, den die Konzeption des Kirchenkreises, die in ihrer Endredaktion ebenfalls der Synode am gleichen Tag vorgestellt wurde, festgeschrieben hat.

Coaching und Supervision als wesentlicher Baustein

Darin steht unter anderem: „Gerade auf dem Weg, einer mündigen Beteiligungskirche im ländlichen Raum zunehmend Gestalt zu geben, ist es notwendig, den haupt-, neben- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden besondere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Wir schaffen einen attraktiven Arbeitsraum für die Mitarbeitenden, in dem sie über Jahre körperlich und geistlich/geistig gesund arbeiten, ihre Gaben motiviert einbringen und ihre Kreativität entfalten können.“ Dabei kommt es dem Konzept sehr zupass, dass Pfarrerin Stephanie Eyter-Teuchert nicht nur dabei ist, ein Netzwerk diakonischer Arbeit zu organisieren, sondern „durch ihre Qualifikation im Coaching- und demnächst auch im Supervisions-Bereich ein wesentlicher Baustein in der Begleitung kirchlicher Mitarbeitender gelegt worden“ ist, so Claudia Latzel-Binder.

Ausdrücklich ein theologisches Modell

Der Wittgensteiner Assessorin ist zudem Eines ganz wichtig: „Die Konzeption versteht sich ausdrücklich als ein theologisches Modell. Vorbild und Leitgedanke der kirchlichen Fürsorge für die in den Dienst berufenen Menschen ist Jesu sorgsamer Umgang mit seinen Jüngern nach Markus 6, 30 bis 34.“ Darin verschaffe Jesus seinen Jüngern, die zuvor viel im Namen des Herrn gearbeitet hätten, eine Pause und stelle sich, um diese zu gewährleisten, sogar zwischen die Jünger und das Volk und schirme dieses von ihnen ab, indem er eine lange Predigt halte: „Vorsorglich und fürsorglich organisiert er ihnen eine Auszeit bevor die Erschöpfung einsetzt.“

Bessere Arbeit durch Konzentration

Mit dieser Ausarbeitung nehme der Kirchenkreis in der Evangelischen Kirche von Westfalen eine Vordenkerrolle ein, freute sich Claudia Latzel-Binder, „Salutogenese im Pfarramt“ solle sogar auf Landeskirchenebene als Pilotprojekt verankert werden. Zur Finanzierung des Konzeptes möchte der Evangelische Kirchenkreis Wittgenstein künftig jährlich einen Haushaltsansatz von 25000 Euro zur Verfügung stellen. Nun wird sich manch einer fragen, das ist ja schön für Pfarrer, aber was hilft es den Gemeinden? Aber auch da war sich die Berleburgerin sicher, dass die angedachten Hilfestellungen und Entlastungsangebote für die Pfarrer sehr wohl breitere Wirkung entfallen können: „Durch die theologische Klärung und Konzentration pfarramtlicher Tätigkeit verbessert sich die Arbeit selbst, was den Gemeinden und kreiskirchlichen Diensten unmittelbar zugute kommt.“ Oder noch mal unverblümter: „Ein demotivierter Mensch im Pfarramt ist ein Schaden ohne Ende.“