• Ökumene als Normalfall...

    Ökumene ist der Normalfall von Kirche - und ohne ökumenische Weite und weltweites Miteinander kann eine christliche Kirche nicht existieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Stellungnahme, die die Synode unseres Kirchenkreises im Jahr 2009 verabschiedet hat.

    Die Frage, die dem Theologischen Ausschuss aufgegeben  ist, ist die nach der Ökumenizität der Kirche. Präziser muss die Frage lauten: Hat die Kirche grundsätzlich ökumenische Kirche zu sein, wenn sie Kirche Jesu Christi und damit wahre Kirche sein will? Wenn ja, aus welcher Notwendigkeit heraus?
    Anders gefragt: Gehört die Ökumenizität der Kirche Jesu Christi zu ihren essentiellen Wesensmerkmalen, so dass sie bei Verlust dieser Dimension aufhören würde, wahre Kirche zu sein?

    Oder ist die Ökumenizität ein akzidentielles Merkmal von Kirche, das diese zwar bereichern, schmücken und für ihre Mitmenschen interessanter machen kann, das aber aus zeitgeschichtlichen, kirchenpolitischen oder ökonomischen Gründen auch immer wieder zur Disposition gestellt werden kann, ohne dass die Kirche damit aufhören würde, wahre Kirche Jesu Christi zu sein? Noch einmal anders gefragt: Ist die Ökumenizität der Kirche mit innerer Notwendigkeit (weil sie nur so und nur dann Kirche Jesu Christi ist und bleibt) oder mit äußerer Notwendigkeit (weil es modisch ist, einer globalisierten Welt entspricht, humanitären Bedürfnissen genügt etc) begründet und gestaltet?

     

    Orientierung an der Reformation

    Die heilige christliche Kirche „ist die Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt (evangelium  pure docetur) und die heiligen Sakrament lauts des Evangelii gereicht werden (et recte administrantur sacramenta)“ (CA VII).

    Damit sind für die lutherische Tradition die beiden entscheidenden notae ecclesiae genannt: die schriftgemäße Predigt und die einsetzungsgemäße Sakramentsverwaltung. Diese beiden Merkmale machen Kirche als Kirche erkennbar. Zwar kennt die lutherische Tradition noch weitere notae (z.B. Beichte, Ordnung des Predigtamtes, Leiden um des Evangeliums willen), doch fehlt ihnen die Eindeutigkeit jener ersten beiden, oder sie fallen (wie z.B. Befolgung der zweiten Tafel des Dekalogs, Glaubensgehorsam, Bruderliebe) in den Bereich der christlichen Ethik und sind dann eher als notae christlichen Lebens zu klassifizieren. Notwendig und hinreichend für die Definition und Erkennbarkeit der wahren Kirche sind jene erstgenannten notae.

    Die reformierte Tradition hat diese beiden Kennzeichen wahrer Kirche übernommen, aber tendentiell als drittes das Hören und Beachten des Evangeliums hinzugefügt: die disciplina ecclesiastica. Dazu zählt dann nicht nur die Kirchenzucht, sondern auch der Aufbau der Kirche und ihre sichtbare Gestalt (vgl. Barmen III). Es ist eben nicht gleichgültig, wie eine Kirche verfasst ist und ihre Ordnung Gestalt gewinnt. Diese Aufgabe ist nicht mit dem Hinweis auf das Alter der Kirche oder ihre überkommenen Traditionen bereits erledigt. Vielmehr muss auch diese Aufgabe nach Maßgabe der Heiligen Schrift geregelt werden. Insofern sind ihre Ordnung und ihre sichtbare Gestalt drittes Kennzeichen wahrer Kirche.

     

    Orientierung an der Heiligen Schrift

    Für die Frage der Ökumenizität der Kirche ist deshalb zu klären, wie diese in Schrift und Bekenntnis verankert ist.

    Dabei ist durchaus nicht erst neutestamentlich einzusetzen. „Gott, der Herr, der Mächtige, redet und ruft der Welt zu vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“ (Ps. 50,1). Die Gotteserscheinung beansprucht universale Geltung. „Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn“ (Ps. 113,3). Das kann temporal verstanden werden und entspräche dann der Aussage von V. 2: „von nun an bis in Ewigkeit“. Das kann aber auch wie in Ps. 50 geographisch verstanden werden: Von Osten (wo die Sonne aufgeht) bis nach Westen (wo sie untergeht) erklingt das Lob Jahwes.

    Das Neue Testament kennt verschiedene Bilder und Metaphern für die Kirche und ihrer Zugehörigkeit zu Jesus Christus:

    • Johannes 10: Hirt und Herde;
    • Johannes 15: Weinstock und Rebe.
    • 1.Korinther 12: Leib und Glieder;
    • Epheser 4: Haupt und Leib;
    • 1.Petrus: geistliches Haus und lebendige Steine.

    Bei aller Verschiedenheit dieses Bildmaterials stimmen sie doch darin überein, dass die gemeinsame Aussage, dass die Zugehörigkeit der Christen zu Jesus Christus die Zusammengehörigkeit der Christen untereinander impliziert. Diese Einheit ist von ihnen nicht erst herzustellen oder zu organisieren, sondern ist ihnen in Jesus Christus vorgegeben. Dies entspricht der Bitte Jesu, „dass sie alle eins seien“ (Joh. 17,21), wobei im hohenpriesterlichen Gebet Jesu ausdrücklich auch die zeitliche Dimension von Ökumene  betont wird: „Ich bitte aber nicht allein für sie (den Elferkreis), sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden“ (V. 20).

     

    Orientierung an den Altkirchlichen Bekenntnisse

    Wir können nicht Kirche sein ohne die Erkenntnis derer, die vor uns waren. Deshalb ist nach und neben der Schrift auf die Zeugnisse der früheren Generationen zu hören.

    Im Nicaenum (325) gibt es noch keine Aussagen über die Kirche. Der 3. Artikel beschränkt sich auf die Formulierung „...und an den heiligen Geist“.
    Im Konstantinopolitanum (381) erscheint dann die Formulierung: „...und eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.

    Das Apostolicum (5. Jahrh.), das auf das Taufbekennntis der römischen Gemeinde des 2. Jahrhunderts zurückgeht, verzichtet auf die Aussage der Apostolizität, nicht aber auf die der Ökumenizität: „...die heilige, katholische Kirche, Gemeinschaft der Heiligen...“

     

    Orientierung am Heidelberger Katechismus

    Auf die Frage „Was verstehst du unter dem Wort: gelitten?“ antwortet der Katechismus, Christus habe „den Zorn Gottes über die Sünde des ganzen Menschengeschlechts getragen“ (Frage 37). Der Beschreibung dieser universalen Heilstat im soteriologischen Teil des Katechismus entspricht exakt die Partikularität der Erwählung im ekklesiologischen Teil: „Ich glaube, dass der Sohn Gottes sich aus dem ganzen Menschengeschlecht eine Gemeinde zum ewigen Leben erwählt“ (Frage 54).

    Mit der Formulierung, dass der Sohn Gottes eine Gemeinde „von Anfang der Welt bis ans Ende in der Einheit des wahren Glaubens versammelt, schützt und erhält“, stellt der Katechismus im übrigen klar, dass das Volk Gottes nicht erst mit Ostern oder Pfingsten beginnt, sondern von jeher existiert.
    Die Kirche „ist je ganze Kirche an jedem Ort und zu jeder Zeit. Aber sie ist zugleich ökumenische Kirche. In ihr sind auch die geographisch Fernsten ... sachlich unsere Nächsten. In ihr sind auch die zeitlich Entrücktesten, längst Gestorbenen, kraft der Auferstehung von der Toten, sachlich unsere Zeitgenossen, die das Recht haben, von uns gehört zu werden“ (Eberhard Busch, Der Freiheit zugetan. Christlicher Glaube heute – im Gespräch mit dem Heidelberger Katechismus, S. 193). 

    Und nimmt man die Formulierung „... von Anfang der Welt“ ernst, dann stellt sich das Verhältnis der Kirche zu Israel als das vornehmste ökumenische Problem dar.


    Fazit: Ökumenizität ist innere Notwendigkeit

    Kirche Jesu Christi existiert zeitlich und geographisch in ökumenischer Weite. Um ihrer eigenen Erwählung willen kann sie nicht anders, als in dieser ökumenischen Weite zu existieren. Wollte sie diese Existenzweise leugnen, würde sie aufhören, Kirche Jesu Christi zu sein. Insofern ist ihre Ökumenizität keine Frage der Beliebigkeit, sondern der inneren Notwendigkeit.

    Die reformatorische Kirche ist insofern evangelisch und ökumenisch zugleich. Deshalb setzt sie sich „für ein ökumenisches Modell ein, das durch den Gedanken der Kirchengemeinschaft und das Prinzip der Einheit in versöhnter Verschiedenheit bestimmt ist“ (EKD-Synode 2000). Sie betrachtet insbesondere die Leuenberger Kirchengemeinschaft, in der die entscheidende „Übereinstimmung im Verständnis des Evangeliums“ als hinreichende Grundlage wechselseitiger Anerkennung als Kirche und Gewährung von Kirchengemeinschaft verstanden wird, als ökumenisch zukunftsträchtiges Modell wechselseitiger Anerkennung. Grundsatz ist hier: angesichts der Übereinstimmung im Verständnis des Evangeliums relativieren sich die anderen Gegensätze zwischen den Kirchen, wirken nicht mehr kirchentrennend und können im Lichte dieser Übereinstimmung gemeinsam weiter bearbeitet werden (vgl. Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis. Ein Votum zum geordneten Miteinander bekenntnisverschiedener Kirchen, EKD-Texte 69).

    Die Beteiligung der ökumenischen Gesprächspartner des Kirchenkreises Wittgenstein an der Erstellung einer Konzeption für den Kirchenkreis ist unter diesen Voraussetzungen nur zu begrüßen. Lässt sich eine solche Beteiligung aus äußeren oder praktischen Gründen nicht realisieren, so muss unter allen Umständen gewährleistet werden, dass bei allen konzeptionellen Festlegungen das Dasein dieser ökumenischen Partner und die Verbundenheit mit ihnen zur Sprache kommt und Berücksichtigung findet.

    Bad Berleburg, 13. Januar 2009


  • Weitere Infos

    Vereinigte Evangelische Mission in Wuppertal, MEHR ...

    Ökumene-Dezernat der Evangelischen Kirche von Westfalen,
    Kontakt: Wilfried Arning