Jahreslosung 2016

Gott spricht:
„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“ Jesaja 66, 13

Im Advent entstand im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein dieses Bild. Nicht als Illustration für die Jahreslosung „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“ gedacht. Aber kann man es vielleicht trotzdem dafür nutzen?

Die zahlreichen Jahresrückblicke der vergangenen Tage haben deutlich gemacht, wie sehr die Welt gerade Trost braucht - eine Welt, die so aus den Fugen zu sein scheint, wie schon lange nicht mehr. Der Vers aus dem Buch des Propheten Jesaja ist ein ermutigendes Wort - und außerdem die Jahreslosung für 2016. Ein interessantes Wort für eine Religion, deren erstes Gebet das Vater-unser ist. Generell sind es eher männliche Eigenschaften, die wir Gott zusprechen. Deshalb: Was sagen Frauen aus der Arbeit im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu dieser Jahreslosung?

Pfarrerin Silke van Doorn

Pfarrerin Silke van Doorn aus dem Schulreferat des Wittgensteiner Kirchenkreises wählt in ihren Ausführungen einen wissenschaftlichen Ansatz: „Was ist das mütterliche Teil an der Frau? Die Gebärmutter. Sie ist das Urbild für die Unantastbarkeit des Kindes. Nur dort ist der Mensch ohne Ausnahme geschützt vor allen Gefährdungen von außen. Annehmen und Geborgenheit schenken ohne Wenn und Aber - das ist die Mutter. Im Hebräischen und Arabischen ist das Wort für Erbarmen das gleiche wie Gebärmutter.“

Pfarrerin Christine Liedtke

Christine Liedtke, seit der ersten Jahreshälfte Pfarrerin der Kirchengemeinden Bad Berleburg und Girkhausen, erklärt sich die ausschließliche Erwähnung der Mutterfigur im Jesaja-Wort so: „Das Erste, was ein Ungeborenes hört, sind die Geräusche des Mutterleibes, ganz besonders natürlich der mütterliche Herzschlag, und von außerhalb die Stimme der Mutter, und - leiser - die Stimme des Vaters und anderer Personen, die mit der Mutter reden. So sind der Herzschlag der Mutter und ihre Stimme das beste Mittel, um den unruhigen Säugling zu beruhigen oder das Baby zu trösten. In dem Sinne verstehe ich den Jesaja-Vers der Jahreslosung 2016: Es geht um den ganz elementaren Trost, jenseits allen Verstehens, den Trost, der uns mit dem Urgrund verbindet, der durch sein Dasein tröstet, der quasi in die verlorene und unfassbare Symbiose des Mutterleibes zurückholt - und darum solcherart nur von der leiblichen Mutter gespendet werden kann. Natürlich kann auch der Vater das Kind trösten - und wird das auch - und ist der Vater für die kindliche Entwicklung ganz wichtig! Aber dieses Andocken an das vorgeburtliche Dasein gelingt nur über den Mutterbegriff, darum spricht der Jesaja-Vers hier nur von der Mutter, nicht auch von dem Vater.“

Pfarrerin Barbara Plümer

Wobei es Pfarrerin Barbara Plümer, Gehörslosen-Seelsorgerin d es Wittgensteiner Kirchenkreises, ein Anliegen ist, für sich selbst klar zu stellen: „Mich hat früher mein Vater getröstet! Denn der war für meine Versorgung zuständig, als ich klein war. Da hat meine Mutter gearbeitet, und er hat studiert und ein Semester sich nur um mich gekümmert. Von daher bin ich eher als Vaters-Tochter aufgewachsen. Das Gefühl uneingeschränkten Rückhaltes habe ich mir vor allem bei meinem Vater abgeholt. Und diese Bestätigung ist es ja, die uns letztlich tröstet. Anders ist das geworden, als ich selbst Mutter wurde. Als Mutter habe ich mich oft gewundert, wie stark allein die elterliche Zuwendung wirkt. Nach einem üblen Sturz mit Schürfwunde war aller Schreck und Schmerz tatsächlich wie Weggeblasen, wenn ich nur drei Mal hingebungsvoll den bösen Schmerz weggepustet habe! Als wäre nie etwas gewesen. Jetzt, wo meine Tochter größer wird, schaue ich etwas wehmütig auf solches Trost-Spenden zurück. Denn je größer und selbstständiger der Nachwuchs wird, umso mehr verkraftet oder verarbeitet er allein.“

Pfarrerin Kerstin Grünert

Die Erndtebrücker Pfarrerin Kerstin Grünert schaut genauer auf diese Veränderungen: „Mutterliebe, das ursprünglichste Gefühl, das es seit Menschengedenken gibt! Das Bild für uneingeschränkte Zuwendung, aufopferungsvoll, sich selbst verzehrend. Eine Liebe, die nicht unbedingt nach Erwiderung fragt. Oh, aber jede Mutter, die den Alltag halbwegs realistisch bewertet und noch in der Lage ist, auch einen kleinen Blick auf sich selbst zu werfen, weiß, dass die Liebe einer Mutter nicht so einfach und romantisch zu beschreiben ist. Als Mutter bin ich hin und her gerissen zwischen behüten wollen und groß werden lassen. Zu Beginn noch das Zentrum ihrer Welt, muss ich lernen, mich von den Kindern zu lösen und auch wegstoßen zu lassen. Je älter sie werden, umso selbstständiger suchen sie sich ihre Bezugspersonen aus. Und ich habe dann mit mir den Kampf zu kämpfen, in meiner Liebe unerschütterlich und uneingeschränkt zu bleiben. Egal, was ich zurückbekomme. Eine schwierige Angelegenheit. Und doch ist der Trost, den eine Mutter spenden kann, ein unverwechselbarer Trost. Das weiß ich, weil ich es selbst erfahren habe und auch immer noch brauche und ihn an meine Kinder weitergeben kann. Gott tröstet wie eine Mutter. Ich glaube, es gibt keinen anderen, der den Spagat zwischen behüten wollen und groß werden lassen besser bewältigen kann.“

Pfarrerin Simone Conrad

Auch die Antwort der Birkelbacher Pfarrerin Simone Conrad ist sehr persönlich: „Mein erster Gedanke bei dieser Losung gilt meiner leider schon verstorbenen Mutter. Uns hat eine große Nähe verbunden und ich konnte mich immer auf ihre Liebe, ihre Hilfe und ihren Trost verlassen. Mir fällt tatsächlich keine Situation ein, wo ich sie gebraucht hätte und sie nicht für mich da war. Und wenn sie mal selbst nicht weiter wusste, dann waren da zwei Arme, die mich gehalten, und zwei Hände, die mich gestreichelt haben. Mamas Trost war bisweilen einfallsreich und unkonventionell: ich erinnere mich an meine erste - und einzige - Fünf, die ich in der Schule eingefahren hatte. Ich war todunglücklich und die Welt brach zusammen. Was hat meine Mutter getan? Sie hat mir eine Mark in die Hand gedrückt - die ausgemachte Belohnung, die es sonst nur für Einsen gab. Ich war so irritiert, dass ich aufgehört habe zu weinen, und meine Mutter lachte und sagte: ‚Heute hast du sie nötiger.‘ Da musste ich auch lachen - und schon war's besser.“

Pfarrerin Stephanie Eyter-Teuchert

Pfarrerin Stephanie Eyter-Teuchert, gerade in den Vorruhestand verabschiedete Diakoniepfarrerin des Wittgensteiner Kirchenkreises, kommen zwei Szenen in den Kopf, die Mutterliebe nochmal ganz anders illustrieren. Die erste: „Im Krieg in Afghanistan werden junge Kerle von Soldaten zusammen geholt, weil sie vermuten, dass diese einen Angriff auf einen Konvoi vor einigen Minuten zuvor vorbereitet haben. Die Soldaten greifen sich einen heraus, fangen an, auf ihn einzuschlagen. Ein altes Paar eilt herbei, die Frau, die Mutter des Jungen wirft sich vor den Soldaten auf den Boden und bittet für ihren Sohn. Die Soldaten hören auf zu schlagen.“ Die zweite: „Soldatenmütter in Russland tun sich zusammen, fahren mit angespartem Geld bis an die Front in die Ukraine, wollen ihre jungen Söhne sehen und sprechen. Sie verhandeln mit den Offizieren: ‚Lass‘ mich meinen Sohn sehen, hast du nicht auch eine Mutter?‘“ Die Erläuterung von Stephanie Eyter-Teuchert: „Das ist für mich tatkräftiger Trost.“

Claudia Hofheinz

Die Feudingerin Claudia Hofheinz, die inzwischen sowohl in der Kinder-, Jugend- und Familienarbeit der Banfer, Fischelbacher und Laaspher Kirchengemeinden arbeitet, ist in Bezug auf die Jahreslosung 2016 beeindruckt und „besonders bewegt“ von einem Papier von Tanya Worth. Als CVJM-Bundessekretärin für Mädchenarbeit führt diese darin aus: „Eine Mutter kann vor allen Dingen trösten durch folgende konkrete Dinge: Sie kann ganz praktisch helfen. Sie ist einfach da. Ihre bloße Anwesenheit ist oft schon Trost. Sie tröstet sogar, wenn ich selbst schuld bin an der Misere. Sie kennt selbst Traurigkeit und Schmerzen. Sie hat einen Wissensvorsprung und weiß, dass es irgendwann wieder besser wird. Diese Eigenschaften einer guten Mutter überträgt Gott auf sich selbst, wenn er sagt, dass auch er die Menschen trösten will, wie einen seine Mutter tröstet.“

Monika Benfer

Monika Benfer, Laienpredigern und Mitglied des Wittgensteiner Kreissynodalvorstands, ist es wichtig, sich von dem Bild der Mutter in der Jahreslosung nicht auf eine falsche Spur führen zu lassen, denn vor schwierigen Situationen ist niemand - und zwar in keinem Alter - gefeit: „Solche Situationen erleben wir nicht nur im Kindesalter, sondern immer wieder in unserem Leben. Immer, wenn wir nicht mehr weiter wissen, wenn die Traurigkeit unser Herz erfasst, wenn wir weinen und Schmerzen haben. Welch gute und schöne Erfahrung ist es dann, wenn wir uns an Gott wenden können, wenn wir nach ihm schreien können und er uns hört. Gott möchte uns gerade dann ganz nahe sein, er möchte uns umarmen uns trösten, unsere Tränen wegwischen. So, dass wir gestärkt unseren Weg weiter gehen, auch, wenn die Wunden des Lebens noch da sind und schmerzen können. Wir gehen unseren Weg aber nicht allein, sondern haben einen an unserer Seite, der uns behutsam begleitet.“ Und die Laaspherin hat auch noch einen Medien-Tipp zu „Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“: Auf YouTube gebe es das Video „Tröste deine Menschen“, geschrieben von Gottfried Heinzmann und Hans-Joachim Eißler, gesungen von Patrick Reusch und Jane Walters , gespielt von Heiko Koengeter und Hans-Joachim Eißler: „Wer die Möglichkeit hat, sollte es sich anhören.“