Jahreslosung 2014

„Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ Psalm 73, 28

„Gott nahe zu sein ist mein Glück“ - dieses Psalmwort ist die Jahreslosung für 2014. Dass Gott im christlichen Geleitwort fürs kommende Jahr vorkommt, wundert niemanden. Aber Glück?

„Gott nahe zu sein ist mein Glück“ lautet die Jahreslosung 2014. Sollte man die Forderung nach Glück als tägliches Brot thesen-gleich an Kirchentüren nageln?

Auch bei einigen Menschen im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein sorgt das erstmal für Stirnrunzeln. Etwa beim Erndtebrücker Pfarrer Stefan Turk: „Ich stolpere über den Begriff ‚Glück’. Wenn ich den fassen möchte, erscheint er mir entweder sehr subjektiv gefärbt oder aber wie eine entleerte Worthülse. Glück, was ist das? Und für wen ist es das?“ Außerdem hat er Psalm 73, 28 anders im Kopf und im Ohr: „Ich bin ja mit der Bibelübersetzung von Martin Luther groß geworden. Da klingt der Vers eben anders als in der gewählten Einheitsübersetzung ‚Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte’. Deshalb ist mir der Vers der Jahreslosung zunächst fremd.“

Auch sein Laaspher Kollege Dieter Kuhli fremdelt: „Ich gestehe offen: Diese Jahreslosung für 2014 - in der Sprachgestalt der katholischen Einheitsübersetzung - hat mich einigermaßen überrascht. In der vielen Menschen vertrauten Lutherübersetzung kommt das Wort ‚Glück’ nur ausgesprochen selten vor.“ Vielleicht kein Zufall, wie der angehende Pfarrer Tim Elkar - seit Anfang Oktober Vikar im Wittgensteiner Kirchenkreis - sich selbst fragt: „Ich stelle mir oft die Frage, inwieweit Glück, Freude, Feiern, Muße und Lebenslust bei uns Protestanten positiv konnotiert sind oder ob wir da nicht noch vieles von unseren katholischen Brüdern und Schwestern lernen können? Sind wir Protestanten an vielen Stellen nicht bissel arg verkopft?

Maike Schröder (links) und Silke van Doorn (rechts) erlebten im Sommer, wieviel Glück Erlebnispädagogik in Schülern auslösen kann.

Auch Pfarrerin Silke van Doorn, die stets mindestens eine Bibel im Gepäck hat, fällt beim Wort „Glück“ erst einmal ein anderes Büchlein ein: „ ‚Willst du glücklich sein im Leben, trage bei zu anderer Glück, denn die Freude, die wir geben kehrt ins eigne Haus und Herz zurück’ - das stand in meinem Poesiealbum. Es stimmt auch. Einem Menschen Freude zu bereiten, für ihn da zu sein, wenn er es braucht, hilfreich sein, tröstlich sein - all das beglückt und gibt dem eigenen Leben Sinn.“ Konkret fallen der Schulreferentin des Wittgensteiner Kirchenkreises, die bis Sommer noch als Lehrerin auf dem Berleburger Stöppel arbeitete, zwei Begebenheiten ein, die sie 2013 glücklich machten: „Dass ich einem jungen Vater dieses Jahr glückliche Weihnachten wünschen konnte, er hatte die Leukämie nur knapp überlebt. Und ein Gänseblümchen, dass mir von einem echten Rabaukenschüler aus der achten Hauptschulklasse auf der Klassenfahrt überreicht wurde: ‚Weil Sie nicht loslassen’.“

Tim Elkar, der im Schulvikariat gerade am Städtischen Gymnasium arbeitet, unterschreibt ebenfalls sofort, dass gerade die Arbeit mit jungen Menschen ihm selbst gut tut: „Ich kann daraus Kraft schöpfen und fühle mich gut, wenn ich eine Zeitlang mit Kindern gearbeitet habe.“ Eine Einschätzung, die Maike Schröder teilt. Sie arbeitet im Wemlighäuser Freizeitzentrum des Kirchenkreises, bringt Kindern, Jugendlichen, jungen und junggebliebenen Leuten in den unendlichen Weiten des riesigen Geländes Erlebnispädagogik näher: „Gott nahe zu sein, bedeutet für mich auch, seine wunderbare Schöpfung wahrzunehmen. Dazu gehören bei mir auch die Lamas und die Bäume. Zu erleben, wie sich der Umgang mit den Tieren auf Menschen auswirkt ist immer wieder spannend und schön. Und wenn ein Kind die Fichte erklommen hat und mit leuchtenden Augen wieder runter kommt, stolz auf die eigenen Fähigkeiten, dann macht auch mich das glücklich.“ Und da ist es gar nicht ausschlaggebend, wie gut oder schlecht erzogen die jungen Gipfelstürmer sind: „Egal, ob lieb oder frech, einfach oder schwierig, wenn ich jedes Kind als ein Kind Gottes betrachte, gelingt es mir auch mit frechen Kindern glücklich zu sein.“

„Gott nahe zu sein ist mein Glück“ lautet die Jahreslosung in 2014 für Groß und Klein - auch in der Evangelischen Kirchengemeinde Erndtebrück.

Claudia Hofheinz, die in den Evangelischen Kirchengemeinden im Banfetal für die Jung-Familien-Arbeit zuständig und hier immer wieder mit nagelneuen, unerwarteten Angeboten und Familiengottesdiensten viele Menschen anzieht, will sich ebenfalls nicht mit dem Schwarz-Weiß-Klischee von frechen und lieben Kindern in Glücks-Fragen beschäftigen. Stattdessen hat sie erst mal im Duden geschaut, was Glück eigentlich ist. Dort steht: „angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man in den Besitz oder Genuss von etwas kommt, was man sich gewünscht hat; Zustand der inneren Befriedigung und Hochstimmung“. Und außerdem: „etwas, was Ergebnis des Zusammentreffens besonders günstiger Umstände ist; besonders günstiger Zufall, günstige Fügung des Schicksals“.

Auch wenn man unterschiedlicher Meinung sein kann, wie sehr ein Mensch sein Schicksal in der Hand hat, scheint der Duden mit diesen Ausführungen eine Wegweisung in Richtung Glücklich-Sein zu wagen. Claudia Hofheinz führte diese im Internet zur Berliner Glücksschule, die fragt: „Was brauchen Kinder in der Erziehung zu einem glücklichen Menschen?“ und „Können Eltern dazu beitragen, dass ihre Kinder im Erwachsenenleben auf die Ressource ‚Glück’ zugreifen können?“ Die Antwort auf diese Frage lautet in der Bundeshauptstadt eindeutig Ja, nochmal der Internet-Auftritt: „Die Glückswissenschaft ist sich einig. Glück ist erlernbar. Wenn wir in der Lage sind, Momente des Glücks zu erleben, wird sich das positiv auf unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit auswirken. Studien zeigen, dass Glück präventiv gegen Stress, Depressionen und psychosomatischen Erkrankungen wirkt. Glückliche Menschen sind flexibler, kreativer, gelassener, friedfertiger, versöhnlicher und haben ein größeres soziales Netzwerk. Zudem lernen glückliche Menschen schneller und effektiver und sie können Probleme besser lösen als nicht glückliche Menschen.“ Da ist es ja gut, dass Silke van Doorn auch mit dem gemeinsamen Schulreferat der beiden Evangelischen Kirchenkreise Siegen und Wittgenstein im Jahr 2014 mindestens zwei Veranstaltungen zum Glück anbieten wird.

„Gott nahe zu sein ist mein Glück“ - heißt 2014 die Jahreslosung. Auch im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein gibt es einige offene Kirchen, in denen man Gott auch außerhalb des Gottesdienstes nahe sein kann.

Dabei geht es darum, das Glück wahrzunehmen, wenn es einem begegnet. Denn eines ist Elisabeth Grube ganz wichtig, die als Gemeindepfarrerin in der Gleidorfer Kirchengemeinde und als Klinikseelsorgerin im Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft arbeitet: „Man kann das Glück nicht selbst machen, weil man es geschenkt bekommt. Glück entsteht im freien Spiel der guten Kräfte. Glück macht mich leicht und offen für den Moment, für die Gegenwart.“ Auch nach schweren Zeiten, die es natürlich immer geben kann. Elisabeth Grube fällt eine Formulierung von Dorothee Sölle ein: „Das Glück nicht nur vom Hörensagen kennen, es anfassen mit verbrannten Händen.“ Für die Gleidorfer Pfarrerin steht fest: „Das Glück ist nicht abhängig von Lebensumständen, das Glück kann mich finden, in jeder Lebenssituation.“

Das kann auch Karin Schneider als Koordinatorin des Ambulanten Hospizdienstes Wittgenstein bestätigen - ein Dienst, bei dem man die Vokabel „Glück“ als Fremdwort vermutet: „Auch in der Hospizarbeit findet die Losung ihren Platz. Denn es ist wichtig für unsere Klienten, dass ein lieber Mensch anwesend und auch der Glaube an Gott vorhanden ist. In den Eckstunden des Lebens gelten andere Regeln. Manchmal geschieht es, dass die menschliche Umwelt in Ratlosigkeit und Hilflosigkeit verfällt und sich zurückzieht. Oft merkt man dabei das Menschen zum Glauben zurück finden, dies ist für mich sehr beeindruckend.“ Der Glaube an Gott und ein kleines gesprochenes Gebet brächten Ruhe, auch den Menschen, die nicht oft im Leben gebetet hätten und nicht regelmäßig in die Kirche gegangen seien: „Für uns alle kommt der Moment, wo wir Gott nah sind, dies darf ein bisschen Glück bedeuten.“

„Gott nahe zu sein ist mein Glück“ lautet die Jahreslosung in 2014 für Groß und Klein - auch in der Evangelischen Kirchengemeinde Erndtebrück.

Pfarrer Dieter Kuhli ordnet die Jahreslosung im größeren Zusammenhang ein: „Indem der Psalmbeter - der drauf und dran ist, an den Widrigkeiten des Lebens und der Ungerechtigkeit der Welt zu verzweifeln - in den Tempel flieht und sich dem Wort Gottes aussetzt, bekommt er einen neuen Blick auf die Welt und das Leben. Nüchtern und sachlich lernt er das Vorläufige vom Endgültigen zu unterscheiden. Er erkennt: Es gibt ein Bleiben an Gott, eine tiefe Geborgenheit im Glauben, aus der sinnvolles, erfülltes Leben und wahres Glück erst erwachsen. ‚Ich aber bekenne’, so sagt er am Ende, ‚Gott nahe zu sein, ist gut für mich’ (Basisbibel)“.

Und mit dieser Übersetzung kommt auch auf keinen Fall auf einen falschen Gedanken, vor dem Wittgensteins Superintendent Stefan Berk deutlich warnt: „Wenn ich mal kein Glück habe - ist dann Gott auch weg? Ist Gott nur ein Glücks-Gott? Das kann es doch nicht sein. Stimmt. Aber Glück ist mehr für mich mehr als das Gefühl, an der Sonnenseite des Lebens zu sitzen. Glück ist für mich dieses ganz tiefe Wissen: Ich bin gehalten. Mein Leben hat Sinn. Ich bin mehr als ein biologisches Zufallsprodukt.“ Nur so mache die Jahreslosung für ihn Sinn: „Ich werde daran erinnert, dass Gott der Grund meines Lebens ist, in guten und in schwierigen Zeiten. Und deshalb hört Lebensglück nicht auf. Nie.“

Da ist man ganz dicht an der ersten Frage des Heidelberger Katechismus’, der vor 450 Jahren erschien: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Antwort: „Dass ich mit Leib und Seele im Leben und im Sterben nicht mir, sondern meinem getreuen Heiland Jesus Christus gehöre.“ Dieter Kuhli ordnet nochmal ein: „Dieser ‚Trost’, von dem der Katechismus redet, umfasst auch das ‚Glück’, das uns die Jahreslosung für 2014 verheißt. In diesem Sinne will ich 2014 in der Auslegung der Jahreslosung gern auch vom ‚Glück’ reden, das uns geschenkt wird. Aber nicht im Sinne narzisstischer Selbstverliebtheit, die bei den Glücksrezepten mancher Glücksforscher Pate zu stehen scheint.“

So hat der Laaspher Pfarrer seinen Frieden mit der Jahreslosung gemacht, genau wie Stefan Turk: „Jetzt bin ich neugierig geworden - und habe ’mal in verschiedenen Übersetzungen nachgesehen, ob eine andere Formulierung mich eventuell eher anspricht. Bei Buber-Rosenzweig lese ich: ‚Ich aber, Gott nahn ist mir das Gute.’ Bei Kurt Marti entdecke ich: ‚Ich aber - deine Nähe ist mir köstlich.’ Und in der Übertragung ‚Bibel in gerechter Sprache’ höre ich: ‚Was aber mich betrifft: Gottes Nähe ist gut für mich.’ Gerade die letztgenannte Formulierung bleibt mir im Ohr und im Herzen.“

Das waren nur einige Gedanken zur Jahreslosung 2014 von den verschiedensten Menschen aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein. Was „Gott nahe zu sein ist mein Glück“ für Sie persönlich bedeutet, können Sie für sich selbst überlegen. Gott sei Dank und zum Glück. Sie haben ein Jahr dafür Zeit.