Jahreslosung 2013

„Wir haben hier keine bleibende Stadt,
sondern die zukünftige suchen wir.“ Hebräer 13, 14

Der Brief an die Hebräer ist ein Buch des Neuen Testaments. Wer ihn geschrieben hat, weiß man nicht. Wer genau die Adressaten sind, ist ebenfalls unklar. Was die Jahreslosung bedeutet - ist wenigstens das eindeutig? Das muss jeder für sich selbst überlegen, aber hier gibt es ein paar Hinweise aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein, was die Jahreslosung 2013 heißen könnte.

„We have to leave this place“ - der Abschlussgottesdienst des Young-Ambassador-Programms transportierte bereits im Sommer 2012 genau die Botschaft der Jahreslosung 2013: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Schon im abgelaufenen Jahr spielte die Jahreslosungs-Botschaft an zwei Stellen im Kirchenkreis eine wichtige Rolle. Beim Abschlussgottesdienst des Young-Ambassador-Austauschs im Juli lautete in der Berleburger Stadtkirche das Motto „We have to leave this place“ - zu Deutsch: Wir müssen diesen Ort verlassen. Die Amerikanerin Lydia Hancock war damals überzeugt, dass dem Ende des Austauschs ein neuer Anfang innewohnt: „It’s not an ending, but an new beginning.“ Als die Lukas-Kirchengemeinde im Eder- und Elsofftal Ende Oktober ihre neue Gebäudekonzeption präsentierte, stellte Pfarrer Dr. Ralf Kötter dem Abend zwei Bibelworte voran: „Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt“ aus Psalm 26 zum einen, zum anderen „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“. In diesem Spannungsverhältnis müssten Gemeinden ihren Weg in Zeiten finden, da sich die finanzielle Situation der Kirche aufgrund des demographischen Wandels immer schwieriger gestaltet.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ - auf dieser Suche bezog der Laaspher Kindergarten „Feldstraße“ im Oktober 2012 seine neue Stätte am örtlichen Max-Präger-Weg.

Nachdem sich die Evangelische Kirchengemeinde Dorlar in einem schmerzhaften Prozess vor einem Jahr von zwei Kirchen getrennt hat, bringt auch Gemeindepfarrer Jürgen Rademacher aus Eslohe die Jahreslosung 2013 in Zusammenhang mit einer anderen Bibelstelle: „Für mich wirft die Jahreslosung vor allem eine Frage auf: Was bleibt? Da nach unserer existentiellen Erfahrung nichts wirklich bleibt im Leben, sondern wirklich alles der Veränderung unterworfen ist, rückt 1. Johannes 4, 18 in den Mittelpunkt einer möglichen Antwort.“ Darin findet sich voller Gottvertrauen ein Appell zur Zuversicht: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibt die Furcht aus.“ Auch in der benachbarten Sauerländer Kirchengemeinde Gleidorf, die ebenfalls zum Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein gehört, musste vor einem Jahr eine Kirche entwidmet werden, für die Gleidorfer Pfarrerin Elisabeth Grube hat der Satz aus dem Hebräerbrief aber auch noch auf ganz andere Art und Weise ganz direkt mit ihrer Gemeinde zu tun: „Die Jahreslosung springt mir sofort ins Herz, weil ich an die vielen Gemeindeglieder hier im Hochsauerland denke, die ihre Heimat durch Krieg, Vertreibung, Flucht und Aussiedlung verloren haben. Und die als Fremde hierher gekommen sind. Jede Geschichte, der ich bisher hier in unserer Kirchengemeinde begegnet bin, ist einzigartig. Oft erschreckend und grausam. Wenn in diesen Geschichten aber die Hoffnung durchscheint, dass wir hier keine bleibende Stadt haben und die zukünftige suchen, werden aus Schmerzgeschichten Geschichten von Bewahrung und Führung und Fügung.“

Auch der Laaspher Kurseelsorger Johannes Weissinger denkt bei der Jahreslosung an Flüchtlinge: „‚Wir suchen die zukünftige Stadt’, heißt sich dafür einzusetzen, dass unsere Städte ein Bleiberecht den Flüchtlingen zuerkennen, dass unsere Städte so werden, dass man in ihnen eine Bleibe finden, es in ihnen aushalten kann.“ Dabei erinnert der Pfarrer an den Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“ Darin liest Johannes Weissinger: „Wer sich von Gott in diesem Einsatz leiten lässt, darf darauf vertrauen, dass der Einsatz nicht rastlos bleibt, weil Gott mich an Orte führt, wo ich verweilen, rasten, bleiben kann.“ Und wem das zu theoretisch ist, ganz praktisch verweist der Pfarrer aus Bad Berleburg auf einen Artikel in der vorweihnachtlichen taz, die unter der Überschrift „13 Zimmer, Kirche, Bad“ über die Josefkirche in Amsterdam berichtete, in der rund einhundert Asylbewerber eine Bleibe gefunden haben.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ - für den Kirchenkreis Wittgenstein und für die Berleburger Kirchengemeinde war das vergangene Jahr auch mit dem Abschied von Vikarin Janine Kimminus verbunden. Sie arbeitet nun nach ihrer bestandener Prüfung als Pfarrerin im Entsendungsdienst in Weidenau.

Auch wenn für den Feudinger Pfarrer Oliver Günther diese Jahreslosung zu stark mit dem Thema „Beerdigung“ besetzt ist, kann er ihr dennoch etwas abgewinnen: „Hilfreich finde ich die vorausgesetzte Annahme, dass der Mensch offenbar auf der Suche nach fester Beheimatung ist. Offenbar brauchen wir Sicherheit, Geborgenheit, Schutz, Zuflucht, Vertrautheit - all das könnte im Idealfall eine Stadt der Antike mit ihren Mauern bieten. Und schauen wir auf manche Ereignisse von 2012 im Jahresrückblick, wird erschreckend offenbar, wie gefährdet das irdische Leben manchmal sein kann. Die Jahreslosung nimmt dieses menschliche Grundbedürfnis für mich auf. Es nimmt noch ein anderes Bedürfnis wie selbstverständlich auf: nämlich dass der Mensch auf der Suche ist. Leben ist eine Suchbewegung. Der Mensch braucht Hoffnung und Perspektive.“ Pfarrerin Stephanie Eyter-Teuchert betont ebenfalls das Zuversichts-Element: „Die Jahreslosung weist darauf hin, dass wir Christen und Christinnen auf Hoffnung hin leben. Uns ist zugesagt, immer wieder neu anfangen zu können, an jedem Tag bis zum Tod. Ja, im Tod ergibt sich die Vollendung des Lebens und eine Öffnung hin zu anderen Räumen. Für den Rahmen der Diakonie bedeutet das für mich: Wir stehen vor immer neuen Aufgaben. Die gesellschaftlichen Aufgaben, die sich durch den demographischen Wandel auftun, sind: Umgang mit Alter und Sterben, Absicherung der Pflege auf unterschiedlichen Gebieten, Beratung mit hoher Kompetenz. In der Diakonischen Gemeindearbeit haben sich durch die Vernetzung mit den Gemeinden neue Möglichkeiten ergeben. Den Hintergrund dafür bildet die Aussage, dass wir nicht hier sind, um uns Denkmäler zu setzen, also Bleibendes zu schaffen, sondern um unsere Sehnsüchte und Visionen zu leben“, so die Wittgensteiner Diakoniepfarrerin.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ - von den angesprochenen Nicht-Theologen war der Puderbacher Marc Ott (links) aus der örtlichen Kindergottesdienst-Arbeit der einzige, der Auskunft geben wollte. Ihn wird in 2013 das Studium an eine neue Stätte führen.

Auf einen ganz anderen Aspekt der Jahreslosung weist die Wittgensteiner Schulreferentin Silke van Doorn hin: „Was ist Heimat? Das Vertraute, das uns umgibt, das uns versichert, dass wir dazu gehören und unsere Wurzeln in der Erde stecken. Doch wird unser Heimatgefühl zur Ersatzreligion, dann werden Fremde, werden Andere misstrauisch beäugt und Heimatlose zu Ausgegrenzten. Der Blick auf die künftige Stadt, die tränenlose, hilft uns, aufzubrechen, anzunehmen, wohin auch immer wir gehen (müssen oder wollen), hilft uns anzunehmen, wer auch immer zu uns kommt. Weil Gott uns Raum bei sich verspricht, können wir aufbrechen und ziehen.“ Ganz viele verschiedene Gedanken zu ein- und demselben Satz aus der Bibel - und ein etwas ratloser Superintendent Stefan Berk: „Manche Jahreslosungen machen mir Mühe. Mit dem Satz aus dem Hebräerbrief für 2013 ist es so - ich suche noch. Wahr ist der Satz natürlich, weil er eine Grundwahrheit unseres Lebens und Glaubens ausdrückt. Und wahr ist er auch für mein Leben - zwölf Umzüge sprechen für sich. Ich bin gespannt, wohin mich dieses Motto führt - vielleicht müsste ich im Juli noch mal gefragt werden?“

Bis dahin wird sich für Marc Ott aus Puderbach definitiv etwas ändern. Der 19-jährige Aktivposten aus der Kindergottesdienst-Arbeit in der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Laasphe ist der einzige Nicht-Theologe, der die Jahreslosung für sich persönlich deuten mochte: „Gerade für Abiturienten wie mich, beginnt jetzt die Suche nach der zukünftigen Stadt. In Zeiten von Abitur-Doppeljahrgängen, begrenzten Medizinstudien-Plätzen und einer Vergabe der Plätze durch Hochschulstart, kann die Auswahl jedoch schwer fallen und auch eine Rückkehr, nach Beendigung des Studiums, in die heutige Stadt, ist nicht abwegig.“