• Gedanken zur Organspende

    Stephanie Eyter-Teuchert ist die Diakonie-Pfarrerin des Evangelischen Kirchenkreises Wittgenstein, deshalb ist ihr auch die Organspende ein wichtiges Thema. Hier sind ihre Gedanken zu dem derzeit heiß diskutierten Thema, das jeden betreffen kann. Stephanie Eyter-Teuchert freut sich über Reaktionen auf den Text, schreiben Sie ihr gern eine E-Mail.  

    In den letzten Tagen und Wochen spielt dieses Thema immer wieder eine große Rolle in den Medien. Und auch Menschen hier in Wittgenstein denken darüber nach und sprechen mich darauf an. Wachgerüttelt wurden wir durch die unlauteren Vergabeverfahren von Organen an Krankenhäusern in Göttingen und Regensburg. Darauf wurde sofort reagiert: Eine stärkere Kontrolle der Ärzte und Entscheidungsgremien ist die Folge. Immer wieder lesen wir: Wir brauchen ganz viele Organe. In Deutschland stehen 12 000 Menschen auf der Warteliste für Spenderorgane, in NRW sind es allein 3700. Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, die vergeblich gewartet haben. Die Wartezeit auf eine Niere beträgt bei uns im Schnitt fünf Jahre. Und wenn ein Organ zur Verfügung steht, dann muss im Einzelfall sehr schnell entschieden werden. Gründe für den hohen Bedarf bestehen in demographischen Zusammenhängen: Menschen werden älter und Organe sind verbraucht, aber auch in der medizinischen Weiterentwicklung. Aufgrund der Medizintechnik und dem Wissen, ist es heute möglich, Organe zu verpflanzen und so ein Weiterleben zu ermöglichen, wo früher dem Leben Grenzen gesetzt waren.

    Wir erinnern uns noch an die gelungene Herzverpflanzung des Chirurgen Christian Barnard im Jahr 1967. Zuvor, im Jahr 1954, gelang es Joseph Edward Murray eine Niere zu transplantieren, wofür er den Nobelpreis in Medizin erhielt. Das waren Meilensteine in der Medizin. Als so einen Meilenstein an Fortschritt empfinden es Betroffene, die dringend eine Niere, ein Herz, eine Leber benötigen, um weiterleben zu können. Ich habe in der Klinikseelsorge und als Diakoniepfarrerin mehrfach mit Menschen gesprochen, die ein Organ transplantiert bekommen hatten. Für alle bedeutete das ein großes Geschenk. Sie sprachen davon, einen zweiten Geburtstag zu feiern, drückten ihre Dankbarkeit dem Spender gegenüber aus und waren froh über diese neue Chance in ihrem Leben. Und wenn wir erleben, wie mühsam, kräftezehrend und einschränkend zum Beispiel ein Leben mit der Dialyse ist, können wir die Möglichkeit, eine Niere transplantieren zu können, nur von ganzem Herzen begrüßen.

    Ich habe einen langjährigen Freund, der als Jugendlicher eine Niere transplantiert bekommen hat und damit gut weiterleben kann – ihm ist neues Leben dadurch ermöglicht worden. Mein Cousin ist in der langen Wartezeit auf eine Niere gestorben. Schattenseiten der Transplantationen, die an dieser Stelle nicht verschwiegen werden sollen, sind die Abstoßungsreaktion des Körpers, die Schwächung durch Immunsuppressiva, die Erforderung einer schnellen Entscheidung, ohne immer schon ein Gefühl zur Transplantation entwickeln zu können und die hohen Kosten der medikamentösen Therapie. Aber es ist einfach wunderbar, wenn Leben durch ein Spenderorgan verlängert oder erneuert werden kann.

    Das ist die eine Seite.

    Die andere Seite betrifft die Spender. Und je weiter man sich mit dem Thema Organspende befasst, desto mehr kristallisiert sich die Problematik des Hirntod-Konzeptes heraus. Der Erlanger Neurobiologe Ralph Dawirs erklärt dazu (Frankfurter Rundschau, 15.08.2012): Organtransplantate werden einem Menschen nicht nach dem Tod entnommen, sondern während er noch lebt. Denn wenn der Tod eingetreten ist, setzt der Verwesungsprozess ein und damit werden auch die Organe unbrauchbar. (s. auch Linus Geisler, Chefarzt Innere Medizin, Klinikum Gladbeck in der Frankfurter Rundschau, 15.08.2012). Die Neurologin Stefanie Förderreuther vom Großklinikum Hadern in München bezeichnet als sichere Todesdefinition: “…der endgültige Verlust der genetischen Information eines Organismus, also der Tod der letzten Zelle.“ (Frankfurter Rundschau, 15.08.2012). Diese Definition sei aber in der Praxis der Organentnahme nicht anwendbar. Deshalb würden Todeskriterien benannt, bei denen die Sicherheit bestehe, dass eine Erholung des Organismus nicht mehr eintreten könne.

    Die Rede ist hier vom Hirntod. Das Hirntod-Konzept geht auf eine Definition der Harvard Medical School von 1968 zurück. Danach gilt das Gehirn als Integrator der verschiedenen Körperfunktionen. Wenn dieses nicht mehr arbeite, seien auch die Körperfunktionen erloschen. Demgegenüber vertrat der Neurologe Alan Shewmon der University of Carolina bei einem Forum des Ethikrates in Berlin, ähnlich wie Frau Förderreuther, die Ansicht, dass der Tod durch die fehlende Integrationsfähigkeit des gesamtes Organismus eintrete. Die Diagnostik des Hirntodes wird in den Ländern unterschiedlich gehandhabt. In England zum Beispiel genügt der Ausfall des Hirnstamms, in USA, Österreich, Spanien und Belgien werden auch Organspenden von Herztoten entnommen. Nach S. Förderreuther ist damit die Irreversibilität des Todes nicht zweifelsfrei festgestellt und es wird in Kauf genommen, dass der Tod erst durch die Organentnahme eintritt. In Deutschland gilt der Gesamthirntod - mit Großhirn, Hirnstamm und Kleinhirn - als Kriterium für die Organentnahme. Damit besteht der Versuch einer möglichst weitreichenden Absicherung des Todes. Mit dem Hirntod endet bei uns der Vertrag mit der Krankenversicherung. Das bedeutet: Der Mensch wird für die Organentnahme vorbereitet oder die Maschinen zur Beatmung werden abgestellt. (Information entnommen aus: EFID, Mitteilungen, Art. Auf Leben und Tod von Frauke Josuweit). Die Möglichkeit der künstlichen Beatmung ist erst durch die intensivmedizinische Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. 

    Für uns stellt sich nun die Frage, wie wir mit alle diesen unterschiedlichen Informationen und Anforderungen umgehen wollen. Gibt es gar für Christinnen und Christen die Aufforderung oder die moralische Verpflichtung, Organe zu spenden?

    Ich sehe diese Verpflichtung nicht. Natürlich ist die Nächstenliebe im Christentum ein hoher Wert. Aber sie gilt nur als Trias, als dreifache Liebe: Zu Gott, zu meinem Nächsten und zu mir selbst. Das bedeutet, ich kann und muss die Liebe zum anderen nicht höher stellen als die zu Gott oder zu mir selbst. Ich habe auch ein Anrecht auf Leben. An dieser Stelle gilt das Wort Jesu: Ich lebe und ihr sollt auch leben (Johannes 14,19). Und wenn dazu für mich gilt, ich will mein Leben bis zuletzt leben, bis in die letzte Sterbephase, bis meine Körperfunktionen erlöschen, dann habe ich das Recht dazu. Wenn ich mich dazu entschließe, Teile meines Körpers in einer Endphase meines Lebens, das auf den Tod hinausläuft, an andere Menschen weitergeben zu wollen, dann ist das ein hoher sozialer Wert, der sehr hoch zu schätzen ist.

    Diese Information scheint mir wichtig zu sein. Deshalb gebe ich sie an Sie weiter. Natürlich ist das eine subjektive Einschätzung, die allerdings auf gründlicher Information und Recherche beruht. In den nächsten Wochen werden die Anfragen der Krankenkassen nach Organspenden auf uns zukommen. Wichtig erscheint mir, sich mit dem Thema dazu auseinanderzusetzen und eine gut durchdachte Entscheidung zu treffen. Gut wäre es, wenn in den Spenderausweisen eine eindeutige Definition von Tod zu finden wäre. Nach neuesten Informationen befinden wir uns in einer Zwischenzeit in der Transplantationsmedizin. Es wird nach besseren medizinischen und ethischen Lösungen gesucht. Dabei wird an Kunstherzen und Organe aus dem Labor gedacht. Die Stammzellenforschung spielt eine große Rolle dabei. Zusätzlich ist der Blick zu richten auf Präventivmedizin, damit Zivilisationskrankheiten vorbeugend begegnet werden kann.

    Wer Organe spenden will, sollte sich überlegen, was er spenden will und dies im Spenderausweis und gegebenenfalls auch in der Patientenverfügung festhalten.

    Noch einmal zum Schluss meiner Ausführungen: Organspenden sind für viele Menschen überlebensnotwendig. Sie ermöglichen ihnen ein Weiterleben, das im Moment ohne solche Organe nicht möglich ist.

    Es kommt einem Wunder gleich, wenn ein Organ gefunden ist und weitergegeben wird. Dennoch steht es jedem Menschen frei, auch und gerade nach christlichem Ermessen, zu entscheiden, ob er Organe weitergeben will oder nicht.

  • Diakoniepfarrerin Stephanie Eyter-Teuchert

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