Buß- und Bettag 2015

 

 

Bereuen, nicht büßen

Ein gesetzlicher Feiertag ist der Buß- und Bettag bei uns schon seit 20 Jahren nicht mehr. Er ist neben dem Reformationstag der einzige allein evangelische Feiertag. Und weil man auch an einem Arbeitstag in die Kirche gehen kann, fanden am Mittwochabend überall im Wittgensteiner Kirchenkreis Buß- und Bettags-Gottesdienste statt. An diesem Tag soll es weniger ums Büßen, denn vielmehr ums Bereuen gehen: Thema ist die Umkehr, hin zu Gott.

Bad Laasphe: Bittgottesdienst für den Frieden...

In der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Laasphe wird der Buß- und Bettags-Gottesdienst seit Jahren als Bittgottesdienst für den Frieden in der Welt gefeiert. Wie in vielen anderen Gottesdiensten kam Pfarrer Dieter Kuhli gleich in der Begrüßung auf den Terror in Paris zu sprechen. „Auf den heutigen Gottesdienst habe ich mich lange gefreut - und ihn bereits in der vergangenen Woche vorbereitet, weil ich am Wochenende an einer Fortbildungsveranstaltung in Bonn teilnehmen wollte. Am Freitagabend haben wir dort unser Programm ein wenig gestrafft und zeitlich abgekürzt - weil einige der Kollegen gern im Fernsehen ein Fußballspiel anschauen wollten: ein Freundschaftsspiel in Paris. Und dann kam alles anders als gedacht: Die Terroranschläge, das entsetzliche Blutbad. Trauer und Fassungslosigkeit machten sich breit. Diese menschenverachtende Gewalt macht ratlos und sprachlos. Dass Menschen zu solchen Taten fähig sind, kann ich nicht begreifen. Ganz wichtig erscheint es mir im Augenblick, dass wir uns bei aller Betroffenheit darum bemühen, nicht in Panik auszubrechen, sondern umgekehrt nach Möglichkeit Ruhe und Übersicht zu behalten. Das gilt erst recht nach der Absage des anderen Fußball-Länderspiels, nämlich Deutschland gegen die Niederlande.“

Pfarrerin Silke van Doorn predigte zum Buß- und Bettag in der Evangelischen Kirche Erndtebrück. Auf der Rückseite des Zettels in ihrer Hand ist das Glaubensbekenntnis der Ökumenischen Weltversammlung 1990 in Seoul. Es beginnt: „Ich glaube an Gott, der die Liebe ist….“

Erndtebrück: Terroristen berühren einen wahren Punkt....

Auch bei Pfarrerin Silke van Doorn ging es im Gottesdienst in der Erndtebrücker Kirche gleich um die aktuelle Situation: „Die Terroristen der IS, Al Kaida, die Attentäter von 9/11, alle diese Terror-Organisationen haben sich zusammengefunden, die westliche Welt auszumerzen. Sie prangern an den Lebensstil, der Gott nicht würdigt, der Menschen unzüchtig werden lässt. Radikal wollen sie diese Gesellschaft ausrotten. Exemplarisch inszenieren sie Schrecken, der die Gesellschaft mitten ins Herz trifft.“ Unaufgeregt beschäftigte sich die Schulreferentin des Wittgensteiner Kirchenkreises genauer mit der Täter-Argumentation: „Terroristen berühren oftmals einen wahren Punkt. Ein Funken Wahrheit ist in der Analyse der Gesellschaft. Die Welt hat sich von Gott abgekehrt. Und weil uns Menschen Gott gleichgültig geworden ist, wird uns auch der Nächste gleichgültig. Das eigene Wohlergehen wird von uns vielen an aller erster Stelle gesehen. Schaut Gott auf diese Welt, wird er wieder die Strukturen entdecken, die ihn selbst dazu gebracht haben, die Sintflut herbeizuführen.“ Aber Silke van Doorn weiß auch aus der Bibel: „Gott hat uns in der Sintflut-Geschichte versprochen, dass er ‚hinfort nicht mehr die Erde verfluchen wird um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten der Menschen ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen, alles, was lebt‘ (Gen 8, 21) Und Gott tut es nicht. Gott vernichtet nicht die Attentäter. Gott vernichtet auch nicht uns in unserem Handeln? Wo sollte er auch anfangen? Was ist böse auf der Welt, in unserem Handeln?“

Wemlighausen: Läuten für 129 Terror-Opfer...

So weit die Bibel, so gut. Aber die Terroristen waren fundamentalistische Islamisten, die sich auf den Koran berufen. Aber jetzt noch ein anderes Aber: „Viele Menschen muslimischen Glaubens betonen, dass der Islam, den die Fundamentalisten predigen, nur eine Karikatur des Islam ist, eine willkürliche Verkürzung, allein dazu gedacht, eigene Werte und Handlungsweisen zu rechtfertigen, die objektiv gesehen nicht zu rechtfertigen sind.“ Das sagten beim Berleburger Zentralgottesdienst in der Wemlighäuser Odebornskirche Pfarrer Peter Liedtke und Barbara Lenz-Irlenkäuser, die in ihrer Flüchtlingsarbeit für den Wittgensteiner Kirchenkreis tagtäglich mit Muslimen zu tun haben - und deshalb die Menschen und Schicksale hinten d en kalten Zahlen kennen. Eine andere Zahl wurde in Wemlighausen schwer erträglich deutlich gemacht: 129 Mal wurde ein Messingglöckchen für jedes Terror-Oper in Paris geläutet. Barbara Lenz-Irlenkäuser und Peter Liedtke wissen aus eigener Erfahrung, dass die Flüchtlinge nicht den Terror bringen, sondern vor dem Terror fliehen. Die beiden nahmen ausgehend vom Islamismus unerwartete Ähnlichkeiten in unterschiedlichen Fundamentalismus-Varianten wahr: „Eine willkürliche Verkürzung, allein dazu gedacht, eigene Werte und Handlungsweisen zu rechtfertigen, die objektiv gesehen nicht zu rechtfertigen sind. Wenn bestochen wird, um etwas in jedem Fall zu bekommen, wird dies entschuldigt damit, dass andere dies auch tun. Oder es wird die Überzeugung ins Feld geführt, dass das eigene Ziel für alle das Beste sei, und man bestechen müsste, weil die anderen zu dumm sind, dies einzusehen. In gleicher Weise argumentieren Banken und Konzerne, die sich ihre eigenen Regeln machen. Steuern werden gespart, Mindestlöhne umgangen, über Handelsembargos sich hinweggesetzt. Vielleicht sträuben Sie sich, das gleichzusetzen mit islamischem Fundamentalismus. Sie haben insofern Recht, als es bei Fundamentalismus meistens um Glaubensfragen geht, und nicht um Wirtschaftsfragen oder Politik. Aber ich möchte ihnen entgegenhalten, dass es den Menschen, die sich auf die Sicht des Fundamentalismus ziehen lassen, auch nicht in erster Linie um Glauben geht.“

Schmallenberg: Brot und Wasser denen, die fliehen vor dem Schwert...

Die Wirtschaft nahm auch der Gottesdienst in der Schmallenberger Christuskirche in den Blick. Allein formal ein einmaliger Buß- und Bettags-Gottesdienst im Wittgensteiner Kirchenkreis, weil er ausdrücklich ökumenisch gefeiert und gestaltet wurde. Regelmäßig trifft sich die Evangelische Kirchengemeinde Gleidorf mit dem Pastoralverbund „Schmallenberger Land“ zum halbstündigen Friedensgebet. Um einen genaueren Blick auf den Waffenhandel und seine Auswirkungen auf die Flüchtlingsbewegungen zu werfen, ist dieses Friedensgebet zu kurz.

Pfarrerin Ursula Groß hatte deshalb den Buß- und Bettags-Gottesdienst mit der katholischen Gemeindereferentin Hildegard Tigges sowie mit Barbara Dicke und Petra Zimmer aus der katholischen Gemeinde in Schmallenberg unter einem eindrücklichen Jesaja-Wort aus der Bibel vorbereitet. „‚Brot und Wasser denen, die fliehen vor dem Schwert' - Hunderttausende sind auf der Flucht. Sie kommen bis nach Europa, weil sie - leben wollen. Ein Grund für ihre Flucht ist immer wieder auch Gewalt und Krieg in ihrer Heimat, die unter anderem durch deutsche Rüstungsexporte ermöglicht werden. Nach den USA, Russland und China ist Deutschland weltweit der viertgrößte Großwaffenexporteur. Beim Handel mit Kleinwaffen steht die Bundesrepublik nach den USA sogar an zweiter Stelle. Die Waffen werden in viele Länder exportiert, auch in Länder, in denen die Menschenrechte massiv verletzt werden wie Pakistan, Sudan, Saudi-Arabien und Angola. Vor diesem Hintergrund hat sich im Jahre 2011 unter der Schirmherrschaft von Margot Käßmann die ‚Aktion Aufschrei - Stoppt den Waffenhandel‘ gegründet. Es ist ein Zusammenschluss von mehr als hundert Organisationen der Friedens- und Entwicklungszusammenarbeit. Ihr Ziel ist ein grundsätzliches Verbot deutscher Rüstungsexporte. Die ‚Aktion Aufschrei - Stoppt den Waffenhandel‘ lädt damit ein, über Schuld, Vergebung und neue Wege des Miteinanders in der einen Welt Gottes nachzudenken und uns für diese neuen Wege einzusetzen.“

Und genau um diesen Gedanken geht es am Buß- und Bettag, der zwar kein arbeitsfreier Tag, aber dennoch wichtig ist. Vielleicht gerade mehr denn je.