An-Gedacht

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und sie wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Kirchenkreises zu besuchen.

Pfr. Horst Spillmann

11. Februar 2017

Die Einladung fürs Masken-fallen-Lassen

von Pfr. Horst Spillmann, Arfeld

Nächste Woche endet mit dem Aschermittwoch die Karnevalszeit. Aber ist dann auch Schluss mit der Maskerade? Es werden wohl lediglich die Masken eingemottet, die man während der närrischen Tage trug und sei es nur die einfache Pappnase, aber die wahre Maske trägt man weiter oder stülpt sie sich wieder über; ich meine damit die Alltagsmaske, mit der wir unseren Mitmenschen begegnen, nicht zuletzt an der Arbeitsstelle, in der Schule, in der Nachbarschaft. Oder können Sie es sich erlauben, Ihr wahres Gesicht zu zeigen? Können Sie es wagen, Schwächen, Fehler, Unzulänglichkeiten vor anderen einzugestehen: Als Vater gegenüber den Kindern, als Vorgesetzter gegenüber den Mitarbeitern, als Politiker*in vor dem politischen Gegner? Stattdessen üben wir weiter das Versteckspielen. Dabei kostet es so viel Kraft, beständig eine Show abzuziehen, das wahre Ich zu zeigen; es verbiegt unsere Seele, lässt uns krank werden.

Was die Maskerade abseits des Karnevals in einem Menschen bewirkt, beschreibt eindrücklich eine Studentin in einem Brief an ihren Professor: Lass dich nicht von mir narren. Lass dich nicht durch das Gesicht täuschen, das ich mache. Denn ich trage tausend Masken - Masken, die ich fürchte abzulegen. Und keine davon bin ich. So zu tun als ob ist eine Kunst, die mir zur zweiten Natur wurde. Ich mache den Eindruck, als sei ich umgänglich, als sei alles sonnig und heiter in mir, innen wie außen… Dieses Äußere mag sicher scheinen - aber es ist eine Maske. Darunter ist nichts Entsprechendes. Darunter bin ich wie ich wirklich bin: Verwirrt, in Furcht und alleine.

Aber ich verberge das Ich, möchte nicht, dass es irgendjemand merkt. Deshalb erfinde ich Masken, hinter denen ich mich verstecken kann. Eine lässige, kluge Fassade, die mir hilft, etwas vorzutäuschen, die mich vor dem wissenden Blick sichert, der mich erkennen würde. Dabei wäre dieser Blick gerade meine Rettung, wenn er verbunden wäre mit Angenommenwerden, mit Liebe.

Einer hatte diesen Blick der Annahme: Jesus Christus. Wir hören es in den nächsten Wochen wieder in der Passionsgeschichte: Nachdem der Jünger Petrus Jesus, seinen Herrn und Meister, vor den Menschen verleugnet hat, heißt es (Lukas 22, 61): „Und der Herr wandte sich und sah Petrus an.“ Und von Petrus wird berichtet: „Er ging hinaus und weinte bitterlich.“ Er war entlarvt. Jesus hatte hinter die Maske des Petrus geschaut. Sein Blick hat ihn aber nicht erniedrigt, er hat ihn allerdings auf seinen wahren Grund zurückgeführt, nämlich sich als verletzlicher, fehlerhafter Mensch zu erkennen, der einzig und allein von der Vergebung und Annahme Gottes lebt.

Wenn ich so vor Gott keine Maskerade benötige, der mein Herz ansieht und mich durch und durch kennt und trotzdem liebt, dann kann erst recht auch die Furcht vor den Menschen wegfallen, dann kann ich ihnen wahrhaftiger begegnen, ohne Maske! – Das wäre ein befreites Leben!


Pfrn. Simone Conrad

4. Februar 2018

Wieso Konfirmation und Fußball?

von Diakoniepfarrerin Simone Conrad, Birkelbach

Vorgestern war Konfi-Cup - und natürlich habe ich heute, am Donnerstag, als ich dieses Angedacht schreibe, noch keine Ahnung, welche der Wittgensteiner Mannschaften wohl gewonnen hat.

Konfi-Cup, das heißt: Gemischte Mannschaften von Konfirmanden und Konfirmandinnen spielen darum, welche Gemeinde wohl die beste Fußball- und welche wohl die beste Hockey-Mannschaft stellt und Wittgenstein beim Fußballturnier auf Landesebene vertreten darf.

„Nee, was das heute alles gibt“, habe ich als Reaktion aus der Gemeinde gehört. Und auch: „Was hat das eigentlich mit Konfirmation zu tun?!“

Na ja, mit der Konfirmation selbst hat das zugegebenermaßen nicht so viel zu tun… aber mit dem Weg dorthin und mit den Zielen eine ganze Menge!

Schließlich geht es darum, eine Gemeinschaft zu sein, im Team zu spielen, zu spüren: wir gehören zusammen. Fair-play ist angesagt - und das ist ein viel zu seltenes Gut geworden, im Fußball wie im Leben. Konfi-Cup heißt für mich auch, zu sehen: Wow, sind wir viele - und das ist in Zeiten immer leerer werdender Kirchen ein wunderbares Gefühl. Und last but not least haben die, die mitmachen, immer einen Riesen-Spaß - und mal ehrlich: Kirche darf doch auch mal Spaß machen, oder?

Ich jedenfalls bin gespannt, wer wohl gewinnt und halte (natürlich) meiner Mannschaft die Daumen. Vor allem aber wünsche ich uns ein faires, spannendes Turnier - und viel Freude in der Gemeinschaft.


Pfrn. Silke van Doorn

28. Januar 2017

„Vergessen verlängert das Exil“

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Harry Potters Narbe ist wichtig. Das Zeichen, das an Harrys Leib zurückblieb, als der furchtbarste Schicksalsschlag sein Babyleben traf, ist sichtbar und kennzeichnet ihn. Er verlor seine Eltern und wurde Waise. Jeder erkennt ihn.

Jeder? Nein, er wird in der Gesellschaft erkannt, die seine Geschichte kennt. Er selbst kennt seine Geschichte, die Geschichte seiner Eltern nicht. Er weiß nicht um seine Identität. Er kennt nicht einmal die wahre Geschichte seiner Eltern und weiß, warum und wie sie starben. Sie wurde ihm vorenthalten von denen, bei denen er lieblos großgezogen wurde. Die Unkenntnis seiner traumatischen Geschichte und die Geschichtsfälschung durch seine Pflegeeltern führen zu seiner Verkrüppelung.

Joanne K. Rowlings wunderbare Harry-Potter-Reihe erzählt von der Entwicklung eines Jungen, der alleingelassen und gezeichnet, durch Bildung (Hogwarts), Freunde (Hermine, Ron und viele andere), Liebe (die durch den Tod hindurch ein schützendes Band um ihn schlingt) und Aufklärung (er lernt seine Geschichte kennen) zu einem aufrechten, mutigen und klugen, herzensgebildeten Menschen wird. Seine Narbe bleibt ihm am Ende. Aber sie bereitet ihm keine Schmerzen mehr.

„Vergessen verlängert das Exil, in der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung.“ Warum erinnern an Geschehnisse, die furchtbar waren? Wie oft habe ich gehört, dass wir doch besser alles vergäßen, was zwischen 1933 und 1945 war? Vergessen, was in den Städten und Dörfern an Ausgrenzung und Entrechtung geschah, was zu millionenfachem Mord führte, was zu den Gaskammern von Auschwitz brachte.

Das Schweigen, das lange Zeit sowohl von Tätern und Opfern gewahrt wurde, machte die Kinder und Enkel krank. Erst als wir unsere gemeinsame Geschichte anschauten, als wir anfingen, zu erzählen, Unrecht beim Namen zu nennen, begann ein Heilungsprozess auf beiden Seiten. Erinnerung hilft, weil erfahrenes Unrecht eingestanden wird. Erinnerung hilft, weil diejenigen, die Schuld auf sich geladen haben, durch das Eingestehen und Bereuen, den Opfern die Würde, die sie ihnen raubten, zurückgeben- und damit auch sich selbst.

Kinder und Jugendliche, die gestern am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die sowjetische Armee, unsere deutsche Geschichte von Unrecht und Befreiung kennen lernten, die lernen, dass ihnen nicht eine namenlose Masse von Toten gegenübersteht, sondern die Nachbarn ihrer Großeltern und Urgroßeltern. Es waren Kinder und Eltern und Großeltern, Menschen, die sie auch selbst hätten sein können.

Die Narbe hört auf zu schmerzen, wenn wir uns erinnern, wenn wir erzählen und daraus lernen. Auf dass es nie wieder geschieht.


Pfr. Peter Liedtke

21. Januar 2018

„Was für ein Vertrauen“

von Flüchtlingspfarrer Peter Liedtke

„Was für ein Vertrauen“, so lautet die Losung für den Kirchentag 2019 in Dortmund. Würde man so über mich sprechen? Vorsichtig, immer bemüht, Folgen zu bedenken, Streit vermeidend, sind eher Sätze, mit denen ich mich beschreiben würde. Als kleiner Hirte David dem streitbaren Philisterkrieger Goliath die Stirn bieten, weil er Gott lästert? Als König Hiskia der Streitmacht der Assyrer entgegenzutreten ohne Heere? Als Prophet mich in die gottlose Stadt zu wagen, um ihnen zu sagen, wie gottlos sie sind oder meine Nacht zu verbringen in Gesellschaft hungriger Löwen? Die Bibel erzählt von vielen Menschen, die solche Dinge und vieles mehr gewagt haben, allein, weil sie Gott vertrauten. Ich höre bei solchen Berichten immer eine Frage an mich: Kannst Du das auch? Und ich gestehe mir dann ein, dass ich sehr unsicher bin. Ich habe schon Situationen erlebt, wo ich im positiven Sinne erstaunt war über mich. Aber immer hatte ich das Gefühl: Diese Kraft kommt nicht aus mir, sie ist mir geschenkt - für diesen einen Moment, mir unverfügbar.

Für mich spiegelt sich diese Erfahrung wider in den biblischen Zeugnissen. Ob es David ist oder Hiskia, Jona oder Daniel, Petrus oder Paulus, sie alle sind normale Menschen. Es gibt Dinge, vor denen sie sich fürchten, Momente, in denen sie schwach werden. Sie waren Menschen, wie wir es heute auch sind. Was sie oft unterscheidet von uns ist die Bereitschaft, in ganz bestimmten Momenten von sich selbst abzusehen und nach Gott zu fragen. Und dann erlebten sie das Herausragende: Sie können mit einmal Mal ganz Gott vertrauen, ihre Zuversicht auf ihn setzen. Und dieses Vertrauen verändert die Situation grundlegend.

Wir stehen vor großen Herausforderungen. Als Einzelne kämpfen wir mit Krankheiten, ringen um die Kraft für die Pflege geliebter Menschen, versuchen uns zu befreien von lähmenden schwarzen Schatten, die uns zu ersticken drohen. In unseren Familien, Vereinen und Orten setzen wir uns ein, Liebgewordenes zu bewahren und ein Miteinander zu pflegen, das uns gut tut. Als Bürger unseres Staates und als Teil einer Wirtschafts- und Solidargemeinschaft stehen wir ebenfalls vor großen Aufgaben: die stetig größer werdende Kluft zwischen arm und reich, die Wahrung der uns wichtigen Werte wie Demokratie, persönliche Freiheit, Chancengleichheit, die wachsende Hilflosigkeit angesichts der häufig erhaltenen Antwort „Daran kann man nichts ändern“.

Das Kirchentagspräsidium wagt mit der Wahl der Losung für 2019 viel. Wir sollen angesichts dessen, was von uns gefordert ist, nicht auf unsere Klugheit setzen, nicht auf Macht und Einfluss, sondern auf Gott schauen, um von ihm das Vertrauen zu erhalten, das uns die Kraft gibt, uns waffenlos den Herausforderungen zu stellen. Eine mutige Wahl, aber wenn wir ehrlich sind, wie oft sind wir nicht schon mit unserer Klugheit und Macht gescheitert. Ein Vertrauen auf Gott, das ist womöglich die Chance für eine Wende, im Persönlichen wie im Politischen.


Gemeindepädagoge Johannes Drechsler

14. Januar 2017

Das Himmelreich ist...

von Gemeindepädagoge Johannes Drechsler, Feudingen

Werktag auf dem Bauernhof. Der Alte macht sich für die Arbeit auf dem Pacht-Feld fertig. Vielleicht ist er schon mit dem linken Bein aufgestanden. Alles läuft gegen den Strich. Der Kaffee schmeckt nicht, im Stall lahmt eine Kuh, der Traktor will nicht anspringen, und der Anhänger hat auch noch Plattfuß. „Ist das die Möglichkeit? Alles muss man alleine machen, weil keiner auf der Landwirtschaft arbeiten will. Es ist zum Auswachsen und zum Grün-Ärgern.“ Der Himmel ist grau in grau, während der Mann hinaus rattert. Endlich zieht der Pflug eine braune Furche - aber mit lautem Krach bleibt er stecken. Er ist auf einen Widerstand gestoßen. „Auch das noch. Dieser verfluchte Stein.“ Als er mit der Spitzhacke nachschlägt, entdeckt er einen Schatz vom unendlichen Wert. Mitten im Alltag hat sich der Wider-stand als großer Schatz entpuppt.

Werktag im Juweliergeschäft. Der Chef zieht die Gitter hoch, öffnet die Ladentür, wischt den Staub von den Glasvitrinen, macht die Kasse fertig und wartet auf den ersten Kunden, der den Umsatz ankurbelt. Als die Ladentür klingelt, ist es nur ein Mann mit dem Handkoffer. „Oh, diese Vertreter“, entfährt es ihm: „Eigentlich habe ich heute keine Zeit. Aber bleiben sie da. Zeigen Sie mal schnell ihre Kollektion.“ Schnell und widerwillig überfliegt er das neueste Sortiment und entdeckt urplötzlich einen leuchtenden Diamanten. „Den muß ich haben, den und kein andern.“ Mitten im Alltag stieß er auf den Fund seines Lebens.

Der Acker ist doch der Platz, den ich zu beackern habe. Das Geschäft ist doch der Ort, wo ich meinen Dienst tue, Es hat Gott gefallen, seinen Schatz nicht als Kirchenschatz im Dome zu stellen. Es ist Gottes Absicht, die Perle der Gotteskindschaft nicht in eine goldene Fassung zu hängen, ums sie dann in Galaschaufenstern den Reichen und Begüterten anzubieten. Vor unseren Füßen, gar nicht weit weg, mitten drin im Geschäft und im Dienst ist es zu entdecken. Gerade dort wo wir es nicht vermuten - im Hindernis, im Schmerz, in der Sinnlosigkeit, in der Krankheit - ist er da und will uns begegnen.

Kaum hat der Bauer seine Entdeckung gemacht, da spannt er seinen Pflug aus und steuert geradewegs den nächsten Makler an. Wenige Stunden später ist die schönste Auktion im Gange. Der ganze Hof mit toten und lebendigen Inventar kommt unter den Hammer. Alles findet einen neuen Besitzer. Mit dem Erlös eilt der Bauer zum Verpächter des Ackers und schließt einen Kaufvertrag ab. Fröhlich zieht er auf diese Scholle.

Und den Juwelier bietet dem Vertreter seinen ganzen Laden für diesen Diamanten. Der geht diesen atemberaubenden Handel ein. Als neuer Besitzer wechselt dieser Kofferträger das Ladenschild und sieht den Juwelier nach, wie der mit seinen Edelstein die Straße hinunterspringt. „Er ging hin voller Freude.“

Das ist die Entdeckung. Der Schatz und der Edelstein wiegen alles andere auf. Sie überstrahlen alle herben Verluste. Sie ersetzen hundertfältig alle anderen Einbußen. Mehr als diesen Schatz, mehr als diese Perle, mehr als das Reich Gottes in der Person Jesus brauchen wir nicht.


Pfrn. Christine Liedtke

7. Januar 2018

Wenn Könige niederknien

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Gestern war der Dreikönigstag, der Tag der Sternsinger, die in den katholisch geprägten Gegenden von Haus zu Haus gehen. Es sind Kinder, die als die Heiligen Könige verkleidet mit einem Stern und Reisigbesen singend an jeder Tür klingeln. In Schmallenberg kamen sie - wie schön! - jährlich auch an die Tür unseres evangelischen Pfarrhauses und baten um eine Spende für notleidende Kinder in der Welt. Dann malten sie mit Kreide ihren Segensspruch an den Pfosten der Haustür: 20+C*M*B+18, was neben den Anfangsbuchstaben der legendären Namen der Könige (Caspar, Melchior und Balthasar) auch den Segensspruch bedeutet: Christus möge dieses Haus segnen!

Am meisten gefiel mir, wenn einer der glitzernd gewandeten Könige mit seinem Reisigbesen über unsere Schwelle wischte und dazu sagte: „Alle Sorgen aus diesem Haus / kehrt Melchior mit dem Besen aus!“ Ja, das wäre so gut, ohne Sorgen und zuversichtlich in das neue Jahr zu blicken! In der Bibel finde ich dazu auch eine Anweisung, im ersten Petrusbrief: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er, Gott, sorgt für euch.“ (1. Petrus 5, 7)

Ich blickte den Sternsingern hinterher und mir kam unversehens ein Werbespruch eines Bierherstellers in den Sinn: Heute ein König! Und auch ein anderer Sinnspruch fiel mir wieder ein: „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen“. Wollen wir nicht alle immer auch Könige und Königinnen sein, Prinzen und Prinzessinnen? Die Mädchen leben diesen Wunsch zu Karneval aus, wenn sie sich als kleine Prinzessinnen verkleiden, mit Tüllkleidchen und Krönchen - habe ich selbst auch gemacht! Die Märchen erzählen von Königsfamilien - und erzählen uns damit auch von uns selbst. Die Regenbogenpresse hält uns auf dem Laufenden, was die realen Königshäuser dieser Welt betrifft. Insofern ist uns der Königsbegriff ganz nahe und kann uns vielleicht auch der gerade vergangene Dreikönigstag ganz wesentlich berühren.

Jetzt ist auch die Zeit, in der die drei Köngisfiguren der Weihnachts-Krippe zusammen mit dem Kamel an den Stall und die Krippe herangerückt werden, wo sie ihre Geschenke darreichen: Gold, Weihrauch und Myrrhe, kostbare Gaben, die schon deutlich machen, dass dieses neugeborene Kind einen besonderen Weg vor sich hat, denn Weihrauch und Myrrhe sind Heilmittel zur Wundbehandlung und Schmerzstillung. Der Evangelist Matthäus erzählt als einziger von den drei Weisen aus dem Morgenland, die dem neuen Stern gefolgt waren, um den neugeborenen König zu finden. Meine drei Krippenfiguren der weit gereisten Sterndeuter - oder Könige, wie es der Volksmund sagt -, zeigen deutlich, was die Bibel mit den folgenden Worten ausdrückt: „Und sie fielen nieder und beteten es an.“ Die drei Könige haben begriffen, dass auf dem Heu und Stroh jemand liegt, der größer und mächtiger ist als sie, und sie beugen ihre Knie und zeigen ihm ihre Ehrerbietung.

Ich selbst habe noch nie vor einem Menschen gekniet, außer wenn ich meinen kleinen Jungs die Schuhe zugebunden habe. (Eine Frage an die Männer unter Ihnen: Haben Sie beim Heiratsantrag vor Ihrer Liebsten gekniet?) Ich kenne es aber, vor Gott zu knien, eine Gebetshaltung, die uns Evangelischen eher nicht so vertraut ist. Sich niederknien bedeutet: Ich mache mich klein, ich erniedrige mich vor dir, ich beuge mein Haupt vor dir (denn auch das gehört dazu: versuchen Sie mal, kniend den Kopf nach oben zu heben). Niederknien bedeutet, dem Anderen die Ehre zu geben. Es bedeutet, ihn als größer und mächtiger anzuerkennen, es bedeutet, selbst eine demütige Haltung einzunehmen.

Vielleicht müssen wir sie wieder einüben, diese Haltung der Demut, die anerkennt, dass nicht ich selbst mein Leben und meine Geschicke lenke und verantworte. Vielleicht sollten wir mal wieder unser Haupt neigen vor wunderbaren Entwicklungen, staunenswerten Ereignissen und unverdienten Geschenken des Lebens. Vielleicht steht es uns gut an zuzugeben, dass wir weniger Könige und Königskinder sind als vielmehr Bettler und Bedürftige. Auf seinem Sterbebett fasste es Martin Luther in den Satz: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“ Wie wenig verdanken wir uns selbst! Wie viel mehr verdanken wir anderen Menschen und eintretenden Fügungen. Wie viel verdanken wir unserem Schöpfer, dem, der in Wahrheit unser Leben lenkt: Gott, der unsere Nähe sucht und uns mit seiner Liebe umhüllt und uns ein fürsorglicher Vater sein will! Wenn wir diese Erkenntnis in unserem Herzen spüren, dann fallen wir vielleicht wie die Heiligen Drei Könige dankbar auf die Knie, dann werfen wir unsere Sorgen von uns und vertrauen sie diesem Vater an, dann neigen wir unser Haupt und beten: Hab' Dank für das neue Jahr und gib du deinen Segen auf all mein Tun und Lassen, lass mich nicht sorgen und ängstlich sein, sondern zuversichtlich und getrost mein Leben aus deiner Hand nehmen.