An-Gedacht

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und sie wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Kirchenkreises zu besuchen.

Pfr. Thomas Janetzki

15. April 2018

Alles erwacht, alles wird wieder neu…

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

Geht es Ihnen auch so, dass es Sie jetzt, wo nach dem langen Winter nun der Frühling da ist, mit Macht hinauszieht - vielleicht in den eigenen Garten, vielleicht nur zu einem Spaziergang einfach aus Freude an einem frühlingshaften Tag? Die Natur ist wieder zum Leben erwacht und wir sind dazu eingeladen, Gottes Schöpfung neu mit allen Sinnen zu genießen und zu erfahren. Ich finde, das ist eine wunderbare Erfahrung, die wir da machen dürfen - und das alle Jahre wieder!

Und: Nicht nur in der Natur, sondern auch im Glauben können wir solche Erfahrungen des Neubeginns machen, so wie die Jünger an Ostern, die sich in ihren Häusern aus Resignation, Furcht und Angst eingeschlossen hatten - in engen und dunklen Räumen, in einem inneren Winter gefangen. Und erst die Nachricht von Jesu Auferstehung und die neuerliche Begegnung mit ihm hat sie befreit. Der Raum um sie und in ihnen wurde wieder hell und weit, alles in ihnen wurde wieder zu neuem Leben erweckt. Und aus ihrem engen Raum sind sie danach aufgebrochen hinaus in alle Welt, um ihren Glauben zu leben und von dem neuen Leben zu berichten, das Gott schenkt.

Und diese Erfahrung, dass Menschen sich aufmachen in ihrem Glauben, setzt sich fort, etwa in der Zeit der Konfirmationen, die jetzt ja wieder in vielen Gemeinden beginnt. Das ist gerade für viele Jugendliche eine Gelegenheit, neue Erfahrungen mit Gott zu machen, neue Wege mit ihm zu gehen, neue Lebensräume kennen zu lernen. Und für uns als erwachsene Christinnen und Christen ist es eine wichtige Aufgabe, diese jungen Menschen dabei zu begleiten, offen zu sein für ihre Ideen und Vorstellungen, mit ihnen neu zu erfahren, was Gott uns gemeinsam anbietet, voneinander zu lernen, miteinander Neuland zu erkunden...

Und ich wünsche uns allen, dass wir gemeinsam den weiten Raum, den uns Gott da öffnet, froh und mutig betreten und durchschreiten. Dass wir miteinander, Jung und Alt, aufbrechen und Neues entdecken - in dem Wissen, dass wir auf allen unseren Wegen von Gott begleitet sind.


Pfrn. Kerstin Grünert

8. April 2018

„Altes abschütteln, Neues angehen“

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Island, nach einer langen Tagestour. Wir hatten eine Fahrt zum Askja Vulkan unternommen. Stundenlang durch eine rote Staubwüste. Aber das Erlebnis war es wert. Vor allem das Bad in dem Kratersee, unbeschreiblich. Allerdings hatten wir noch sehr lange von diesem Bad. Denn das schwefelhaltige Wasser hinterließ eine besondere Duftnote an der Haut. Und dann noch die Stunden durch den roten Staub, hin bis an die Ostküste. Es müffelte und knirschte überall. Nie werde ich das Zimmer in dem kleinen Hotel in Seyðisfjörður vergessen. Dieser große, runde Duschkopf, und das Wasser, das da raus kam – ein Traum. Denn, nach diesem unheimlich langen Tag in Schwefelgestank und Staub, kam mir die Dusche in dem kleinen Hotel im Fjord wie das Paradies vor. Aufbereitetes Meerwasser, das keine, wie sonst bei dem warmen Wasser, leichte Schwefelnote hatte. Ich fühlte mich wie neu geboren.

Wann fühlen Sie sich wie neugeboren? Vielleicht auch nach einem erfrischenden Bad, einer guten Massage oder wenn Sie nach einer langen Wanderung tief geschlafen haben. Oft hat es mit unserem Körper zu tun. Also, wer hüpft alles morgens aus dem Bett, reckt sich und streckt sich und tönt laut jubelnd: „Ich fühle mich wie neu geboren“? Ich nicht. Hier kommt schon einmal die Aufgabe für die kommende Woche: Wir machen es einfach mal. Wir werden wach und stehen auf mit dem Gefühl, wie neu geboren zu sein. Quasimodogeniti - wie die neugeborenen Kinder. So heißt der heutige Sonntag nämlich. Altes abschütteln, Neues angehen. Mutig voran schreiten und fröhlich und unbedarft sein. So wie die Kinder. Das könnten wir doch tun. Mit der Freude von Ostern im Rücken hätten wir doch genug Aufwind. Aber Ostern ist ja Feiertag und jetzt kommt wieder der Alltag. Wieviel lässt sich herüber retten von Friede, Freude und Eiersuchen?

Was kann eine klare, erfrischende Dusche sein, die den alten Staub und den Muff, der mir anhaftet, abwäscht? Was hält die Botschaft vom Leben, das gegen den Tod gewonnen hat, wach, wenn uns die Schreckensnachrichten einfach nur lebensmüde machen? Hilft da ein Sonntag, der einen so niedlichen Namen hat?

Mutig, fröhlich und unbedarft, so könnten wir ja einmal mit uns umgehen. Die Maßstäbe nicht ganz so eng stecken, manche Fünf gerade sein lassen und auch das Spielen nicht vergessen. Also Zeit lassen zum Genießen und sich treiben lassen. So, wie Kinder, die alles über dem Spiel vergessen.

Wie die neugeborenen Kinder - wie könnte man Gott besser dafür danken, dass er mit dem Leben gegen den Tod gewonnen hat!


Pfr. Stefan Berk

1. April 2018

Ostern am 1. April - das passt

von Superintendent Stefan Berk

Am 1. April werde ich traditionell auf den Arm genommen. Von allen in der Familie. Irgendwie ist das so eine Art Sport geworden: Wer schafft es, Papa reinzulegen? Nur blöd, dass ich so auf der Hut bin und alles mit größter Skepsis angehe. Bloß nicht spontan sein - das könnte den großen Lacher auslösen!

Eigentlich ist der 1. April für Ostern das perfekte Datum. Denn da fühlten sich viele Leute auf den Arm genommen. Ich glaub', ich spinne! Wer ehrlich war, reagierte so - belustigt, verärgert, entrüstet. Was die einem da erzählten, konnte nur ein Aprilscherz sein: Seit wann können Tote auferstehen?

Aber genau das wurde behauptet: Da wäre einer gewesen, der hingerichtet worden war - als Terrorist, sagten manche, aus Versehen, sagten andere. Und es gab auch Leute, die hinter vorgehaltener Hand meinten: Das sei doch alles ein abgekarteter Plan der Geheimdienste gewesen. Viele wussten es besser. Denn eigentlich war er ein Gutmensch gewesen. Einer, der genau gespürt hatte, wo es die Menschen drückt. Einer, der von Freiheit und Gerechtigkeit reden konnte, ohne dass es irgendwie von oben her klang. Spontanheilungen wurden ihm nachgesagt - aber was hatte man in Jerusalem nicht schon alles erlebt!

Aber: Seit wann können Tote auferstehen?

Ja, gut, man kann sich das in SciFi-Filmen vorstellen. Da gruselt es, wenn irgendwelche Geister aus den Gräbern erwachen oder Untote ihr Unwesen treiben. Aber so ganz handfest, zum Anfassen? Das kann mir doch keiner erzählen. Da will mich jemand auf den Arm nehmen.

Aber was, wenn es doch wahr wäre? Was würde sich verändern, wenn doch einer von den Toten auferstanden wäre? Was, wenn es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen wir tatsächlich keine Ahnung haben? Die wir auch nicht begreifen können mit unseren begrenzten Möglichkeiten?

Am Sonntag ist 1. April und Ostern. Das passt zusammen. Denn Ostern hat mit Osterhasen und Ostereiern zu tun. Aber der Kern ist die Behauptung: Jesus ist auferstanden! Das ist wahr - auch wenn es unmöglich klingt. Auch wenn es wie ein Aprilscherz daherkommt. Und unsere Skepsis uns warnt, bloß auf der Hut zu sein.

Aber wenn es stimmt?

Wenn Jesus auferstanden ist, damals, vor bald 2000 Jahren, dann ist Ostern kein Aprilscherz. Dann müssen wir einige unserer Urteile über die Welt gerade rücken. Der Tod ist dann nicht mehr das Letzte, sondern das Leben. Und am Ende setzen sich nicht diejenigen durch, die auf Teufel komm' raus wirtschaften, sondern Leute mit weitem Herzen, mit Geduld und Hoffnung. Und wenn das Leben bleibt, dann drehen wir uns nicht nur um uns selbst: Gemeinsam das Leben zu gestalten ist dann angesagt!

Aber stimmt es? Ist Jesus auferstanden?

Ich weiß es nicht. Aber ist glaube es.

Und wenn Sie sich auch nicht so ganz sicher sind, willkommen im Club der Suchenden. Seien Sie nicht so skeptisch. Geben Sie Gott eine Chance zu zeigen: Leben bleibt. Leben lohnt. Leben wird nie ein Aprilscherz sein!

In diesem Sinne: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ Gesegnete Ostern!


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

25. März 2018

Wer regiert in unserem Leben?

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Heute ist Palmsonntag, an dem im Kirchenjahr an den Einzug Jesu in Jerusalem gedacht wird. Die Menschen legten ihm Palmzweige und Kleider auf den Weg, um ihn wie einen König zu empfangen. Er aber ritt auf einem Esel, um zu zeigen, dass seine Herrschaft im Dienen besteht. Der Gegensatz ist offensichtlich zu den machtstrotzenden oder gar militärischen Einzügen und Machtbehauptungen, die uns im Weltgeschehen der letzten Woche mit Sorge beschäftigt haben, ob in Syrien, China oder Russland.

Einen weiteren traurigen Triumphzug hat am Mittwoch ganz aktuell auch einmal wieder Königin „Wirtschaft“ gefeiert. Die NRW-Landesregierung hat ihr das sogenannte Entfesselungsgesetz auf den Weg gelegt und damit dem Mammon ein kräftiges Hosianna angestimmt. Von nun an haben die Kommunen die Möglichkeit doppelt so viele Sonn- oder Feiertage verkaufsoffen zu halten.

Schon das Wort „Entfesselung“ lässt einen aufmerken. Es geht nicht darum, dass Menschen befreit werden, sondern dass eine Macht, nämlich die von Wirtschaft und Konsum von ihren regulierenden, zum Schutz von Menschen und Gesellschaft geschaffenen Bindungen entfesselt wird. Und was passiert, wenn Wirtschaft so entfesselt agieren darf? Angestellte in den Geschäften und ihre Familien werden hier die ersten Opfer sein, das gesellschaftliche Miteinander als nächstes Schaden nehmen, wenn es eben keine verlässlichen gemeinsamen freien Zeiten mehr für alle gibt.

Jesus fordert in seiner Herrschaft keine Opfer, er gibt sich selbst als Opfer hin. In dem Wochenspruch dieser Woche heißt es: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass es diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ (Matthäus 20, 28). Klar, hat gerade Jesus auch immer wieder den Sabbat gebrochen, aber dabei hatte er das Wohlergehen der Menschen im Blick. Als er an einem Sabbat einen kranken Menschen heilt, fragt er die Umstehenden „Soll man am Sabbat Gutes tun oder Böses tun?“ Die Antwort ist klar, sie erfolgt aber nicht. Und dann heißt es: (Markus 3, 5) „Und er sah sie ringsum an mit Zorn und war betrübt über ihr verstocktes Herz.

Palmsonntag ist ein guter Termin, darüber nachzudenken, wer in unserem Leben regiert und eine Antwort von daher in das aktuelle Geschehen unserer Zeit zu geben. Es ist schwierig, Kriege und Machtapparate in anderen Ländern zu verändern. Ob aber in unseren Wittgesteiner Kommunen das durch die Landesregierung geschnürte Paket zur Aushöhlung des Sonntagsschutzes ausgepackt wird, darauf können wir sehr direkt Einfluss nehmen. Wir kennen die Zuständigen und können sie ansprechen. Und letztendlich wird es daran liegen, unsere Einkaufszeiten bewusst von den Sonn- und Feiertagen fernzuhalten.


Pfrn. Simone Conrad

18. März 2018

„Was bisweilen fast verloren scheint“

von Diakoniepfarrerin Simone Conrad, Birkelbach

Montagmorgen. Das Telefon im Büro des Pflegedienstes klingelt. „Hallo, hier ist Herr XY, ich brauche dringend Hilfe bei der Pflege meiner Frau. Es muss gespritzt werden und das offene Bein gewickelt, ich schaffe das alles nicht, sie müssen sofort kommen.“

Leider wohnt Herr XY nicht im Einzugsbereich der Pflegedienststelle. Behutsam versucht die Mitarbeitende der Diakonie, dies zu erklären und mögliche Lösungen zu finden. Aber Herr XY ist verzweifelt. Er weiß sich nicht zu helfen - und diese Hilflosigkeit und Überforderung bricht sich Bahn.

Er fängt bitterlich an zu schimpfen - die bemühte Pflegekraft wird mit Kraftausdrücken bombardiert und in geradezu unverschämter Weise angegangen. Eine Kaskade aus Fäkalausdrücken und Vorwürfen ergießt sich. Die Pflegekraft wird sich dennoch weiter um eine Lösung bemühen – das ist klar, selbst nach diesem Gespräch. Und dennoch - es bleibt ein fahler Geschmack.

Vielleicht denken Sie jetzt: Ach, das ist ein Ausnahmefall. In dieser Härte - mag sein. Im Grundsatz - leider nicht. Es macht mich nachdenklich, betroffen und auch ärgerlich, welchen Zumutungen, Beschimpfungen und Ansprüchen Menschen in sozialen Berufen oft und zunehmend ausgesetzt sind. Das Konsumdenken in unserer Gesellschaft nimmt zu und oft wird nicht mehr höflich gefragt, sondern angeordnet. „Das steht mir doch zu!“ - warum also freundlich darum bitten. Mit dieser Haltung werden nicht nur Pflegekräfte, sondern auch Erzieherinnen, Lehrer, Personal im Dienstleistungsbetrieb, Verkäufer, beratende Dienste und viele mehr konfrontiert.

Und dabei wird genau das vergessen, was doch eingefordert wird: Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Respekt. Wenn ich dieses für mich erwarte, sollte ich nicht bereit sein, genau diese Tugenden zu üben?

Im Kolosserbrief schreibt Paulus: „Und der Friede Christ, zu dem ihr auch berufen seid… regiere in euern Herzen; und seid dankbar.“ Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen diesen Worten folgen und wiederentdecken, was bisweilen fast verloren scheint: die Wertschätzung für mein Gegenüber und ihre oder seine Hilfe für mich.


Pfrn. Silke van Doorn

11. März 2018

„Verwirf mich nicht in meinem Alter“

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Zum Geburtstag viel Glück und viel Segen, Sharon Stone. 60 Jahre wurde sie gestern. Vital, erotisch, schön, mit einer Ausstrahlung, die Menschen beschreiben, die sie getroffen haben. 26 Jahre ist ihr größter beruflicher Erfolg her - Basic Instinct an der Seite von Michael Douglas. Sie hat viele Filme gedreht und Auszeichnungen als beste und als schlechteste Schauspielerin erhalten. Ganz wie im wirklichen Leben. Vor 17 Jahren erlitt sie Gehirnbluten, von dem sie sich mühsam und mit allen Anstrengungen erholte. Die grundlegendsten Dinge des Lebens musste sie wieder erlernen: Gehen, reden, essen… Heute sieht man nichts mehr davon. Eine strahlend schöne Frau, die ihr Leben schillernd meistert.

Es hört sich märchenhaft an - gerade auch dann, wenn sie eben nicht nur unbeschädigt durch das Leben gegangen ist, sondern mit Lebensbedrohung und Rehabilitation zu kämpfen hatte.

Mein Vater ist nun im Ruhrgebiet im Altenheim. Es gibt nur wenige Männer dort. Einer von ihnen hatte ebenfalls gestern Geburtstag. Er wurde nicht 60 Jahre alt, sondern 62. Auch er hatte Gehirnbluten. Seitdem ist er im Altenheim. Er arbeitete auch hart, doch reichte das Geld nicht, um eine so ausdauernde Rehabilitation zu machen, die er gebraucht hätte. Mittlerweile kann er nach drei Jahren wieder reden und essen. Mit dem Laufen klappte es nicht mehr. Er sitzt im Rollstuhl. Seine Bewegungsfähigkeit ist eingeschränkt. Von selbst kann er sich nicht aus seinem Rollstuhl erheben. Somit ist er auf Hilfe angewiesen, um auf die Toilette zu gehen. Da aber in dem Pflegeheim immer viel zu wenig Personal da ist, ist keine Zeit, um ihn auf die Toilette zu bringen, wenn er es braucht. Nun trägt er Windeln, obwohl es nicht sein müsste. Die muss er auch tragen, wenn sie schon längst voll gemacht sind. Er wartet, bis Zeit ist, sie zu wechseln. Er sitzt darinnen bis er wieder ganz nass ist und der Geruch die Anderen beim Essen stören müsste. Er sieht viel älter aus als 62 Jahre.

Die Bitte des Psalmbeters in Psalm 71 ist „Verwirf mich nicht in meinem Alter; verlass mich nicht, wenn ich schwach werde.“ Dass wir gehalten sind und wirklich gute Entwicklungsmöglichkeiten haben auch dann, wenn wir schwach geworden sind, ist der Wunsch eines jeden Menschen, der Schwachheit an sich oder seinen Angehörigen erfahren hat. Kein Problem in unserer so reichen Gesellschaft - dachte ich. Bis ich die Grenzen aufgezeigt bekommen habe.

Warum fehlen so viele Pflegekräfte? Warum ist der Beruf so unattraktiv? Warum gibt es nicht vielfältige Lösungen für eine Stellenvielfalt in den Pflegeheimen? Eine examinierte Pflegekraft wird an anderen Stellen gebraucht als zum Essen-Austeilen! Warum gibt es so wenige Anregungen und Angebote, damit die Kräfte der Menschen, ihre Vitalität erhalten bleiben. Oder sogar wieder erlangt werden können nach schlimmer Erkrankungen, die aber geheilt wurden?

Als Kirchen werden wir an dieser Stelle glaubhaft die besseren Angebote machen müssen. Und immer wieder Sand im Getriebe unserer Gesellschaft sein, die mehr kann als sie tut.

Allen Geburtstagskindern alles Gute, Gottes Segen. Und Ihnen auch.


Pfrn. Kerstin Grünert

4. März 2018

Gemeinsames Beten bestärkt

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Ein Gebet wandert über 24 Stunden lang um den Erdball und verbindet Frauen in mehr als 100 Ländern der Welt miteinander.

So steht es auf der Homepage des deutschen Weltgebetstags-Komitees. Und immer am ersten Freitag im März ist es soweit. So auch vorgestern. Mit der Liturgie, die Frauen aus Surinam vorbereitet haben, wurde in der ganzen Welt gebetet und Gottesdienst gefeiert.

Es möge nützen, denke ich da so. Auf dass unser Gebet bewirke, dass Ungerechtigkeiten aufhören und Menschen würdig und rücksichtsvoll miteinander umgehen.

Macht Beten überhaupt noch einen Sinn? Kann Gott Sachen werden lassen oder machen, dass Dinge in der Welt anders werden? Oder ist das Gebet vielleicht eine längst überholte Form, die früher funktioniert und Menschen froh gemacht hat, heutzutage aber nichts mehr ausrichten kann?

Ich muss zugeben, manchmal fehlt mir einfach die Antwort. Ich bin viel zu kommunikativ, lebe vom Geben und Nehmen im Miteinander, als das mir diese einseitige Geschichte beim Beten ausreichen würde. Dann hätte ich es gern konkret, spür- und sichtbar. Dann möchte ich die Veränderungen erleben.

Das mit Gottes Antworten auf mein Gebet ist ja so eine Sache. Wie oft bin ich neidisch auf Abraham oder Mose, Elia oder die Propheten, die Gott noch leibhaftig gespürt haben und Botschaften zu hören bekamen. Bei meinen Recherchen zum Thema „Gebet“ bin ich auf eine interessante Deutung gestoßen. Mit den Antworten Gottes auf ein Gebet ist es so wie mit einer Ampel.

Rot bedeutet: Gott sagt manchmal tatsächlich „Nein“ zu unserem Gebet und greift auch nicht ein - nachvollziehbar oder ganz und gar nicht nachvollziehbar.

Gelb heißt, dass er antwortet, aber anders als ich denke. Zum Beispiel mit einem anderen Zeitplan, oder auf eine andere Art und Weise und auch mit einem Anspruch an mich selbst, den ich so nie gesehen hab‘.

Grün bedeutet: „Ja“, einfach nur „Ja!“ Genau das, worum wir Gott gebeten haben, passiert auch.

Rot, gelb, grün. Schon im Straßenverkehr hab‘ ich ja am liebsten eine grüne Welle. Alles läuft nach Plan und meinem Geschmack, ich komme vorwärts. Aber wir werden eben auch immer wieder ausgebremst, von der Härte des Lebens. Das tröstliche an der roten Gebetsampel ist der Gedanke an einen Gott, der mit uns mitleidet, wenn uns das Leben so hart trifft. Er setzt sich nicht mit verschränkten Armen da hin und denkt sich: Sieh zu, wie du klar kommst. Wenn das rot besonders grell aufleuchtet, dann ist er uns nah‘ in unserer Ratlosigkeit und in allem Schweren.

Auch mit dem Vergleich der Ampel bin ich immer noch neidisch auf die Alten, von der die Bibel erzählt. Aber die Tatsache, dass sich immer wieder Frauen und Männer weltweit zum Gebet zusammentun stärkt mich in dem Vertrauen darauf, dass es doch auch irgendwo ankommen muss. Amen.


Pfr. Dr. Tim Elkar

25. Februar 2018

Ein Sieg ist wichtig, aber nicht alles

von Pfr. Dr. Tim Elkar, Erndtebrück

Wenn Sie in den vergangenen Tagen und Wochen den Fernseher angeschaltet haben, lief dort fast den ganzen Tag auf ARD und ZDF die Übertragung von den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang. Können Sie eigentlich etwas anfangen mit den Olympischen Winterspielen? Mein Verhältnis zu den Spielen ist durchaus ambivalent.

Einerseits sehe ich gern die Übertragungen von Biathlon, Curling und Freestyle-Skiing. Biathlon finde ich sehr spannend. Beim Curling beeindruckt mich die Präzision mit der die Spieler arbeiten müssen. Spektakulär ist das Freestyle-Skiing. Ich sehe mir diese Übertragungen an und verbringe mehr Zeit vor dem Fernseher als sonst. Damit bin ich keineswegs allein, viele Menschen sehen die Olympischen Spiele im Fernsehen.

Andererseits sind da die vielen negativen Schlagzeilen, die Olympia auch in diesen Tagen wieder gemacht haben. Die ersten Dopingfälle der Spiele sind bekannt. Da ist die Sperre für das russische olympische Team wegen der Anschuldigung, dass in Russland systematisch gedopt wird. Die Sportanlagen werden in Naturschutzgebiete gebaut und nach den Olympischen Spielen bleiben sie ungenutzt als zunehmend verfallende Ruinen stehen. Natürlich sind die Olympischen Spiele auch eine Gelddruckmaschine für das Internationale Olympische Komitee. Skepsis ist also durchaus angebracht.

Wie halten wir es als Christen eigentlich mit dem Sport und den Olympischen Spielen? Wenn ich so in die Sportgeschichte blicke, dann wird darin immer wieder deutlich, dass die Kirche viele Jahre und Jahrhunderte kritisch auf den Sport gesehen hat. Wenn Sportarten verboten waren, dann oft auch aus religiösen Gründen. In einen Sportverein zu gehen, das galt viele Jahrhunderte lang, häufig weniger als Ergänzung als vielmehr als ein Gegenkonzept zur Kirche. Zudem gab es eine gewisse Leibfeindlichkeit innerhalb des Protestantismus.

Also dann doch lieber weg- und umschalten, wenn Olympia oder Sport im Fernsehen gezeigt werden? Ich finde, es gibt gute Gründe für den Sport und auch für das Sehen der Olympischen Spiele. Zunächst einmal ist es so, dass wir unseren Körper von Gott geschenkt bekommen. Er ist Teil seiner guten Schöpfung. So drückt es der 139. Psalm mit den Worten aus: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin.“ Geistlich gesehen gehört der menschliche Körper Gott und dient als sein Tempel. Deshalb sollen wir uns auch um unseren Körper kümmern. Sport tut dem eigenen Körper bekanntermaßen gut.

Zudem ist es so, dass die Olympischen Spiele ein großes Fest der Gemeinschaft ist. Verschiedene Nationen und Menschen kommen zusammen und erleben Gemeinschaft, friedvolle Gemeinschaft. Mir ist es lieber, dass sich Menschen zu Wettkämpfen zusammenfinden und sich messen, als dass sie Krieg gegeneinander führen. So gibt es bei dieser Olympiade eine koreanische Mannschaft. Dies ist eine gute olympische Vision, dass sich Menschen in Frieden zusammenfinden, ein bisschen so wie die friedliche Völkerwallfahrt zum Zion, die wir in der Bibel beschrieben finden.

Außerdem dürfen wir uns natürlich mit anderen Menschen freuen, wenn sie etwas im Leben erreicht haben. Ich jedenfalls freue mich für die Athleten, wenn sie einen Sieg davontragen oder eine gute Platzierung erreichen. Wohlwissend, dass ein Sieg beim Sport wichtig, aber nicht alles im Leben ist. Entscheidend für unser Leben ist die Beziehung zu Jesus Christus.


Pfr. Thomas Janetzki

18. Februar 2018

Aschermittwoch – und was jetzt?

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

Viele Menschen nehmen den Tag wohl als Ende der Karnevalszeit zur Kenntnis, können aber ansonsten nicht mehr viel mit ihm und der Zeit danach anfangen. Dabei ist er ein wichtiger Feiertag und sein Name ist mal dadurch entstanden, dass sich die Menschen zum Zeichen der Buße Asche auf ihre Häupter streuten. In der römisch-katholischen Kirche werden die Gemeindeglieder auch heute noch mit dem Aschekreuz gezeichnet, wobei die Asche an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnern soll.

Der Aschermittwoch hat aber auch schon lange andere, sehr viel irdischere Seiten: Er wird als Politischer Aschermittwoch, wie wir jetzt wieder in den Zeitungen lesen können, von den Parteien seit langer Zeit schon gern als Veranstaltung genutzt, um ihre Mitglieder noch einmal aufs Neue zusammenzuschließen, indem noch mal die eigenen Ziele und Vorhaben (in Abgrenzung von den anderen Parteien) deutlich herausgestellt werden.

Für uns Christen bedeutet die Fastenzeit, die damit beginnt, aber viel mehr als den Verzicht auf bestimmte Dinge für eine bestimmte Zeit. Sie lädt dazu im biblischen Sinne ein, mit den Gaben Gottes und seiner Schöpfung verantwortungsvoll und bewusst umzugehen und diese maßvoll zu gebrauchen. Dies schließt auch den Umgang der Menschen untereinander mit ein. Fasten bezieht sich dann nicht nur auf einen bestimmten Lebensbereich wie das Essen oder einen bestimmten Zeitraum wie etwa einen bestimmten Tag in der Woche, obwohl dies durchaus eine gute Hilfe zu einem verantwortlichen Leben sein kann, sondern auf alle Bereiche unseres Lebens.

Wenn es uns nun noch gelingt, uns an diesem Tag und in der kommenden Zeit immer wieder selbst zu fragen, was denn für uns persönlich die wichtigen Fragen und Ziele in dieser Fastenzeit und im Jahr 2018 insgesamt sind, und wenn wir es auch noch schaffen, dies den Menschen um uns herum weiterzugeben, dann werden wir diese kommenden Wochen sehr viel bewusster und tiefer erleben können - und vielleicht auch anderen einen neuen Zugang zum Aschermittwoch und zur Fastenzeit schenken. In diesem Sinne eine gesegnete Zeit!


Pfr. Horst Spillmann

11. Februar 2018

Die Einladung fürs Masken-fallen-Lassen

von Pfr. Horst Spillmann, Arfeld

Nächste Woche endet mit dem Aschermittwoch die Karnevalszeit. Aber ist dann auch Schluss mit der Maskerade? Es werden wohl lediglich die Masken eingemottet, die man während der närrischen Tage trug und sei es nur die einfache Pappnase, aber die wahre Maske trägt man weiter oder stülpt sie sich wieder über; ich meine damit die Alltagsmaske, mit der wir unseren Mitmenschen begegnen, nicht zuletzt an der Arbeitsstelle, in der Schule, in der Nachbarschaft. Oder können Sie es sich erlauben, Ihr wahres Gesicht zu zeigen? Können Sie es wagen, Schwächen, Fehler, Unzulänglichkeiten vor anderen einzugestehen: Als Vater gegenüber den Kindern, als Vorgesetzter gegenüber den Mitarbeitern, als Politiker*in vor dem politischen Gegner? Stattdessen üben wir weiter das Versteckspielen. Dabei kostet es so viel Kraft, beständig eine Show abzuziehen, das wahre Ich zu zeigen; es verbiegt unsere Seele, lässt uns krank werden.

Was die Maskerade abseits des Karnevals in einem Menschen bewirkt, beschreibt eindrücklich eine Studentin in einem Brief an ihren Professor: Lass dich nicht von mir narren. Lass dich nicht durch das Gesicht täuschen, das ich mache. Denn ich trage tausend Masken - Masken, die ich fürchte abzulegen. Und keine davon bin ich. So zu tun als ob ist eine Kunst, die mir zur zweiten Natur wurde. Ich mache den Eindruck, als sei ich umgänglich, als sei alles sonnig und heiter in mir, innen wie außen… Dieses Äußere mag sicher scheinen - aber es ist eine Maske. Darunter ist nichts Entsprechendes. Darunter bin ich wie ich wirklich bin: Verwirrt, in Furcht und alleine.

Aber ich verberge das Ich, möchte nicht, dass es irgendjemand merkt. Deshalb erfinde ich Masken, hinter denen ich mich verstecken kann. Eine lässige, kluge Fassade, die mir hilft, etwas vorzutäuschen, die mich vor dem wissenden Blick sichert, der mich erkennen würde. Dabei wäre dieser Blick gerade meine Rettung, wenn er verbunden wäre mit Angenommenwerden, mit Liebe.

Einer hatte diesen Blick der Annahme: Jesus Christus. Wir hören es in den nächsten Wochen wieder in der Passionsgeschichte: Nachdem der Jünger Petrus Jesus, seinen Herrn und Meister, vor den Menschen verleugnet hat, heißt es (Lukas 22, 61): „Und der Herr wandte sich und sah Petrus an.“ Und von Petrus wird berichtet: „Er ging hinaus und weinte bitterlich.“ Er war entlarvt. Jesus hatte hinter die Maske des Petrus geschaut. Sein Blick hat ihn aber nicht erniedrigt, er hat ihn allerdings auf seinen wahren Grund zurückgeführt, nämlich sich als verletzlicher, fehlerhafter Mensch zu erkennen, der einzig und allein von der Vergebung und Annahme Gottes lebt.

Wenn ich so vor Gott keine Maskerade benötige, der mein Herz ansieht und mich durch und durch kennt und trotzdem liebt, dann kann erst recht auch die Furcht vor den Menschen wegfallen, dann kann ich ihnen wahrhaftiger begegnen, ohne Maske! – Das wäre ein befreites Leben!


Pfrn. Simone Conrad

4. Februar 2018

Wieso Konfirmation und Fußball?

von Diakoniepfarrerin Simone Conrad, Birkelbach

Vorgestern war Konfi-Cup - und natürlich habe ich heute, am Donnerstag, als ich dieses Angedacht schreibe, noch keine Ahnung, welche der Wittgensteiner Mannschaften wohl gewonnen hat.

Konfi-Cup, das heißt: Gemischte Mannschaften von Konfirmanden und Konfirmandinnen spielen darum, welche Gemeinde wohl die beste Fußball- und welche wohl die beste Hockey-Mannschaft stellt und Wittgenstein beim Fußballturnier auf Landesebene vertreten darf.

„Nee, was das heute alles gibt“, habe ich als Reaktion aus der Gemeinde gehört. Und auch: „Was hat das eigentlich mit Konfirmation zu tun?!“

Na ja, mit der Konfirmation selbst hat das zugegebenermaßen nicht so viel zu tun… aber mit dem Weg dorthin und mit den Zielen eine ganze Menge!

Schließlich geht es darum, eine Gemeinschaft zu sein, im Team zu spielen, zu spüren: wir gehören zusammen. Fair-play ist angesagt - und das ist ein viel zu seltenes Gut geworden, im Fußball wie im Leben. Konfi-Cup heißt für mich auch, zu sehen: Wow, sind wir viele - und das ist in Zeiten immer leerer werdender Kirchen ein wunderbares Gefühl. Und last but not least haben die, die mitmachen, immer einen Riesen-Spaß - und mal ehrlich: Kirche darf doch auch mal Spaß machen, oder?

Ich jedenfalls bin gespannt, wer wohl gewinnt und halte (natürlich) meiner Mannschaft die Daumen. Vor allem aber wünsche ich uns ein faires, spannendes Turnier - und viel Freude in der Gemeinschaft.


Pfrn. Silke van Doorn

28. Januar 2018

„Vergessen verlängert das Exil“

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Harry Potters Narbe ist wichtig. Das Zeichen, das an Harrys Leib zurückblieb, als der furchtbarste Schicksalsschlag sein Babyleben traf, ist sichtbar und kennzeichnet ihn. Er verlor seine Eltern und wurde Waise. Jeder erkennt ihn.

Jeder? Nein, er wird in der Gesellschaft erkannt, die seine Geschichte kennt. Er selbst kennt seine Geschichte, die Geschichte seiner Eltern nicht. Er weiß nicht um seine Identität. Er kennt nicht einmal die wahre Geschichte seiner Eltern und weiß, warum und wie sie starben. Sie wurde ihm vorenthalten von denen, bei denen er lieblos großgezogen wurde. Die Unkenntnis seiner traumatischen Geschichte und die Geschichtsfälschung durch seine Pflegeeltern führen zu seiner Verkrüppelung.

Joanne K. Rowlings wunderbare Harry-Potter-Reihe erzählt von der Entwicklung eines Jungen, der alleingelassen und gezeichnet, durch Bildung (Hogwarts), Freunde (Hermine, Ron und viele andere), Liebe (die durch den Tod hindurch ein schützendes Band um ihn schlingt) und Aufklärung (er lernt seine Geschichte kennen) zu einem aufrechten, mutigen und klugen, herzensgebildeten Menschen wird. Seine Narbe bleibt ihm am Ende. Aber sie bereitet ihm keine Schmerzen mehr.

„Vergessen verlängert das Exil, in der Erinnerung liegt das Geheimnis der Erlösung.“ Warum erinnern an Geschehnisse, die furchtbar waren? Wie oft habe ich gehört, dass wir doch besser alles vergäßen, was zwischen 1933 und 1945 war? Vergessen, was in den Städten und Dörfern an Ausgrenzung und Entrechtung geschah, was zu millionenfachem Mord führte, was zu den Gaskammern von Auschwitz brachte.

Das Schweigen, das lange Zeit sowohl von Tätern und Opfern gewahrt wurde, machte die Kinder und Enkel krank. Erst als wir unsere gemeinsame Geschichte anschauten, als wir anfingen, zu erzählen, Unrecht beim Namen zu nennen, begann ein Heilungsprozess auf beiden Seiten. Erinnerung hilft, weil erfahrenes Unrecht eingestanden wird. Erinnerung hilft, weil diejenigen, die Schuld auf sich geladen haben, durch das Eingestehen und Bereuen, den Opfern die Würde, die sie ihnen raubten, zurückgeben- und damit auch sich selbst.

Kinder und Jugendliche, die gestern am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz durch die sowjetische Armee, unsere deutsche Geschichte von Unrecht und Befreiung kennen lernten, die lernen, dass ihnen nicht eine namenlose Masse von Toten gegenübersteht, sondern die Nachbarn ihrer Großeltern und Urgroßeltern. Es waren Kinder und Eltern und Großeltern, Menschen, die sie auch selbst hätten sein können.

Die Narbe hört auf zu schmerzen, wenn wir uns erinnern, wenn wir erzählen und daraus lernen. Auf dass es nie wieder geschieht.


Pfr. Peter Liedtke

21. Januar 2018

„Was für ein Vertrauen“

von Flüchtlingspfarrer Peter Liedtke

„Was für ein Vertrauen“, so lautet die Losung für den Kirchentag 2019 in Dortmund. Würde man so über mich sprechen? Vorsichtig, immer bemüht, Folgen zu bedenken, Streit vermeidend, sind eher Sätze, mit denen ich mich beschreiben würde. Als kleiner Hirte David dem streitbaren Philisterkrieger Goliath die Stirn bieten, weil er Gott lästert? Als König Hiskia der Streitmacht der Assyrer entgegenzutreten ohne Heere? Als Prophet mich in die gottlose Stadt zu wagen, um ihnen zu sagen, wie gottlos sie sind oder meine Nacht zu verbringen in Gesellschaft hungriger Löwen? Die Bibel erzählt von vielen Menschen, die solche Dinge und vieles mehr gewagt haben, allein, weil sie Gott vertrauten. Ich höre bei solchen Berichten immer eine Frage an mich: Kannst Du das auch? Und ich gestehe mir dann ein, dass ich sehr unsicher bin. Ich habe schon Situationen erlebt, wo ich im positiven Sinne erstaunt war über mich. Aber immer hatte ich das Gefühl: Diese Kraft kommt nicht aus mir, sie ist mir geschenkt - für diesen einen Moment, mir unverfügbar.

Für mich spiegelt sich diese Erfahrung wider in den biblischen Zeugnissen. Ob es David ist oder Hiskia, Jona oder Daniel, Petrus oder Paulus, sie alle sind normale Menschen. Es gibt Dinge, vor denen sie sich fürchten, Momente, in denen sie schwach werden. Sie waren Menschen, wie wir es heute auch sind. Was sie oft unterscheidet von uns ist die Bereitschaft, in ganz bestimmten Momenten von sich selbst abzusehen und nach Gott zu fragen. Und dann erlebten sie das Herausragende: Sie können mit einmal Mal ganz Gott vertrauen, ihre Zuversicht auf ihn setzen. Und dieses Vertrauen verändert die Situation grundlegend.

Wir stehen vor großen Herausforderungen. Als Einzelne kämpfen wir mit Krankheiten, ringen um die Kraft für die Pflege geliebter Menschen, versuchen uns zu befreien von lähmenden schwarzen Schatten, die uns zu ersticken drohen. In unseren Familien, Vereinen und Orten setzen wir uns ein, Liebgewordenes zu bewahren und ein Miteinander zu pflegen, das uns gut tut. Als Bürger unseres Staates und als Teil einer Wirtschafts- und Solidargemeinschaft stehen wir ebenfalls vor großen Aufgaben: die stetig größer werdende Kluft zwischen arm und reich, die Wahrung der uns wichtigen Werte wie Demokratie, persönliche Freiheit, Chancengleichheit, die wachsende Hilflosigkeit angesichts der häufig erhaltenen Antwort „Daran kann man nichts ändern“.

Das Kirchentagspräsidium wagt mit der Wahl der Losung für 2019 viel. Wir sollen angesichts dessen, was von uns gefordert ist, nicht auf unsere Klugheit setzen, nicht auf Macht und Einfluss, sondern auf Gott schauen, um von ihm das Vertrauen zu erhalten, das uns die Kraft gibt, uns waffenlos den Herausforderungen zu stellen. Eine mutige Wahl, aber wenn wir ehrlich sind, wie oft sind wir nicht schon mit unserer Klugheit und Macht gescheitert. Ein Vertrauen auf Gott, das ist womöglich die Chance für eine Wende, im Persönlichen wie im Politischen.


Gemeindepädagoge Johannes Drechsler

14. Januar 2018

Das Himmelreich ist...

von Gemeindepädagoge Johannes Drechsler, Feudingen

Werktag auf dem Bauernhof. Der Alte macht sich für die Arbeit auf dem Pacht-Feld fertig. Vielleicht ist er schon mit dem linken Bein aufgestanden. Alles läuft gegen den Strich. Der Kaffee schmeckt nicht, im Stall lahmt eine Kuh, der Traktor will nicht anspringen, und der Anhänger hat auch noch Plattfuß. „Ist das die Möglichkeit? Alles muss man alleine machen, weil keiner auf der Landwirtschaft arbeiten will. Es ist zum Auswachsen und zum Grün-Ärgern.“ Der Himmel ist grau in grau, während der Mann hinaus rattert. Endlich zieht der Pflug eine braune Furche - aber mit lautem Krach bleibt er stecken. Er ist auf einen Widerstand gestoßen. „Auch das noch. Dieser verfluchte Stein.“ Als er mit der Spitzhacke nachschlägt, entdeckt er einen Schatz vom unendlichen Wert. Mitten im Alltag hat sich der Wider-stand als großer Schatz entpuppt.

Werktag im Juweliergeschäft. Der Chef zieht die Gitter hoch, öffnet die Ladentür, wischt den Staub von den Glasvitrinen, macht die Kasse fertig und wartet auf den ersten Kunden, der den Umsatz ankurbelt. Als die Ladentür klingelt, ist es nur ein Mann mit dem Handkoffer. „Oh, diese Vertreter“, entfährt es ihm: „Eigentlich habe ich heute keine Zeit. Aber bleiben sie da. Zeigen Sie mal schnell ihre Kollektion.“ Schnell und widerwillig überfliegt er das neueste Sortiment und entdeckt urplötzlich einen leuchtenden Diamanten. „Den muß ich haben, den und kein andern.“ Mitten im Alltag stieß er auf den Fund seines Lebens.

Der Acker ist doch der Platz, den ich zu beackern habe. Das Geschäft ist doch der Ort, wo ich meinen Dienst tue, Es hat Gott gefallen, seinen Schatz nicht als Kirchenschatz im Dome zu stellen. Es ist Gottes Absicht, die Perle der Gotteskindschaft nicht in eine goldene Fassung zu hängen, ums sie dann in Galaschaufenstern den Reichen und Begüterten anzubieten. Vor unseren Füßen, gar nicht weit weg, mitten drin im Geschäft und im Dienst ist es zu entdecken. Gerade dort wo wir es nicht vermuten - im Hindernis, im Schmerz, in der Sinnlosigkeit, in der Krankheit - ist er da und will uns begegnen.

Kaum hat der Bauer seine Entdeckung gemacht, da spannt er seinen Pflug aus und steuert geradewegs den nächsten Makler an. Wenige Stunden später ist die schönste Auktion im Gange. Der ganze Hof mit toten und lebendigen Inventar kommt unter den Hammer. Alles findet einen neuen Besitzer. Mit dem Erlös eilt der Bauer zum Verpächter des Ackers und schließt einen Kaufvertrag ab. Fröhlich zieht er auf diese Scholle.

Und den Juwelier bietet dem Vertreter seinen ganzen Laden für diesen Diamanten. Der geht diesen atemberaubenden Handel ein. Als neuer Besitzer wechselt dieser Kofferträger das Ladenschild und sieht den Juwelier nach, wie der mit seinen Edelstein die Straße hinunterspringt. „Er ging hin voller Freude.“

Das ist die Entdeckung. Der Schatz und der Edelstein wiegen alles andere auf. Sie überstrahlen alle herben Verluste. Sie ersetzen hundertfältig alle anderen Einbußen. Mehr als diesen Schatz, mehr als diese Perle, mehr als das Reich Gottes in der Person Jesus brauchen wir nicht.


Pfrn. Christine Liedtke

7. Januar 2018

Wenn Könige niederknien

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Gestern war der Dreikönigstag, der Tag der Sternsinger, die in den katholisch geprägten Gegenden von Haus zu Haus gehen. Es sind Kinder, die als die Heiligen Könige verkleidet mit einem Stern und Reisigbesen singend an jeder Tür klingeln. In Schmallenberg kamen sie - wie schön! - jährlich auch an die Tür unseres evangelischen Pfarrhauses und baten um eine Spende für notleidende Kinder in der Welt. Dann malten sie mit Kreide ihren Segensspruch an den Pfosten der Haustür: 20+C*M*B+18, was neben den Anfangsbuchstaben der legendären Namen der Könige (Caspar, Melchior und Balthasar) auch den Segensspruch bedeutet: Christus möge dieses Haus segnen!

Am meisten gefiel mir, wenn einer der glitzernd gewandeten Könige mit seinem Reisigbesen über unsere Schwelle wischte und dazu sagte: „Alle Sorgen aus diesem Haus / kehrt Melchior mit dem Besen aus!“ Ja, das wäre so gut, ohne Sorgen und zuversichtlich in das neue Jahr zu blicken! In der Bibel finde ich dazu auch eine Anweisung, im ersten Petrusbrief: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er, Gott, sorgt für euch.“ (1. Petrus 5, 7)

Ich blickte den Sternsingern hinterher und mir kam unversehens ein Werbespruch eines Bierherstellers in den Sinn: Heute ein König! Und auch ein anderer Sinnspruch fiel mir wieder ein: „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen“. Wollen wir nicht alle immer auch Könige und Königinnen sein, Prinzen und Prinzessinnen? Die Mädchen leben diesen Wunsch zu Karneval aus, wenn sie sich als kleine Prinzessinnen verkleiden, mit Tüllkleidchen und Krönchen - habe ich selbst auch gemacht! Die Märchen erzählen von Königsfamilien - und erzählen uns damit auch von uns selbst. Die Regenbogenpresse hält uns auf dem Laufenden, was die realen Königshäuser dieser Welt betrifft. Insofern ist uns der Königsbegriff ganz nahe und kann uns vielleicht auch der gerade vergangene Dreikönigstag ganz wesentlich berühren.

Jetzt ist auch die Zeit, in der die drei Köngisfiguren der Weihnachts-Krippe zusammen mit dem Kamel an den Stall und die Krippe herangerückt werden, wo sie ihre Geschenke darreichen: Gold, Weihrauch und Myrrhe, kostbare Gaben, die schon deutlich machen, dass dieses neugeborene Kind einen besonderen Weg vor sich hat, denn Weihrauch und Myrrhe sind Heilmittel zur Wundbehandlung und Schmerzstillung. Der Evangelist Matthäus erzählt als einziger von den drei Weisen aus dem Morgenland, die dem neuen Stern gefolgt waren, um den neugeborenen König zu finden. Meine drei Krippenfiguren der weit gereisten Sterndeuter - oder Könige, wie es der Volksmund sagt -, zeigen deutlich, was die Bibel mit den folgenden Worten ausdrückt: „Und sie fielen nieder und beteten es an.“ Die drei Könige haben begriffen, dass auf dem Heu und Stroh jemand liegt, der größer und mächtiger ist als sie, und sie beugen ihre Knie und zeigen ihm ihre Ehrerbietung.

Ich selbst habe noch nie vor einem Menschen gekniet, außer wenn ich meinen kleinen Jungs die Schuhe zugebunden habe. (Eine Frage an die Männer unter Ihnen: Haben Sie beim Heiratsantrag vor Ihrer Liebsten gekniet?) Ich kenne es aber, vor Gott zu knien, eine Gebetshaltung, die uns Evangelischen eher nicht so vertraut ist. Sich niederknien bedeutet: Ich mache mich klein, ich erniedrige mich vor dir, ich beuge mein Haupt vor dir (denn auch das gehört dazu: versuchen Sie mal, kniend den Kopf nach oben zu heben). Niederknien bedeutet, dem Anderen die Ehre zu geben. Es bedeutet, ihn als größer und mächtiger anzuerkennen, es bedeutet, selbst eine demütige Haltung einzunehmen.

Vielleicht müssen wir sie wieder einüben, diese Haltung der Demut, die anerkennt, dass nicht ich selbst mein Leben und meine Geschicke lenke und verantworte. Vielleicht sollten wir mal wieder unser Haupt neigen vor wunderbaren Entwicklungen, staunenswerten Ereignissen und unverdienten Geschenken des Lebens. Vielleicht steht es uns gut an zuzugeben, dass wir weniger Könige und Königskinder sind als vielmehr Bettler und Bedürftige. Auf seinem Sterbebett fasste es Martin Luther in den Satz: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“ Wie wenig verdanken wir uns selbst! Wie viel mehr verdanken wir anderen Menschen und eintretenden Fügungen. Wie viel verdanken wir unserem Schöpfer, dem, der in Wahrheit unser Leben lenkt: Gott, der unsere Nähe sucht und uns mit seiner Liebe umhüllt und uns ein fürsorglicher Vater sein will! Wenn wir diese Erkenntnis in unserem Herzen spüren, dann fallen wir vielleicht wie die Heiligen Drei Könige dankbar auf die Knie, dann werfen wir unsere Sorgen von uns und vertrauen sie diesem Vater an, dann neigen wir unser Haupt und beten: Hab' Dank für das neue Jahr und gib du deinen Segen auf all mein Tun und Lassen, lass mich nicht sorgen und ängstlich sein, sondern zuversichtlich und getrost mein Leben aus deiner Hand nehmen.