An-Gedacht

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und sie wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Kirchenkreises zu besuchen.

Pfr. Stefan Berk

24. Dezember 2015

Offene Türen und weite Herzen!

von Superintendent Stefan Berk

Sonntag, vierter Advent. Das Klöneck hat offen. Die kleine ehrenamtliche Begegnungsstätte mit Café hat sonntags immer auf. Wer kommt, kriegt guten Kaffee und frische Waffeln. Mit Sahne und heißen Kirschen, wenn gewünscht.

An diesem Sonntag haben die Erndtebrücker die Wahl. Das Heimatmuseum hat auch auf. Und das neue Café nur fünfzig Meter vom Klöneck entfernt lädt den ganzen Tag zum Essen und Trinken ein. Meine Erwartungen sind nicht hoch. Wie viele Leute werden wohl kommen? Fünf, vielleicht zehn?

Ich bin kaum da, als die Tür aufgeht. Fröhliche Gesichter kommen herein, wir kennen uns. Jetzt wohnt die Familie im Ruhrgebiet, aber es zieht sie immer wieder nach Wittgenstein. Und hier im Klöneck gibt es auch für das Mädchen viele Spiele, damit einem nicht langweilig wird. Sie setzen sich an einen der runden Tische, eine alte Freundin setzt sich dazu, die schon gewartet hat. Man sieht sich ja selten, und da kommt einem das Klöneck gerade recht.

Eine Weile später kommen die Stammgäste. Einige sind hier regelmäßig verabredet. Zu Hause ist ja niemand, mit dem man reden könnte. Hier trifft man immer jemanden, der am langen Tisch sitzt und nur darauf wartet, dass sich jemand dazusetzt. Wie ein ungeschriebenes Gesetz funktioniert das – auch bei Fremden.

Der Nachmittag nimmt seinen Lauf. Einige Waffeln gehen über den Tresen, mal mit, mal ohne Kirschen. Kaffee, Tee, Kakao – die Wünsche sind ganz unterschiedlich. Die Stammgäste müssen nicht mehr überlegen. Sie wissen schon an der Garderobe, was sie essen und trinken wollen. Ein Sonntag wie jeder andere.

Wieder geht die Tür auf. Ein Mann steht etwas ratlos im Flur. Er wirkt fremd. Als ich ihn begrüße, kommt er gleich zur Sache: Er stammt aus Ägypten, wohnt im „Haus am See“, wie die Erndtebrücker das Flüchtlingshaus gegenüber der Kläranlage nennen. Und er hat gehört, dass man hier einen Kaffee trinken kann.

Er schaut sich um. Die Familie hinten am runden Tisch unterhält sich intensiv. Andere Tische sind frei. Und vorne, am Stammtisch, da ist auch noch Platz. Soll er?

Na sicher soll er sich hinsetzen! Die Stammgäste laden ihn herzlich ein. Niemand käme auf den Gedanken, dass der Fremde hier nicht hingehören könnte. Im Gegenteil, sie sind neugierig: Wo kommen Sie her? Und warum sind Sie in Deutschland? Und wo wohnen Sie?

Nichts ist peinlich oder aufdringlich. Das Interesse ist echt. Und sein Deutsch, anfangs leise gesprochen, eher zögerlich, wird von Minute zu Minute besser, klarer, fester. Als ob er spüren würde: Hier muss ich nicht vorsichtig sein. Hier kann ich reden. Hier kann ich erzählen – von der Heimatstadt Alexandria in Ägypten, von dem Doppelzimmer, das er jetzt mit jemandem teilen muss, von den vielen Nationalitäten, die irgendwie in diesem kleinen „Haus am See“ miteinander zurecht kommen müssen. „Nicht immer leicht“, sagt er.

„Was ist das?“ Er deutet auf eine Waffel, die sein Gegenüber gerade isst. Mit Puderzucker drauf, frisch und duftend. „Das ist eine Waffel“, sagt die Frau neben ihm. „Eine …?“ Ein schwieriges Wort. Aber wichtig: „Eine W-a-f-f-e-l“, erklärt die Frau geduldig. Und erzählt von diesem typisch deutschen Gebäck, das es so oft an Sonntagen in den Familien unseres Landes gibt. Und der fremde Gast will wissen, wie eine Waffel schmeckt.

Wie Deutschland schmeckt. Wie das Leben hier funktioniert. Wie man hier lebt und erzählt. Was wichtig ist und die Menschen bewegt. Und plötzlich waren alle miteinander im Gespräch – über die eigenen Lebenserfahrungen, über Weihnachten und Advent, über das Glück und die Sehnsucht nach einem Leben, das sich lohnt.

„Darf ich wiederkommen? Nächsten Sonntag?“ Ja, natürlich. Das Klöneck ist offen. Und an unserem langen Stammtisch ist immer Platz – sonst wird noch ein Stuhl dazu gestellt. Die Stammgäste nicken. Selbstverständlich. So machen wir das doch immer. Oder?

Stimmt. So machen wir das – immer. Im Klöneck. Und an so manchen anderen Orten in Erndtebrück. Und Wittgenstein. Für mich kann Weihnachten werden. Für Sie hoffentlich auch – ich wünsche es Ihnen allen: eine gesegnete Zeit mit offenen Türen und weiten Herzen!


Pfrn. Christine Liedtke

20. Dezember 2015

Mensch, werde wesentlich!

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Heute zünden wir die vierte Kerze des Adventskranzes an: Wo ist die Zeit geblieben? Kommt es nur mir so vor, dass die Zeit dahinrast? Nein, sagen mir meine Mitmenschen, auch die jungen Menschen, uns geht es genauso. Die fehlende Zeit ist auch 2015 ein Thema.

Vor einigen Tagen las ich in dieser Zeitung einen Satz des Astroteilchenphysikers Markus Risse: „Wenn einem klarer wird, was im Leben überflüssig ist, hat man mehr Zeit, sich mit dem Wesentlichen zu beschäftigen.“ („Alles eine Frage der Zeit“ Interview 14.12.15)

Ich möchte gerne mehr Zeit haben und sinne also darüber nach, was in meinem Leben überflüssig ist. Klar, ich besitze zu viele Dinge: Kleidung, Bücher, Geräte. Ich nehme mir auch zu viel vor für meine freien Zeiten, ich mache gerne etwas selber, und es gibt auch so viele Veranstaltungen, die ich nicht versäumen möchte. Was ist das Überflüssige, und was ist das Wesentliche?

„Mensch, werde wesentlich!“ , dazu hat schon der Dichter Angelus Silesius im 17. Jahrhundert geraten. Was ist für uns Menschen wesentlich, was gehört zu unserem Menschsein unbedingt dazu?

Eine Antwort finde ich im christlichen Weihnachtsfest, das nun vor der Tür steht. Gott wird Mensch, feiern wir da. Wir Menschen sind Gott so wichtig, dass er zu uns kommt, selbst Mensch wird. An Jesu Leben zeigt sich, was wesenhaft zum Menschsein dazu gehört: Er wird geboren, er geht den Weg, den er gehen muss, er setzt seine Gaben ein für andere Menschen, er lässt sich nicht von seinem Weg abbringen, der ein Weg der Liebe ist, er mahnt und lädt ein, er predigt und heilt, er feiert und findet ernste Worte, er hat Freunde und Feinde, er wird enttäuscht und verraten, er leidet und stirbt, er bleibt nicht im Tode.

Jesus wurde mir wesensgleich: Auch ich bin geboren, ich gehe meinen Weg, ich leide und liebe, feiere und mahne, werde enttäuscht und enttäusche selber. Auch ich habe Gaben mitbekommen; doch setze ich sie genug ein? Ich bin zur Liebe befähigt: doch liebe ich genug? Ich bekomme viel Lebenszeit geschenkt: doch gehe ich klug mit ihr um? Auf dem Hintergrund von Jesu Vorbild stellen sich diese Fragen, und ich höre die Mahnung: Mensch, werde wesentlich!

Zu Weihnachten feiern wir auch, wie Gott uns Menschen sieht: wir sind ihm so wichtig, dass er seinen göttlichen Bereich verlässt und eintaucht in das Menschliche, Gott sieht uns in Liebe an,

wir sind angesehen von Gott und angesehen bei Gott, wichtig bei Gott. Liebe ist die Haltung, mit der Gott uns begegnet, eine bedingungslose, tiefe und bergende Liebe.

Als Kind haben wir diese Liebe überall entdeckt: in den liebevoll geschmückten Häusern, den besonderen selbst gebackenen Keksen, in den Weihnachtsgeschenken, die wir hingebungsvoll für unsere Liebsten bastelten, und in den Geschenken, die wir selbst bekamen und die uns staunen ließen, wie unsere brennendsten Wünsche Gestalt annehmen konnten... Zu Weihnachten nimmt Liebe Gestalt an, so möchte ich es ausdrücken, und als Kind waren wir sehr empfänglich für diese Botschaft.

Zum Wesen dieser Liebe gehört, es, dass sie weitergetragen wird. Mensch, werde wesentlich, kann dann nach dem Weihnachtsgeschehen nur heißen: Mensch, werde ein Liebender! Mehr Zeit für das Wesentliche, das hieße dann: mehr Zeit für die Liebe! Mehr Zeit für die gebrechliche Nachbarin, mehr Zeit für den Fremden im Ort, mehr Zeit für Tätigkeiten, die im Ehrenamt geleistet werden, mehr Zeit für das, was uns die Liebe gebietet! Das ist, je nach Gabe, für jeden Menschen etwas Anderes, was ihn wesentlich macht, was ihn die Liebe leben lässt.

Weihnachten als Fest der Liebe – wenn sich die Liebe wie ein ansteckender Virus von Weihnachten her in unserem Land ausbreiten könnte, weil sich Menschen auf das Wesentliche besinnen, wo wären wir dann in kurzer Zeit? Wie würde sich unser Land verändern, wenn überflüssige Lieblosigkeit als Ballast abgeworfen würde, wenn stattdessen die Liebe wesentlich um sich greifen könnte?

Ich wünsche Ihnen gesegnete Adventstage und ein frohes Weihnachtsfest!


Pfrn. Silke van Doorn

13. Dezember 2015

Zeit der Ruhe im Lichte der Kerzen

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

„Für das Recht auf Asyl gibt es in Deutschland keine nummerische Grenze. Das ist eine direkte Lehre aus dem Holocaust, als viele europäische jüdische Flüchtlinge vor geschlossenen Grenzen standen“, sagte Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, als sie am Sonntag das erste der acht Chanukkalichter am Leuchter vor der Ohel-Jakob-Synagoge anzündete.

Das jüdische Lichterfest in der Adventszeit ist ein Freudenfest. Es erinnert daran, dass der Tempel wieder eingeweiht werden konnte, jeder Jude, jede Jüdin ihre Religion wieder frei ausüben konnte. Jeden Tag ein Licht mehr bis dieses Jahr am 14. Dezember alle acht Lichter brennen. Von der Dunkelheit ins Licht. Von der Trauer zur Freude. Acht Tage der Freude und des öffentlichen Bekennens. Acht Tage die Geschichte der Befreiung im Familienkreis bei Kerzenschein erzählen. Acht Tage innehalten und danken und Fettgebackenes essen.

Und acht Tage lang genau den Zustand der Welt heute sehen. Da wird es wieder ungemütlicher: Wer ist verfolgt und kann nicht frei und in Frieden mit seiner Familie leben?

Sofort und immer wieder fällt mir Syrien ein: Christen werden verfolgt. Sie dürfen ihre Religion nicht ausüben. Aber die Religion, in den Augen des Regimes die falsche, ist dort nicht der einzige Grund, verfolgt und mit dem Tode bedroht zu sein. Wie gut und wie richtig ist es dann, dass wir Menschen aufnehmen: Schutz gewähren, sie willkommen heißen bis sie wieder in ihre Heimat gehen können.

Sie können wieder in ihre Heimat, wenn die politische Situation sich ändert. Doch wie genau? Das Problem scheint viel komplexer als damals 164 v. Chr. Damals wurde der syrisch-hellenistische Herrscher Antiochus IV besiegt. Der Tempel in Jerusalem konnte als Zeichen der freien Religionsausübung wieder geweiht werden.

Wer wird heute in Syrien entmachtet werden müssen? Wer wird Syrien wieder zu einem Land machen, in dem Menschen aller Religionen in Frieden und Auskommen miteinander leben und auch die kulturellen Güter geschätzt und nicht vernichtet werden?

Die Politiker dieser Welt werden sich nicht einig. Viele der jetzt verhandelnden und handelnden Länder haben durch Waffen und Stärkung der einen oder anderen politischen Kraft zum Unfrieden beigetragen.

Chanukka - wie auch Advent - heißt: Dem Leben Raum zu geben und zu wissen, dass auch nach der längsten Zeit der Unterdrückung und der Qual der in unsere Welt einzieht, dem selber geholfen wurde, der ohne Machtpomp daherkommt und die Herzen der Menschen ändert.

In dieser Gewissheit tun wir das unsere, um möglichst vielen Menschen eine Zeit der Ruhe im Lichte der Kerzen, im Lichte des Kommenden zu schenken. Auch uns selbst.


Pfr. Thomas Janetzki

6. Dezember 2015

Genug ist genug

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

Kobe Bryant, einer der besten Basketballer aller Zeiten, beendet seine Karriere mit nur 37 Jahren nach zwei Jahrzehnten in der NBA, weil sein Körper der Belastung nicht mehr gewachsen ist. In seinem letzten Interview als aktiver Sportler sagte er: „Man muss wissen, wann es reicht. Genug ist genug!“

Wissen wir eigentlich in der Adventszeit immer, wann es genug ist, oder neigen wir nicht eher dazu, alles perfekt machen zu wollen, wunderschön und möglichst noch spektakulär?

Eine kurze Geschichte dazu: Ein König hatte zwei Söhne. Als er nun alt wurde, musste er entscheiden, welcher von beiden sein Nachfolger werden sollte. Da er beide gleichermaßen liebte, fiel ihm diese Entscheidung schwer. Deshalb stellte er ihnen die Aufgabe, die größte Halle des Königreiches bis unter ihr Dach zu füllen – an einem einzigen Tag, für nur ein Goldstück. Der ältere der beiden kaufte dafür Unmengen an Stroh, schaffte es aber nicht, die Halle innerhalb eines Tages damit zu füllen. Der jüngere Sohn kam mit einem kleinen Kasten aus Holz zurück, in dem sich eine Lampe mit einer Kerze darin befand. Als er diese anzündete, war die ganze Halle vom Licht erfüllt und er wurde Nachfolger des alten Königs.

Liebe Leserinnen und Leser! So ein kleines Licht konnte die ganze große Halle erleuchten, war genug dafür. So ein kleines Licht ist auch genug, um es in uns und den anderen in der Adventszeit hell werden zu lassen, Menschen innerlich zum Leuchten zu bringen. Es muss nicht immer das Großartige, das Aufsehenerregende sein, um Advent zu feiern, sondern eine kleine Kerze, zum Beispiel an unserem Adventskranz, reicht dafür völlig aus, wenn wir uns dabei ein bisschen Zeit füreinander nehmen. Genug ist halt genug!

Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete und nicht zu stressige Adventszeit!


Pfrn. Kerstin Grünert

29. November 2015

Sehnsucht, Hoffen und Warten

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Jetzt ist es endlich wieder soweit. Die schönste Zeit des Jahres beginnt. Überall sind Lichter zu sehen, die die langen dunklen Abende ein wenig heller erscheinen lassen. Es riecht besonders nach exotischen Gewürzen und überall sollen schöne Dinge uns die kalte Welt ein bisschen heimeliger machen. Es ist wieder Advent. Die Zeit des Wartens beginnt.

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich warte nicht unbedingt gerne. Meistens jedenfalls. Warten und Geduld ist etwas, das mich jedes Mal neu wieder auf die Probe stellt. Aber es ist doch auch einfach so: Der moderne Mensch ist daran gewöhnt, dass die Dinge pünktlich und vor allem sofort erledigt werden. Es wird viel Energie darauf verwendet, schnelle Wege der Kommunikation zu finden und alles an schnellere Erfüllung unserer Wünsche zu setzen. Das ist super. Allerdings wird uns dadurch auch ein schnelleres Leben beschert und das übersehen wir dann auch schon mal. Ich komme mir vor wie auf der Überholspur. Alles muss sofort geschehen, erledigt, gekauft und erlebt werden. Das kommt man mit dem Gemüt doch gar nicht hinterher. So kann man doch gar nicht mehr genießen. Nein, durch „immer schneller“ wird das Leben nicht unbedingt glücklicher, entspannter oder erfüllter. Man lebt nicht besser, wenn man auf nichts und niemanden mehr warten muss.

Advent - Zeit des Wartens. Zeit der Sehnsucht. Zeit, die Hoffnung im Herzen einmal wieder zu finden. Der Mensch braucht Wartezeiten, um überhaupt zu spüren, wonach er sich sehnt. Er muss das Warten lernen, um zu erahnen, dass die Erfüllung des Lebens nicht mal eben nebenbei erledigt werden kann. Das wirklich Wichtige im Leben lässt sich nicht erzwingen. Alles Wesentliche braucht Zeit zum Wachsen und Reifen. Das ist das Geheimnis des Lebens. Das müssen wir wieder viel mehr aushalten lernen. Wir können vieles vorher planen und festlegen. Aber ein erfülltes Leben lebt von den Augenblicken, die einfach passieren. In denen Sehnsucht entsteht, weiter wächst und auch erfüllt wird. Wenn wir keine Sehnsucht, keine Hoffnung mehr haben, dann ist das Leben tot. Dann gibt es nichts mehr, dass uns den Sinn erkennen lässt, weiter zu machen.

Sehnsucht, Hoffen und Warten - keine leichten Gefühle oder Gemütszustände. Das gebe ich ja zu. Aber doch auch schön und hilfreich. Ich wünsche Ihnen, dass der Advent eine erfüllte Zeit des Wartens wird. Mit Augenblicken, die einfach nur zum Genießen sind, in denen schon etwas vom großen Finale aufblitzt. Aber da sind wir ja noch nicht. Jetzt wird erst einmal gewartet, gehofft und gesehnsucht!


Pfr. Steffen Post

22. November 2015

Gottes Taschentuch für unsere Tränen

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

„Wir, die deutschen Freunde, wir fühlen uns Ihnen so nah. Wir weinen mit Ihnen“, so hat es Bundeskanzlerin Angela Merkel am vorvergangenen Samstag in einem Pressestatement anlässlich der Terroranschläge in Paris den betroffenen Menschen in Frankreich zugesagt. Viele Tränen sind am letzten Wochenende geflossen: Tränen des Schmerzes und der Trauer, weil über hundert unschuldige Menschen ihr Leben durch einen Terrorakt verloren haben; daneben Tränen der Erleichterung, wenn eine vermisste Person doch lebend wieder gefunden werden konnte; und Tränen des Mitgefühls und der Solidarität, weil viele Menschen in Europa und darüber hinaus der Opfer an spontan entstandenen Trauerorten gedacht oder bei einer Schweigeminute inne gahalten haben. Tränen, die zum Ausdruck brachten, wie sehr diese schrecklichen Ereignisse auch uns in Deutschland erschüttert, traurig, gar fassungslos gemacht haben.

Und Jesus gingen die Augen über“ (Johannes 11, 35), lese ich in der Bibel, als er mit dem Tod seines Freundes Lazarus konfrontiert wird. Auch bei Jesus fließen Tränen. Diese Reaktion von Jesus zeigt mir, dass er mitfühlt, wo Menschen Schreckliches erleiden; dass er mit trauert, wo der Tod in unserem Lebensumfeld eine Lücke reißt; dass ihn das nicht kalt lässt, wenn Menschen leiden; dass er auch in solchen Zeiten bei uns bleibt, wie bei Maria und Martha, den Schwestern von Lazarus, und die Tränen aushält. Vielleicht sind es bei Jesus auch Tränen der Wut, die er weint, weil der Tod damals wie heute immer wieder schmerzliche Wunden schlägt. Wenig später hat sich Jesus dann selbst dem Tod gestellt und ihn durch seine Auferstehung in die Schranken gewiesen.

Wie aufmerksam Gott sich um uns Menschen auch in Zeiten von Schmerz und Traurigkeit kümmert, unterstreichen für mich zwei weitere Worte in der Bibel:

...sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie“, heißt es im 56. Psalm. So genau nimmt Gott unsere Tränen wahr, dass er sie gar sammelt, zählt und aufbewahrt. Das zeigt mir: Gott nimmt unsere Tränen ernst und zwar so ernst, dass er noch einen Schritt weiter geht, wie es dann die Offenbarung des Johannes beschreibt: „...und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen“ (Offbarung 21, 4a). Ich versuche, mir das einmal bildlich vorzustellen: Gott tritt an mich heran, schaut mir liebevoll tröstend ins Gesicht; und dann nimmt er ein Taschentuch zur Hand und tupft mir vorsichtig die Tränen von den Augen.

Wenn wir am heutigen Ewigkeitssonntag in unseren Kirchen die Namen der Menschen verlesen, die im zurückliegenden Kirchenjahr verstorben sind, wird auch noch einmal so manche Träne fließen, weil ein geliebter Mensch nicht mehr da ist. Ich wünsche allen Trauernden in diesen Tagen, dass sie die tröstende Zuwendung Gottes spüren und sinnbildlich sein Taschentuch auch ihre Tränen trocknet.


Pfr. Peter Liedtke

15. November 2015

„Lassen Sie uns darum nie aufgeben!“

von Flüchtlingspfarrer Peter Liedtke

„Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen“ - dies ist ein Wort, dass am Sonntag in fast allen Gottesdiensten zu hören sein wird. Jesus spricht vom Gericht am Ende aller Tage. Er beantwortet damit - auf den ersten Blick –, wer in den Himmel kommen wird. Der zitierte Vers ist einer von mehreren, die aufzählen, was Gott gefällt.

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Bei den Kranzniederlegungen an diesem Wochenende erinnern wir an die Opfer der Weltkriege. Wir gedenken der Soldaten, die getötet wurden. Wir gedenken zugleich der Zivilpersonen, die Opfer wurden der Bomben und Zerstörung. Wir erinnern uns auch an die Menschen, die in diesen Zeiten ausgegrenzt wurden, weil sie in den Zeiten des schwarz/weiß, des Freund/Feind-Bildes das entsprechende Etikett bekamen, dass zur Verfolgung führte, zu Leid und Entwürdigung. Und wir erinnern uns an die Flüchtlinge jener Zeiten, die aus zerstörten Städten flohen, die wegliefen vor Gewalt, Terror und Gefangenschaft. Auch all diese Menschen kommen uns in den Sinn, wenn wir die Kränze zur Erinnerung an die Gefallenen der Weltkriege niederlegen.

In uns Nachgeborenen klingen dabei Erzählungen unserer Eltern und Großeltern nach: wie Verwundete gepflegt wurden, wie Waisen aufgenommen wurden, wie Geflüchtete versteckt oder aufgenommen wurden und sie die Chance bekamen zu einem neuen Leben.

Viele Familien können Geschichten erzählen von Flucht und davon, wie ihren Angehörigen beigestanden wurde. Und ich glaube, dass es Gott damals gefallen hat, wenn Leidende Trost und Schutz fanden. Und es wird ihm auch gefallen haben, wenn Menschen, die alles verloren haben, neu anfangen durften.

Genauso gefällt es ihm – davon bin ich überzeugt –, wenn wir uns heute der Geflüchteten annehmen. Wir vermögen nicht, sie von ihren Alpträumen zu befreien. Wir können nicht ausgleichen, was ihnen an Verlusten und Leiden zugefügt wurde. Aber wir können sie annehmen, in unserer Mitte aufnehmen und ihnen die Chance geben, sich ein neues Leben aufzubauen. Viele von Ihnen helfen bereits den Geflüchteten. Ich bin sicher, das gefällt Gott.

Ob es mir die Tür zum Himmelreich aufschließt? Das ist nicht meine Frage. Gott wird dies einst entscheiden. Aber schon hier werden wir beschenkt, schließt sich eine ganz andere Tür auf, wenn wir helfen. Denn der Geist, den wir damit zulassen, verändert uns, vermag uns immer wieder zu neuen Menschen zu machen, zu Menschen, deren Leben mehr Farben hat als ein Leben in Abgrenzung und Angst. Lassen Sie uns darum nie aufgeben!


Pfrn. Silke van Doorn

8. November 2015

Keinen Menschen preisgeben

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Es war dunkel um halb Sechs am Abend als ich mit Schülerinnen der 9. Klasse der Hauptschule in Bad Berleburg hinunter Richtung Schlosspark ging. Heute schwiegen die Schülerinnen. Ungewöhnlich. Von weitem sahen wir Kerzen im Dunkeln leuchten. Schemen von Menschen. Musikfetzen. Über den Köpfen – kaum zu erkennen in der Dunkelheit – der Davidstern.

Wir standen vor dem Mahnmal für die ermordeten Juden Berleburgs. Die Schülerinnen verlasen die Namen und das Alter der Menschen, die vor 1933 geachtete, gut integrierte Bewohner der Stadt waren. 27 Familien lebten, liebten, arbeiteten hier. Bis besonders ein nazi-eifriger Bürgermeister Plakate aufhängen ließ. Plakate, auf denen aufmerksam gemacht wurde, dass Juden unerwünscht seien. Plakate, die sagten, dass niemand, der ein guter Deutscher wäre, bei Juden einkaufte oder überhaupt Kontakt zu „denen“ pflegte. 54 Namen der Ermordeten. Kinder, ja Babys waren dabei.

Eine von denen, die später ermordet wurde, war Ruth Krebs. Sie war 1938 sieben Jahre alt. Nach der Nacht am 9. November, als die Synagoge in der heutigen Jacob-Nolde-Straße geplündert und verwüstet wurde und die wertvolle Thorarolle und die silbernen Leuchter auf dem Marktplatz verbrannt wurden, durfte Ruth nicht mehr in ihre Berleburger Schule gehen. Sie lief nach Schmallenberg, um dort mit anderen jüdischen Kindern vom Lehrer Stern unterrichtet zu werden. Ihre Mutter Betty zog dann mit ihr nach Frankfurt. Von dort wurden sie deportiert und ermordet.

Zurück in die jüngere Vergangenheit: Nach der Veranstaltung waren wir noch zusammen. Die Schülerinnen mussten sich wärmen. Innen und außen. Sie hatten unserer Geschichte Stimme verliehen. Namen in den Berleburger Abend gestellt, um sie dem Vergessen zu entreißen. Fragen brachen aus ihnen heraus – warum? Was war an ihnen, dass so etwas passieren konnte? Wäre es heute wieder möglich? Erinnern hieß nicht mehr, alte Geschichten hören zu müssen. Erinnern heißt nicht, mir heute ein schlechtes Gewissen zu machen. Erinnern heißt, heute anders denken und handeln zu können.

Heute haben wir zwei Bewegungen nebeneinander: Wenige und doch zu viele Schreihälse, die alle Fremden, Flüchtlinge, Anderen nicht um sich haben wollen. Und sehr, sehr viele Menschen, die tatkräftig und ehrenamtlich „Willkommen“ all denen zeigen, die aus aussichtlosen Verhältnissen herkommen, um Schutz zu suchen. Sie lassen sie nicht im Regen stehen. Auch wenn Behörden überfordert sind, Europa es nicht schafft, solidarisch zueinander zu stehen und selbstverständlich alle Länder die Schutzsuchenden aufnehmen.

Vielleicht ist es die Frucht des Erinnerns: Keinen Menschen mehr preiszugeben, der hier ist und meine Hilfe braucht.

PS: Am Montag gibt es wieder Gedenkveranstaltungen: um 11 Uhr an der Erndtebrücker Bergstraße, um 18 Uhr in Bad Berleburg am Mahnmal und um 19 Uhr im Haus des Gastes Bad Laasphe.


Pfr. Dr. Dirk Spornhauer

31. Oktober 2015

Raus aus dem Hamsterrad

von Pfr. Dr. Dirk Spornhauer, Raumland

Der Reformationstag ist für viele Menschen heute gedanklich in ganz weite Ferne gerückt.

Wahrscheinlich fällt etlichen Zeitgenossen noch der NameMartin Luther ein.

Doch das, was damit zusammenhängt, die Erinnerung an den Beginn der Reformation und an die 95 Thesen Luthers zum Ablass, erscheint wie ein Relikt aus einer anderen Welt.

Die Frage nach Gott spielt im Leben vieler Menschen heute keine Rolle mehr. Erst recht erntet Luthers Frage nach einem gnädigen Gott eher Achselzucken und Unverständnis.

Und doch ist das Thema Luthers ein ganz modernes Thema.

Wir leben in einer Zeit und in einer Gesellschaft, in der das Wohl des Einzelnen und die Verwirklichung der je eigenen Wünsche und Pläne die höchste Priorität genießt. Hinter diesem Streben nach der Erfüllung der individuellen Wünsche und Ziele muss alles andere zurückstehen. Vielerorts wird dieses Verhalten kritisiert und doch prägt es inzwischen das gesellschaftliche Leben in weiten Bereichen.

Häufig wird mehr Engagement für die Gesellschaft, für Vereine oder Verbände eingefordert, während zunehmend Menschen mit sich selbst beschäftigt sind. Engagement für eine bestimmte Sache erfolgt, wenn überhaupt, oft nur für einen gewissen Zeitraum und endet, wenn die eigene Lust dazu endet.

Auch wenn es immer noch viele Gegenbeispiele gibt, so ist dies doch eine Tendenz, die es so vor Jahren noch nicht in dieser Breite gab.

Doch bei allem Verständnis für die jeweils eigenen Ziele und Pläne haben wir vergessen, die wichtigste Frage zu beantworten:

Wie gehe ich damit um, wenn sich meine Pläne nicht realisieren lassen? Wer hält und trägt mich denn, wenn ich z.B. die nächste Stufe meiner erträumten Karriereleiter nicht erklimmen kann oder wenn sich meine Wünsche nicht verwirklichen lassen?

Was mache ich denn, wenn es nicht immer weiter bergauf geht?

Bleibt mir dann nur das dunkle fragende Zweifeln an mir selbst und meinen Fähigkeiten?

Wo ist denn jemand, bei dem ich Trost finde, wenn Träume zerplatzen oder Erwartungen unerfüllt bleiben?

Eine wachsende Zahl von Menschen macht heute die Erfahrung von Depression oder Verzweiflung angesichts des Druckes selbst- oder fremdgesetzter Ziele. Viele fühlen sich ausgebrannt durch die ständige Überschreitung der persönlichen Grenzen von Leistungs- oder Leidensfähigkeit.

Eine Antwort auf meine Fragen an das Leben gibt mir der Gott, den auch Martin Luther verkündigt: Der Gott, der mich annimmt, mir gnädig und barmherzig ist.

Für Martin Luther war es in seiner Zeit die Frage nach dem Verhältnis von äußerem und innerem Menschen, die ihn bewegte.

In seiner Thesenreihe gegen die Ablasspraxis hat Martin Luther sich dagegen ausgesprochen, eine innere Not des Herzens durch eine äußerliche Kaufhandlung beseitigen zu wollen.

Am 31. Oktober 1517 war an der Tür der Schlosskirche von Wittenberg zu lesen:

These 32: In Ewigkeit werden mit ihren Lehrern jene verdammt werden, die glauben, sich durch Ablassbriefe ihres Heils versichert zu haben.

These 33: Ganz besonders in Acht nehmen muss man sich vor denen, die sagen, jene Ablässe des Papstes seien jenes unschätzbare Geschenk Gottes, durch das der Mensch mit Gott versöhnt werde.

Die Entdeckung Luthers, dass Gott keine Gerechtigkeit fordert, sondern schenkt, hat ihm geholfen, sich von vielen äußeren Zwängen zu befreien, und sie schenkt auch heute noch ein Gegenbild zum immer schnelleren Rennen im Hamsterrad.

Gott trägt und hält mich gerade dann, wenn ich einmal nicht gewinne.


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

25. Oktober 2015

Zeit für mehr Profil

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Viele ziehen sie schon Anfang Oktober auf, um bereits für den allerersten Schneefall gerüstet zu sein. Andere warten den erst einmal ab, um dann tätig zu werden und sich nach vollbrachtem Wechsel noch in die Schlange vor dem Luftdruckmessgerät an der Tankstelle einzureihen. Sie haben es schon erraten: Es ist Zeit für Winterreifen.

Wenn die Temperaturen fallen und Schnee und Eis die Fahrstabilität einschränken, ist ein gutes Profil gefragt. Damit Blechschäden und Verletzungen vermieden werden, überprüfen wir alle regelmäßig die Räder und sorgen für Sicherheit durch mehr Profil. Für Winterreifen sind gesetzlich 1,6 Millimeter vorgeschrieben, mindestens 3-4 Millimeter werden aber für eine ausreichende Bodenhaftung empfohlen. Für guten Grip und sichere Traktion kommen neue Reifen mit 8-9 Millimeter auf den Markt.

Da frage ich mich, wie wenig Profil im christlichen Glauben wohl so möglich ist, ohne dass es gefährlich wird. Vorweg: ich bin froh, dass es kein Glaubensmaßband gibt, das irgendwer anlegt und kontrolliert. Aber den Gedanken nach einem ausreichenden Glaubensprofil finde ich als persönliche Frage hilfreich. Ist mein Glaube so ausgebildet, dass ich bei schwierigen Wegstrecken in der Spur bleiben kann? Oder rutscht mir bei ein paar Minusgraden des Lebens gleich die ganze Karre mit Hoffnung, Glaube und Zuversicht in den Graben?

Wie beim Reifen müssen dazu die einzelnen Profilblöcke gleichmäßig ausgebildet und in einer Anordnung zueinander aufgestellt sein. Solche Profilblöcke sind für mich zum Beispiel das Gebet, die handelnde Nächstenliebe, die Glaubensgemeinschaft und das Bibellesen. Zusammen ergeben sie das Profil. Aber was soll das überhaupt sein, ein christliches Profil? Für mich ist es das Angesicht Gottes in Jesus Christus, dessen Umrisse in unserem Leben erkennbar sein sollen. Soweit sollte unser Glaubensprofil niemals abgeschliffen sein, dass die Menschen in unserem Reden und Handeln nicht mehr die Liebe Gottes erkennen können, sondern höchstens noch uns als den vielleicht freundlichen Menschen. Auch wenn es niemand von außen zusteht, den Glauben zu messen, fragen Menschen schon danach. Sie erwarten dass wir Profil zeigen. Menschen möchten, dass wir Christinnen und Christen im Glauben erkennbar sind, dass sie in der Begegnung mit uns Spuren Gottes entdecken können.

Mit einem guten Profil hinterlässt man Spuren. Deutliche. Spuren des Trostes, der Zuwendung, aber auch der Irritation. Denn Profil zu zeigen heißt ja auch, sich auszusetzen, sich zu widersetzten gegen alles, was Leben nach Gottes gutem Willen entgegensteht. Deswegen widersetzt sich ein solch profilierter Glaube gegen Schnee, Eis und Frost unserer Gesellschaft. Er ist immer öffentlich, und damit auch politisch. Kann gar nicht anders, weil ja auch das Leben von Christinnen und Christen hier und jetzt stattfindet. Auch wenn er damit nicht so geräuscharm, bequem und unauffällig läuft wie die abgefahrenen, glatten Sommerräder, hält der profilierte Glaube die Spur, wenn er sich gegen die Eispartien stemmt wie die Einsamkeit von Menschen, den Fremdenhass oder die Lästereien am Arbeitsplatz.

Übrigens: Anders als beim Reifen, der sich durch Gebrauch abnutzt, ist es beim Glauben gerade umgekehrt. Er bildet sich durch Gebrauch aus. Die einzelnen Profilblöcke wachsen miteinander und geben einen sicheren Halt im Leben. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen allzeit gute Fahrt.


Pfrn. Kerstin Grünert

18. Oktober 2015

Weder kleinlich noch nachtragend

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Was ist ein richtig guter Freund? Was macht einen Freund zum Freund? (Bevor Sie weiter lesen: Was wäre jetzt Ihre Antwort?)

Einem Freund kann ich alles sagen, und der trägt nichts weiter. Verschwiegenheit!

Ich kann ihn zu jeder Tages- und Nacht-Zeit anrufen, der ist sofort zur Stelle!

Er nimmt mich so, wie ich bin!

Haben Sie Freunde, die so sind? Vielleicht. Aber diese Ideale sind doch ziemlich hoch gesteckt und da bleiben auch Enttäuschungen nicht aus. Es ist schon interessant.

Wenn Leute sagen sollen, was einen Freund ausmacht, dann zählen sie auf, wie ein Freund zu ihnen sein müsste. Aber drehen wir den Spieß doch mal um.

Würden Sie unter allen Umständen verschwiegen sein? Ich finde: Es gibt Situationen, da muss ich Hilfe holen, auch wenn sich mein Gesprächspartner in seinem Vertrauen getäuscht sieht und von mir bitter enttäuscht ist.

Welche Menschen dürfen bei Ihnen Tag und Nacht anrufen? Wie lang dürfen solche Nacht-Telefonate dauern? Bis wohin nützen solche Telefonate, ab wann nerven sie? Wie lange würden Sie das durchhalten?

Bis wohin mögen Sie einen anderen Menschen so nehmen, wie er ist? Wo ist der Punkt, wo Sie sagen: „Bis hierher, und nicht weiter! Nicht mit mir!“?

Wann ist Ihr Ohr nicht mehr offen? Wann sind Sie mit eigenen Sorgen überfordert oder mit den Problemen des Freundes?

Wenn Sie diese Fragen in Verantwortung für sich selbst und für den anderen beantworten, entdecken Sie: Es kann tatsächlich der Punkt erreicht werden, wo Sie einen Freund enttäuschen müssen. Freundschaften scheitern nicht nur daran, dass die Menschen so schlecht sind, sie scheitern auch an allzu verträumten, zu romantischen, zu verklärten Erwartungen.

Sollten wir deshalb unsere Erwartungen auf ein Minimum zurückschrauben, aus Angst zu sehr enttäuscht zu werden? Ich glaube das ist nicht nötig. Freundschaft ist eben auch ein schwieriges Unterfangen. Kein Mensch behauptet, dass es immer nur schön und watteweich ist.

Bittet und ihr werdet bekommen! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch geöffnet! Denn wer bittet, der bekommt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet.“ (Lukas 11, 5 - 10)

So heißt es in der Geschichte vom „Bittenden Freund“. Jesus erzählt eine erfundene Begebenheit zwischen Freunden, die voller Unverschämtheit und Zurückweisung steckt. Die Freundschaft aber scheint das zu überleben.

Jemand kommt um Mitternacht und bittet seinen Freund, ihm auszuhelfen mit Brot, weil er selbst Besuch von einem anderen Freund bekommen hat. „Freund, leih' mir doch drei Brote…!

Schöner Freund! Kommt zu dieser unmöglichen Zeit – um zu schnorren! Und dann auch noch mit dieser Begründung: Er hat Besuch von auswärts bekommen! Noch ein Freund. Da bin ich ja gerade gut genug, um nachts aufzustehen und das Essen zu liefern. Und dann riskiere ich auch noch, dass allen anderen im Haus wach werden. Nein, das geht zu weit!

Wir erfahren nicht, ob der gerade Geweckte gekränkt ist oder ob er ganz allgemein genervt ist. Jedenfalls: Er bleibt im Bett und ruft durch die geschlossene Tür.

Ein wunderbares Lehrstück über Freundschaft: Der eine mit seiner unverschämten, drängelnden Art, der andere mit seinem klaren „Nein“. Beide haben bei all dem nicht nur den anderen und sich selbst im Blick, sondern auch Menschen um sie herum. Beide sind ganz erfrischend ehrlich. Keiner ist super empfindlich, keiner super gekränkt, keiner länger nachtragend. Keine super hohen Erwartungen, niemand ist bitter enttäuscht.

Kurz und knapp: eine wunderbare, nämlich belastbare Beziehung! Nicht einfach, nicht watteweich.

Eine Vorbildgeschichte für unsere Freundschaften. Und auch ein Bild für die Beziehung zu Gott. Die ist nämlich beim besten Willen auch nicht immer nur schön und watteweich

Und trotzdem: Wende Dich an Gott wie an einen Freund, zu dem Du eine belastbare Beziehung hast! Sei ehrlich, womöglich nervig, womöglich unverschämt! Egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit! Halte es aus, enttäuscht zu werden! Aber sei nicht zu empfindlich und halte an diesem Freund, an Eurer belastbaren Beziehung fest! Und vergiss dabei auch nicht, dass Gott mit dir schließlich auch nicht kleinlich ist und schon gar nicht nachtragend!


Pfr. Stefan Berk

11. Oktober 2015

Hochzeit mit Festzug

von Superintendent Stefan Berk

Das hätte ins Auge gehen können. Die beiden hatten schon vor einem Jahr angerufen und die Hochzeit geplant. Sie wollten auf Nummer sicher gehen, den Termin reservieren. Und das hatte ja funktioniert. An dem Tag wollte sonst niemand in die Kirche. Kein Problem, alles gut.

Die anderen hatten auch geplant. Einen Westfälischen Schützentag in Erndtebrück gibt es nicht alle Tage – toll, dass alle an einem Strang ziehen und gemeinsame Sache machen. Und der Höhepunkt soll der große Festumzug sein, der einmal quer durchs Dorf geht, von einem Ende zum anderen und zurück. In Erndtebrück kann man ja wirklich wunderbar im Kreis laufen!

Auch die Verwaltungen spielten mit. Der Ortskern ist verkehrsfreie Zone. Selbst die Bundesstraße wird gebraucht. Und die Straße nach Benfe. Alles kein Problem.

Na ja, für einige schon. Denn plötzlich hatte die Hochzeitsgesellschaft ein Problem: Wie kommen wir wieder von der Kirche weg? Sie hatten ja schon für den frühen Nachmittag eingeladen, also war das Hinkommen kein Problem – aber nach der Trauung wieder wegkommen? Mit so vielen Gästen? Durch das gesperrte Erndtebrück?

Und plötzlich steht man da und denkt: Das kann doch nicht wahr sein. Alle haben sich die größte Mühe gegeben, früh geplant, an alles gedacht. Und dann steht man sich gegenseitig im Weg, ohne jede böse Absicht. Dumm gelaufen, sagt man so im Alltag.

Das passiert ja öfter als man meint. Da haben beide dieselbe gute Idee, wollen dem anderen was Gutes tun – und kaufen dasselbe Sonderangebot ein. Da winkt man dem anderen zu, er soll ruhig erst fahren, der macht das auch – und man steht da und winkt so lange, bis plötzlich beide losfahren und man die böse Delle im Kotflügel hat. Da fährt man extra mit der Bahn zum Flughafen, um wirklich auch pünktlich zu sein, hat jede Menge Zeit eingeplant – und dann bleibt der Zug plötzlich stehen, weil eine Schafherde auf den Schienen steht. Und man sieht nur noch, wie das Flugzeug langsam auf die Startbahn rollt. Hat da einer Schuld? Oder ist das einfach dumm gelaufen?

Ich fand es gut, wie das Brautpaar auf die Sache reagiert hat. Zuerst erschrocken. Und dann lächelnd. Mit Gelassenheit. Und wir haben dann überlegt, wie es gehen könnte. Den Empfang in der Kirche machen und dann mit Sektgläsern dem Umzug zuschauen. Oder die Autos an der Kirche stehen lassen und zu Fuß zum Lokal gehen, das gar nicht weit weg ist. Und am Ende war klar: An die Hochzeit werden sich unsere Gäste mit Sicherheit noch lange erinnern – wer hat schon einen ganzen Festzug als Gäste dabei?

Ich fürchte, wir werden dieses „dumm gelaufen“ nicht los. Aber wir können versuchen, gelassener damit umzugehen. Und das bedeutet, sich nicht so schnell aufzuregen, wenn etwas passiert, was ich sowieso nicht ändern kann. Und zu sortieren zwischen dem, was wirklich zählt – und dem, was im Leben so passieren kann und hingenommen werden muss. Vielleicht sieht man mit diesem Blick dann öfter, dass das Glas halb voll und nicht halb leer ist, sieht die Chancen und Möglichkeiten und nicht nur die Mühe und den Ärger.

Vielleicht hänge ich mir das Gebet von Reinhold Niebuhr (USA) doch mal wieder über den Schreibtisch: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann - und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Was auch ein schöner Spruch für eine Hochzeit wäre...


Pfrn. Silke van Doorn

4. Oktober 2015

Einheitlich ist nix

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Von 1949, dem Jahr der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, bis 1989 als plötzlich die Mauer fiel, hatte Deutschland an den Folgen des seines Hurra-Geschreis, des Nationalismus, der Fremdenverfolgung und des Judenhasses zu knabbern.

40 Jahre verbrachte das Volk Israel in der Wüste. Sie waren dort nachdem Gott befreiend an seinem Volk handelte. Sklavenarbeit und Unterdrückung waren vorbei, die Gabe des Grundgesetzes, der Zehn Gebote, war erfolgt. Doch in einem Moment, als Israel sich von Gott verlassen fühlte, da wünschten sie sich andere Götter: eindeutig und anfassbar. Die Konsequenz war, dass das Volk Israel das versprochene Land nicht betreten durfte. Lehrzeit in der Wüste sollte dem Aufbau des Staates vorangehen. Zeit der Entbehrung und doch Zeit des Versorgt-Seins. Zeit, demokratische Werte zu lernen, um ein tatsächlich aufrechtes Leben mit allen Menschen zu führen.

1985 war ich als Au-pair-Mädchen in Frankreich. Die Vorstellung, dass Deutschland ein Land sein könnte, war für mich abwegig. Die befreundeten Franzosen - wahre Anhänger einer Grande Nation - verstanden es nicht, dass ich es mir für mein Land weder vorstellen konnte noch wollte. Also, dass Deutschland ein Großdeutschland würde. Ich hatte viel zu viel Furcht, dass es den Größenwahn und die Überheblichkeit befördern könnte. Gleichwohl wünschte ich mir demokratische und die Würde des Menschen wahrende Strukturen in der DDR.

Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, war es auch für mich wie ein Wunder. Dann folgte fast ein Jahr der Verhandlungen. Sie sind nicht immer glücklich verlaufen. Viele Menschen im Osten wie im Westen sahen sich als Verlierer. Und doch war der Wille da, dass „zusammenwächst, was zusammen gehört“ – Worte Willy Brandts.

Nun sind 25 Jahre vergangen. Meine jugendlichen Ängste von damals haben sich nicht zerschlagen, aber auch nicht erfüllt. 83 Millionen Deutsche leben in Europa, sind sich ihrer Verantwortung bewusst und stellen sich den Herausforderungen dieser Zeit. Einwanderungsland sind wir geworden. Unzählige Menschen gehen fremden Menschen, die schutzsuchend zu uns kommen, freundlich entgegen. An der Basis entwickelt sich mehr als die Politik leisten kann, die sich immer noch streitet, ob wir die Menschen aufnehmen können oder nicht.

40 Jahre Bonner Republik und Osten waren eine gute Lehrzeit, um die tiefe Sehnsucht nach Demokratie, nach Teilhabe, nach Freiheit in den meisten Deutschen unzerstörbar einzupflanzen. 40 Jahre Wüste müssen offenbar sein, damit Menschen lernen, das Bessere, das Gott sich für jeden Menschen wünscht, zu lernen. Im Paradies sind wir noch lange nicht angekommen. Aber ich habe die Hoffnung, dass Menschen trotz alledem, was an Kriegen und ungerechten Handelsbeziehungen in der Welt ist, die Flucht für so viele Menschen notwendig macht, menschlicher werden.

Peter Härtling dichtete es wunderbar:

Wenn jeder eine Blume pflanzte,
jeder Mensch auf dieser Welt,
und, anstatt zu schießen, tanzte
und mit Lächeln zahlte statt mit Geld -
wenn ein jeder einen andern wärmte,
keiner mehr von seiner Stärke schwärmte,
keiner mehr den andern schlüge,
keiner sich verstrickte in der Lüge,
wenn die Alten wie die Kinder würden,
sie sich teilten in den Bürden,
wenn dies WENN sich leben ließ,
wär’s noch lang kein Paradies -
bloß die Menschenzeit hätt' angefangen,
die in Streit und Krieg uns beinah' ist vergangen.

Und es wird.


Pfrn. Barbara Plümer

27. September 2015

Ermutigung zur Begegnung

von Pfrn. Barbara Plümer, Wittgensteiner Gehörlosenseelsorgerin

Gestern war der europäische Tag der Sprachen. Den hat 2001 der Europarat ausgerufen. Denn auf dem europäischen Kontinent werden um die 100 Sprachen gesprochen.

Ein Ansatzpunkt für viele Missverständnisse und Konflikte.

Der polnische Augenarzt Ludwig Lazarus Zamenhof hatte die Hoffnung, dass eine gemeinsame Sprache der Menschheit einen friedlicheren Umgang ermöglicht. Daher erfand er 1887 eine Kunstsprache für alle: Esperanto. Das heißt: der Hoffende.

Seine Idee hat sich nie durchgesetzt. Statt dessen etablierten u.a. im Kalten Krieg politische Großmächte ihre eigene Landessprache: In Westeuropa war das das Englische - die Sprache des freien Amerikas - und in Osteuropa war das Russisch - die Sprache des großen Bruders, der UdSSR.

Die gleiche Sprache diente dabei weniger dem Frieden als der Machtausübung.

Die Kleinen mussten sich dem Großen unterordnen. Ihre Individualität wurde dem großen Ganzen untergeordnet. In unserer Geschichte haben wir damit schlechte Erfahrungen gemacht und viel Unheil über andere gebracht.

Auch die Erz-Eltern unseres Glaubens hatten damit schlechte Erfahrungen. Als oftmals Besetzte kannten sie sprachliche Unterdrückung.
Das schlug sich in der Geschichte vom Turmbau zu Babel nieder. (1. Mose 11)
Sie beginnt mit einer Einheit unter den Menschen. Sie ermutigt die Menschen zu einem Projekt, das seines Gleichen sucht und die Erbauer berühmt machen soll.
Ein Ansinnen, das auch heute noch viele Bauprojekte verfolgen.
Im Verlauf des Turmbaus wird deutlich: Die anfängliche Einheit war nur oberflächlich. Denn zum Bau des Turm braucht es Sklavenarbeit. Sie wird mit den gleichen Worten beschrieben wie die Sklavenarbeit Israels in Ägypten. Die Menschen reden zwar die gleiche Sprache, behandeln einander aber nicht mehr gleichwertig. Das erkennt Gott. Und es ist nicht in seinem Sinne. Und damit die Menschen sich nicht weiter in ihrem Gößenwahn verrennen, verwirrt der die sprachliche Einheit.

Wer ab jetzt mit anderen zusammen arbeiten will, braucht dazu den Willen beider Seiten.
Die Menschen müssen sich um einander bemühen. Einander in ihrer Einzigartigkeit wahrnehmen.

So wird Sprachvielfalt zu einem Befreiungsschlag von Bevormundung und Gängelung.
Denn die vielen Sprachen machen gleichwertig. Sie spiegeln die Würde ihrer Sprecher wider.

Das ist mir als Gehörlosenseelsorgerin sehr wichtig. Denn die Gebärdensprache wurde in Deutschland erst im Jahr 2002 anerkannt. Erst seit dem wurde die Würde der Gehörlosen anerkannt.
Bis dahin mussten sich Gehörlose in der Kommunikation immer den Hörenden unterordnen.
Sei es beim Arzt, auf dem Amt oder vor Gericht.
Mit der offiziellen Anerkennung ist es aber nicht getan. Der Bemühen um gegenseitiges Verständnis ist ein weiter Weg und er erstreckt sich auf mehr als nur auf das Erlernen von Vokabeln.
Aber ein Anfang ist gemacht und ich ermuntere alle, sich auf die Begegnung einzulassen!
Wo wir uns auf Augenhöhe begegnen, wird Verständigung möglich. Und eine Knospe des künftigen Heils erblüht schon jetzt.


Pfrn. Kerstin Grünert

20. September 2015

Einblicke

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Die Dachdecker sind da. Die Einfahrt ist blockiert und Schritt für Schritt wächst das Gerüst am Haus hoch. Die Spuren der Arbeit sind zu sehen. Aber es muss sein. Das alte Dach muss weg.

 

Am zweiten Tag laufen die Arbeiter am Küchenfenster vorbei. Hoch über der Erde und ganz schön wackelig. Ich schaue mich um und sehe das Chaos auf dem Tisch und in der Spüle. Es ist wieder deutlich zu sehen, dass am Morgen die Zeit mal wieder äußerst knapp kalkuliert war. Und jetzt kann man es von außen sehen. Naja, man? Die zwei Dachdecker, die wagemutig auf dem Gerüst herum tänzeln, haben sich wohl mittlerweile an den Anblick, den Einblick, von außen gewöhnt. Aber ich komme ins Nachdenken.

 

Sonst stört es mich nicht, wenn es mal chaotisch aussieht und das Durcheinander vom Morgen erst am Nachmittag verschwindet. Sieht ja keiner. Nach außen hin ist alles in Ordnung. Man sieht der Hausfassade nicht an, wie sich das Leben darinnen abspielt.

 

Und schon komme ich vom Durcheinander auf dem Küchentisch auf mein eigenes Leben. Wie ist das da eigentlich mit den Einblicken? Meine Fassade kennt jeder. Vom Scheitel bis zu Sohle bin ich öffentlich, für jedermann sichtbar. Aber alles andere kann ich beeinflussen. Wie weit ziehe ich den Vorhang? Wie viel gebe ich Preis? Wem gewähre ich einen Blick? Interessiert sich überhaupt jemand für mein Chaos hinter der Fassade oder geben sich alle mit den Äußerlichkeiten zufrieden?

 

Ja, mit den Menschen um mich herum ist es so ähnlich wie mit den Dachdeckern. Da gibt es ein paar, die brauchen gar nicht viel und blicken mir mitten ins Herz. Da reicht es, die Tür einen Spalt zu öffnen. Dann gibt es die Menschen, die ich unbedingt außen vor halten will. Da mach ich die Gardine zu und ziehe mich komplett zurück. Dass nur nichts nach außen dringt. Und dann erlebe ich auch, dass sich Menschen richtig viel Mühe geben, doch einen echten Blick auf mich zu erhaschen. Die bauen regelrecht ein Gerüst und versuchen, eine Möglichkeit für einen Einblick zu erhaschen. Das mag unangenehm sein. Zunächst. Aber sie geben sich doch nur die Mühe, weil sie wirklich und echt an mir interessiert sind und sich auch nicht vom Chaos in meinem Inneren beeinflussen oder abschrecken lassen. Und genau diese Menschen wurden und werden immer noch zu meinen wichtigsten Wegbegleitern.

 

Einblick zu geben ist eine ungeheuer spannende Sache. Und man riskiert so richtig viel dabei. Aber umso größer ist doch der Gewinn, den ich dabei machen kann!

 

Und schon finde ich das Gerüst am Haus ein bisschen weniger lästig.


Pfrn. Silke van Doorn

13. September 2015

Guten Rutsch

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Heute zieht der Duft von Honigkuchen durch das Haus. Dabei ist gar kein Advent – auch wenn die Lebkuchen schon seit ein paar Tagen wieder in den Supermarktregalen liegen. Es duftet nach Honigkuchen, denn das Neue Jahr beginnt.
Nein, ich bin nicht im Kalender verrutscht. 2016 beginnt noch nicht.
Ich schaue auf einen anderen Kalender – den jüdischen.
Morgen Abend begrüßen Jüdinnen und Juden in aller Welt und eben auch hier in Wittgenstein das neue Jahr 5776. Sie wünschen einander „LeShana tova tikatevi“ – „Mögest du eingeschrieben sein ins Buch der Lebendigen“.
So wünsche auch ich allen jüdischen Mitbewohnern einen „Guten Rutsch“.
Denn der gute Rutsch, den auch alle anderen sich am Jahresende wünschen bedeutet nicht etwa, dass man gut reinschlittern sollte. Es bedeutet „Gut Rosh“ – einen guten Start ins neue Jahr. Denn Rosh HaShana heißt „Kopf des Jahres“. Böller und Raketen werden wir heute Abend nicht sehen und hören. In der jüdischen Tradition gehören sie nicht zur Feier. In Honig getauchte Apfelschiffchen stehen bereit, den Wunsch nach der Süße des kommenden Jahres spürbar werden zu lassen - und natürlich der Honigkuchen.

In der Nähe einer Synagoge könnten wir aber andere Töne zu hören bekommen: Das Schofar ertönt an den beiden Tagen des Festes.
Der klagende Ton aus dem Blasinstrument, das aus einem Widderhorn gefertigt ist, erinnert die Menschen daran, dass Gott König der Welt ist.
Es erinnert daran, dass wir in uns gehen sollen, unsere guten und schlechten Taten des vergangenen Jahres noch einmal anzuschauen und – wenn es geht – das Schlechte und Unterlassene in Ordnung zu bringen.
Frei und unbeschwert sollen alle ins neue Jahr gehen. Süß wie Honig soll es werden.
Mitten in unsere Welt hinein, die scheinbar aus den Fugen gerät mit den Orten des Krieges und der Unterdrückung, mit brutal agierenden Kämpfern, die Menschen aus der Heimat treiben, brauchen wir die Sehnsucht nach dem Frieden und der Unbeschwertheit.
Die Feste, die wir feiern in jüdischer, in christlicher, in muslimischer Tradition erinnern uns daran, dass wir Menschen zum Leben in Frieden und Freiheit bestimmt sind.
Jeder soll soviel zum Leben haben, wie er braucht ohne zu darben. Jeder und jede soll seine Kinder in Ruhe aufwachsen lassen können.

So erinnern uns die Zeiten des Festes auch in der unsichersten und verängstigten Gegenwart daran, dass anderes Leben hier möglich ist und sein wird.
Das wünschen wir uns und allen Menschen der Welt. Unsere Welt hat es nötig.

Einen guten Sonntag und eben ein gutes, ein besseres Neues Jahr.


Pfrn. Christine Liedtke

6. September 2015

Abendmahl beim Kaffeekränzchen?

von Pfrn. Christine Liedtke, Girkhausen

Der „Tag des Kaffees“ ist heute. Das finde ich gut, dass der Kaffee einen eigenen Tag bekommt! Mmmmhh... die erste Tasse Kaffee am Morgen – was wäre ich ohne sie! Überhaupt, so fällt mir auf, ist der Kaffee mein treuester Begleiter. Zu wie vielen Gelegenheiten, an wie vielen Orten ist er überall mit mir gewesen! Ich sinne diesen Momenten nach... Es waren glückliche und traurige Momente, einsame und gesellige, Mußestunden und hektische Augenblicke, es war Kaffee aus Tassen, Bechern und aus Pappbechern zum Mitnehmen. Ich habe ihn im Sitzen und im Stehen getrunken – ja, auch im Gehen - , in Europa und auf anderen Kontinenten, tatsächlich, er war eigentlich immer da, immer zur Hand, ersehnt bisweilen, manchmal auch selbstverständlich vorhanden. So ist der Kaffee in der Tat seit dem Erwachsenwerden mein Lebensbegleiter.
Ein quer denkender Christ meinte einmal zu mir: „Wenn Jesus heute und in Deutschland das Abendmahl einsetzen würde, dann würde er Kaffee und Kuchen dafür wählen, nicht Wein und Brot. So wie zur Zeit Jesu Wein und Brot die alltäglichen Nahrungsmittel waren, die immer zur Hand waren, so sind es doch bei uns heute Kaffee und Kuchen. Bei Kaffee und Kuchen entsteht Gemeinschaft, da reden wir miteinander, da teilen wir Freude und Sorgen.“
Dieser Gedanke macht mir Spaß: Abendmahl mit Kaffee und Kuchen oder Keksen? Würden wir dann häufiger an Jesus denken, der zum Abendmahl gesagt hat: „Tut es zu meinem Gedächtnis!“?
Leider scheint das Kaffeekränzchen langsam auszusterben. Zumindest hat eine aktuelle Untersuchung über das Freizeitverhalten der Deutschen festgestellt, dass der größte Verlierer das gemeinsame Kaffeetrinken mit Kuchen sei. Ist das ein Alarmsignal? Ziehen wir uns langsam alle voneinander zurück und schwatzen nicht mehr beim Kaffee miteinander, sondern sitzen nur einsam vor unserem Fernseher, dem Computer und digitalen Spielgeräten? Und lassen uns den Kaffee nur noch in Pappbechern „to go“ mitgeben?
Als Kind habe ich staunend von den Alten gehört, dass es im und nach dem Zweiten Weltkrieg keinen Kaffee gab und man sich Kaffee aus Getreide machte, sogenannten „Muckefuck“. Kaffeebohnen waren Luxus und für den Normalbürger nicht zu bekommen.
Heute wird Kaffee überall angeboten. Die Kaffeebohnen kommen aus fernen Ländern, und schon als Jugendliche habe ich erfahren, wie unfair der niedrige Preis der Kaffeebohnen zustande kommt, wie wenig Geld die Kaffeebauern und Kaffeebohnenpflücker bekommen und wie viel Geld bei den Zwischenstationen danach bleibt. Dann gab es in den ersten „Dritte-Welt“-Läden fair gehandelten Kaffee, der viel teurer war als im Supermarkt. Inzwischen gibt es auch in vielen großen Supermärkten „fairen Kaffee“, und es gibt christliche Gemeinden und ganze Kirchenkreise, die völlig umgestellt haben und bei all ihren Veranstaltungen nur fair gehandelten Kaffee anbieten. Bei den Kaffeebohnen also wird unsere Verflochtenheit mit den fernen Ländern unserer einen Welt ganz deutlich, auch der Einfluss, den wir als Verbraucher auf Anpflanzung und Ernte, auf den gerechten Arbeitslohn der Pflücker und den Weg des Zwischenhandels haben.

So bringt der „Tag des Kaffees“, über den ich zunächst geschmunzelt habe, mich ins Nachdenken. Mir wird bewusst, wie wichtig mir der Kaffee ist und dass er mich wie selbstverständlich im Leben begleitet, ich sehe, wie er mich mit fernen Ländern verbindet, und mir wird klar, dass ich als Verbraucher/-in eine gewisse Macht auf die Herstellungs- und Vertriebswege habe.
Sind Sie auch Kaffeetrinker? Oder ziehen Sie den Tee vor?
Wie auch immer: Möge Ihnen die nächste heiße Tasse ein bisschen Muße schenken!


Pfrn. Simone Conrad

30. August 2015

Eigentlich bin ich stolz

von Pfrn. Simone Conrad, Birkelbach

Eigentlich bin ich stolz, eine Deutsche zu sein. Ich darf in einem Land leben mit wunderschönen Wäldern, weiten Seen und salzigem Meer. Einem Land, in dem die Menschen ein Recht auf Religions- und Meinungsfreiheit haben. Einem Land, das ein soziales Netz und ein Krankenversicherungssystem hat. In dem die Kinder zur Schule gehen dürfen und ohne Ansehen des Elternhauses ein Recht auf Bildung haben.

Ja, ich bin stolz, eine Deutsche zu sein. Eigentlich. Das war nicht immer so bei mir – das mit dem Stolz. Als ich noch zur Schule ging – vor ewigen Zeiten – waren der Terror und die Verbrechen des NS-Regimes im Unterricht allgegenwärtig.
Nationalbewusstsein und Stolz machten misstrauisch – zu tief saß der Stachel der Vergangenheit mit der Schuld, die unser Volk auf sich geladen hat.
Es wurde mir fast schwer, zu sagen: „Ich bin Deutsche – und das ist gut so.“ Damals, als ich Jugendliche war. Dann haben die Zeiten sich geändert – langsam, behutsam.
Die Wende, die Fußballweltmeisterschaft, ein offener Blick auf Europa – all dies hat mit dazu beitragen, dass wir Deutsche langsam wieder unbelastet und unverdächtig sagen konnten: Ich bin stolz, ein Deutscher, eine Deutsche zu sein. Wie gesagt – eigentlich.

Warum eigentlich? Weil es mir zurzeit nicht über die Lippen kommt: Ich bin stolz. Nein. Im Gegenteil: Ich schäme mich. Ich schäme mich für das, was in Teilen unseres Landes geschieht. Ich schäme mich dafür, dass Menschen, die aus Kriegs- oder Krisengebieten nach Deutschland fliehen, nun auch in unserem Land Angst haben müssen. Ich schäme mich für die Menschenverachtung, die aus den Worten all derer spricht, die unbeirrt ein Urteil fällen, ohne auch nur einen Asylsuchenden persönlich zu kennen. Ich schäme mich für alle Vor-Urteile und alle Ver-Urteilungen, für Hass und Gewalt. Und ich wünsche mir von Herzen, dass wir es schaffen, gegen diese Fremdenangst und diesen Hass den Mund aufzumachen. Dass wir nicht einfach den Kopf in den Sand stecken: Ich seh‘ ja nichts. Sondern dass wir uns ein Beispiel nehmen an denen, die helfen, die anfassen, wo sie können, die ihre Kreativität und ihr Engagement einbringen, damit aus Fremden Freunde werden. Gott selbst findet im dritten Buch Mose ganz klare Worte:
"Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst.“ (3. Mose 19, 34).
Wir müssen versuchen, ein Stück der Menschenfreundlichkeit Gottes zu leben. Damit wir wieder stolz sein können auf uns - nicht nur eigentlich.


Pfrn. Kerstin Grünert

23. August 2015

Lasst uns aufeinander achten!

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Ich kann mich noch genau daran erinnern. Man hatte mir von ihr erzählt. „Sie belohnt dich, wenn du besonders tapfer bist. Verlierst du deinen ersten Zahn, dann leg ihn unter dein Kopfkissen und dann bringt die Zahnfee dir ein Geschenk dafür.“ Für meinen ersten rausgefallenen Milchzahn bekam ich ein Monchichi. Am 22. August feiert die Welt den Tag der Zahnfee – oder auch nicht. Ich weiß ja nicht, inwiefern Sie diesen kuriosen Feiertag in Ihrem Kalender berücksichtigen… Seit den 1980er Jahren wird er begangen, um das Ritual zu würdigen.

Eine Lücke in der Zahnreihe steht für eine ganz große Sache. Wieder beginnt etwas Neues. Langsam, Stück für Stück wachsen die Kleinen an den neuen Aufgaben, die auf sie warten. Und nicht nur Schulkinder haben mit dem besonderen Großwerden zu tun, sondern die Erwachsenen auch. Jeden Tag lernen wir dazu, wachsen wir mit unseren Aufgaben, wie es so schön heißt. Und wir fallen auch immer wieder auf die Nase. Ja, es ist nicht einfach, den ganz normalen Alltag zu bewältigen und auch noch daran zu wachsen. Aber es lohnt sich. Jedes gelöste Problem, jede bewältigte Aufgabe blitzt als Trophäe für unser Selbstbewusstsein wie eine Zahnlücke im Mund eines I-Dötzchens.

Wackelige Zeiten werden mit einem Geschenk belohnt. Durchhalten lohnt sich, irgendwann wird es schon besser. Im Nachhinein kann man das immer hervorragend reflektieren und bestaunen, wie schnell der Weg durch das tiefe Tal doch gegangen ist. Dummerweise weiß man das ja nie, wenn man noch auf dem Weg ist, ihn gerade vor sich hat.

Jede Aufgabe, die ich bewältigen muss, ist immer auch ein Stück, auf dem Weg, den ich zu mir unterwegs bin. Der Weg zu dir selber hört nie auf, hinter dir geht’s abwärts und vor dir steil bergauf. Das hört sich schon extrem an, aber es steckt ja schon eine Wahrheit drin. Nichts, was ich mache, kann ich völlig losgelöst von mir als Person tun. In allem, was ich mache, ist immer ein Stück Kerstin mit dabei – mal größer mal kleiner. Und es gibt eben Angelegenheiten, die fühlen sich an, wie ein Wackelzahn. Dann bin ich unsicher und fühle mich wackelig, nicht stark genug, mit einem Ruck den Zahn, der sowieso nur noch an einem Faden zu hängen scheint, rauszuziehen. Dann schaue ich mich um und suche Unterstützung oder auch jemanden, auf den ich meine Verantwortung abschieben kann. Aber vielleicht erinnern Sie sich noch: Zähne zieht man sich am besten selbst. Den Weg zu mir selbst kann ich nur alleine zurücklegen.

Aber ich möchte Wegbegleiter haben. Menschen, die mich auf das gute Ende hoffen lassen. Ich brauche jemanden, der mir von der Zahnfee erzählt, die mein Tapfer-Sein mit einem Geschenk belohnt. Lasst uns aufeinander achten! Gott sei Dank gibt es diese Menschen. Den Weg muss ich alleine gehen, aber ich werde aufmunternd losgeschickt und weiß, dass man mich liebevoll und gespannt erwartet.


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

16. August 2015

Kein totes Kapital

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Der Laaspher Bosch-Brauerei ist in den vergangenen Tagen das Leergut ausgegangen. So musste am Montag sogar kurzfristig der Nachfüllprozess gestoppt werden. Deshalb hat die Firma einen Aufruf gestartet, leere Pfandflaschen doch wieder schnell in den Handel zurückzubringen.

Das gute Sommerwetter der vergangenen Wochen gab viele Gelegenheiten für Gartenpartys und Grillabende und es wurde über einen längeren Zeitraum mehr Bier verkauft als im Durchschnitt. Vielleicht hat auch mancher bei den hohen Temperaturen keine Lust gehabt, die leeren Kisten aus dem Getränkekeller zu entsorgen, und so war der normale Kreislauf der Flaschen gestört.

Mein Schwiegervater war Betriebswirtschaftler und pflegte eine größere Ansammlung von leeren Pfandflaschen schmunzelnd als „totes Kapital“ zu bezeichnen. Ich wage es einmal, das Bild der Pfandflasche auf uns Menschen zu übertragen. Da bin ich übrigens nicht die erste. Paulus hat es schon ganz ähnlich im Römerbrief formuliert, als er über Gottes freie Gnadenwahl nachgedacht hat. So hat Gott uns geschaffen, „damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hat“ (Römer 9, 23).

In einem ungestörten Kreislauf gehören wir Menschenflaschen regelmäßig zum Hersteller zurück. Sonst klemmt es im guten Kreislauf und der Nachfüllprozess kommt ins Stocken. Der Gottesdienst ist für Christinnen und Christen so ein Nachfüllstandort Gottes. Kraftlos durch die zahlreichen Anforderungen des Alltags sind viele erschöpft, ausgepowert und innerlich leer. „Wie eine leere Flasche“ ist ja auch zur Zustandsbeschreibung geworden.

Zu müde und angestrengt um sonntags noch für den Gottesdienst aufzustehen? Das ist auch anstrengend. Zugegeben. Es ist eben manchmal wie Kisten schleppen bei 30 Grad. Und je mehr Leergut sich angesammelt hat, desto mühsamer wird das Vorhaben. Aber das ist nun mal der sinnvolle Weg, der funktioniert: Zurück zum Hersteller. Von Gott neu gereinigt und mit seinem frischen Etikett „Mein geliebter Mensch“ versehen und wieder mit dem gefüllt zu werden, was die Woche über einen selbst und die anderen erfrischt: mit Gottes Liebe, seiner Barmherzigkeit, seinem Segen. Das soll die Woche kräftig ausgeschenkt werden und man sich selbst dabei ruhig erschöpfen.

So ist das gedacht mit den Pfandflaschen Menschen. Nur zum innerlich leer und hohl Herumliegen sind wir nicht geschaffen. Und keine Sorge. Gott kennt keinen Mangel, bei ihm bleibt man nicht unerfüllt, er lässt niemanden leer ausgehen, denn „von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade“ (Johannes 1, 16). Also raus aus dem geistlichen Keller des toten Kapitals und rein in die Gottesdienste!


Pfrn. Simone Conrad

9. August 2015

Gott hat Dich lieb - auch ohne Eins

von Pfrn. Simone Conrad, Birkelbach

Heute ist er da. Er, der Gefürchtete: der letzte Sonntag der Ferien. Am Mittwoch geht es für die Kinder und Jugendlichen wieder in die Schule, für Lehrerinnen und Lehrer ist der Arbeitsalltag schon in der vergangenen Woche angebrochen, für die I-Männchen beginnt der neue Lebensabschnitt am Donnerstag. Ferienende - von manchen gefürchtet, von manchen herbeigesehnt. Mir begegnen dabei in den vergangenen Tagen Menschen mit ganz verschiedenen Gefühlen: da sind die neuen Erstklässler, die es kaum erwarten können und die dem ersten Schultag entgegenfiebern mit Aufregung, Neugierde und Stolz. Da sind die Kinder, die sich freuen, ihre Freunde wiederzusehen, und diejenigen, die sich ganz und gar nicht auf das Wiedersehen mit den Schulbüchern freuen. Da gibt es die jungen Menschen, die im kommenden Schuljahr ihren Abschluss machen: Fragen sind mit im Gefühlschaos, vielleicht ein wenig Ängstlichkeit, ob auch alles so klappt, wie man sich das vorstellt, eine gehörige Portion Druck: möglichst gute Noten für dieses letzte Jahr!

Überhaupt, der Druck: Manchmal habe ich das Gefühl, dass der Druck auf unsere Kinder stetig steigt. Egal, ob in der Schule oder an der Uni, im Studium: das Leistungsdenken wächst. Wer da nicht mithalten kann, fällt schnell durchs Raster. Oft gibt es auch Druck von den Eltern: Man will ja nur das Beste für das Kind. Aber ist das abhängig von guten Noten? Und was ist das Beste: Ehrgeiz und Leistung? Oder vielleicht: Fröhlichkeit und Zufriedenheit? Es scheint immer schwerer zu werden, hier eine gesunde Mischung zu finden.

Und deshalb mein Wunsch für das neue Schuljahr: Ein gutes Miteinander aus Ehrgeiz und Lebensfreude. Die muss nämlich auch noch Platz haben im Leben, mehr als man meint. Ein Mensch – auch Schüler und Schülerinnen! – besteht aus mehr, als aus Zensuren. Und der Wert eines Kindes oder überhaupt eines Menschen ist nicht an seiner Leistung festzumachen – auch wenn unsere Gesellschaft das leider mehr und mehr tut. Bei Gott gelten – Gott-sei-Dank – andere Maßstäbe. Da sind wir alle etwas wert, oder, um es anders zu formulieren: Gott hat Dich lieb - auch ohne Eins. Punkt. Einen guten Start ins neue Schuljahr!


Pfr. Thomas Janetzki

2. August 2015

Meine kleine Urlaubscheckliste

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

<nun> </nun>

Und jetzt, wo die Ferien fast zu Ende sind: Haben wir das Gefühl, dass auf unserer Checkliste wirklich alles aufgeschrieben war? Ich glaube nämlich, dass bei vielen doch noch etwas Wichtiges gefehlt hat: Viele Menschen haben sich nämlich selbst gar nicht aufgelistet und eingepackt! Es fehlte noch ihr eigenes Leben mit all seinen schönen Seiten und mit dem, was sie bedrückt, mit dem, worauf sie sich freuen. Es fehlte noch die Gewissheit, dass diese Zeit, diese Ferien, geschenkt sind, dass sie Gaben Gottes sind; es fehlt noch die Gewissheit, dass Gott mir auch meine Freizeit gibt, damit ich mich erhole.

Das ist es, was auf keiner der Checklisten erwähnt ist, was ich auch selbst immer wieder einmal vergesse: Wie kann ein Urlaub gelingen, wenn ich vergesse, mich selbst mitzunehmen? Wie kann ich mich entspannen, wenn ich es eigentlich gar nicht schaffe, innerlich richtig Urlaub zu nehmen, wirklich als ganzer Mensch wegzufahren, in dem Bewusstsein, diese Stunden und Tage geschenkt zu bekommen?

Haben Sie es geschafft, sich selbst in ihren Urlaub, in ihre Ferien mitzunehmen? Ich zumindest nehme mir vor, genau dieses für die restlichen Ferientage und in Zukunft bewusst zu versuchen: Mich selbst mitzunehmen, mit meiner Familie Freizeit zu erleben, zu genießen und zu gestalten, in dem Bewusstsein: Diese Zeit, all die gemeinsamen Tage und Stunden sind dir geschenkt. Nutze sie, genieße sie - es ist Zeit aus Gottes Händen!

Auf einer Karte habe ich einmal gelesen: Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe.Erlauben wir uns doch einfach einmal zu singen, Ferien zu haben, Freude zu empfinden, einmal frei zu sein und unbeschwert... Wir dürfen das, glauben Sie mir! Gott will fröhliche Kinder, die spielen und sich freuen können. Gott will ausgeglichene Menschen mit genügend Erholung und nicht gebeugte, pflichterfüllte, von der Arbeit und den tausend Mühen des Lebens bedrückte oder besessene, die gar nicht mehr die Schönheit der Welt und des Lebens sehen und genießen können. Und er will das alles auch deshalb, weil wir dann als entspannte, fröhliche Menschen hinterher den anderen etwas weitergeben können von der Kraft und den guten Gedanken, die wir im Urlaub, bei Spaß und Spiel gesammelt haben.

Vergessen Sie das nicht auf Ihrer Checkliste für den Urlaub und für den Rest der Ferien!


Thomas Lindner

26. Juli 2015

God Is Still Speaking

von Thomas Lindner, Kompetenzzentrum

Manchmal habe ich mir in meinem Leben gewünscht, zur Zeit Jesu gelebt zu haben, ihm begegnet zu sein und seine Wunder gesehen zu haben. Ach, was wäre das schön gewesen, wie einfach wäre es gewesen, an ihn zu glauben und ihm nachzufolgen. Oder wenn es wenigstens heute noch wie damals Wunder gäbe, wie leicht könnte ich so viele Menschen davon überzeugen, dass es Jesus wirklich gibt.

Aber, wenn ich genau in die Bibel schaue erkenne ich: Upps, obwohl die Menschen damals Jesus begegnen und obwohl sie seine Wunder sehen konnten, sind ihm sehr viele nicht nachgefolgt, haben ihm nicht geglaubt, dass er der Retter ist. Okay, so ein Vorteil mit dem damals Leben scheint es nicht gewesen zu sein. Dann aber wenigstens heute mal zwischendurch ein Wunder, wenigstens ein kleines. Und tatsächlich erlebe ich Wunder auch heute immer wieder. Ich hab‘ gelernt, die Augen aufzumachen und die kleinen und großen Wunder in meinem Leben zu erkennen.

Von einem möchte ich heute erzählen. Seit nunmehr zwei Wochen sind die Wittgensteiner Young Ambassadors in Amerika. Der Hinflug verlief nicht ganz planmäßig. Durch eine Verzögerung in der Einreisekontrolle wurden zwei Jugendliche und ich in Philadelphia von dem Rest der Gruppe getrennt. Wir entschieden, dass die 14 verbliebenen den Originalflug nehmen sollten und wir drei den nächstmöglichen. Nach zwei Stunden gelang es uns endlich, durch alle Kontrollen durchzukommen und einen Weiterflug zu buchen. Inzwischen fühlte sich die andere Gruppe alles andere als wohl, wusste sie doch, dass sie nicht komplett in Indianapolis unseren amerikanischen Gastgebern gegenüber stehen würde. Doch das Wunder ging vom Himmel aus. Ihr Flugzeug wurde wegen eines herannahenden Sturms auf dem Rollfeld gestoppt, alle mussten wieder in das Gebäude zurück. Nun hieß es für beide Gruppen, an unterschiedlichen Orten auf den Weiterflug zu warten.

Wegen des Sturmes wurde auch der Flug der drei Einzelkämpfer gecancelt. Am Schalter der Fluggesellschaft konnte ihnen nur eine Übernachtung in einem Hotel angeboten werden. Just in diesem Moment erreichte mich die Anfrage meiner Leitungs-Kollegin in der anderen Gruppe, ob ich nicht versuchen könnte, auf den Originalflug umzubuchen, da sie immer noch warten mussten. Und es gelang – Gott sei Dank – tatsächlich. Kaum hatte die Gruppe zusammengefunden, klarte der Himmel auf, und das Flugzeug konnte Richtung Indianapolis starten, wo sich dann tatsächlich alle 34 Young Ambassadors gegenüber treten konnten. Fünf Stunden zu spät, müde, aber sehr glücklich und allen war klar: Wunder passieren auch heute noch. Ein weiterer Beweis für das Leitmotiv unserer amerikanischen Partnerkirche, der United Church of Christ: „God Is Still Speaking.“ Auf Deutsch: Gott spricht noch. Frei übersetzt: Gott gibt uns weiterhin Zeichen.

Ich könnte viele solcher Erlebnisse erzählen, für mich gibt es kein „Glück gehabt“. Und ich bin mir sicher, dass auch Sie mit aufmerksamen Augen und Herzen viele kleine und große Wunder erleben können.


Vikar Dr. Tim Elkar

19. Juli 2015

Hinter Gittern

von Vikar Dr. Tim Elkar, Raumland

Was haben Josef, Simson, Hanani, Micha ben Jimla, Jeremia, Hosea, Jojachin, Zedekia, Johannes der Täufer, Jesus, Petrus und Paulus gemeinsam? Sie alle saßen eine Zeitlang im Gefängnis. Was haben Mose, Kain und Jakob gemeinsam? Sie alle hätten nach heutigen Maßstäben im Gefängnis sitzen müssen. Gefängnis und Judentum, Gefängnis und Christentum, beides gehört von Anfang an zusammen.

Jetzt werden Sie sich vielleicht fragen, was Sie mit Gefängnis zu tun haben mögen, dies ist doch weit weg. Sie leben anständig und halten sich an Gesetz und Ordnung. Die da im Gefängnis sind weit, sehr weit weg. Da werde ich nicht hinkommen, zu den richtig schweren Jungs.

So ging es mir ehrlich gesagt auch, als ich mich aufgemacht habe, eine Woche lang ein Praktikum beim Gefängnis-Seelsorger zu machen. Ich dachte mir jetzt bekommst du es mit richtig harten Jungs zu tun. Angekommen vor dem Gefängnis in Attendorn schien sich mein Eindruck zu bestätigen. Wenn man dort vor der Justizvollzugsanstalt ankommt, dann ist das eine andere Welt als die, die ich aus der Kirchengemeinde kenne.

Hohe Mauern, alles überwacht, viele Kontrollen bis man bei den Gefangenen drinnen ist und keine Chance hat, so einfach herauszukommen. Da saß ich dann dort und wartete auf die ersten Gefangenen. Und schnell hat sich mein Bild doch ausdifferenziert. Sicherlich gibt es die richtig harten Jungs, die schon einiges auf dem Kerbholz haben, angefangen von Körperverletzung hin zu schlimmeren Delikten. Da blieb der oben beschriebene Graben doch bestehen. Aber nicht alles ist gleich im Gefängnis, wenn man sich wirklich mal die Geschichten der Gefangenen anhört.

Da gibt es Menschen, die selbstständig waren, vielleicht einen kleinen Betrieb hatten und von den Aufträgen lebten. Ein größerer Auftrag war in Sicht und man hat ihn angenommen. Aber dann zahlt plötzlich der Auftraggeber nicht mehr und der kleine Betrieb kann die Rechnungen nicht mehr bedienen. Tja und dann versucht man doch mit dem einen oder anderen Trick die Gehälter der Angestellten zu bezahlen und eine Abseitsspirale setzt sich in Gang. Letztendlich landet der Selbständige dann in Attendorn.

Solche und andere Beispiele haben mich zum Nachdenken gebracht. Das Gefängnis - so weit ist es von unserem Leben nicht entfernt. Gut ist es zu wissen, dass es Menschen gibt, die Gefangene besuchen und sich um sie kümmern. So tut dies der dortige Gefängnispfarrer, so tun dies aber auch einige ehrenamtliche Mitarbeitende. Sie verwirklichen die Botschaft, dass ein Gefangener auch ein Mensch und ein geliebtes Kind Gottes ist.

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, wie dankbar gerade Gefangene sind, wenn sie Zuwendung erfahren. Es ist gut, dass wir als Kirche dahin gehen, wo andere schon längst nicht mehr hingehen. Jesus Christus selbst sagt: „Ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht.“ Dies ist aber nur der Anfang der Geschichte. Jesus antwortet seinen Jünger, als sie ihn fragen, wann sie ihn im Gefängnis besucht haben: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Gerade in den vermeintlich geringsten Menschen begegnen wir unserem Herrn.

Gefängnis, Kirche und Christentum, das gehört zusammen, so hat es Jesus Christus gewollt.


Pfrn. Heike Lilienthal

12. Juli 2015

Mögen deine Tage voller Lachen sein

von Pfrn. Heike Lilienthal, Kirchenkreis-Region II

Ein Frauenkreis schenkte mir ein kleines Büchlein mit irischen Segenssprüchen.

„Mögen deine Tage voller Lachen sein“ stand auf dem Buchdeckel. Wer diesen Segenswunsch verfasst hat, hat sicherlich die heilende Wirkung des Lachens erfahren. Ob dahinter auch ein Mensch steht, der viele Tage bar jeden Lachens kennt und weiß, wie sich das anfühlt? Und der sich gesehnt hat nach der Freude, die das Lachen in sich birgt?

Viele Jahre meines Lebens gehörte ich zu den eher ernsten Menschen. Richtig fröhlich sein und herzhaft lachen kamen seltener darin vor. Eine deutliche Veränderung fand in mir statt in den Jahren, in denen ich in neurologischen Fachkliniken Dienst tat. Durch die Patientinnen und Patienten mit ihren unheilbaren Krankheiten lernte ich lachen. Dafür bin ich diesen Menschen sehr dankbar. Ich kenne sehr deutlich den Unterschied zwischen den Tagen, wo mir viel nach Lachen zumute ist, wo die Freude in mir Raum genommen hat und ich mit Humor auf das Leben blicken kann. Und den Tagen, wo mir das Lachen vergeht, überhaupt nicht in den Sinn, in den Ausdruck kommt. Das sind meist Tage, in denen etwas mich niederdrückt, mir Sorgen bereitet. Wie viel heller, zufriedener, erfüllter empfinde ich die Stunden und Tage, in denen ich einfach mal lachen kann, von Herzen. Einfach lachen. Ohne besonderen Grund. Manchmal steigt es in mir auf, wie aus einer unbekannten Quelle der Freude. Ein Lachen, das in mir die Sonne aufgehen lässt.

Mögen auch Ihre Tage immer wieder, immer öfter voller Lachen sein.


Pfrn. Christine Liedtke

5. Juli 2015

Ein neuer Blick auf die Vogelstange

von Pfrn. Christine Liedtke

Wenn jetzt in der Sommerzeit überall in unseren Dörfern und Städtchen wieder die Schützenfeste stattfinden, dann geht es um Geselligkeit und Festfreude, aber auch um Treffsicherheit und darum, ein Ziel ins Visier zu nehmen. Früher war der Schütze einer, der mit Pfeil und Bogen umgehen konnte. Heute schießen Bogenschützen nicht nur aus sportlichem Ehrgeiz, sondern auch in Verbindung mit Meditation oder zur Lebensschulung. Kann das Schießen auf ein Ziel uns etwas über das Leben lehren?

Zunächst eine kleine Geschichte: Ein Mann fuhr an einer Farm vorbei, als eine Beobachtung seine Aufmerksamkeit erregte: An der Seite einer Scheune waren zahlreiche Zielscheiben zu sehen, in deren Mittelpunkt jeweils ein Pfeil steckte. Er war erstaunt über die Leistung eines solchen Meisterschützen. Er hielt an, um den Farmer für seine Fertigkeit im Umgang mit Pfeil und Bogen zu beglückwünschen. Der Farmer wehrte ab: „Das stammt nicht von mir,“ erklärte er, „das hat der Dorftrottel gemacht; er kommt öfters zu meiner Farm, schießt Pfeile auf meine Scheune ab und malt dann die Zielscheiben drum herum.“

In dieser Geschichte steht der Dorftrottel für einen Menschen, der sich nicht die Mühe macht, ein Ziel zu verfolgen, sondern der einfach aufs Geratewohl losschießt und dann das Ziel nachträglich bestimmt. Hand aufs Herz: Wie leben wir unser Leben? Leben wir auch einfach drauflos und malen dann einen Kreis um das, was wir gerade tun, und behaupten siegesbewusst, damit ins Schwarze getroffen zu haben? Oder haben wir ein Ziel vor Augen und leben auf dieses Ziel hin und trainieren und verbessern unsere Treffsicherheit? Und falls wir ein Ziel vor Augen haben: welches ist es?

Zu Jesus kam einmal ein Mensch und fragte ihn genau das: Was soll das Ziel meines Lebens sein, wofür lohnt es sich, mich mit all meiner Kraft anzustrengen? Jesus entwickelt gemeinsam mit dem Fragenden die Antwort, welche die Bibel gibt: „Du sollst Gott den Herrn lieben von ganzem Herzen und deinen Mitmenschen wie dich selbst.“ (Lukas 10, 27) Dieses sogenannte Doppelgebot der Liebe“ lässt unser Leben an sein Ziel kommen: Liebe zu Gott und Liebe zu unseren Mitmenschen. So einfach ist das? So einfach und so schwer ist das!

In Jesu Bibel, dem Alten Testament, bedeutet das hebräische Wort für „sündigen“: das Ziel verfehlen. Und so kann der Schütze, der konzentriert das Ziel anvisiert, der sich um eine richtige Haltung bemüht, der Ruhe und Stille in sich willkommen heißt, der dann gelassen Pfeil oder Kugel auf den Weg bringt, der im Hinterherschauen lernt, was er demnächst noch verbessern kann, - so kann der Schütze durchaus ein Bild sein für den Menschen, der im Sinne Gottes das Leben nicht verfehlt: der die Liebe ins Ziel nimmt, der sich auf den Weg der Nachfolge Jesu macht und zielbewusst versucht, in seinem Leben immer mehr die Liebe zu leben.

Vielleicht stehen wir demnächst an der Vogelstange mit anderen Augen - und entdecken für uns dort ein Stück Lebensschulung! Gott segne Sie dazu!


Pfr. Stefan Berk

28. Juni 2015

Ehrenamt fördern!

von Superintendent Stefan Berk

Am Mittwoch war ich wieder zu Gast auf der Sommersynode des Kirchenkreises Siegen. Und weil die Tagesordnung ein wenig hinter der Zeit her lief, platzte ich mitten hinein in die Gespräche in kleinen Gruppen zum Thema „Ehrenamt“, die eigentlich zu dieser Zeit schon abgeschlossen sein sollten.

Manchmal spürt man ja als Gast deutlicher, was für eine Atmosphäre in einer Gruppe von Menschen herrscht. Hier war – obwohl in dieser großen Turnhalle sechs Runden diskutierten! - zu spüren, dass die Leute engagiert und konzentriert miteinander ins Gespräch vertieft waren. Beeindruckend!

Ehrenamt – das ist ja für viele Vereine und Institutionen ein brennendes Thema. Um die Ehrenamtlichen wird geworben, man erstellt Konzepte, bei denen es um Wertschätzung und Fortbildung geht. Längst ist die Zeit vorbei, wo man alle Herausforderungen mit neuen Stellen lösen konnte. Aber ist das jetzt der richtige Weg?

Vielleicht ist uns das Wort im Weg. Das mit der Ehre kommt einem ja irgendwie suspekt vor, seitdem auch in unserem Land hier und da sogenannte „Ehrenmorde“ passieren. Zugegeben, die haben einen anderen kulturellen Hintergrund – aber da verzichte ich doch lieber auf Ehre, oder? Und ein Amt zu übernehmen – davor schrecken viele zurück. Nicht, weil sich vor Verantwortung drücken wollen, sondern weil sie ahnen, dass man sich damit auch bindet. Und wer weiß schon, was in drei oder fünf Jahren sein wird?

Dabei ist das mit der Ehre eigentlich eine gute Sache, die wir in unserer Gesellschaft dringend brauchen. Ich fand die Erklärung im Studium schon immer erstaunlich, jedenfalls wenn man – das ist für mich als Pastor ja naheliegend – in der Bibel forscht. Da bedeutet das hebräische Wort für Ehre nämlich „Gewicht“, „Bedeutung“. Also könnte man sagen: Wen ich ehre, dem gebe ich Gewicht, der hat Bedeutung. Seine Meinung zählt, und was dieser Mensch tut, ist wichtig.

So gesehen, gibt es nach wie vor ungezählte „Ehrenämter“. So viele Menschen engagieren sich – für andere oder für wichtige Anliegen, ohne überhaupt danach zu fragen, ob jemand sie dafür ehrt. Was sie tun, ist ihnen Ehre genug, weil sie wichtig sind. Nicht um anzugeben, sondern weil sie für andere da sein können. Könnte man da nicht umgekehrt auch sagen: Es ist mir eine Ehre, dass ich mich engagieren kann? Dass ich gebraucht werde? Dass ich das einsetzen kann, was mir als Begabung geschenkt worden ist?

Vielleicht gehört es am Ende ja zu unserer Menschlichkeit, nicht nur an mich selbst zu denken, sondern andere in den Blick zu nehmen – die eigene Familie, die Nachbarn, das Dorf, in dem ich lebe. Vielleicht brauchen wir diesen Einsatz über unser eigenes Leben hinaus, damit wir in unserer Seele nicht verkümmern. Für mich ist das die Ehre, die Gott allen Menschen in die Wiege gelegt hat.

Wenn sich dann jemand bedankt und ich antworten kann: „Es ist mir eine Ehre“, dann ist alles gut. Und das „Ehrenamt“ behält seinen guten Platz in unserer Gesellschaft, trotz der „Ehre“ und dem „Amt“. Wir sollten uns davon jedenfalls nicht abschrecken lassen!


Pfr. Peter Liedtke

21. Juni 2015

Gegenseitiges Geben und Nehmen

von Flüchtlingspfarrer Peter Liedtke

Es ist zum Davonlaufen – an Tagen wie diesen. Das Finanzamt mahnt die Steuererklärung an. Die Heizungsreparatur frisst die letzten Reserven auf. Beim dringenden Arzttermin gibt es eine lange Wartezeit. Die Urlaubsvertretung fällt aus. Mit dem Nachbarn bricht der alte Streit wieder auf. Es ist zum Davonlaufen. Ob Ihre Liste so aussieht oder anders, es gibt Zeiten, da befällt uns das Gefühl, eine schwere Last zu schleppen, die uns niederdrückt, uns lähmt, jedes Interesse an den nächsten Tagen löscht. Manchmal lösen sich Probleme auf. Andere Sorgen begleiten uns, treuer als mancher Freund.

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid“, so lädt Jesus ein. Nicht nur als Kummerkasten stand er den Menschen zur Verfügung. Seine Hilfe war handfest und konkret. Für die Schwachen und Ausgegrenzten tat er das ihm Mögliche, und das war mehr als das Menschen-Mögliche. Wo er auf Leidende traf, verwandelte sich ihr Leben. Was ihnen auf der Seele lag, wurde ihnen abgenommen und zugleich verbesserten sich auch ihre konkreten Lebensbedingungen.

Heute sollen wir Jesu Ohr und Jesu Mund sein, seine Füße und seine Hände. In Jesu Nachfolge liegt es an uns, die Botschaft lebendig werden zu lassen. Eine Botschaft, die Gott wirkt, die durch uns aber zur Sprache kommt.

An Tagen, die zum Davonlaufen sind, ersehnen wir jemanden, der die Kraft gibt, durchzuhalten. Eine Hand, die mit anpackt, tut gut. Ein Zuhörer, der uns versteht, wirkt Wunder. Jemand, der unsere Mühen hineinstellt in Gottes Weg mit uns, verändert alles. Und wenn wir es trotzdem nicht mehr aushalten, wenn der Druck zu groß, die Leidenszeit zu lang ist, dann brauchen wir einen Ort, wohin wir flüchten können, Menschen, die uns auffangen und wieder auf die Beine stellen, Freunde, bei denen wir ein neues Zuhause finden, auf Zeit oder auf Dauer. Sie leben, was Jesus getan hat und was er sich von uns wünscht.

Viele Menschen laufen im Moment davon. Unter uns fliehen viele in seelische und körperliche Erkrankungen, in Sucht oder Gewalt. Denn wir sehen keinen Ort, an dem wir Rettung erhoffen könnten. In anderen Ländern gibt es eine Sicht von Europa, die das Bild einer Rettungsinsel vermittelt. Die Leidenden aus diesen Ländern laufen vor Verhältnissen davon, die ebenfalls schlimm sind, in meiner Wahrnehmung noch viel grausamer als unsere Lasten.

Gerade deshalb lassen Sie uns solidarisisch sein mit den Flüchtlingen, sie willkommen heißen, uns gegenseitig stützen. Auch sie vermögen uns etwas zu geben, unter anderem ein Vertrauen auf Gottes Wege, das uns verloren zu gehen scheint. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen, wenn wir Jesu Aufforderung leben und dann erfahren dürfen, wie wir uns gegenseitig erquicken.


Pfrn. Kerstin Grünert

14. Juni 2015

Nur wenn die Harmonie stimmt

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Was sind Sie für ein Typ: Tenor oder Bass, Sopran oder Alt? Es geht um die Stimme. In einem Chor zum Beispiel ist es wichtig, dass die Stimmen zusammen zum Klingen kommen. Dass sie auch zueinander passen. Es muss harmonisch sein, schiefe Zwischentöne passen da nicht rein. Und irgendwie lässt sich das System der Harmonie aus der Musik doch auch auf jede Form der Gemeinschaft übertragen. Eine Gemeinschaft funktioniert nur, wenn die Harmonie stimmt.

Ach, das ist aber doch sehr idealistisch, ja fast naiv gedacht. Pure Harmonie gibt es doch nirgendwo, außer vielleicht in der Musik. Sie kennen bestimmt den Film „Wie im Himmel“. Er ist schon vor einigen Jahren 'rausgekommen, aber – wie ich finde – immer noch das beste Beispiel dafür, wie wichtig es ist, dass zwischen Menschen, die etwas gemeinsam bewegen wollen, die Harmonie stimmen muss. Da kommt der berühmte Dirigent und macht aus einem kleinen Provinzkirchenchor ein wahrhaft künstlerisches Ensemble. Menschen unterschiedlichster Art finden zusammen und bringen ihre Stimmen zum Klingen. Sie wachsen zu einer Einheit zusammen und entwickeln eine Stärke, die sie nahezu jede Hürde nehmen lässt. Da wird die Chorgemeinschaft zu einer Gemeinschaft, die bei Problemen im Alltag helfen und tragen kann. Aber auch diese Harmonie klingt nicht immer perfekt. An einem Abend zum Beispiel klappt es mit dem Singen überhaupt nicht. Die Töne wollen einfach nicht zusammen passen. Und wie löst der Dirigent das Problem? Er forscht nach, was die Harmonie an diesem Abend stört. Und es liegt nicht etwa daran, dass vielleicht ein paar Sänger erkältet sind oder die Stimmen nicht geölt sind. Nein, der Chor klingt nicht, weil es zu vieles gibt, das den reinen Klang verhindert. Die Sänger, jeder als Teil der Gruppe, nehmen beim anderen Misstöne wahr und wollen sie ausräumen. In der Chorprobe eskaliert die Situation. Es gibt Streit. Aber danach stimmen die Töne wieder, die Harmonie ist wieder da.

Eine Gemeinschaft funktioniert nur, wenn die Harmonie stimmt. Und damit die Harmonie stimmt, müssen wir aufmerksam sein. Wir müssen auf- und einander zuhören. Das ist gar nicht so einfach. Denn um den anderen richtig zu hören, muss ich mich für einen Moment ausschalten. Und das will ich ja vielleicht gar nicht. Dann hab ich Sorge, dass ich vielleicht zu kurz komme. Dann müsste ich hinterher umso lauter tönen, damit ich wieder wahrgenommen werde… Ja, die einzelnen Stimmen müssen aufeinander gut abgestimmt sein. Sonst läuft es in einer Gemeinschaft nicht rund. Es gibt viele Möglichkeiten für Gemeinschaft: Ein Leben lang oder auf Zeit, regelmäßig oder auch mal nur für einen Tag.

Aber immer gelten die gleichen Regeln der Harmonie. Die hohen Töne müssen manchmal tiefer und umgekehrt, die leisen müssen manchmal kräftiger hervortreten und die lauten müssen sich gelegentlich zurücknehmen. Und wenn es etwas gibt, das stört, dann muss ich darüber reden, weil sonst die Harmonie in Gefahr ist. Dann klingt es schief und die schrägen Töne nehmen Überhand und dann ist auf einmal die ganze Gemeinschaft in Gefahr. Teil einer Gemeinschaft zu sein ist zuweilen auch anstrengend. Ich muss akzeptieren, dass die anderen genauso wichtig sind wie ich. Das passt einem auch schon mal nicht so gut. Aber eigentlich überwiegen doch die Vorteile. In der Gemeinschaft erfahre ich Solidarität und Rückhalt in schwierigen Zeiten und Angelegenheiten. In Gemeinschaft profitiere ich von dem anderen und kann meine Gaben, meine Stimme für die anderen zur Verfügung stellen und einsetzen. Ich muss eben nur dazu bereit sein, meine Stimmlage gelegentlich zu überprüfen und anpassen zu wollen.


Pfrn. Silke van Doorn

7. Juni 2015

..damit wir klug werden

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Kirchentag ist. Dieses Jahr in Stuttgart. 1981 – vor 34 Jahren bin ich das erste Mal zum Kirchentag gefahren. Er war in Hamburg, stand unter dem Motto „Fürchte dich nicht“. Um überhaupt fahren zu können, bedürfte es eines großen Kampfes. Mein Vater wollte mich mit noch nicht ganz 15 Jahren nicht in den Sündenpfuhl Hamburg ziehen lassen. Und Kirche gegenüber war er überhaupt skeptisch eingestellt. Es wurde die großartigste Zeit meines bisherigen Lebens: Die Welt war da, Geist wehte, gesellschaftspolitische Verantwortung wurde ernsthaft durchbuchstabiert. Politik und Kirche rangen miteinander: Die Nachrüstungsdebatte war brennend heiß, Lateinamerika war geprägt von der Befreiungstheologie: Christinnen und Christen redeten Tacheles. Politiker mussten Rede und Antwort stehen. Hunderttausende Menschen rangen miteinander um den richtigen Weg, die Erde mit ihren Geschöpfen zu bewahren. Alles stand unter der Zusage: Fürchte dich nicht. Sie war nötig. Und dabei und danach war Trost da: Trost, weil so viele friedlich für eine sicherer, gerechtere Welt standen.

Stuttgart 2015 – damit wir klug werden. Ein wunderbares Motto in unsere Zeit gesprochen, in der Klugheit und Weisheit und Weitsicht und Umsicht zumindest nicht so sehr zu den Tugenden der Regierenden gehören. Und zu unsere auch nicht. Eigentlich steht dort „Lehre uns, unsere Tage zu zählen, damit wir ein weises Herz erlangen“. „Weise“ – das ist die Fähigkeit, Dinge richtig zu beurteilen und die geeigneten Mittel zu finden. Es ist die Weisheit, den Rätseln der Welt auf die Spur zu kommen. Es ist die Weisheit Gottes, die wir als Quelle der unsrigen erkennen wollen.

Jedes Mal neu freue ich mich auf den Kirchentag. Mit zunehmendem Alter fürchte ich die Menschenmengen mehr. Und doch: Immer noch suche ich die Gemeinschaft derer, die wissen, dass wir nur eine begrenzte Spanne haben, die wissen, dass wir auf alle erdenklichen Arten gemeinsam lernen und ringen und lachen müssen, damit unser Herz verständig und weise wird. Damit die Welt unseren Kindern verletzter und doch heiler übergeben wird.

Heute endet er, der Kirchentag. Wie viele Impulse, von denen einige bleiben mögen, sendet er in die Unruhe der Welt, in die Ängste der Menschen, damit wir klug werden und uns nicht fürchten?


Pfr. Thomas Janetzki

31. Mai 2015

Stell dir vor, es war Pfingsten…

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

Am Himmel regte sich kein Lüftchen. Nichts deutete auf etwas Besonderes hin. Und irgendwo hinter verschlossenen Türen die Freunde Jesu mit der bangen Frage, wie es denn nun weitergehen sollte, nachdem er sie verlassen hatte. Von Aufbruchsstimmung wirklich keine Spur - eher alle Türen verschlossen. Nein, mit der großen Überraschung Gottes an diesem Pfingsttag hatte wirklich keiner gerechnet. Aber wer Pfingsten feiert, der ist vor Überraschungen nie sicher. Denn Gottes Geist ist immer für eine Überraschung gut. Er lässt nicht alles beim Alten. Er bringt Menschen in Bewegung. Und plötzlich ist sie da, die Aufbruchsstimmung, mit der niemand gerechnet hatte – ist auf einmal Pfingsten!

Und wir? Unsere Kirche kocht ja oft eher auf Sparflamme, als sich neu entflammen zu lassen. Wir rechnen lieber dreimal nach, ob die Finanzen noch reichen, statt uns auf irgendwelche unberechenbaren Abenteuer mit dem Heiligen Geist einzulassen. Aber wer wirklich Pfingsten feiern will, der ist vor Überraschungen eben nicht sicher. Auch heute nicht - denn Gottes Geist öffnet Menschen den Mund, so wie damals.

Die Worte des Petrus gingen den Zuhörern durchs Herz. Aber warum eigentlich? Wenn sonst irgendwo eine riesige Menge zusammenläuft, dann wird meist von anderen großen Taten oder Missetaten geredet. Auf Parteitagen von den Taten der Partei, auf Fachkongressen von denen der Wissenschaft, in den Zeitungen von den letzten Verfehlungen der FIFA-Offiziellen… Überall dasselbe Lied: Wir reden eben gern von uns selbst oder über andere. Aber Gottes Geist macht uns den Mund auf, damit wir von unserem Glauben reden, von dem, was uns im Scheitern trägt und was uns Hoffnung gibt. Und wir brauchen in unserer Kirche, aber auch in der Politik, in der Öffentlichkeit, wieder Menschen, die sich von Gottes Geist, von der Ehrlichkeit und Verlässlichkeit, von dem Mut anstecken lassen, die er uns machen kann.

Viele Christen denken aber: Über meinen Glauben reden - das kann ich nicht. Mir fehlen die Worte - und der Mut auch. Aber Gottes Geist kann uns Mut und Worte geben, kann unsere Zunge lösen wie damals, wenn wir damit rechnen, dass er in uns und durch uns wirkt.

Ein arabisches Sprichwort sagt: „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen!“ Gott bietet uns an, nicht Mauern der Angst vor dem Neuen zu bauen, sondern Windmühlen, die er dann in Bewegung bringen kann! Wir können Gottes Geist zwar nicht herbeizwingen: Er weht, wo er will. Aber wir können in der scheinbaren Flaute, in der wir uns als Kirche zur Zeit befinden, Windmühlen aufstellen, um dann den Wind aufs Neue einzufangen, wenn wir ihn spüren. Aber wenn wir das tun, sollten wir uns auch auf Überraschungen gefasst machen. Denn Gott will uns tatsächlich neu beleben. Sein Geist ist auch heute noch für Überraschungen gut - so wie vor fast 2000 Jahren. Also: Machen wir was draus!


Pfr. Steffen Post

24. Mai 2015

Wenn der Funke überspringt

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

Wie wichtig eine Zündkerze ist, habe ich von meinem Rasenmäher gelernt. Als ich ihn nach einer Mäh-Pause wieder anwerfen wollte, streikte der Motor. Nach einiger Zeit fand ich die Ursache: Die Zündkerze war völlig verdreckt. Also: Neue rein - und schon lief der Motor wieder wie am Schnürchen.
Glaubt man einer aktuellen Studie, dann verlieren die christlichen Kirchen weiter an Bedeutung. Der Motor der Kirchen scheint zu stottern; er läuft nicht mehr richtig rund; so fasse ich diese Einschätzung mal zusammen. Da kommt Pfingsten gerade recht: Gott schickt uns seinen Heiligen Geist, damit der göttliche Funke auf uns Menschen überspringt.
Pfingsten, das ist dann wie eine neue Zündkerze, mit der Gott den scheinbar stotternden Motor seiner Gemeinde in dieser Welt wieder ans Laufen bringen möchte.
Und so entdecke ich gerade um das Pfingstwochenende herum ein paar zündende Ideen, mit denen Menschen auch im Kirchenkreis Wittgenstein interessante Akzente setzen:

Bereits am Donnerstag wurde der "Spirituelle Sommer 2015" eröffnet; eine Angebotsreihe, bei der man u.a. beim Pilgern, bei Meditation und Gebet oder in besonderen Gottesdiensten "die spirituelle Seite von Südwestfalen" auf vielfältige Weise entdecken und sich Gottes Geist öffnen kann.
Heute findet die "Raumland Trophy 2015" statt. Sicherlich kein so berühmtes Fahrradrennen, wie die Tour de France, aber eine tolle Idee mit Hilfe eines Sponsorenlaufs auf Rädern die Arbeit der "Young Ambassadors", der "Jungen Botschafter" in unserem Kirchenkreis zu unterstützen, die sich auf ihre Begegnung mit der amerikanischen Partnerkirche in diesem Sommer vorbereiten. Bei den begeisternden Erfahrungen im internationalen Austausch wird deutlich, dass Gott seine Gemeinde auf der ganzen Welt hat und uns durch seinen Geist auch über Entfernungen hinweg verbindet.
Ebenso denke ich an ein Jubiläum: 40 Jahre "Freizeitzentrum Wemlighausen", das gerade zum "Abenteuerdorf Wittgenstein" umgebaut wird. Das ist ein gewagter Schritt, aber begeisterte Menschen packen mit an. 40 Jahre lang sind Schulklassen, Jugend- und Konfirmandengruppen bei Freizeiten und Tagungen neben Spaß und Spiel auch mit Fragen des Glaubens und Geschichten der Bibel in Kontakt gekommen. Bei Manchen ist der Funke übergesprungen, so dass sie zu Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in ihren Gemeinden wurden. Auch in Zukunft soll der Geist Gottes bei Angeboten und Aktionen an diesem Ort wehen. Im Jubiläumsgottesdienst am Pfingstmontag dürfen Sie sich von Gottes Geist berühren lassen und können sich anschließend ein Bild davon machen, was sich bisher getan hat.

Drei Beispiele, die mir zeigen: Wo wir Menschen offen sind für das Wirken von Gottes Geist, da bewegt er etwas. Wo Gottes Geist auf uns Menschen überspringt, uns entzündet, da kommt auch seine Gemeinde ans Laufen. So wünsche ich Ihnen begeisternde Pfingsttage und offene Sinne für Gottes Wirken auch in unserer Zeit.


Pfrn. Kerstin Grünert

17. Mai 2015

Einfach himmlisch!

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

„Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung fünf Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“
Ich hab das ja früher ganz gerne geschaut. Auf ZDF, allerdings nicht das Original, sondern Raumschiff Enterprise – das nächste Jahrhundert. Ich fand die Vorstellung einfach spannend, wie es wäre, so durch das All zu reisen und den Himmel zu erkunden. Galaxien, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.
Aber was ist der Himmel? Äh, ist die Frage nicht falsch? Heißt es nicht eher: Wo ist der Himmel?
Das weiß doch jeder: Der Himmel ist oben. Manchmal kann man ihn auch auf Erden finden, aber das ist auch eher eine Ausnahme. Okay, der Himmel ist oben. Aber WAS ist der Himmel? Ein Ort, im Jenseits? Wetterzusammenhänge? Sonne, Mond und Sterne?
Der Himmel, das ist das Haus von Gott! Aber das ist doch die Kirche?! Nein, Gott wohnt im Himmel. Schließlich muss er ja überall sein. Und im Himmel kommt man am besten überall hin. Den gibt es ja schließlich auch überall.
Richte ich den Blick nach oben, dann komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nicht nur nach dem Wetter gucken, sondern ergründen, was der Himmel ist. Allerdings gibt es im Himmel auch kein Fenster, durch das man mal hinein schauen könnte. Dann wüssten wir ja, wie es im Himmel so ist. Wie im Schlaraffenland? Tische, die sich von Essen biegen?
Immerhin spricht die Bibel von einem Ort, an dem kein Schmerz, keine Trauer, kein Leid mehr sein wird…
Omas tote Katze ist jetzt im Himmel. Im selben Himmel, in dem der Uropa jetzt auch schon ist. So erkläre ich es den Kindern und klammere mich selbst auch daran fest. Der Himmel ist die Vollkommenheit schlechthin. Da ist alles gut. Aber der Himmel ist ein Ort, an den man in diesem Leben nicht hingelangt. Erst wenn das Ende der Zeiten da ist, dann werden wir in den Genuss kommen. Dann wird alles um uns herum himmlisch, vollkommen sein.
Gut, dass es den Himmel und die Erde gibt. Und gut, dass wir eigentlich in unseren Grenzen bleiben. Wer weiß, ob die Menschen im Jahre 2200 durchs All düsen können und Teil der Planetenkonföderation sind.
Wir sind hier unten und der Himmel ist oben. Er lädt uns zum Träumen und zum Hoffen ein. Der Blick nach oben heißt, die Sehnsucht zu fühlen, die sich in mir doch ab und zu regt. Die Sehnsucht nach einer besseren Welt, nach himmlischen Spuren hier unten auf der Erde.
So lange der Himmel sich über unsere Welt spannt, soll das Sehnen nicht aufhören. Denn so erfahre ich am liebsten, dass da oben einer ist, der sich das alles so wunderbar ausgedacht hat und der einfach nicht aufhört, himmlisch zu sein.


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

10. Mai 2015

Nicht nur für fromme Reservate

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

70 Jahre ist der Zweite Weltkrieg seit gestern vorbei. Gedenkveranstaltungen und Reportagen zur Befreiung Deutschlands von der Nazityrannei haben die letzten Wochen ebenso geprägt wie Berichte von den vielen aktuellen Konflikten unserer Welt. Die Erschütterung über die unfassbaren Grausamkeiten und das millionenfache Sterben und Leiden durch diesen Krieg ausgehend von unserem Land macht sensibel für die Zerbrechlichkeit des zivilisierten Zusammenlebens von Menschen. Dünn ist das Eis. Schnell bricht man durch in Hass, Gewalt und Brutalität. Um neuen Auswüchsen von Unmenschlichkeit zu wehren, ist es wichtig, der Brüche in der eigenen Geschichte zu gedenken, Schuld zu benennen, für Versöhnung zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Als Christinnen und Christen orientieren wir uns dabei an der Verheißung der Bergpredigt: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.

In solchem Erinnern und Gedenken werden die immer wieder vorgeschobenen Fragen „Was haben die Menschen damals gewusst?“ und „Was hätte ein Einzelner denn tun können?“ zur deutlichen Aufforderung an unsere Friedensverantwortung heute: Jeder weiß, was aktuell an Unrecht geschieht und kann sich alle Informationen besorgen. Und jeder Einzelne hat die Pflicht und auch die Möglichkeit, hier etwas zu tun. Weil Gott sich nicht auf fromme Reservate beschränken lässt, sollen alle Bereiche des Lebens vom Glauben her gestaltet werden.

Das beinhaltet eben auch eine politische Verantwortung der Kirche. Auch wenn sich manch einer von solchem kirchlichen Handeln irritiert oder herausgefordert fühlt oder es sogar als „Politpropaganda“ diffamiert, kann Kirche gar nicht anders als politisch zu sein. Schließlich sind wir gesandt in alle Welt. Und weil unser Gott ein Gott des Lebens und der Befreiung ist, müssen wir angehen gegen alle Mächte und alles Geschehen, die Menschenleben einengen oder töten.

„Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen“ ist zum Leitwort christlicher Friedensethik geworden. Als mit Gott versöhnte Menschen sind wir herausgefordert, zu erinnern, zu versöhnen und zu arbeiten. Frieden bedeutet nicht einfach den Krieg zu lassen. Es heißt auch in der neuen Verantwortung, die gerade Deutschland heute in der Welt hat, etwa für eine Entwicklungspolitik einzutreten, die Krisen und Kriege verhindert statt sie im Nachhinein militärisch zu bekämpfen.

Und das bringt ganz konkrete Schritte mit sich, auch für unser Leben hier in Wittgenstein: Klimaschutz und fairer Konsum zum Beispiel fangen im eigenen Haushalt an und sind in ihrer Auswirkung Bausteine des Friedens, die Lebensumstände in anderen Ländern verbessern und damit stabilisieren. Und wenn es Menschen durch die unerträglichen Zustände in ihren Herkunftsländern zu uns verschlägt, dann haben wir mindestens die Pflicht der Anständigkeit, sie herzlich willkommen zu heißen. Falls Ihnen eine Idee fehlt, was ein Einzelner dabei konkret machen kann, sprechen Sie mich gern an. Ich habe viele in der Hoffnung aus Psalm 85 „…, dass Gerechtigkeit und Frieden sich küssen“.


Pfrn. Simone Conrad

3. Mai 2015

Lach doch mal…

von Pfrn. Simone Conrad, Birkelbach

Heute ist Weltlachtag. Ernsthaft jetzt. Auf der Homepage des Kleinen Kalenders finden sich dazu folgende Infos: „Lachen ist nicht nur gesund, sondern soll mit dem Weltlachtag am 3. Mai 2015 auch den Weltfrieden verkörpern. Durch das gemeinsame Lachen sollen weltweite Brüderlichkeit und Freundschaft erreicht werden. …Gefeiert wird dieser Tag ganz einfach: Punkt 14 Uhr mitteleuropäischer Zeit treffen sich Mitglieder aus Lachclubs auf der ganzen Welt, um gemeinsam drei Minuten lang zu lachen.“

Weltfrieden durch Lachen. Das wär' cool. Staatoberhäupter streiten nicht mehr miteinander, sondern lachen miteinander. Eine schöne Utopie – leider meilenweit von unserem Alltag entfernt. Da gefriert einem das Lachen ja eher, wenn man Zeitung liest oder Nachrichten hört, wenn man die verzweifelten Schicksale vieler Menschen auf dieser so zerrissenen Welt wahrnimmt. Haben wir überhaupt einen Grund zum Lachen? Wenn man in die Gesichter schaut, denen man auf der Straße begegnet, dann könnte man schon mal meinen: nein. Viele Mundwinkel zeigen nach unten, und so mancher schaut biestig bis verbittert aus der Wäsche. Mir geht dann immer ein Lied von den Wise Guys durch den Kopf: „Mädchen, lach doch mal…“ so heißt es im Refrain.

Aber wir Deutschen sind eben nicht nur Weltmeister im Fußball, sondern auch Weltmeister im unzufrieden sein. Genau genommen Europameister des Jammerns! Ein trauriger Titel.

Dabei ist es ein Unterschied, ob man einfach mal von Herzen Dampf ablässt und dann ist es wieder gut – oder ob die Unzufriedenheit zu einer Grundhaltung des Lebens wird.

So dass ich gar nicht mehr in der Lage bin, all das Wunderbare in meinem Leben zu sehen und immer nur wahrnehme, wo ich etwas vermisse, oder etwas nicht geraten ist! Wo das Glas immer nur halb leer ist statt halb voll.

Unzufriedenheit als Lebenshaltung macht unglücklich – und den Menschen um mich herum das Leben schwer. Gott hat uns so viel Wunderbares und Schönes im Leben geschenkt. Gerade uns in Deutschland geht es mehr als gut. Vielleicht nutzen wir den Weltlachtag ja, um einfach mal auf das Positive zu sehen, was uns im Leben begegnet und uns darüber zu freuen. In diesem Sinne: Lachen Sie doch mal – egal, ob sie bei einer Konfirmation oder auf dem Wollmarkt sind. Einen fröhlichen Weltlachtag!


Pfrn. Silke van Doorn

26. April 2015

„Damit es nie wieder passiert“

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

In Jerusalem zieht es mich in die Grabeskirche. Es ist der bedeutendste Ort für die Christenheit. Dort ist Jesus gekreuzigt worden und dort war sein Grab, aus dem er nach dem biblischen Bericht auferstanden ist. Die Grabeskirche ist nicht prächtig und erhaben wie der Petersdom. Er ist in seiner Schäbigkeit und Verschiedenheit schön, von irdischen Streitigkeiten geprägt, ein Patchwork aus verschiedensten Stilen. In ihr versuchen sechs verschiedene christliche Denominationen dem Ort des Leidens und Sterbens ihres Herrn und der Überwindung seines Todes nahe zu sein.

Lausche ich den Gebeten und nehme ich an den Gottesdiensten teil, überfällt mich große Fremdheitserfahrung: Allzu anders und fern ist mir die die Tradition der anderen. Ich finde in dieser Kirche die älteste Christengemeinde der Welt: die Armenier – Ursprung christlicher Gemeinden. Ob ihr Fremdsein als christliche Gemeinde von unserem europäisch-evangelisch-katholischen Standpunkt schon 1915 dazu führte, dass niemand die Stimme erhob als die Regierung des osmanischen Reiches am 24. April die Deportation der Armenier aus Konstantinopel begann, und zu dem ersten Völkermord des Jahrhunderts führte. Er blieb nicht der einzige.

Keine osmanische oder nachfolgend türkische Regierung hat sich je zu dieser Schuld bekannt. 100 Jahre später gedenkt Europa dieser Vernichtung von bis zu 1,5 Millionen Menschen einer christlichen Bevölkerungsgruppe. Doch die wir nun alle bekennen, dass ein Volk vernichtet wurde ohne Grund, die wir von der Türkei ein Schuldeingeständnis erwarten (was sie sicherlich auch geben sollte), wir erheben unsere Stimme heute wieder nicht, wenn Menschen - Verfolgte, teils Christen - in Syrien bedroht werden und auf der Flucht elendig im Mittelmeer ersaufen. Wir erheben unsere Stimmen nicht und vor allem: Wir tun nichts, dass die Abschottung Europas beendet wird. Wir tun nichts dagegen, dass alle, die sich in die Gefahr der Flucht begeben, dem Tode preisgegeben sind.

Warum erinnern wir uns der Katastrophe der Vernichtung der Armenier? Warum ist Erinnerung und Gedenken und Anerkennen von Schuld wichtig? Damit die Opfer damals wie heute zu ihrer Würde gelangen. Damit es nie wieder passiert.

Ich bin so gern in der Grabeskirche und schaue dem Treiben der Gläubigen zu, die so ganz anders sind als ich und meine Tradition. Anders und würdig und wertvoll. Wird Leben vernichtet, wird ein ganzes Volk ausgerottet, stehen wir auf. Wir lassen es nicht mehr zu.


Pfrn. Kerstin Grünert

19. April 2015

Was ist perfekt auf Erden?

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Kloppo verlässt den BVB. Was für eine Nachricht! Er sei nicht mehr der perfekte Trainer für den Verein – so begründet er selbst den frühen Ausstieg aus dem Vertrag.

Wie perfekt kann man eigentlich sein? So, dass immer nur alles gut geht? Die Mannschaft immer gewinnt? Die Zahlen stimmen und das Rad sich immer fleißig dreht? Wie sieht er aus, der perfekte Tag? Sommer, Sonne und keine Störungen? Der perfekte Mann, mit 1-A-Waschbrettbauch, die Frau mit Kurven, 90-60-90?

Ist „perfekt“ nun objektiv oder rein subjektiv? Irgendwie hat doch jede und jeder eine andere Vorstellung davon. Gott sei Dank! Aber so ein bisschen hab' ich das Gefühl, als heiße perfekt, dass es jeder gut findet. Wenn etwas perfekt ist, dann ist es so gut, dass niemand etwas daran auszusetzen hat. Nun ja, dann ist Perfektionismus ja doch etwas, dass man anstreben sollte. Denn wenn ich perfekt bin oder etwas perfekt mache, dann finden mich alle gut, dann habe ich alle auf meiner Seite. Aber wie anstrengend und wie zermürbend. Denn oft genug ist nichts perfekt, sondern nur gut, oder sogar nur mittelmäßig.

Einigen wir uns doch darauf, dass „perfekt“ rein subjektives Empfinden ist. Etwas, dass man nicht unbedingt messen kann. Denn dann wäre es ja nur normal - eben nach der Norm, eins wie das andere. Um etwas oder jemanden perfekt zu finden, beziehe ich so viele Dinge in die Wertung mit ein, das kann kaum ein anderer nachvollziehen. Und ich stelle fest, dass „perfekt“ auch durchaus heißen kann „mit Ecken und Kanten“. Denn erst einmal heißt „perfekt“, dass ich damit durch bin. Es ist abgeschlossen. Ich habe mein Möglichstes, mein Bestes gegeben und jetzt ist es fertig - perfekt. Manchmal gibt es so Momente, da passt alles, da kommen alle guten Faktoren zusammen. Dann ist es wohl ein perfekter Moment. Manchmal ist das dann auch objektiv nachvollziehbar, manchmal aber auch gar nicht.

Wie ist das also jetzt mit dem Perfektionismus, erstrebenswert oder nicht? Jeder gibt sein Bestes, das ist ja wohl klar. Aber kommen wir immer dahin, dass es nicht mehr zu steigern wäre? Abgeschlossen, nichts mehr hinzuzufügen? In diesem Leben wohl nicht. Es wird immer einen geben, der es besser kann. Es wird immer eine schöner sein, jemand schneller laufen, höher springen oder weiter fliegen. Die Vollkommenheit wartet noch auf uns. Das totale „perfekt“, das dann auch rein objektiv messbar ist, können wir auf Erden nicht erreichen. Den Himmel auf Erden gibt es (noch) nicht. Immer aber schon Momente, in denen sich Himmel und Erde berühren, in denen wir für einen Augenblick die Vollkommenheit erahnen können. Da freu ich mich schon drauf, wenn es nichts mehr zu meckern gibt.

Bis dahin ist das Leben voll von den vielen „perfekts“, die wir unterschiedlichen Menschen so unterschiedlich deuten und erleben. Gott sei Dank, denn so wird es nie langweilig und nie nur normal!


Pfr. Steffen Post

12. April 2015

„Ein Unentschieden mit zwei Siegern“

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

0:3 - das ist im Fußball ein nahezu hoffnungsloser Rückstand; nicht so für den FC Liverpool im Finale der Champions League 2005 gegen den AC Mailand. Innerhalb von sechs Minuten schaffte die englische Mannschaft den Ausgleich und gewann anschließend im Elfmeterschießen den begehrten Pokal.

0:3 - so liegt im übertragenen Sinn auch Petrus am Karfreitag in der Begegnung mit Jesus zurück. Dabei hatte Petrus sich für diese entscheidenden Tage ganz viel vorgenommen: „Wenn sie sich alle an dir ärgern, ich halte dagegen. Ich werde die Farben der Jesus-Mannschaft würdig vertreten; ich gehe als Kapitän voran“, hatte er in der Teamsitzung selbstbewusst angekündigt. Und auch Jesus hatte seine Mannschaft vorbereitet; hatte sie gut eingestellt; hatte ihnen mehrmals gesagt, was ihn und sie in Jerusalem erwarten würde... und dann bekam Petrus es nicht auf dem Platz im Palast des Hohenpriesters umgesetzt!

Dreimal hintereinander war er in einen blöden Konter gelaufen. Dreimal hatte man ihn angesprochen: „Du gehörst doch auch zur Jesus-Mannschaft!?“ Dreimal hatte er es vehement abgestritten. Dreimal hatte er den entscheidenden Zweikampf verloren und sich ein Gegentor gefangen: 0:3 - die Pleite war perfekt an diesem Karfreitag.

Nun, wenige Tage nach Ostern, kommt es zum Rückspiel. Petrus ahnt: Ein Platz auf der Tribüne ist ihm sicher, zu mehr kann es nach dieser Leistung im Hinspiel nicht reichen. Doch dann kommt Jesus plötzlich auf Petrus zu... und stellt ihm eine Frage. Es ist eine so wunderbare, so liebevolle Frage: „Petrus, hast du mich lieb?“ „Ja“, sagt Petrus ganz spontan und unbedacht. „Kümmere dich um meine Mannschaft“, sagt Jesus daraufhin zu ihm. Das ist das 1:3. Dann fragt Jesus nochmal: „Petrus, hast du mich lieb?“ „Aber ja“, sagt Petrus, ein bisschen nachdenklich; und wieder hört er: „Kümmere dich um meine Mannschaft!“ Jetzt steht's 2:3. „Petrus, hast du mich lieb?“, fragt Jesus zum dritten Mal. Und Petrus sagt: „Ja“, - zu Tränen gerührt, weil er spürt, was jetzt gerade passiert. Das ist nämlich der unerwartete Ausgleich: 3:3; die Wiedergutmachung, die Chance zum Neubeginn.

Dreimal die Verleugnung - dreimal das Bekenntnis. Dreimal das Versagen - dreimal die Berufung. 3:3 steht es jetzt, ein Unentschieden mit zwei Siegern!

Keine Verbannung auf die Tribüne. Petrus darf seinen Platz in der Jesus-Mannschaft behalten, weil Jesus weiter auf ihn baut.

Das berührt mich an dieser Geschichte, dass Jesus uns Menschen trotz unserer Fehlpässe und Eigentore nicht aus seiner Mannschaft schmeißt, sondern uns immer wieder liebevoll in sein Aufgebot beruft. So stellt Jesus uns in seine Mannschaft, ins Miteinander, damit wir von ihm geleitet einander vergeben, beistehen und uns gegenseitig helfen, die Herausforderungen auf dem Spielfeld des Lebens zu meistern.


Pfrn. Christine Liedtke

5. April 2015

„Hoffen wider alle Hoffnung“

von Pfrn. Christine Liedtke, Kirchenkreis Wittgenstein

„Gibt es gar keine Hoffnung?“ Die Angehörige des Schwerkranken blickt den Arzt verzweifelt an und knetet ihre Hände. Der Mediziner schaut betroffen zur Seite und sagt: „Nach menschlichem Ermessen nicht.“ Leise fügt er hinzu: „Aber: Wunder geschehen immer wieder.“

Nichts ist uns Menschen so gewiss wie der Tod, formulieren die Philosophen. Die heiteren Lebenskünstler wie Erich Kästner drücken es so aus: „Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.“ Der Mensch lebt nur eine kurze Zeit, so die Lebensweisheit der Bibel. Im Mittelalter, wo der Tod allgegenwärtig war, betrachtete man das Leben als ein Hinschreiten auf den Tod und mahnte zur lebenslangen Vorbereitung auf das Ende, riet zum Loslassen, zur Kunst des Sterbens, auf Lateinisch: ars moriendi.

Gibt es gar keine Hoffnung?

Klinisch Tote werden ins Leben zurückgeholt und berichten Erstaunliches von ihrer Erfahrung nach dem Tod. Die Vernunft-Gesteuerten wiegeln das ab: Das seien im wahrsten Sinne Hirngespinste, vom Gehirn hervorgerufene Illusionen.

Gibt es gar keine Hoffnung? Nach menschlichem Ermessen nicht.

Und da hinein, mitten in die Hoffnungslosigkeit hinein, geschieht das Ostergeschehen! „Der Herr ist auferstanden! Wir haben ihn gesehen!“, stammeln Jesu Jünger. Einer, der nicht dabei war, kann es nicht glauben: „Ich muss es selbst sehen und fühlen, vorher glaube ich es nicht!“, und bekommt wenig später die Gelegenheit dazu.

Ostern, Jesu Auferstehung, das ist „hoffen wider alle Hoffnung“, wie es Heinz Martin Lonquich in seinem Lied ausdrückt. Ostern – einer hat den Tod besiegt! Jesus hat den Tod besiegt! Seit Jesu Auferstehung gilt: Der Tod hat seine Macht verloren. Er hat nicht mehr das letzte Wort.

Gibt es Hoffnung? Ja, es gibt sie! Christen leben und sterben mit dieser Hoffnung: Der Tod ist nicht das Letzte, was uns erwartet!

Und so dichtet Lonquich:
Hoffen wider alle Hoffnung,
glauben, dass es dennoch weitergeht.
Lieben, wo es beinah nicht mehr möglich,
damit die Welt auch morgen noch besteht.
Trauen dem, der uns gesagt hat:
Siehe, ich bin bei euch alle Zeit.
Mit uns ist er auch in unserm Suchen,
bis wir ihn schau‘n im Licht der Ewigkeit.“

Haben Sie ein frohes und gesegnetes Osterfest!


Pfrn. Stephanie Eyter-Teuchert

29. März 2015

Es geht - ganz einfach - ums Leben

von Diakoniepfarrerin Stephanie Eyter-Teuchert

 

Liebe Leserinnen und Leser,
in einer Woche ist es soweit: da startet die Ostereiersuche. Fast zeitgleich sind wir im Frühling angekommen. „Es krokust und es primelt im Garten und am Bach“, schrieb James Krüss.

Christen, die mit kirchlichen Traditionen verbunden sind, begehen diese Zeit als Passionszeit. „Sieben Wochen ohne Runtermachen“ ist das Motto der evangelischen Kirche in diesem Jahr für diese Zeit.

Nach christlicher Überlieferung zog Jesus in dieser Woche in Jerusalem ein, zusammen mit seinen Jüngern und Anhängern. In Jerusalem wurde Passah gefeiert. Die Gottesstadt wartete auf dieses große Fest. Die Anhänger Jesu verbanden mit seinem Weg nach Jerusalem die Hoffnung auf Befreiung aus der römischen Unterdrückungsherrschaft. Die Sehnsucht danach war mit Händen zu greifen.

Wonach sehnen wir uns? Was ist uns nah in diesen Tagen?

Ich sehne mich nach einem Ende der Kriege, der Bedrohungen, der Anschläge und der Schreckensnachrichten. Ich sehne mich nach einem wertschätzenden, achtungsvollen Umgang der Menschen miteinander.

Jesus wurde ein königlicher Empfang bereitet, diesem Rabbi der Armen. Viele Menschen, die am Wegesrand auf ihn warteten, streuten Palmzweige auf den Weg und riefen ihm Lobesworte zu.

Jesus setzte nicht auf Selbstdarstellung und Gewalt – er kam nicht auf einem Streitross und mit prächtigen Gewändern, sonder ritt auf einem Esel. Was für ein erbärmliches Bild!

Damit setzte er auf Gottes Willen für diese Welt, auf Solidarität mit den kleinen Leuten, auf Menschlichkeit. Er stellte sich zur Verfügung für die Menschen, setzte sich ein für Vertrauen in andere als die gängigen Werte, für Vertrauen in Gott.

Er hielt stand als die anderen sich gegen ihn stellten, als er verraten wurde von seinen besten Freunden, als die Besatzer kamen und ihn anklagten, als die obersten Priester seiner Religion ihn als Gotteslästerer anklagten und er verletzt, verhöhnt, gefoltert und gekreuzigt wurde. Worin er standhielt? In der Liebe zu den Menschen und im Vertrauen zu Gott. Auch als er sich ganz und gar verlassen fühlte. Deutlich wurde: Nicht mehr den Herrschenden, den Besatzern gehörte das Leben, sondern Gott allein. Das ist die Erfahrung angesichts des Todes.

Wir sind allein – und wenn wir uns dafür öffnen können: mit Gott an unserer Seite.

Deshalb haben wir Christen als Zeichen das Kreuz. Nicht weil wir morbide denken und fühlen oder weil wir keine Lebensfreude kennen. Das Gegenteil ist der Fall: Weil wir uns am Leben freuen, weil wir Leben und Liebe zu anderen als Kernerfahrung in uns tragen und weil wir immer wieder versuchen wollen, Jesus im Vertrauen auf Gott nachzufolgen, deshalb ist das Kreuz unser Erkennungszeichen.

Gottes Liebe lebt durch die Gemeinschaft miteinander. Jede und jeder von uns kann aufstehen und etwas Unverwechselbares ins Leben einbringen. Jede und jeder ist und kann etwas Besonderes. Das, warum wir ins Leben gekommen sind, was uns auszeichnet, auch wenn andere es nicht wertschätzen, auch wenn Zerstörung und Missachtung um uns herum sind.

Die Frage ist: Wie gestalte ich das, was mich ausmacht? Wie setze ich das ins Leben um? Bin ich aktiv? Bringe ich es nach außen oder lebe ich mein Ding im Stillen?

Wie ist das, was geschieht da in unserem Leben? Und wer entscheidet für Sie, für mich, was mit meinem Leben geschieht, was für eine Haltung wir darin einnehmen? Menschen haben unterschiedliche Bedingungen, unter denen sie heranwachsen und leben. Ich habe von Schülern in Asien gehört, die alles was sie hatten dafür eingesetzt haben, lernen zu dürfen. Die drei Stunden am Morgen und drei am Nachmittag durch den Dschungel, durch unwegsames Gelände, unter Gefahren gegangen sind, um die Schule besuchen zu können. Die davor und danach arbeiten mussten, um noch ein bisschen Geld zum Leben zu verdienen. Die es genossen haben, Wissen zu ergattern, lernen zu dürfen. Die Gemeinschaft untereinander pflegten, sich füreinander einsetzten und sich einfach freuten, solch eine Chance im Leben zu bekommen.

Was für eine Haltung zum Lernen, zum Leben, zu dem, was Leben uns anbietet. Lassen wir doch unsere Chancen nicht so selbstverständlich verfliegen! Wie gut wir es doch an vielen Stellen haben! Wie wir gefördert und geliebt und geachtet werden. Nichts von all dem ist selbstverständlich. Es sind Zeichen der Liebe, in der wir wachsen und die wir weitergeben können.

Lassen wir nicht zu, dass die Strukturen und Haltungen von Gewalt, Zerstörung und Niedergeschlagenheit uns klein machen und uns lähmen.

Palmsonntag steht dafür, dass Jesus seinen Weg geht, trotz der Geschehnisse, die vor ihm liegen und die er ahnt. Er reitet in Jerusalem ein auf einem Esel und setzt damit das Zeichen des Vertrauens: Liebe ist stärker als Angst, Ohnmacht, Unsicherheit, Gewalt und Bosheit.

Liebe und Vertrauen sind stärker. Vielleicht suchen Sie sich in diesen Tagen einen Palmzweig, der Sie daran erinnert, wenn Sie sich niedergeschlagen fühlen. Oder Sie denken an die Kinder in Asien.


Pfrn. Kerstin Grünert

22. März 2015

„Fürchte dich nicht,...“

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Zeitung lesen macht im Moment oft keinen Spaß. Morgens wird der Kaffee bitter und der Bissen bleibt mir im Hals stecken. Tote bei Terroranschlag, blinde Wut in Frankfurt und dann die Mutter, die zwei Babyleichen in der Kühltruhe versteckt hat. Ist denn die ganze Welt verrückt geworden? Wozu sind Menschen in der Lage? Erschreckend und sprachlos sitze ich vor der Zeitung. Ein Urteil kann ich mir kaum erlauben. Oder doch? Muss man sich nicht empören über diese Geschichten, die von ungeheurer Gewalt und Zügellosigkeit zeugen?

Tiefste menschliche Abgründe, die sich auftun. Wie brutal können Menschen sein, dass sie andere zum Objekt ihrer Gewalt machen? Keine Achtung mehr vor dem Leben? Geht es nur noch darum, die eigenen Ansichten und Bedürfnisse durchzusetzen? Viele Beispiele fallen mir ein. Nicht nur in der großen, weiten Welt, sondern auch ganz nah im eigenen Umfeld.

Gewalt gegen den anderen, Gewalt gegen mich selbst hat viele Facetten. Was muten wir uns und den Menschen um uns herum zu? Wie sehr sind wir gefangen?

Gefangen in der Angst, nicht immer unbedingt um Leib und Leben, aber vor Verfehlung, Versuchung und Scheitern. Eingeengt und verbogen durch Erwartungshaltungen, die ich nicht bediene – nicht bedienen kann und nicht bedienen will.

Ich beschließe, nicht in die Verzweiflung über die Welt und die Menschen einzutauchen und nur noch der Ausweglosigkeit eine Stimme zu verleihen. Wie so oft, versuche ich den kleinen Funken Hoffnung in mir hervorzugraben. Ich brauche etwas, an das ich mich klammern kann. Ich brauche die Hoffnung gegen den Augenschein. Ich lebe von dem – vielleicht naiven – Gedanken, dass es alles einmal gut werden wird. Ich kann die Welt einfach nicht verstehen, nicht begreifen, wie sie sich im Laufe der Zeiten verändert. Und doch versuche ich es immer wieder. Aber das nimmt mich nur noch mehr gefangen.

Ich kann nur hoffen und glauben, dass da einer ist, der uns aus unseren Käfigen befreit. Einer, der die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung nachvollziehen kann. Keine einfache Angelegenheit. Aber einen Versuch ist es wert.

Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst, mit der du lebst.
Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst. Mit ihr lebst du.
Fürchte dich nicht, getragen von seinem Wort, von dem du lebst.
Fürchte dich nicht, getragen von seinem Wort. Von ihm lebst du.
Fürchte dich nicht, gesandt in den neuen Tag, für den du lebst.
Fürchte dich nicht, gesandt in den neuen Tag. Für ihn lebst du.

(Evangelisches Gesangbuch 656)


Pfr. Dr. Detlef Metz

15. März 2015

Sein Tod ist unser aller Tod

von Pfr. Dr. Detlef Metz, Kirchenkreis-Region I

Jeder Bauer weiß es, jede Gärtnerin weiß es: Das Samenkorn, das er oder sie in der Hand hat, es muss in die Erde, sonst wird nichts aus ihm. Er und sie weiß: Ich muss es aus der Hand geben, loslassen, ich kann es nicht begleiten, ich muss es freigeben, dem aussetzen, was auf es einwirkt. Ich habe keinen Einfluss mehr auf das Korn, es ist untergegangen. Ich sehe auch nichts mehr, bis – vielleicht? – doch etwas daraus wird. Aber ohne dieses Loslassen, ohne den Verzicht auf ein anderweitiges Konsumieren des Samens wird es keine Frucht, kein neues Leben geben. Es ist eine Realität, der wir uns manchmal nur schwer fügen können, weil wir lieber etwas in der Hand halten und versuchen, es krampfhaft festzuhalten, wenn uns irgendetwas es abzuringen versucht.

Das Loslassen, das aus der Hand Geben gehört zum Leben. Liebe Menschen, die uns über Jahre und Jahrzehnte begleitet haben, mit denen wir so viel geteilt haben, wir müssen sie irgendwann hergeben, loslassen, ja tatsächlich in die Erde geben. An jedem Grab spreche ich das Wort des Paulus: „Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.“ Die Hoffnung die wir als Christen haben, ist: Gott macht aus dem Leben, das war, etwas Neues. Er macht aus dem gelebten Leben und in Identität mit ihm, nicht an ihm vorbei, das neue, vollkommene Leben. Dieses neue Leben ist die Vollendung des alten, die Versöhnung mit dem, was war. Er gebraucht dazu das alte Leben wie ein Samenkorn, aus dem er die Frucht erstehen lässt, die unvergleichlich viel mehr ist als das Korn, aber doch mit ihm in Verbindung steht, eben im Kern das Gleiche ist. Zuvor aber geschieht jenes nicht leichte Loslassen und Untergehen. Zugleich ist dies Glaubenssache, denn nichts was wir am Grab erfahren, deutet darauf hin, dass es sich wirklich so verhält: dass aus dem alten, gelebten Leben, zu dem der Leichnam untrennbar gehört, tatsächlich etwas Neues wird.

Diese Hoffnung des christlichen Glaubens gründet sich darauf, dass dieses Untergehen und neue Auferstehen in Jesus Christus Wirklichkeit geworden ist. Im Wochenspruch aus dem zwölften Kapitel des Johannes-Evangeliums gebraucht Jesus für sich selber das Bild des Samenkorns: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ Jesus deutet damit sein Ergehen: Er gibt sich selbst aus der Hand, begibt sich in das Leiden, in die Passion, ist ganz zur Passivität verurteilt. Er lässt sich niedermachen, wird getötet, von der Welt weg in die Erde gegeben. Das Geheimnis seines Leidens, seines sich Loslassens und Untergehens ist aber, dass dabei ein Mehr entsteht, dass etwas für andere, für viele geschieht. Er als Korn, das stirbt, bleibt nicht allein. Sein Tod ist unser Tod, in dem er sich mit unserer Person identifiziert: mit unserem Leben samt allem, was auf ihm lastet, was einem Menschen die Luft zum Atmen nimmt, was aber auch kein Mensch von sich aus loswerden kann. Der christliche Glaube sagt: Gott selber tritt in seinem Sohn an unsere Stelle. In Jesus nimmt er sich der an ihren Fehlern und Versäumnissen leidenden Menschen an. Er nimmt unser Leben auf sich, nimmt an unserer Schuld und ihren Folgen, Leiden und Tod teil. Gott selber ist unserem Leiden nicht fern, stirbt in ihm – oder wie es der altkirchliche Theologe Kyrill von Alexandrien sagte: „Einer aus der heiligen Trinität hat im Fleisch gelitten“; eine eigentlich ungeheuerliche Formel, die das zweite Konzil von Konstantinopel im Jahre 553 ausdrücklich bejaht hat.

Sein Tod ist unser aller Tod. Weil sein Tod Frucht bringt, können wir das Bild vom in die Erde gegebenen Korn, das aufgeht, überhaupt bei unseren Beerdigungen übernehmen. Nicht unser Tod als solcher hat diese Wirkung; er hat keine Erlösungsqualität. Kein menschlicher Tod, kein geduldig ertragenes Leiden, keine Selbstaufopferung, kein Märtyrertod, keine Tötung anderer hat irgendeine Erlösungsbedeutung. Vielmehr stirbt Gottes Sohn selbst als Menschgewordener und so nimmt Gott selbst teil an unseren Toden, leidet mit uns und macht aus dem Tod Jesu das Weizenkorn, das am Ostermorgen aufging. Kompliziert? Ja, aber doch großartig, so großartig, dass sich das niemand ausgedacht hat: Auf einen mitleidenden Gott kommt die menschliche Vernunft nicht, er passt nicht zum erfolgsorientierten menschlichen Geist. Dieser Gott tritt uns und unseren Vorstellungen von ihm vielmehr entgegen, durchkreuzt sie förmlich. Viel Spaß beim Nachdenken und zugleich viel Trost beim inneren Betrachten des Bildes vom Weizenkorn wünscht Ihnen

Dr. Detlef Metz


Superintendent Stefan Berk

8. März 2015

„Schön war es trotzdem!“

von Superintendent Stefan Berk

Ich würde das nicht tun. Nicht für 1000 Euro. Mehr als einen Kilometer ist die Eisbahn in Winterberg lang, und diese Leute stürzen sich mit ihren Schlitten und Bobs da hinunter. Und rauschen durch die Kurven mit bis zu 140 Stundenkilometern.

Schon beim Zuschauen wird mir schwindelig. Ich bin beeindruckt: von der Technik, von dem Mut der Sportler, aber noch mehr von den lachenden Gesichtern. Nur die wenigsten stehen hinterher auf dem Treppchen. Die meisten fahren nach Hause und nehmen nur das Gefühl mit: Ich war dabei. Und trotzdem lachen sie und kommen wieder und machen weiter mit ihrem Training, Woche für Woche.

Ja, das beeindruckt mich wirklich, diese Energie, diese Leidenschaft für die Sache. Man spürt es den Menschen ab, wie viel ihnen dieser Sport wert ist. Ja, ich weiß, da geht es auch um viel Geld, und ohne die Sponsoren würde das alles nicht funktionieren. Aber am Ende kommt es doch immer darauf an, dass sich Leute begeistern lassen, dass sie mitmachen – und das heißt doch: Ich verzichte auf andere Freizeit, damit ich trainieren kann und vielleicht irgendwann mal bei einer WM dabei sein darf. Ohne die Leidenschaft der einzelnen würde sich kein Bob bewegen.

Wer mich kennt, weiß: Ich kenne mich in Sachen Sport nicht aus. Ich bin ja schon froh, dass ich jetzt den Unterschied zwischen Skeleton und Rodeln verstanden habe. Aber ich merke, dass da in Winterberg etwas passiert, was wir in unserer Gesellschaft unbedingt brauchen, nicht nur im Sport: Leidenschaft für eine Sache.

Ich erinnere mich an eine Geschichte, die ich vor längerer Zeit gelesen hatte. Zwei Wanderer waren frühmorgens aufgebrochen zu einer Gebirgstour. Am Abend kommen sie zurück, sitzen auf der Bank für der Berghütte und lassen den Tag noch einmal an sich vorüberziehen. Die Sonne hatte ihnen zu schaffen gemacht, manche Passagen waren furchtbar steil und anstrengend gewesen – und der Ältere war körperlich an die Grenzen gekommen. Dann sagt einer: „Schön war es trotzdem!“ - und der andere nickt.

Eine unspektakuläre Geschichte. Sie wiederholt sich tausendfach, und viele von uns könnten etwas Ähnliches erzählen. „Schön war es trotzdem“ - das Ergebnis dieses Tages gefällt mir. Am Ende steht nicht der Stress, die Anstrengung, der Sonnenbrand. Am Ende steht: Es hat sich gelohnt. An diesem Tag war unser Leben erfüllt und gut – trotzdem. Sie blenden das Drumherum nicht aus. Leben ist nicht nur schön, wie die Werbung es uns vorgaukelt. Aber Leben lohnt sich trotzdem. Im Sport, auch dann, wenn ich ohne Medaillen nach Hause fahre. Im Alltag, wenn ich mit anderen lachen kann und spüre: Das war gut heute. Trotz allem, was es auch gibt.

Schön war es trotzdem – dafür brauchen wir Leidenschaft fürs Leben. Lassen Sie sich die nicht ausreden, nicht nur Nachrichten, nicht durch Stammtischparolen und erst recht nicht durch Leute, die meinen, die Welt ginge doch sowieso zum Teufel. Das tut sie nicht, so lange es Menschen gibt, die an das Leben glauben und sagen: „Schön war es trotzdem!“


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

1. März 2015

Hauptsache gesund?

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Hat es Sie schon erwischt? Oder sind Sie noch unbeschadet durch die Grippewelle gekommen? Seit ein paar Tagen hat die echte Grippe Nordrhein-Westfalen erfasst und sorgt auch in Wittgenstein für übervolle Arztpraxen. „Hauptsache gesund“ wird als Aussage ohnehin häufig gebraucht, aktuell aber noch viele Male mehr bekräftigt. Der Wunsch ist verständlich und nachvollziehbar. Denn wer kennt sie nicht, die Sorgen um das eigene Leben oder das Wohlergehen der Angehörigen, das Leid, das eine Erkrankung für eine ganze Familie bringen kann – und die Dankbarkeit für Heilung und Gesundwerden.

Natürlich ist jeder froh, ohne Erkältung, Grippe oder ähnliches über den Winter zu kommen. Wenn die eigene Kraft und Laune nicht durch Unwohlsein oder Krankheit beeinträchtigt sind, ist das einfach gut. Gesundheit ist ein hoher Wert – zweifelsohne, aber: Hauptsache gesund? Wirklich Hauptsache?

Ich glaube das nicht. Und ich mag diesen Satz nicht. Zum einen ist schon ganz allgemein in Frage zu stellen, ob der Wert der Gesundheit wirklich höher einzustufen ist als etwa der von Frieden oder Freiheit. Zum anderen wäre doch der Wunsch viel angemessener, dass man mit den eigenen kleinen und großen gesundheitlichen Einschränkungen erfüllt leben kann. Denn was ist Gesundheit und wer ist schon ganz gesund? Und wenn es nur die Sehschwäche ist, die man seit Jahrzehnten hat. Und schließlich ist dieser Satz für mich ein Hinweis auf die Religion unserer Zeit, die da heißt: Gesundheit, Wellness, Fitness.

„Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, sagt Luther in der Auslegung des ersten Gebotes. Um jedem Missverständnis vorzubeugen, betone ich gleich, dass uns gerade unser Glaube eine große Verantwortung dem eigenen Körper gegenüber gibt. Zudem haben sich Menschen in der Nachfolge Jesu immer schon den Kranken zugewandt und sich für deren Heilung eingesetzt, um im Kampf gegen Krankheit Spuren Gottes aufzuzeigen. Aber die Reihenfolge ist dabei eine andere. Das „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes“ steht über dem „Hauptsache gesund“.

Für die Umkehrung der Reihenfolge gibt es einen interessanten gesellschaftlichen Marker: Menschen verbringen mehr Zeit in Fitness- und Gesundheitszentren als in Gottesdiensten oder mit der eigenen Gebetszeit. Wenn der Glaube an das Ewige Leben verschütt geht, muss alle Erfüllung natürlich schon hier auf Erden gefunden werden. So kann man den Tod zwar nicht besiegen, aber vielleicht wenigstens ein paar Jährchen hinausschieben. Wenn schon keine Ewigkeit, dann doch ein möglichst langes und bitte auch beschwerdefreies Leben.

Die Begriffe „Heil“ und „Heilung“ werden dabei schnell verwechselt. Heilsein ist mehr als körperliche Unversehrtheit. Der Sieg über den Tod besteht nicht in seiner Hinauszögerung, sondern darin, dass Gott in Jesus ihn endgültig überwunden hat. Nicht an Leiden und Tod vorbei, sondern durch sie hindurch ist er auferstanden, um uns ewiges Leben zu schenken. Daran denken wir als Kirchen in der Passionszeit, in der wir uns gerade befinden. Das Ewige Leben reicht in unser jetziges hinein und zeigt sich als ein erfülltes Leben mit aller Verantwortung und Dankbarkeit für die Gabe und Aufgabe Gesundheit. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen mit oder ohne Schnupfnase eine erfüllte Woche.


Pfr. Steffen Post

22. Februar 2015

Wappentier auf der Kirchturmspitze

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

Bei Eintracht Frankfurt ist es ein Adler, bei 1860 München ein Löwe und beim 1. FC Köln ein Geißbock: Tiere im Vereinswappen, mit denen ein Fußballverein etwas über sein Selbstverständnis zum Ausdruck bringen möchte. Wenn man sich mal die Turmspitzen verschiedener Kirchen anschaut, findet man auch dort ein Tier: Den Hahn, sozusagen als Wappentier der Kirche.

Ich frage mich: Warum ist das so und was hat das zu bedeuten?

Die Geschichte in der Bibel, in der der Hahn vorkommt, ist für die Jünger, besonders für Petrus, kein Ruhmesblatt: „Ich sage dir, Petrus, der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst“, sagt Jesus dort. (Lukas 22, 34) Diese Entdeckung ist bitter: Die Spur des Verrats führt bis in den innersten Jüngerkreis hinein.

Vor diesem Hintergrund erinnert mich der Hahn auf der Kirchturmspitze an meine menschlichen Schwächen. Das mag unbequem sein, denn diese darf es in unserer Leistungs-Gesellschaft eigentlich gar nicht geben: Deutschland sucht den Superstar, das Top-Modell und den Dschungelkönig. In der Werbung muss alles glänzen, faltenfrei, streifenfrei und pikobello sauber sein – und in unserem Inneren spüren wir, dass das nicht der Realität entspricht.

Von Jesus lerne ich: Unter dem Hahn und in seiner Gegenwart haben Menschen mit Ecken und Kanten ihren Platz. Bei ihm kann ich zu meinen Schwächen stehen und bin trotzdem angenommen.

Das unterstreicht auch der zweite Satz, den Jesus zu Petrus sagt: „Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre.“ (Lukas 22, 32) Dieser Satz ist für mich wie ein kostbarer Diamant, wenn ich mal das Experiment wage und für Petrus meinen eigenen Namen einsetze: Jesus faltet für mich seine Hände. Er betet für mich. Er steht bei Gott für mich ein. Er hält zu mir.

Jesus sagt: Meine gefalteten Hände sind es, die dich Petrus, die dich Menschenkind durchbeten auch da, wo du auf die Nase fällst, dein Glaube ins Wanken kommt und du den Boden unter den Füßen verlierst. Das finde ich eine ungeheure Ermutigung, an die ich mich durch den Hahn auf der Kirchturmspitze gerne erinnern lassen möchte.

Außerdem gilt der Hahn als Frühaufsteher unter den Tieren: Mit seinem lauten Krähen kündigt er in der Morgendämmerung den neuen Tag an. In dieser Funktion wird der Hahn für mich zu einem Boten für die Nachricht von der Auferstehung Jesu: Die dunkle, bedrückende Macht des Todes kann mich nicht mehr festhalten; trotz Scheitern, trotz Pleite und Niederlage ist ein Neuanfang möglich.

Der Hahn auf dem Kirchturm sagt mir: Alles das, was uns niederdrückt an Schicksalsschlägen, an Begegnungen mit dem Tod oder Schreckensmeldungen in den Medien hat nicht das letzte Wort: Jesus als der Auferstandene trägt den Sieg davon und schenkt uns die Kraft zum Neubeginn.

So wird der Hahn auf den Kirchtürmen für mich zu einem ausdrucksstarken Zeichen, das sich sehen lassen kann – und wenn Sie ihn demnächst auf einer Kirchturmspitze entdecken, möge er Sie an einen der oben ausgeführten Gedanken erinnern.


Pfrn. Kerstin Grünert

15. Februar 2015

Jeder Tag ein Valentinstag

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Mit der Liebe ist es so eine Sache. Einmal im Jahr kann man sie buchstäblich mit Händen greifen. Überall hängen rote Herzen, Rosenblätter sind verstreut und die Pralinen türmen sich. Ja, am Valentinstag hat Mann und hat Frau viele Möglichkeiten, der Liebe einen entsprechenden Ausdruck zu verleihen.

Und sonst grauer Alltag? Nein, das geht nicht. Eigentlich sollte ja jeder Tag ein Tag der Liebenden sein! Auch wenn es nicht immer Rosen regnen kann, können wir doch jeden Tag darüber nachdenken, dass wir geliebt sind und dass wir lieben. Dazu muss es gar kein großes Brimborium geben. Und es geht auch nicht um selbstaufgebende, aufopfernde Liebe. Nein – ganz egoistisch fange ich bei mir selbst an. Ich liebe mich! Nicht immer unbedingt gleich viel, aber so grundsätzlich doch. Und dabei gehört die Selbstliebe, die in keinem Fall etwas mit Narzissmus zu tun hat, zu den schwierigsten Gefühlen, die es zu fühlen gilt. Wann hab‘ ich schon mal so gar nichts an mir auszusetzen? Die Palette reicht von Kleinigkeiten bis hin zu richtigen Selbstzweifeln. Aber nur, wenn ich mich selbst liebe, kann ich mich auch dem anderen in Liebe zuwenden.

In der vergangenen Woche fiel mir ein Text von Bernhard von Clairvaux, einem Abt und Mystiker des frühen 12. Jahrhunderts, in die Hände.

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal,
der fast gleichzeitig empfängt und weiter gibt, während jene wartet, bis sie erfüllt ist.
Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter...
Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch freigiebiger zu sein
als Gott. Die Schale ahmt die Quelle nach.
Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird zur See.
Die Schale schämt sich nicht, nicht überströmender zu sein als die Quelle...
Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst.
Wenn du nämlich mit dir selbst schlecht umgehst, wem bist du dann gut?
Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle, wenn nicht, schone dich!

Sich selbst zu lieben heißt Schale zu sein. Erst wenn ich gefüllt bin, kann ich anderen abgeben. Das ist doch ein recht einfaches Prinzip. Und damit kann jeder Tag Valentinstag sein!


Superintendent Stefan Berk

8. Februar 2015

„Da brauchen wir Vertrauen“

von Superintendent Stefan Berk

Samstag: Am Nachbartisch im Restaurant geht es laut her. Ich kann nicht weghören und kriege einzelne Sätze mit: „Die sollte man gleich wieder dahin schicken, wo sie herkommen!“ Es geht mal wieder um die Asylbewerber. Und was sie uns alles wegnehmen. Und dass wir kein Einwanderungsland wären. Ich höre dieses „ABER“: Wir haben ja nichts gegen die und die – ABER. Und wir haben nichts gegen den Islam – ABER. Wo sind die Leute, die davon erzählen, wie normal es ist, mit Gegensätzen zu leben? In unseren Firmen? Schulen? Familien? Und dass Vielfalt bereichert? Warum herrscht unter uns diese Angst?

Montag: Jahresempfang der Industrie- und Handelskammer in Siegen mit 1200 Gästen. Eine gute Gelegenheit, die Positionen der Wirtschaft in unserer Region zu verschiedenen Themen zu hören. In sechs Thesen machte der neue Präsident das deutlich. Da ging es um Verkehr, um schnelles Internet, um Ausbildung und die Universität. Und dann auch um die klare Aussage: Die heimische Wirtschaft heißt die Flüchtlingsfamilien und jungen Asylbewerber willkommen. Denn wir brauchen Menschen, die gerne bei uns leben und arbeiten wollen. Gut, auch solche Töne zu hören.

Dienstag: Dienstrunde im Büro. Es geht um die Flüchtlingsarbeit, in die der Kirchenkreis Ende vergangenen Jahres eingestiegen ist. Zur Zeit noch eine halbe Stelle, aber das wird sich im Laufe der nächsten Wochen ändern. „Ich könnte viel länger dort oben sein und hätte immer was zu tun“, sagt unsere Mitarbeiterin. Klar, die Menschen, die nach Bad Berleburg kommen, haben tausend Fragen, wissen kaum etwas von den komplizierten Verfahren. Sie haben keine Ahnung, wie das Einkaufen funktioniert, wie man Automaten im Zug bedient, wie man Formulare ausfüllt. Und die Büroräume, die für die Beratung zur Verfügung stehen müssen, sind immer noch nicht renoviert.

Mittwoch: Eigentlich geht es uns ja nichts an, wenn ein Pastor im fernen Bremen in einer einzigen Predigt schräge Töne von sich gibt. Aber er stammt nun mal aus Wittgenstein und hat im Siegener Stadtgebiet eine Zeitlang gearbeitet. Sein Donnerwetter gegen alles, was das „reine Christentum“ beschädigt, grollt bis in den Süden Wittgensteins. Und in Leserbriefen dokumentieren einige Zeitgenossen, dass sie diese falschen Töne eines Scharfmachers als lang ersehnte Wahrheit verstehen.

Die Woche ist noch nicht zu Ende. Aber es reicht mir schon wieder. Ich habe es satt, jeden Morgen aufs Neue die Schlagzeilen von den selbstverliebten Menschen lesen zu müssen, die meinen, durch radikale Sprüche mir die Welt erklären zu können. Als ob Wahrheit einseitig sein könnte! Als ob irgendwer die Wahrheit für sich in Anspruch nehmen könnte! Mag sein, dass Provokation manchmal gut tut. Und dass wir Kabarettisten brauchen, um uns einen Spiegel vorzuhalten, damit wir manches begreifen.

Aber wenn es darum geht, in unseren Dörfern das Leben zu gestalten, dann hilft uns kein einziger schräger Donnerhall weiter, weder von Politikern noch von Geistlichen, ganz egal, aus welcher Religion sie kommen. Da liegt die Wahrheit immer noch vor uns. Da brauchen wir den offenen Blick, mit anderen gemeinsam zu denken. Da brauchen wir den Mut, Brücken zu bauen und gerade denen zuzuhören, die anders ticken als ich. Da brauchen wir Vertrauen, dass das Miteinander funktionieren kann - so, wie das doch schon an so vielen Stellen bei uns klappt.

Davon sollten wir erzählen. Nicht nur heute in unseren Gottesdiensten. Auch an den Stammtischen. Und das ABER einfach mal weglassen.


Pfr. Henning A. Debus

1. Februar 2015

Zeugnistag

von Schulpfarrer Henning A. Debus, Bad Berleburg

Vorgestern war es wieder soweit: Zeugnistag. Das halbe Schuljahr ist vorbei. Die Noten stehen fest. Zeugnisse sind immer etwas Aufregendes. Das gilt nicht nur für Schulzeugnisse. Zeugnisse sagen etwas über uns aus. Wir werden beurteilt. Ist das Zeugnis gut oder so gut wie möglich, sind wir zufrieden. Ist es nicht so gut, fühlen wir uns ungerecht behandelt. Doch egal, wie es ausfällt, stehen wir vor der Frage, wie wir mit Erfolg und Misserfolg umgehen. Hinter dieser Frage steht eine noch grundsätzlichere Frage: Was macht eigentlich mein Leben aus? Wer bin ich eigentlich?

Der Sänger Reinhard Mey hat vor vielen Jahren ein Lied geschrieben. Es heißt „Zeugnistag“. Mey erzählt darin von einem zwölfjährigen Jungen, der ein ganz miserables Zeugnis nach Hause mitbringt. Der Junge ist am Boden zerstört: „Nicht einmal eine Vier in Religion.“ Er hat Angst vor der Reaktion der Eltern: „Mit diesem Zeugnis kommst du besser nicht nach Haus.“ So fälscht er die Unterschriften von Vater und Mutter. Und das Unheil nimmt seinen Lauf. Die Fälschung, der Schwindel wird entdeckt. Der Direktor bestellt die Eltern ein. Doch als die sich im Beisein des Direktors das Zeugnis mit den falschen Unterschriften ansehen, sagt der Vater: „Was mich anbetrifft, so gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran, das ist tatsächlich meine Unterschrift.“ Und die Mutter sagt, ja, das sei ihre Unterschrift, ziemlich gekritzelt, aber sie habe schließlich vorher zwei schwere Einkaufstaschen getragen. Dann sagt sie: „Komm, Junge, lass' uns geh’n.“

Das ist ein ganz starker Abschnitt des Liedes. Der Junge hat sich falsch verhalten. Er weiß das genau. Er durfte die Unterschriften nicht fälschen. Er hat Angst davor, dass jetzt genau das passiert, was er vermeiden wollte. Er hat Angst, seine Eltern könnten ihn verurteilen. Doch das Gegenteil passiert. Es ist wie ein Wunder, ein Wunder, das nur die Liebe zustande bringt. Der „Übeltäter“ erfährt: Da sind Menschen, die sich vor mich stellen. Meine Eltern beurteilen mich nicht nach dem, was ich leiste und auch nicht nach meinem Fehlverhalten. Sie sind Menschen, die bedingungslos zu mir stehen! „Gerecht“, nein, gerecht ist das nicht. Es ist auch nicht rechtens. Doch die Liebe ist nicht gerecht! Was für ein Glück!

Reinhard Mey singt am Ende seines Liedes:
„Wie gut es tut zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt,
ganz gleich, was du ausgefressen hast!
Ich weiß nicht, ob es rechtens war, dass meine Eltern mich da rausholten,
und wo bleibt die Moral?
Die Schlauen diskutier’n, die Besserwisser streiten sich,
ich weiß es nicht, es ist mir auch egal.
Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt,
und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind,
wenn’s brenzlig wird, wenn’s schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt,
Eltern, die aus diesem Holze sind.“

Das Lied „Zeugnistag“ ist ein modernes Gleichnis, ein Bild dafür, wie Gott zu uns ist. Martin Luther nannte das „Rechtfertigung des Sünders“. Gottes Rechtsprechung steht auf dem Fundament des Annehmens, der Zuwendung und der Liebe. Ganz unabhängig davon, was ich leiste, oder ob ich versage. Luther erkannte: Ich habe einen gnädigen Gott, der mich nicht danach beurteilt, was ich leiste, sondern danach, was ich bin: Sein gewolltes und geliebtes Kind.

Zeugnistag! Wo Christenmenschen in ihrer Umgebung feststellen, dass Menschen, Kinder gar, auf das reduziert werden, was sie leisten, müssen sie die Botschaft weitersagen: An erster Stelle, vor allem anderen, steht die bedingungslose Liebe Gottes. Unser Leben ist ein unverdientes Geschenk, und in Jesus Christus nimmt Gott uns ohne Vorleistung an. Oder, wie Reinhard Mey es sagt:
„Wie gut es tut zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt,
ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!


Pfrn. Silke van Doorn

25. Januar 2015

Je suis Juif

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

„Je suis Charlie“ – die Solidaritätsbekundungen reißen nicht ab. Ebenso werden das deutliche Entsetzen und die Abscheu von Vertretern aller Religionen diesen Attentätern mit dieser Motivation gegenüber gezeigt. „Je suis Charlie“ – Jede und Jeder hätte an der Stelle der Mitarbeiter der Zeitung „Charlie Hebdo“ sein können.

Solidarisierung mit denen, die auf den Mordlisten radikal Verblendeter stehen, erforderte zu anderen Zeiten mehr Mut als es heute nötig ist. Glücklicherweise. Solidarität mit den Juden Europas haben vor 70 Jahren nicht viele gezeigt. Solidarität wie es legendenhaft vom dänischen König überliefert ist. Er heftete sich als Erster den gelben Judenstern an, als die deutschen Besatzer dieses Gesetz für Dänemark erließen und zeigte sich damit öffentlich. Er sagte: „Wenn einer meiner Untertanen es tragen soll, dann sollen es alle tun. Warum sollte einer besser sein als der andere.“ Je suis Juif – ich bin Jude. Die Legende erzählt weiter, dass daraufhin der Erlass zum Tragen der gelben Sterne zurückgenommen wurde.

Ich bin Jude – wer weiß? Vielleicht hätte diese Solidarisierung den Shoah-Gedenktag unnötig gemacht. Am 27. Januar 1996 wurde der Tag in Deutschland zum Gedenken für die Opfer des Nationalsozialismus erklärt. Seit 2005 wird er international begangen. Wir bekennen damit, dass wir nicht solidarisch gewesen sind mit den Menschen, die willkürlich von anderen wegen ihrer Religion, ihrer politischen Gesinnung, ihrer sexuellen Ausrichtung entrechtet, entmenschlicht, entwürdigt und ermordet wurden. Wir erinnern uns daran, damit wir heute aufstehen und protestieren, wenn es dazu kommt.

Beunruhigender Weise ist im Zusammenhang der Attentate in Frankreich auch noch eines deutlich geworden: Radikalisierte Terroristen sind auch immer antisemitisch unterwegs. Das alte Feindbild trägt – ohne auch nur einen einzigen jüdischen Menschen zu kennen.

Das bunte Bild des Trauer- und Gedenkmarsches in Paris war stärkend. Es war fast wie die Völkerwallfahrt zum Zion: Unter dem Wort in Solidarität und Liebe zusammenzukommen, um gegen die todbringenden Mächte zusammenzustehen: Menschen jeder Hautfarbe nebeneinander, politische Gegner nebeneinander. Vorweg geistliche Vertreter aus jeder Religion.

Am Dienstag, 27. Januar, feiern wir die Solidarität, das Leben und das Nie-Wieder. Wir stärken einander in schwierigen Zeiten und grenzen nicht die aus, die unseren Schutz brauchen.


Pfrn. Berit Nolting

18. Januar 2015

Ostereier am Weihnachtsbaum?

von Pfrn. Berit Nolting, Berghausen

Anfang der Woche fuhr ich durch eines unserer Dörfer und sah in einer Straße in einem Vorgarten einen Baum stehen, an dem ganz viele Ostereier hingen.

Ich habe mir die Frage gestellt: Warum hängen sie jetzt im Januar noch da?

Haben die Hausbesitzer im Frühjahr vergessen, die Ostereier abzunehmen und, als der Baum Laub hatte, waren sie verschwunden und fielen erst im Herbst wieder auf, als alle Blätter abgefallen waren – oder hängen die Ostereier vielleicht bewusst am Baum?

Nur wenige 100 Meter weiter stand ein beleuchteter Weihnachtsbaum. Auch da war meine Überlegung: Haben die Besitzer vergessen, die Beleuchtung abzuschalten und abzunehmen oder lassen sie ihren Baum bewusst noch brennen?

Die Weihnachtszeit ist aus katholischer Sicht ja noch nicht vorbei. Sie dauert noch bis zum 2. Februar. Trotzdem: Die Weihnachtsbäume sind doch jetzt eigentlich abgeschmückt und verbrannt und die meiste Deko weggeräumt. Ostereier und Weihnachtsbaum so nah beieinander, das ging mir erst einmal nicht aus dem Kopf.

Aber aus dem Kopfschütteln kam dann auch ganz schnell die Erkenntnis. Das ist gut! Denn Ostern und Weihnachten gehören doch ganz nah zusammen. Ohne Weihnachten kein Ostern, ohne Jesu Geburt keine Auferstehung. Und wäre Jesus nicht auferstanden, würden wir seine Geburt nicht feiern.

Ohne Jesu Leben, sein Handeln in Gottes Auftrag und Sinn, seinen Tod für uns am Kreuz und seine Auferstehung würden wir doch kein Weihnachten feiern. Geburt und Auferstehung gehören zusammen. Deshalb passt der Weihnachtsbaum neben den Baum mit den Ostereiern. Schade eigentlich, denke ich jetzt, dass sie nicht näher nebeneinander stehen.

Aber vielleicht schmücke ich in diesem Jahr den Weihnachtsbaum mal wirklich nicht mit Kugeln und Strohsternen, sondern mit Ostereiern?

Und wenn ich das in den Kirchen mache? Was würden meine Küster dazu sagen?


Pfrn. Kerstin Grünert

11. Januar 2015

Alles auf Anfang

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Alles auf Anfang. Die Reset-Taste drücken. Tabula rasa. Noch einmal ganz neu starten. So geht es immer an jedem Jahresanfang. Die Karten werden wieder neu gemischt. Ein ganzes Jahr liegt vor mir, und ich habe wieder die Gelegenheit, alles anders zu machen. Manches soll besser werden, einiges will ich lassen, ein paar Sachen haben sich schon im vergangenen Jahr bewährt, die können sich ruhig wiederholen. Ja, die Motivation ist in den ersten Januartagen groß. Voller Elan denke ich an die über 300 Tage, die noch vor mir liegen. Der Kalender sieht noch so glatt und unverbraucht aus. Er wurde noch nicht oft aufgeklappt, die Seiten kleben an manchen Stellen noch fast zusammen. Das Weihnachtschaos auf dem Schreibtisch habe ich beseitigt, alles ist vorbereitet für den neuen Start.

Was mag das Jahr wohl bringen? Ich habe keine Ahnung. Klar, die grobe Planung hat man ja schon irgendwie erstellt: Urlaub, Schule, Kindergarten, die hohen Feiertage. Aber welche Themen werden uns in diesem Jahr beschäftigen? Was und wer wird uns in Atem halten? Wie wird die Welt sich weiter drehen? Es ist wohl ganz gut, dass wir noch nicht genau wissen, was alles genau passieren wird. Wir würden uns nur verrückt machen. Aber ein bisschen wüsste ich ja schon gern, denn ich hab‘ Lust auf das neue Jahr! Ich freue mich auf die vielen Begegnungen und Begebenheiten, die zu wundervollen Erinnerungen werden wollen, von denen ich dann im nächsten Jahr erzählen kann. Ich bin nicht müde, zu vertrauen, dass die Welt sich irgendwie weiterdrehen und dass auch manches gut werden wird!

So ein Jahresanfang fühlt sich an wie ein Neustart. Und ich finde das gar nicht schlecht. Es kann doch nicht genug Momente geben, in denen wir eingefahrenes Denken unterbrechen. Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob! Die Jahreslosung für 2015 fordert uns genau dazu auf: alte, verkrustete Strukturen können aufbrechen, Vorurteile abgebaut und Wege neu beschritten werden. Wir haben viel mehr Zeit und Energie, wenn wir nicht immer nur damit beschäftigt sind, uns in im Kreis unserer Unzulänglichkeiten zu drehen. Wenn wir den Blick frei haben für das Besondere an dem anderen Menschen, ohne ihn direkt in eine von unseren Schubladen zu packen.

Alles auf Anfang. Ich probiere es und nehme die Herausforderung an!


Pfrn. Silke van Doorn

4. Januar 2015

Die Heiligen Drei Könige

von Pfrn. Ursula Groß, Altenheimseelsorge im Hochsauerlandkreis

Am Mittwoch wird das Fest der Heiligen Drei Könige gefeiert. Im Mittelpunkt steht dabei die biblische Geschichte von den drei Weisen, die nach Bethlehem kamen. Sie knieten vor der Krippe und brachten dem Kind kostbare Geschenke – Gold, Weihrauch und Myrrhe. Viele von uns kennen diese Geschichte.

Mich begleitet seit einigen Jahren eine andere Geschichte von anderen Königen; die möchte ich Ihnen erzählen.

Es geschah vor einigen Jahren. Ein paar jüngere Leute hatten die Absicht, zu Weihnachten die Weihnachtsgeschichte zu spielen. Die Mitspieler waren schnell gefunden; die Kulissen wurden von Handwerkern des Ortes gebaut. Alles lief sehr gut – bis zum Abend vor der Aufführung. Plötzlich stellte man fest, dass die Heiligen Drei Könige fehlten. Sie sollten aber in jedem Fall dabei sein. Nur – woher jetzt noch Drei Könige nehmen? Da hatte der Spielleiter eine Idee. Er wollte drei Menschen in seiner Nachbarschaft ansprechen und sie fragen, ob sie die Könige spielen wollten. Als Geschenk sollten sie einfach einen Gegenstand mitbringen, der ihnen ganz wichtig und wertvoll war. Dazu sollten sie erzählen, warum sie gerade diesen Gegenstand mitgebracht hatten. Gesagt – getan.

Der erste König war schnell gefunden. Es war ein Mann, Familienvater, Anfang 40. Er wußte auch sofort, was er dem Kind in der Krippe mitbringen wollte – die beiden Krücken aus dem Abstellraum hinter der Garage. Vor einigen Jahren hatte er sie gebraucht. Er hatte damals einen schweren Autounfall gehabt – hatte mehrere Wochen im Krankenhaus gelegen. Lange hatte er nicht gewußt, ob er überhaupt noch einmal gehen konnte. Aber er hatte das Laufen wieder gelernt und war gesund geworden. Er würde dem Kind die Krücken bringen als Zeichen seiner Dankbarkeit.

Der zweite König war eine Königin. Sie wollte gerne mitmachen, wußte aber zunächst nicht, was sie dem Kind in der Krippe schenken sollte. Sie überlegte die ganze Nacht und entschied sich schließlich für ihre alte Küchenschürze. Mit dieser Schürze hat sie für ihre Familie das Essen gekocht – mit ihr hatte sie ihren Kindern die Tränen getrocknet – mit dieser Schürze war sie zum Basteln im Kindergarten gewesen und mit ihr hatte sie im Garten gearbeitet. Diese Schürze wollte sie dem Kind in der Krippe schenken als Zeichen ihrer Dankbarkeit für ihr Leben und den Reichtum, den sie durch ihre Familie gefunden hatte.

Der dritte König war ein junger Mann. Auch er hatte gerne zugesagt, überlegte aber dann lange, ob er wirklich gehen sollte. Er hatte nichts. Seine Hände waren leer. Und wenn er nachdachte: Außer Fragen und Zweifel und zugleich einer tiefen Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit gab es nichts, dass er dem Kind hätte bringen können. Als er schließlich doch ging und vor der Krippe stand, sagte er: „Kind in der Krippe, ich habe dir nichts mitgebracht – nur meine leeren Hände. Ich bitte dich: Fülle mir diese Hände, dass ich Frieden finde.“

Im ganzen Raum war es still, keiner sagte etwas, aber jeder spürte: Dieser König mit den leeren Händen hatte verstanden, was das Kind in der Krippe wollte – und immer noch will. Wie dieser König sind auch wir eingeladen, dem Kind in der Krippe unsere leeren Hände zu schenken, damit er sie füllen kann. Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Jahr 2015.