An-Gedacht

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und sie wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Kirchenkreises zu besuchen.

Vikar Tim Elkar

28. Dezember 2014

Tag der unschuldigen Kinder

von Vikar Tim Elkar, Raumland

Die Weihnachtsfeiertage sind gerade vorbei, das große Fest der Geburt unseres Herrn haben wir gefeiert. Und was kommt jetzt? Wir nennen die Zeit immer zwischen den Jahren, so richtig was passieren tut meistens nicht. Man hat Zeit sich die Geschenke noch einmal in Ruhe anzusehen, vielleicht schon das erste Buch vom Geschenketisch zu nehmen und zu lesen. Und dann geht es so langsam auf die nächsten Feierlichkeit zu: Silvester.

Und in der Bibel, wie geht es da nach der Geburt Jesu weiter? Ich lese das Matthäus-Evangelium und dann kommt dort eine Passage, die selten Predigttext ist und über die wir selten sprechen: der Kindermord des Herodes. Herodes hatte in seinem Herrschaftsbereich angeordnet, dass alle Kinder getötet werden soll. Er tat dies, weil es hieß, dass eines der neugeborenen Kinder König der Juden werden sollte – eine Bedrohung für Herodes. Jesus war somit in unmittelbarer Gefahr und er konnte den Todesschwadronen des Herodes nur entkommen, weil in der Nacht zuvor ein Engel Josef befohlen hat, das Land zu verlassen. Jesus ist so gerade noch davon gekommen und zwar nach Ägypten. Heute erinnern wir uns besonders an diese Erzählung, denn es ist der Tag der unschuldigen Kinder.

Aber was sollen wir anfangen mit einer Geschichte, die uns doch als sehr brutal und irgendwie auch weit weg von unserer Feiertagsstimmung erscheint. Kinder zu missbrauchen und sie sogar zu töten, ein Tabu in unserer Gesellschaft, aber eines was häufig gebrochen wird, bis heute. Daher steht der Kindermord des Herodes symbolisch dafür, wie grausam Erwachsene gegenüber Kindern sein können. Wir sehen das Resultat von Gewalt gegen Kindern auch vor unserer Haustüre in Bad Berleburg. Im Flüchtlingsheim finden Kinder ein Dach über dem Kopf, die vor den Kriegen dieser Welt fliehen. Auch diese Kinder waren bedroht. Mich hat ein Artikel aus dem Spiegel sehr nachdenklich gestimmt. Er hieß „Der Kinderspielplatz von Aleppo“, dort wird beschrieben, dass die Kinder am Geräusch hören können, welche Waffe abgefeuert wird. Ihre Musik sind keine Kinderlieder, sondern Kriegsgeräusche. Für sie gehören Gewalt, Tod, Trauer und Angst um das eigene Leben zu ihrer Kindheit. Sie haben Hunger und Durst statt Liebe und Zuneigung gespürt.

Für mich ist der heutige Tag ein Appell, sich den Kindern zuzuwenden. Dafür einzustehen, dass Kinder ihre Rechte erhalten und eine wirkliche Kindheit erleben können. Nie wieder irgendwo Kindermord von Bethlehem! Das heißt auch aufzustehen, wenn andere Menschen diese Kinder wieder zurück in die Hölle ihrer Heimat schicken wollen. Schließlich durfte Jesus auch im Asyl in Ägypten bleiben. Unschuldige Kinder, denen Gewalt angetan wird, sie gab es damals und sie gibt es heute. Unsere Aufgabe ist es sich für die Kinder einzusetzen, gerade weil die Kinder besonders von Gott geliebt sind und unseres Schutzes bedürfen. Kinder, die wieder lachen können, sie sind wie Weihnachten und Silvester zusammen.


Pfrn. Silke van Doorn

21. Dezember 2014

Das Licht kommt

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Gestern wurde die vierte Kerze angezündet. Jeden Tag wird es heller und wir erinnern uns an das Licht, das die Dunkelheit durchdringt.

Moment: Gestern wurde die Kerze angezündet? Da war doch erst Samstag! Das Licht des vierten Advents entzünden wir erst heute an unserem Adventskranz.

Stimmt. Allerdings stimmt es trotzdem: Juden in aller Welt und auch bei uns zünden heute Abend die vierten Kerze an ihrem Chanukka-Leuchter an.

Der achtarmige Leuchter wird zum Chanukka-Fest entzündet: Gefeiert wird mit großer Freude, dass nach der Entweihung des Tempels in Jerusalem nun endlich wieder Gottesdienst gefeiert werden kann und es dadurch wieder möglich ist, jüdisch zu leben. Jeden Tag wird bei Einbruch der Dämmerung eine Kerze mehr auf den Leuchter gesteckt und die Kerzen – erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann fünf bis hin zur achten Kerze werden entzündet. Die Familie sitzt eine halbe Stunde versammelt um den Leuchter und genießt das Licht. Jeden Tag ein wenig mehr. Das Licht darf nicht irgendwelchen praktischen Zwecken dienen. Es darf betrachtet werden, dabei wird gegessen – Fettgebackenes wie frittierte Kartoffelpuffer oder Berliner oder Kreppelchen. Es darf gespielt werden. Freude breitet sich aus. Und Dankbarkeit, dass jüdisches Sein nach furchtbaren Jahren der Unterdrückung und Entrechtung wieder möglich sind.

Warum wird Fettgebackenes gegessen? Es erinnert an das Wunder das dort geschehen ist: Im entweihten Tempel fand man nur ein Krüglein reinen Öls. Die Menge hätte nur für einen Tag gereicht. Das Herstellen von reinem Öl hätte aber acht Tage gedauert. „Wir füllen es doch ein“ und es brannte nicht einen, nicht zwei, nein, es brannte acht Tage. Ein großes Wunder ist dort geschehen.

Es ist eine Freude für alle Welt: Gott hat bestimmt, dass der Bund mit dem jüdischen Volk beispielhaft für alle Welt steht. Ohne jüdisches Leben fehlt der Welt und vor allem Gott selbst der Partner.

Das Licht kommt und durchdringt die Dunkelheit.

Heute leuchtet das christliche Adventslicht: Auf, erhebt eure Häupter, denn eure Erlösung ist nah.

Gott kommt in unsere Welt. Die Dunkelheit der Unterdrückung, des Unfreien, der Not, des Hungers umgibt uns heute. Jedes Jahr neu werden wir erinnert: Das Licht kommt mitten in die Schwärze der Zeit und bringt Licht und Wärme mit sich.

Lassen Sie es leuchten. Es macht uns hell.

Mit guten Wünschen für den Advent und Chag Sameach für Chanukka grüßt Sie Pfarrerin Silke van Doorn

 

 


Pfrn. Kerstin Grünert

14. Dezember 2014

Fensterputzen im Dezember

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Noch mehr als sonst vor großen Feiertagen stehen Fenster in diesem Dezember im Mittelpunkt. Nicht unbedingt die Frage, ob sie sauber sind und in der Sonne glänzen. Nein, es kommt einfach nur darauf an, ob sie schön aussehen und einladend sind.

Beim Lebendigen Adventskalender wird jeden Tag ein anderes Fenster geöffnet. Viele Menschen haben sich bereit erklärt, Gastgeber zu sein und mit ihrem Fenster den Advent zu einer ganz besonderen Zeit zu machen. Noch mehr Menschen machen sich Abend für Abend auf den Weg und finden sich an den Häusern, manchmal auch in Hütten oder Ställen ein, um dort gemeinsam eine halbe Stunde besinnliche Zeit zu genießen.

Es wird gesungen, Musik gemacht, Geschichten gelesen und gehört und einfach Gemeinschaft genossen. Der lebendige Adventskalender macht Kirche an vielen Orten noch einmal ein Stück lebendiger. Wenn sich in der Gemeinde etwas regt, wenn sich Leute auf den Weg machen, ja, wenn man im Straßenbild um kurz vor Sechs oder halb Sieben erkennen kann, dass etwas ganz Besonderes los sein muss, dann ist der Advent so richtig bei uns angekommen.

Wir machen den Advent zu einem gemeinschaftlichen Ereignis. Und da gehört gar nicht viel zu. Ein Licht im Fenster, das zeigt, es ist jemand zu Hause und du bist willkommen! Wärmende Worte und ein paar Lieder, die den Abend zum Klingen bringen und vielleicht ein paar Plätzchen und etwas Warmes zu trinken, damit die Geselligkeit so richtig in Schwung kommt. Und natürlich die richtige Einstellung.

Ich möchte Zeit mit anderen Menschen teilen. Ich möchte neue Leute kennenlernen und eine andere Form von Gemeinschaft erleben. Das kann man natürlich immer und überall. Aber so ein Lebendiger Adventskalender hat eine ganz eigene Dynamik. Jedes Fenster und jeder Abend ist so verschieden wie die Menschen, die gestalten und als Gäste kommen. Und das ist doch das Tolle.

Fast ein ganzer Monat, in dem die unterschiedlichsten Typen mit ihren jeweils eigenen Gaben zur Geltung kommen. So lernt sich eine Gemeinde, ein Dorf, eine Stadt noch einmal ganz anders kennen und erlebt sich völlig neu. Es ist noch ein bisschen hin bis Heiligabend, der Advent dauert noch eine Zeit. Vielleicht treffen wir uns ja an irgendeinem Fenster!


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

7. Dezember 2014

Ein unordentliches Fest

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

„Das gehört in jeden ordentlichen Haushalt“, höre ich die Verkäuferin hinter mir sagen. Ich wundere mich, denn ich bin in einer Haushaltsabteilung der dekorativen Überflüssigkeiten und drehe mich um. Den Satz hat sie zu einer Kundin gesprochen, die ein Kaffeservice mit Weihnachtsmotiven begutachtet. Ich kann nicht an mich halten und mische mich ein „Dann ist und bleibt unser Haushalt unordentlich.“ Beide Frauen quittieren das mit verärgerten Blicken. Ich störe. Ich habe auch keine Lust zu Diskussionen, schließlich bin ich auch auf der Suche nach einem Geschenk – vielleicht was überflüssig Dekoratives? Deshalb gehe ich weiter, aber der Satz mir nicht aus dem Kopf. Manchmal habe ich den Eindruck, nichts wird im Advent und zu Weihnachten ungnädiger aufgenommen als die Störung der Ordnung. Und die wird eben gerne an Äußerlichkeiten festgemacht. Dabei ist gerade Weihnachten kein ordentliches, sondern ein außerordentliches Fest, das in seinem Kern zudem zutiefst unordentlich ist.

„Ordentlich“ - ich komme nicht drüber weg. Vielleicht kenne ich inzwischen auch nur zu viele „ordentliche Haushalte“ mit feinem Geschirr und einem Welcome-Schild an der Tür, in denen der häufigste Gast die Einsamkeit ist. Vielleicht weiß ich um zu viele gepflegt-dekorierte Fassaden, hinter denen sich Tragödien abspielen. Und vielleicht stelle ich zu viele Fragen, wie: Kann ein Haushalt überhaupt ein ordentlicher sein in einer Welt, in der Nachrichten zur Tagesordnung gehören, die Menschenhandel und Sklaverei thematisieren.

Weihnachten ist nicht ordentlich im Sinn von hübschen Kaffeetassen. Gott geht ja gerade hinein in die Unordnung des Lebens: Da ist das ganze Chaos und Durcheinander bei der Volkszählung und dann ein stinkender Stall als erste Unterkunft. Und es sind ganz und gar unordentliche Leute, die da auf einmal eine Rolle spielen: Die unverheiratete, schwangere Maria, die voll des Heiligen Geistes gleich ein politisches Protestlied gegen gesellschaftliche Ordnungen anstimmt: „ Gott stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen“. Weiter die Hirten, diese Wanderarbeiter, die gesellschaftlich als randständig galten und alles andere als vorzeigefähig waren. Und schließlich die Engel. Nie planbar, aber gewaltig, dieses andere Heer ohne Waffen, das vom Frieden auf Erden singt hinein in die Unordnung der Kriege unserer Zeit. So damals schon, denn es geschah ja zu der Zeit als Kaiser Augustus die Welt mit der Pax Romana befriedete und von ihm ein Gebot ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Alles musste zählbar, genormt, geordnet und beherrschbar sein. Und wehe dem, der aus dem Raster fällt. Und dort hinein auf einmal die Geburt eines Königs anderer Ordnung, ein Herrscher, der sich klein macht und dient. Die Botschaft von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus lautet auf einmal „Ordnung ist nur das halbe Leben. Gottes Liebe schafft Leben in Fülle! In Ewigkeit!“ Um das, was man so macht oder was sich so gehört, hat Jesus sich nie geschert. Um der Liebe Willen hat er sich über Tischmanieren und Anstandsregeln hinweggesetzt.

Gott ist kein Gott der Unordnung, sondern der anderen göttlichen Heilsordnung. Wenn er in diese Welt kommt, dann stellt er diese auf den Kopf. Denn seine guten Ordnungen und Gebote sind anders. Sie dienen dem Leben und nicht dem Geld. Sie haben den Menschen im Blick und nicht die Macht oder den Konsum. Sie machen frei. In diesem Sinn gefällt mir die aktuelle Bemühung des Vatikans mit Vertretern der großen Religionen für mehr Aufmerksamkeit für den Kampf gegen Sklaverei und Menschenhandel ganz außerordentlich. Das ist meines Erachtens ein gutes Advents-Thema. Und das gehört in jeden ordentlichen Haushalt.


Pfrn. Stephanie Eyter-Teuchert

30. November 2014

Advent...

von Diakoniepfarrerin Stephanie Eyter-Teuchert

... heißt Ankunft. Advent bedeutet: Wir warten. Wir warten auf…

Worauf warten wir?

Wir Erwachsenen warten auf die Kinder, die zu Weihnachten kommen, Freunde, Verwandte, damit das Haus voll wird und wir zusammen fröhlich feiern können.
Die Kinder warten auf den Weihnachtsmann oder das Christkind, das die Geschenke bringt: eine neue Puppe, ein Feuerwehrauto, ein Handy, ein langersehntes Computerspiel.
Andere warten darauf, dass endlich die Feiertage beginnen und damit eine Pause im Arbeitsalltag – vielleicht steht ein schöner Kurzurlaub an.

Advent ist Wartezeit. Manchen unter uns gelingt es, dass diese Zeit nicht so hektisch wird wie gewohnt. Sie haben die Geschenke schon rechtzeitig vorher gekauft. Da bleibt Zeit fürs Plätzchenbacken und fürs Schmücken und manchmal auch fürs Genießen: den Kindern eine Weihnachtsgeschichte vorlesen, eine Tasse Tee bei Kerzenlicht, mit Älteren zusammensitzen und Fotoalben ansehen.

Advent ist Wartezeit. Worauf warten wir? Ganz eigentlich? Tief in uns drin? Worauf wartet unsere Seele? Darauf, zum Eigentlichen zu kommen, Zeit dafür zu haben, Sinn zu finden? „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, so heißt es im 24. Psalm und in einem bekannten Kirchenlied. Macht eure Herzen weit, öffnet euch, damit ihr bereit seid für das Wesentliche in eurem Leben.

Aber was ist es? Wir Christen sagen, es ist Gottes Sohn, auf den wir warten. Es ist die Geburt dieses Kindes, das wir jedes Jahr wieder neu feiern. Ganz lange schon, über 2000 Jahre. Deutlich wird daran: Es hat eine besondere Bedeutung für uns. Gott ist Mensch geworden. Und das bedeutet, wir sind in unserem Alltag nicht allein. Die uralte Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach einem neben mir, der mich versteht, hat Sinn bekommen.

Wir vertrauen darauf: Gott ist neben uns, ist da in jedem Augenblick unseres Lebens und ganz besonders dann, wenn wir allein nicht weiter kommen. Dazu gehört: sich zu öffnen, sehen zu lernen, dass Menschen uns zufallen, uns begegnen und bereit sind, ein Stück unseres Lebens zu teilen.

Advent ist Vorbereitungszeit für neue Möglichkeiten. Es kommt einer, der Frieden bringt, und neue Sichtweisen auf unser Leben, unser eigenes kleines Leben und auf große Zusammenhänge.

Deshalb: Machen wir die Tore und die Türen auf und weit für neue Erfahrungen, für unser reiches Leben und für die, die uns brauchen. Lassen Sie uns unsere Herzen weit machen für uns selbst und weit für andere, denen wir abgeben können von dem, was wir im Überfluss haben: Freude und Vertrauen, Gemeinschaft und Zuversicht, Licht und Frieden.

Advent – am Sonntag fängt es an.


Pfrn. Kerstin Grünert

23. November 2014

Nach dem Ewigkeitssonntag Advent

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Wenn keine Zeit mehr ist, dann kommt die Ewigkeit. Am Ende des Kirchenjahres feiern wir als letzten Sonntag den Ewigkeitssonntag. Die Gedanken gehen zurück zu unseren Verstorbenen, aber zugleich richtet sich der Blick nach vorn: Was kommt? Wohin sind sie gegangen? Wohin werden wir gehen?

Das Jahr nimmt ab. Die Blätter fallen. Die Natur fällt in Winterschlaf. Ganz natürlich ist es, dass sich auch bei uns Menschen Gedanken einstellen an die Vergänglichkeit der Zeit, an die Begrenztheit unseres Lebens, an den Tod. Je kürzer die Tage werden, desto größer werden unsere Fragen.

Das ist kein besonders erbauliches Thema für eine Zeitungsandacht! Aber es ist doch irgendwie dran, wenn wir das Kirchenjahr noch ernst nehmen wollen und den Ewigkeitssonntag nicht nur als einen der Tage ansehen wollen, an dem man eigentlich noch keinen Advents- und Weihnachtsschmuck dekorieren darf…

Also, wie ist das mit der Ewigkeit? Tja, wenn ich das nur wüsste! Die Ewigkeit heißt für mich erst einmal ein ganz großes Fragezeichen. Denn es ist ja noch keiner zurückgekommen und kann erzählen, wie es in der Ewigkeit aussieht und wie es da so zugeht. Wir kennen die Geschichten vom dunklen Tunnel mit dem Licht am Ende, aber danach hört es auch schon auf. Am Ende des Tunnels beginnt das große Fragen.

Wenn keine Zeit mehr ist, dann kommt die Ewigkeit. Wenn die Zeiger in den Uhren aufhören zu drehen, dann beginnt die Ewigkeit. Dann ist die Zeit nicht stehen geblieben, sondern dann hat sie ausgedient. In einem Science-Fiction-Film würde es heißen: Wenn die Ewigkeit beginnt, dann gilt ein anderes Raum-Zeit-Kontinuum. Die Maßstäbe wie wir sie bisher kannten, gelten dann nicht mehr. Dann gilt eine völlig neue Dimension. Dann ist „ewig“ das Maß aller Dinge.

Das ist ja alles schön und gut. Aber trotzdem wüsste ich gern, wie es dann ist. Ich will mich doch darauf vorbereiten, einstellen auf das, was da kommt. Immer wieder muss ich feststellen, dass das aber nicht geht. Man kann sich nicht auf die Ewigkeit einstellen. Weil es alle unsere Vorstellungen übertreffen wird. Das einzige, was wir als Vorbereitung tun könnten, ist zu akzeptieren, dass wir es einfach nicht wissen können. Kein Mensch, aber auch wirklich keiner, weiß, wie und wann und wo die Ewigkeit sein wird. Nächste Woche Dienstag, in drei Monaten, nächstes Jahr oder noch viel später? Sind wir dann im Himmel, oder gibt es eine neue Erde? Treffen wir uns alle wieder? Sind die Tiere auch da?

Nach dem Ewigkeitssonntag geht es mit dem ersten Advent weiter. Darauf können wir uns vorbereiten. Jedes Jahr neu. Wir bereiten uns darauf vor, dass der Schöpfer dieser Welt einen Plan hat, der funktionieren wird. Mit Weihnachten hat er einen gewaltigen Schritt in der Umsetzung dieses Plans getan. Wie und wann und wo der zur Vollendung kommt, wissen wir nicht. Da geht es dann nach dem gleichen Prinzip wie mit der Ewigkeit. Das ist reine Glaubenssache!


Pfrn. Silke van Doorn

16. November 2014

Anders

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Am Anfang war das Aushalten: Aushalten, dass da jemand ist, der anders aussieht, sich anders kleidet, anders isst und anders betet. „Ok. Wir halten es schon aus, dass die anders sind als wir.“ Jugendmitarbeiterinnen begegnen muslimischen Mädchen. „Nur, was sollen wir mit denen machen?“ Das erste Treffen in der Moschee brachte viele Unsicherheiten ans Licht: Zwar kannten sich einige Mädchen aus der Schule. Aber sie wussten nichts voneinander. Skeptisch beäugten sie sich.

„Die sind anders. Die beten den Kaiser nicht an. Sie müssen ausgestoßen werden“ Christen wurden aufgrund ihrer Religion verfolgt. Den Machthabern im Römischen Reich und auch den Menschen aus dem Volk war es sehr zweifelhaft, dass die Christen sich weigerten, den Kaiser als Gott zu verehren: Sie hatten doch einen Herrn. In der Folge wurden sie verfolgt und getötet. Erst 311 machte das Toleranzedikt dem ein Ende: Christen wurden geduldet. Es war nicht gut, dass sie anders waren. Aber ihr Existenzrecht wurde nicht mehr bestritten.

„Toleranz“ – damit verbinden wir Positives. Der jüdische Rabbiner Tovia Ben-Chorin sagt aber: „Toleranz – den Begriff hab ich nicht so gern.“ Morgen begehen wir den internationalen Tag der Toleranz, der seit 1995 gefeiert wird. Doch eigentlich sollten wir 19 Jahre nach der Einführung schon längst weiter sein. Tolerieren heißt: Dulden, dass nicht alle sind wie wir. Dulden aber heißt beleidigen. So zumindest sagt es Goethe. Er ist sicher, dass Toleranz nur eine vorübergehende Gesinnung sein kann.

Toleranz ist der erste Schritt. Aushalten, aber dann ist der zweite Schritt das Näherkommen: Die Jugendmitarbeiterinnen trafen sich in der Moschee mit den muslimischen Mädchen. Die Befangenheit war schnell vorbei. Sie erzählten einander, sie fragten nach den anderen Gebräuchen, Orten, Traditionen. Der Gegenbesuch war schon lockerer. Mittlerweile verreisen sie miteinander, lernen gemeinsam andere Traditionen und Religionen kennen. Gemeinsam mit ihrer Leiterin Muslime Aydogan besuchten wir nun in Düsseldorf einen buddhistischen Tempel und auch den Landtag. Die Mädchen wollten genauer wissen, was denn die Politik zur Förderung des Miteinanders macht. Die gemeinsame Fahrt, das gemeinsame Shoppen im Anschluss lässt aus einander duldenden Mädchen unterschiedlichen Glaubens und anderer Traditionen vielleicht noch keine Freudinnen werden. Möglicherweise aber Menschen, die das Anderssein des Anderen nicht nur hinnehmen, sondern genießen.

Ich bin anders als du – und das ist gut so. Nicht dulden, sondern schätzen, dass wir unterschiedliche Farben und Glauben und Traditionen haben. Gastfreundlich die Fremden aufnehmen: Am Beispiel der syrischen Flüchtlinge können wir konkret werden. Wer fliehen muss, weil er etwas anderes glaubt als die Mehrheit eines Landes, wird von uns herzlich aufgenommen. So wie er ist: Anders.


Pfr. Thomas Janetzki

9. November 2014

Getrost durch die dunkle Zeit

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

Es sind die letzten Minuten vor der Abfahrt zum Konfi-Camp und ich schaue aus dem Fenster meines Arbeitszimmers: Es wird schon dunkel, die Nächte werden kälter, der Herbst ist da, die Natur richtet sich schon langsam auf den kommenden Winter ein…

Spätestens in ein paar Wochen wird der erste Teil eines Bibelwortes  augenfällig wahr werden, an das ich unwillkürlich denken muss: „ Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, doch das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit“ (Jesaja 40, 8). Blumen verwelken und Bäume werfen ihre Blätter ab, die dunklen Monate des Jahres haben begonnen…

Und diese Vergänglichkeit in der Natur ist für mich auch ein Gleichnis für unsere menschliche Vergänglichkeit, der Herbst für viele ältere Menschen ein Bild für den Herbst ihres eigenen Lebens…

Im November feiern wir – wie jedes Jahr – ganz bewusst die letzten Sonntage unseres Kirchenjahres, geprägt von Erinnerungen an die Menschen, die wir verloren haben, besonders im vergangenen Jahr, aber auch an die, die Opfer der Kriege wurden, die wir Menschen immer wieder zur Durchsetzung unserer Interessen geführt haben und führen…

Und damit macht der Herbst, gerade der Spätherbst dann, klar: Auch unser eigenes irdisches Leben ist vergänglich und zeitlich begrenzt, kennt nach Frühling und Sommer auch Herbst und zuletzt auch Winter.

Und gerade durch diese dunklen, wehmütigen Erinnerungen und Gedanken sind viele Menschen in dieser Jahreszeit traurig und bedrückt und fragen sich, was denn nun wirklich noch bleibt – von uns, von dem was wir wollen, was wir schaffen…

Und deshalb, glaube ich, ist es wichtig, auf die Botschaft aus dem Buch Jesaja zu hören, die mit den Worten endet: „…das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit.

Auch wenn die Nebel kommen, wenn die Welt um mich und vielleicht auch in mir dunkler wird, die Gedanken trüber, dann muss ich nicht traurig und verloren in die scheinbar immer trister werdende Herbstlandschaft blicken. Ich darf wissen: Auch und gerade der Herbst kann auch viele schöne Einblicke liefern und auch der kommende Winter hat seine Reize.

Ein neuer Frühling wird uns beweisen, wie gut es Gott mit uns meint. Der Wechsel der Jahreszeiten, unser Lebenskreis hier auf Erden, aber vor allem die Gewissheit auf ein neues Leben in seiner neuen Welt lässt uns immer wieder erkennen, dass es Dinge gibt, die ewig bleiben – wie sein Wort. Das kann uns neuen Mut machen und uns auch getrost und freudig in die nun kommende dunkle Jahreszeit gehen lassen.

In diesem Sinne ein schönes Wochenende.


Pfr. Steffen Post

31. Oktober 2014

Gottes Bonbon für uns

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

„Süßes her, sonst gibt's Saures." So ähnlich wird es am heutigen Abend an manchen Haustüren zu hören sein, wenn meist junge Menschen als geisterhafte Wesen verkleidet von Haus zu Haus ziehen. Seit einigen Jahren hat der Reformationstag nämlich gehörig Konkurrenz bekommen: Halloween ist in aller Munde.

Beim Blättern in einem Katalog mit christlichen Geschenkartikeln ist mir aufgefallen, wie sich inzwischen auch die kirchlichen Anbieter auf diese Entwicklung eingestellt haben: Da gibt es ein „Lutherbonbon“ in verschiedenen Geschmacksrichtungen als „süße Überraschung der Evangelischen Kirche", wie auf der Bonbontüte zu lesen ist. Auf dem Bonbonpapier findet man das Gesicht von Martin Luther und wird so an den Menschen erinnert, der mit seinem Thesenanschlag an der Schlosskirche in Wittenberg an jenem 31.10.1517 seine reformatorischen Gedanken veröffentlichte. Außerdem gibt es den „Lutherkeks“ - natürlich „Original aus Wittenberg“, wie der Aufdruck auf der Packung verrät. Außen auf der Plätzchenrolle aufgedruckt und symbolisch auf jedem Keks eingebacken, ist die sog. „Lutherrose“ zu erkennen. Das ist jenes Wappen, mit dem Martin Luther ganz schlicht seinen Glauben ins Bild gesetzt hat: Ein schwarzes Kreuz auf einem roten Herz ist da zu sehen, eingebettet in die Blütenblätter einer weißen Rose vor einem blauen Hintergrund, der mit einem goldgelben Ring umrandet ist.

In einem Brief hat Martin Luther einem Freund dieses Wappen so beschrieben: „Das Kreuz in der Mitte soll an Jesus Christus erinnern. Durch Jesus wissen wir Menschen, wie sehr Gott uns liebt. Das ist sehr wichtig. Deswegen steht es in der Mitte. Gott lässt uns auch nicht allein, wenn es uns schlecht geht, wir Angst haben oder einsam sind. Diese Botschaft soll man mit dem Herzen begreifen. Denn wer mit dem Herzen an Gott glaubt und ihm vertraut, der findet bei Gott immer offene Türen. Die weiße Rose im himmelblauen Feld soll sagen, dass der Glaube an Gott uns Menschen Fröhlichkeit und Frieden schenkt. Das zeigt auch die weiße Farbe, die an Engel und himmlische Wesen erinnert. An Gott glauben ist ein himmlisches Vergnügen. Daher hat die weiße Rose auch einen blauen, einen himmelblauen Hintergrund. Der goldene Ring ist ein Zeichen für die Ewigkeit Gottes. Gottes Wort gilt ewig, so wie der Ring kein Ende hat.“

So anschaulich hat Luther versucht, den Menschen seiner Zeit den Glauben an Gott schmackhaft zu machen. Nicht „Saures“, sondern „Süßes“ bietet Gott uns an: „Durch Jesus wissen wir Menschen, wie sehr Gott uns liebt“, schreibt Luther. In dieser Liebe zeigt uns Gott, dass es bei ihm nicht auf unser menschliches Können, nicht auf unsere Leistungskraft ankommt, sondern dass er uns in seinem Sohn Jesus Christus den Himmel aufgeschlossen hat. Das ist Gottes Bonbon für uns. Darauf dürfen wir mit ganzem Herzen vertrauen und zu jeder Zeit Gottes Angebot ergreifen: „Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist.“ (Psalm 34, 9)


Pfr. Stefan Turk

26. Oktober 2014

„Ich bin dann 'mal westweg“

von Pfr. Stefan Turk, Erndtebrück

Das Wandern ist des Pfaffen Lust, sag' ich immer. Denn jedes Jahr bin ich im Herbst wandern. Und immer einen Fernwanderweg im wander-baren Deutschland. In diesem Jahr sollte es der Westweg sein: 280 Kilometer über die Höhen des Schwarzwalds von Pforzheim nach Basel. „Ich bin dann 'mal westweg.“

Es war bereits die neunte Etappe der 2014er Wanderung. Für die, die sich auskennen: vom Skigebiet Thurner über Titisee und Hinterzarten hoch hinauf auf den Feldberggipfel in 1493 Metern Höhe. Über 35 Kilometer und sehr anspruchsvoll. Mit Rucksack natürlich.

Am Abend war die Jugendherberge Feldberg auf dem Pass meine Unterkunft. Nur drei Personen waren zu Gast: ein geringfügig älteres Ehepaar, locker in Sportkleidung und ich in Wanderklamotten. Beim Abendessen kamen wir miteinander ins Gespräch.

Ich wurde sehr freundlich gefragt, was ich denn täte, was meine Reiseroute sei, auf welchem Weg ich mich befände. Ich erzählte - und erntete Anerkennung: was für ein Weg, welche Anstrengung, so viele Etappen, so viele Berge und Schluchten, den ganzen Weg, mit Gepäck, Tag für Tag, was für eine Konditionsleistung bei der Summe an Höhenmetern…

Ich fühlte mich wunderbar gebauchpinselt. Wirklich, das ging mir 'runter wie Öl. Den ganzen langen Tag hatte ich nur mit mir zu tun gehabt (- und mit meinem Gott), - endlich 'mal etwas Lob und Bewunderung von Anderen - und warum auch nicht? Es stimmte ja: der Weg war wirklich anspruchsvoll. Es war eine Leistung. Meine Leistung. Im Verlaufe des Gesprächs mit dem ausgesprochen freundlichen Paar fragte ich natürlich zurück, was sie denn hier am höchsten Berg Deutschlands außerhalb der Alpen täten…

Die Frau antwortete im Plauderton, dass sie sich im vergangenen Jahr in acht Triathlons qualifiziert habe. Und jetzt gerade komme sie von Hawaii. Dort habe sie erfolgreich am berühmt-berüchtigten Iron-Man-Triathlon teilgenommen. Als Eine unter 1800 Starterinnen und Startern. Knapp vier Kilometer Schwimmen im offenen Meer, 180 Kilometer Radfahren und etwas über 42 Kilometer Laufen… Und jetzt begleite sie ihr Mann beim lockeren Auslaufen am Feldberg: etwas Mountainbike-Fahren, ein bisschen Laufen im Gelände…

Meine stolzgeschwellte Brust sackte in sich zusammen; mein soeben hochgeschossenes Selbstwertgefühl rutschte in Richtung Fußnägel, mein gepinselter Bauch bekam rote Pusteln. Sinnbildlich gesprochen. Und ich dachte, ich hätte etwas geleistet!

Wirklich, das Ehepaar war freundlich und ausgesprochen nett. An ihnen lag es nicht… Ich war es, dem es nicht wirklich gut ging. Der aufgebracht war. Und nicht eins mit sich selbst. Die Mönchsmütter und -väter der ägyptischen Wüste im 3. Jahrhundert haben sich ausgiebig mit diesem Phänomen beschäftigt.

Von einem der großen Wüstenväter, von Abbas Poimen, stammt der richtungsweisende Satz: „Wenn Du Ruhe finden willst, hier und dort, dann sprich bei jeder Handlung: Ich - wer bin ich? Und richte niemand...“

Die Fähigkeit, nicht zu urteilen, ist eine Kunst. Es will geübt werden, sich nicht zu vergleichen. Bei sich zu bleiben. Und loszulassen, um Gott zu entdecken.

Es ist eine Fähigkeit, nicht zu urteilen. Eine Kunst. Aber sie bringt zur Ruhe. Zur Herzensruhe. Am nächsten Tag war ich früh wieder unterwegs. Auf Etappe zehn, 28 Kilometer, über den höchsten Berg, den Feldberg, bis hin und auf den zweithöchsten, den Belchen, mit 1414 Metern Höhe. Alleine mit mir (- und meinem Gott). Und wurde wieder ruhiger.


Pfr. Horst Spillmann

19. Oktober 2014

Den Sack zubinden!

von Pfr. Horst Spillmann, Arfeld

Vertane Chance, verpasste Gelegenheit! Haben wir erst wieder am vergangenen Dienstag gesehen, im Fußballspiel Deutschland gegen Irland. Eine Minute vor Spielende lässt sich unsere Mannschaft noch den Sieg wegnehmen. Zuvor ansehnlichen Fußball gespielt – wie auch gegen Polen – aber vorne im Angriff schafft man es nicht, den Sack zu zubinden und schenkt so die Punkte her. Ärgerlich! Ach ja, ist ja nur Fußball. Davon geht die Welt nicht unter.

Weitreichendere Folgen hat zögerliches Verhalten allerdings in einem anderen Bereich: Schon so lange hatte er sich mit dem Gedanken getragen, endlich eine Patientenverfügung aufzusetzen, um, falls er bei einer schweren Krankheit oder nach einem Unfall über seine medizinische Versorgung nicht mehr selbst bestimmen könne, den Ärzten aber auch seinen Angehörigen eine größere Handlungssicherheit zu geben. Aber, wie es so häufig ist, er schiebt es auf die lange Bank. Der Fall tritt ein – und nichts ist geregelt.

Wir tun uns nicht selten schwer, mutige Entscheidungen zu treffen. Möchten uns erst einmal absichern, vieles abwägen, schaffen es dann aber nicht, den Sack zu zubinden. So erging es der Frau, der eine attraktive neue Arbeitsstelle angeboten wurde. Sie spürte, dass eine berufliche Veränderung für sie gut wäre. Es stand einfach etwas Neues an. Allerdings hätte sie dazu ihre vertraute Heimat verlassen müssen. Sie konnte sich aber nicht zur Entscheidung durchringen und ließ die Gelegenheit verstreichen. Noch Jahre später trauerte sie der vertanen Chance nach: Hätte ich doch damals…!

Wie oft arrangieren wir uns mit Situationen, ohne den einen notwendigen Schritt zu tun, den wir ganz deutlich spüren!

Ein guter Bekannter schaffte es: Durch einen Schlaganfall wurde er aus seinem Beruf herausgerissen, der ihn in hohem Maße forderte. Sicher, schon früher hatte er sich gesagt: Ich muss kürzer treten. Aber wie so viele meinte auch er, dass es doch immer noch geht. Leistung bis zum Anschlag. Und dann kam der Schlag. Und er erkannte - als ein gläubiger Mensch -, dass ihm Gott hier noch einmal sehr eindrücklich ein Stoppschild entgegenhielt: Dein Limit ist längst erreicht. Reduziere! Mein Bekannter hatte sich zum Glück noch eine Sensibilität für die Fingerzeige Gottes bewahrt. Er änderte seinen Lebenswandel, sodass beispielsweise Spaziergänge fortan zu seinem Tagesprogramm gehörten.

Je mehr ein Mensch einen vertrauten Umgang mit Gott pflegt, desto eher hört und sieht er im Alltag wie Gott zu ihm spricht. Gleiches gilt ja auch für den Umgang mit einem vertrauten Menschen. Da muss dieser mitunter gar nichts sagen und doch spüren wir, was er empfindet. „Heute, wenn ihr Gottes Stimme hört, verschließt eure Herzen nicht…“, heißt es in der Bibel. (Hebräer 3, 15) Gott spricht immer noch zu uns. Allerdings ist es wie mit dem Radio: Ich muss mitunter meinen Empfänger justieren und scharfstellen, um den gewünschten Sender deutlich zu hören. Gottes mitunter leise Stimme überhören wir so leicht im Lärm unseres Alltags.

Die Jünger Jesu standen auch einmal vor der Frage, ob sie auf Jesus hören oder anderen Stimmen folgen wollen. Jesus fragt sie daraufhin ganz nüchtern: „Wollt ihr auch weggehen?“ Er zwingt sie nicht, bei ihm zu bleiben, aber er stellt sie in die Entscheidung. Und die Antwort der Jünger: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ (Johannes 6, 68f)

Jesus hat keine Lügenworte für uns, was man von der Kirche als einer Gemeinschaft von Sündern wahrlich nicht immer sagen konnte und kann. Seine Worte aber sind wahr und verlässlich, sie wollen uns zum Leben helfen. Wir können sie allerdings überhören, auf Durchzug schalten oder eben aufschieben und sagen: Der Glaube ist was für Kinder oder für Alte. Aber leider verpassen es auch Alte den Sack zu zubinden. Um zum Fußball zurückzukehren: Besser ist es allemal, schon frühzeitig, in jungen Jahren, sein Lebenspiel zu entscheiden und den Glauben mit Gott zu wagen, es spielt und lebt sich fortan gelassener. Ansonsten kann es zum Schluss noch verkrampft und hektisch werden und man schenkt gar den Sieg, das ewige Leben, her.


Pfrn. Kerstin Grünert

12. Oktober 2014

„Viele erlöste Pfützen-Momente“

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Rund und formvollendet liegt sie vor mir. Ich kann den Himmel erkennen und auch ein paar Bäume, die an der Seite noch hinein reichen. Ich überlege: Bin ich heute vernünftig und kontrolliert, oder gebe ich mich dem leisen Verlangen in mir hin? Ich kann nicht anders, ich gebe mich hin. Mit Anlauf! Mit einem großen Platsch lande ich in der Pfütze. Gummistiefel hab‘ ich zwar an, aber das hilft den Körperteilen oberhalb der Waden wenig. Hose und Jacke sind jedenfalls nass.

Schon unmittelbar nach dem Spaß holt mich die Realität wieder ein. Was hatte ich nur da für eine Idee? Was sollte es mir bringen, mich wie ein Kind, das mit Gummistiefeln und Matschklamotten in jeden Fall immer besser ausgerüstet ist, gedankenlos ins Vergnügen zu stürzen. Warum bin ich gerade in diese Pfütze gesprungen?

Weil ich es in genau diesem Moment nicht anders konnte. Ich wollte mal kurz nicht nachdenken und vernünftig sein. Ich wollte nichts wissen von nassen und dreckigen Sachen, die nur wieder mehr Arbeit bedeuten. Ich wollte mal wieder einfach nicht nachdenken und nur das Wasser spritzen lassen.

„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit. Gott nahm in seine Hände meine Zeit. Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen, mein Triumphieren und Verzagen, das Elend und die Zärtlichkeit.“ So heißt es in einer Übertragung zum 126. Psalm von Hanns Dieter Hüsch. Und ich finde, diese Worte umschreiben meinen Pfützen-Moment ganz hervorragend.

Ich kann ruhig so sein und meinem Vergnügen und meinem Erlöst-Sein einen Ausdruck verleihen. Denn alles ist ja bei Gott in guten Händen. Da ist einer, der alles von mir wissen will, der meine Freude und mein Klagen, mein Lachen und meine Tränen, mein Jauchzen und mein Motzen mit hören, mit sehen und mit fühlen will.

Das ist ganz schön viel, was ich da so in diese kleine Pfütze vom letzten Spaziergang hinein lese. Aber warum nicht? Ich konnte in ihr den Himmel erkennen. Und überall dort, wo der Himmel aufblitzt, können wir uns der Freude darüber hingeben!

„Ich bin vergnügt, erlöst, befreit. Gott nahm in seine Hände meine Zeit. Mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen, mein Triumphieren und Verzagen, das Elend und die Zärtlichkeit.“

Der Herbst fängt erst an. Ich wünsche Ihnen ganz viele erlöste, gedankenlose Pfützen-Momente: mit Anlauf und einem großen PLATSCH!


Pfr. Dr. Detlef Metz

5. Oktober 2014

Gott sorgt für Dich

von Pfr. Dr. Detlef Metz, Kirchenkreis-Region I

Am Sonntag feiern die christlichen Kirchen das Erntedankfest. Wir danken Gott für die Gaben von Feld, Acker und Bäumen, die er uns in diesem Jahr wieder neu geschenkt hat, um uns am Leben zu erhalten. Dahinter steht das Bewusstsein: Selbstverständlich ist eigentlich nichts. Wir können uns mühen, eine gute Ernte zu erreichen, mit Anstrengung und Know-how, aber ob die Ernte wirklich gut wird, liegt nicht in unserer Hand.

Hier im Kirchenkreis Wittgenstein besteht noch ein engeres Verhältnis der Menschen zu der sie umgebenden Natur mit der elementaren Erkenntnis, dass wir abhängig sind von dem, was die Natur hervorbringt. Das ist zum Glück noch so. In städtisch geprägten Regionen kommt dies den Menschen eher abhanden. Durch die größere Entfremdung von der Natur ist das Wissen geschwunden, woher denn das Brot und die Kartoffeln einschließlich der Pommes frites und der Chips herkommen, obwohl die Sehnsucht nach intakter Natur in den vergangenen Jahrzehnten deutlich stärker geworden ist.

Das Erntedankfest bringt uns zum Dank, aber auch zur Bitte um das tägliche Brot. Es zeigt uns, dass wir bei aller Arbeit immer Empfangende sind. Dies gilt nicht nur für die Gaben, die den Leib nähren und erhalten. Wir leben ja auch von der Zuwendung anderer, von freundlichen Worten und Blicken, von Liebe. Auch dies können wir nicht machen oder erzwingen, so gewiss wir uns darum bemühen und so gewiss es nicht ohne unsere Bemühungen geht – gilt hier doch das Wort vom Echo aus dem Wald.

Das Besondere der Zuwendung Gottes ist, dass uns diese ganz ohne unser Zutun erreicht. Und Gottes Gaben in der Schöpfung gelten, wie Jesus in der Bergpredigt sagt, Guten und Bösen, auch denen, die nicht Danke sagen, aber vielleicht doch merken: Ich kann mir nicht alles erkaufen, nicht alles selber erwirtschaften. Gott schenkt uns das, was wir brauchen. Er schenkt uns genug, wir müssen es nur recht teilen und nicht auf Kosten anderer damit verschwenderisch umgehen.

An Erntedank geht es aber nicht nur um Nutzen, sondern auch um Freude. Das Brot, das wir essen, macht uns nicht nur satt und stärkt uns, es schmeckt auch! Gott möchte uns mit seinen Gaben nicht nur erhalten, sondern auch ergötzen. Interessanterweise hat dies ausgerechnet der als Asket geltende Johannes Calvin gesehen, wenn er schreibt: „Wenn wir... bedenken, zu welchem Zweck Gott die Nahrungsmittel geschaffen hat, so werden wir finden, dass er damit nicht bloß für unsere Notdurft sorgen wollte, sondern auch für unser Ergötzen und unsere Freude.“ Calvin kommt dabei auch auf die Farbenpracht und den Duft der Blumen oder die Schönheit der Kleidung zu sprechen. Dafür beruft er sich auf den 104. Psalm: „dass der Wein erfreue des Menschen Herz und sein Antlitz schön werde vom Öl“. Leben im Sinne Gottes heißt nicht nur das Lebensnotwendige, es schließt auch das Schöne ein.

In diesem Sinne, freuen Sie sich, wenn Sie in unserem Kirchenkreis in einem hoffentlich schönen Goldenen Oktober auf Wanderwegen unterwegs sind. Freuen Sie sich an den Wäldern und der herbstlichen Farbenpracht, die jetzt mehr und mehr die Landschaft prägt, an der guten Luft, die Sie in sich aufnehmen.

Denken Sie dabei auch an Gott, der dies alles geschaffen hat und Ihnen schenkt. Gewiss, es ist die Krümmung der Erdachse, die dafür ursächlich ist. Aber wer die Schönheit der herbstlichen Landschaft betrachtet und die reifen Früchte bis hin zum Brot genießt und sich selbst, sein eigenes Leben damit in Beziehung bringt, der wird in dem allem mehr als diese Krümmung erkennen. Darum lassen Sie sich nicht entgehen, sich dies auch in einem der vielen Gottesdienste zusprechen zu lassen: Gott gedenkt Deiner, er sorgt für Dich.


Pfr. Peter Liedtke

28. September 2014

Neue Sichtweisen tun gut

von Pfr. Peter Liedtke, Schmallenberg

Bei der Weltklimakonferenz war es wieder da, das Bild einer Welt, in der alles mit allem vernetzt ist. E-Mails umkreisen in Sekundenschnelle unsere Erde. Für unser Geld gibt es längst keine Grenzen mehr. Und wer sich ansieht, in wie vielen Ländern die Hose, die wir tragen, zu ihrer Herstellung schon war, der wird feststellen: die hat mehr Reisekilometer hinter sich als die meisten von uns.

Obwohl wir ja auch gern verreisen. Im Rahmen der eigenen Möglichkeiten verlassen viele von uns für eine begrenzte Zeit ihr Zuhause, um sich an anderen Orten zu erholen, um neue Ideen zu bekommen, andere Lebensweisen auszuprobieren. Aus beruflichen Gründen war ich für drei Monate in Greifswald.

Diese Zeit hat mir Erfahrungen geschenkt, die ich zuhause nicht hätte machen können. Zum Beispiel bekam ich einen ersten Eindruck davon, was es bedeutet, in Vorpommern zu leben. Kein Film und kein Buch können solche hautnahen Eindrücke vermitteln.

Kann man aber heute das Reisen angesichts der Umweltfrage überhaupt noch verantworten? Ich würde das bejahen, mindestens wenn man seine Zeit nicht nur in die Hotelbereichen zubringt, ohne Kontakt zu den Menschen vor Ort.

Wer selbst gesehen hat, was ein Staudammprogramm in China für Auswirkungen auf Natur und Bevölkerung hat, wer in Pakistan durch die Orte ging, an denen unsere Kleidung genäht wird, oder wer am 4. Juli in den USA bei einer der Paraden dabei sein konnte, versteht viel mehr von der Welt.

Es ist schade, dass viele von uns diese Erfahrungen nicht machen können. Denn: Wir müssen etwas ändern, wenn wir mehr Gerechtigkeit, mehr Frieden, mehr Bewahrung der Schöpfung wollen. Veränderung setzt allerdings voraus, dass wir zunächst sehen, wie es in der Welt zugeht.

Wer den angetriebenen Müll an den philippinischen Stränden mit eigenen Augen gesehen hat, redet über einfach weggeworfenen Müll anders. Neue Sichtweisen tun gut.

Neue Sichtweisen gibt es aber nicht nur in weiter Ferne. Wenn es gut läuft, können wir jede Woche in eine andere Sicht eintauchen auf die Welt, in der wir leben. Wenn Gott uns einlädt, sein Wort zu hören und zu erleben, wie er Leben sieht, dann ist das auch eine neue Sichtweise, eine, die uns verändern kann und verändern will.


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

21. September 2014

Die Welt ist groß und bunt

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Die Welt ist groß und bunt. Und was die unterschiedlichen Hautfarben betrifft, mittlerweile auch in Wittgenstein facettenreicher geworden. Wenn man durch Bad Berleburg geht, sieht man Menschen aus „aller Herren Ländern“, die im Zuge der aktuellen Völkerwanderung bis her zu uns gespült werden. Ich finde es spannend, zu überlegen, wo sie wohl herkommen und da, wo eine Begegnung möglich wird, auch danach zu fragen. Manches Mal höre ich dabei Ländernamen, die mich erschrecken – Länder, die gerade zerbersten im Völkermord und Bürgerkrieg, in Terror und Armut.

Mein Vater war ein wandernder Aramäer, dem Umkommen nahe, und zog hinab nach Ägypten und war dort ein Fremdling…“ - so beginnt das sogenannte kleine geschichtliche Glaubensbekenntnis aus dem Alten Testament (5. Mose 26, 5 ff.). Es ist ein biblisches Grundbekenntnis, das der Wanderrabbi Jesu, der nicht wusste, wo er sein Haupt hinlegen sollte, genauso auswendig kannte wie der Reiseapostel Paulus, der durch die ganze damals bekannte Welt zog. Es erinnert uns Menschen, die wir zu Gott gehören, in guter Weise daran, dass wir auf der Erde bestenfalls Gäste sind. Wir Sesshaften, gut Etablierten und so abgesichert Lebenden haben es vielleicht deshalb manchmal mit der Bibel so schwer, weil sie ursprünglich an Menschen gerichtet ist, die unterwegs sind, eben an das „wandernde Gottesvolk“. Wenn wir im Glauben vergessen, woher wir kommen, dann verstehen wir auch die Zusagen, die Hoffnung und die Verheißungen nicht mehr.

Woher stammen denn unsere geistlichen Vorfahren? Irgendwie sind alle ständig unterwegs: Abraham etwa war ein Wirtschaftsmigrant, der aufbricht, weil er Wohlstand in einem anderen Land erwartet, Ruth flieht als junge Frau vor einer Hungersnot und Jakob wird von der eigenen Familie verfolgt, gerät zunächst in die Hände von Menschenhändlern und bringt es dann im neuen Aufnahmeland nicht nur zu einer beachtlichen beruflichen Karriere, sondern stellt dort auch eine wichtige gesellschaftliche Hilfe dar. Und Jesus selbst schließlich wird als politisch Verfolgter von seinen Eltern im Säuglingsalter noch eben über die Landesgrenze gerettet.

Als eines der ältesten biblischen Glaubensbekenntnisse wird der Text aus dem fünften Mose-Buch Menschen besonders dann empfohlen, wenn es ihnen wirtschaftlich gut geht und die Lebensumstände geregelt sind. Uns also. Wir sollen, wenn wir uns schon so eingerichtet und festgesetzt haben, doch bewegliche und bewegte Herzen und einen ebensolchen Verstand haben. Und wir sollen die Fremden achten. Flüchtlinge, Vertriebene, Migranten, Asylanten, Auswanderer - die Bibel nennt sie Fremdlinge und sagt, dass sie unter dem Schutz Gottes stehen und bei ihm ein besonderes Ansehen genießen.

„Ansehen“ ist ein gutes Leitwort für ein Verhalten in unserem veränderten Stadtbild. Schauen Sie hin und schauen Sie diese Menschen an. Sie erinnern uns. Wir sind im Glauben niemals Angekommene, immer noch unterwegs. Für uns Christinnen und Christen sind die Menschen aus anderen Ländern deshalb nicht nur eine gesellschaftliche Herausforderung, der wir uns schon deshalb stellen müssen, weil wir durch unseren Lebensstil im westlichen Europa viel dazu beitragen, dass für diese Menschen das Leben in ihren alten Heimatländern unerträglich geworden ist. Sie sind Menschen, die Gott besonders liebevoll anschaut.

Das wenigste, was wir tun können, ist dafür zu sorgen, dass sie bei uns sicher und in Würde leben können und sie freundlich willkommen heißen in einem Deutschland, das schon demographisch auf Zuwanderung angewiesen ist.

Dabei hilft Ansehen. Das erste Lächeln, finde ich, liegt an uns. Manchmal ergibt sich daraus eine Begegnung, durch die wir mitbekommen, wie groß und bunt die Welt ist.


Pfrn. Simone Conrad

14. September 2014

Da hört der Spaß auf

von Pfrn. Simone Conrad, Birkelbach

In den Klassen neun oder zehn der Hauptschule steht im Fach „Religion“ das Thema „Gewalt“ auf dem Lehrplan.
Welche Formen von Gewalt gibt es?
Wie entsteht Gewalt?
Wo begegnet uns Gewalt?
Wie kann ich mit Gewalt umgehen?

Es ist ein Thema, das bei den ungefähr 16-jährigen jungen Menschen oft große Betroffenheit auslöst und ich erlebe den Unterricht in meinen beiden zehnten Klassen ausgesprochen spannend, gut und intensiv. In einer Stunde vergangener Woche ging es um die Frage: Ist es eigentlich Gewalt, wenn einer dem anderen aus Spaß den Stuhl wegzieht, wenn er sich setzen will?

„Ach, komm'“, sagten die einen, „das ist doch nur Spaß, das ist doch nicht böse gemeint.“ „Na ja“, sagten die anderen, „aber man kann stürzen und sich verletzen, und dann ist es Gewalt, sogar körperliche.“ „Hm, kommt darauf an, was ich damit bezwecke“, meinten die dritten: „Wenn ich das mache, um denjenigen vor der Klasse lächerlich zu machen, dann ist es seelische Gewalt, weil ich jemanden bloßstelle.“

„Spaß oder nicht Spaß? Wo hört denn der Spaß auf?“, habe ich die Schüler und Schülerinnen gefragt. Und als Antwort kam: Der Spaß hört dann auf, wenn der andere nicht mitlachen kann. Er hört dann auf, wenn er sich verletzt fühlt – egal ob körperlich oder seelisch. Und es ist kein Spaß, wenn ich jemanden blamieren will.

„Eigentlich ist es ganz einfach“, sagte dann einer der Schüler. „Man muss sich nur an die Regel halten: Geh' mit allen anderen so um, wie du möchtest, dass sie auch mit dir umgehen.“ Wie Recht er hat! Das steht inhaltlich genauso in der Bibel: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch“, so sagt es die goldene Regel (Matthäus 7, 12).

Eigentlich ist es ganz einfach – wenn wir das nur beherzigen würden! Wie oft erlebe ich, dass Menschen übereinander reden statt miteinander – würde ich das so für mich wollen?! Wie oft beleidigen Menschen einander und verletzen sich mit Worten – wer will das schon für sich?!

Und zunehmend: Wie oft werden per Handy Nachrichten oder Voicemails mit verletzendem Inhalt verschickt! Auch Cyber-Mobbing ist ein ganz großes Thema unserer Zeit. Nur Spaß? Für mich hört der Spaß hier auf. Und ich wünsche mir, dass wir es schaffen zu beherzigen, was doch eigentlich so einfach ist: Mit unserem Nächsten so umzugehen, wie wir es für uns wünschen würden.


Pfr. Thomas Janetzki

7. September 2014

Ein Leben lang auf Gott verlassen

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

In vielen unserer Gemeinden werden im September und Oktober die Jubelkonfirmationen gefeiert, wenn das nicht schon im April oder Mai geschehen ist. So ist es auch in unserer Kirchengemeinde, und es ist jedes Jahr wieder wunderschön zu erleben, wie viele Menschen sich anmelden, um ihre ehemaligen Mitkonfirmandinnen und Mitkonfirmanden wieder zu sehen, sich gemeinsam an alte Zeiten zu erinnern und miteinander einige schöne Stunden zu erleben.

Aber dahinter steht für mich mehr: Die Rückkehr in die Gemeinde, nach Möglichkeit auch in die Kirche, in der ich konfirmiert worden bin, hat für mich nicht nur mit Wiedersehen zu tun, sondern auch mit Erinnerungen an eine Zeit, in der meine Fundamente im Glauben gelegt oder gefestigt worden sind. Sie bedeutet für mich auch, mich noch einmal der Frage meines Konfirmationstages damals zu stellen: Willst Du in diesem Glauben, den du heute in deiner Konfirmation bekennst, auch den Weg deines weiteren Lebens gehen?

So wie unsere Konfirmation unser bewusstes „Ja“ zu unserer Taufe ist, so ist die Feier unseres Konfirmationsjubiläums in meinen Augen Ausdruck meines Rückblickes auf ein langes Leben in diesem Glauben, auf den ich getauft und in dem ich konfirmiert worden bin.

Wenn Menschen also nach 50, 60, 65, 70 oder noch mehr Jahren unserer Einladung zu einem Festgottesdienst zu ihrem Konfirmationsjubiläum folgen, dann ist das ein Zeichen dafür, dass sie ihr Leben mit diesem Gott geführt haben, den sie in ihrer Kinder- und Jugendzeit, auch während ihrer Jahre als Katechumenen und Konfirmanden, kennengelernt haben. Wenn wir also in diesem Gottesdienst noch einmal ganz bewusst um den Segen für alle Jubilarinnen und Jubilare bitten, dann tun wir das auch als sichtbaren Hinweis darauf, dass man sich ein Leben lang auf diesen Gott verlassen kann: auf seinen Weg mit jedem von uns, der mit unserer Taufe beginnt und auf dem unsere Konfirmation, aber auch unsere Feier des Konfirmationsjubiläums, eine wichtige Station ist.

Ich wünsche allen Jubilarinnen und Jubilaren von ganzem Herzen eine schöne und segensreiche Feier mit vielen Gesprächen und guten Erinnerungen!


Superintendent Stefan Berk

31. August 2014

Und plötzlich ist alles umgeräumt

von Superintendent Stefan Berk

„Wer Hilfe sucht, dem soll geholfen werden.“ Spät abends las ich den Satz. Man könnte ja meinen, er stamme von Jesus Christus und stehe irgendwo in der Bibel. Aber das stimmt nicht. So fing eine E-Mail an.

Ja, ich hatte Hilfe nötig. Eigentlich nicht ich selbst, aber unsere Kirchengemeinde. Weil das Gemeindehaus in Erndtebrück, besser bekannt als Jugendheim, in den vergangenen Monaten vollständig renoviert worden ist, hatten wir alles in einer großen Halle ausgelagert: Tische und Stühle, Bühnenelemente und Geschirr, Kinderspielzeug und Bücher, Lampen und Tischdecken – einfach alles. Und das musste jetzt wieder zurückgebracht werden. Und das möglichst an einem Freitagvormittag!

Also schrieb ich eine E-Mail – an ziemlich viele Leute in Erndtebrück. „Wir brauchen Eure Hilfe!“ Wobei mir ja von Anfang an klar war: Mit zwei Leuten ist das nicht zu schaffen. Aber wer kann schon an einem Freitagmorgen? Wer hat da schon Zeit? Und kann Tische und Stühle schleppen?

Kaum zwei Stunden später kam eine E-Mail zurück: „Wer Hilfe sucht, dem soll geholfen werden!“ Und auf einmal waren alle Sorgen erledigt: Sechs Männer vom SGV Erndtebrück (wer sich bei den Vereinen nicht so gut auskennt: vom Sauerländischen Gebirgsverein) würden am Freitagmorgen um sieben Uhr bereit stehen. Und am Freitag war dann tatsächlich alles innerhalb von drei Stunden erledigt.

Wie viel Zeit habe ich daran gesetzt zu lernen, wie man eine Predigt schreibt! Und wie man die Bibel verstehen kann! Das ist alles nicht falsch. Aber manchmal begegnet mir mitten im Leben eine Predigt, die aus einem Satz besteht – oder aus sechs Männern, die einfach so einen Umzug erledigen. Muss man da nicht staunen und sagen: Gott begegnet einem wirklich auf überraschenden Wegen? Und beileibe nicht nur in unseren Liedern und Gebeten und Predigten?

„Wer Hilfe sucht, dem soll geholfen werden“ - der Satz könnte tatsächlich von Jesus stammen. Wie toll ist das, wenn man solche Sätze in einer E-Mail lesen kann. Wenn einem auf so einfache Weise klar wird: Du bist nicht allein mit deinen Sorgen und Nöten. Du kannst dich darauf verlassen, dass es Hilfe gibt. Dass Menschen plötzlich an deiner Seite stehen, von denen du das gar nicht erwartet hast. Dass man eine E-Mail bekommt, die eine große Sorge wegwischt.

Nur suchen muss man. Wer nichts mehr erwartet, dem wird auch nichts begegnen. Wer keine Hilfe sucht, dem wird auch nicht geholfen werden. Der bleibt allein, der muss sehen, wie er mit seinen Sorgen klar kommt. Darauf kommt es an, dass mein Blick offen bleibt. Dass ich warten kann, ja: dass ich etwas erwarte von dem Leben, das noch vor mir liegt. Dass ich Gott die Chance gebe, mir zu begegnen – manchmal eben auch an Stellen, an denen ich gar nicht damit rechne. Aber es passiert. Und plötzlich ist alles umgeräumt.

Dass bei Ihnen Augen und Herz offen bleiben, wünscht Ihnen
Ihr Stefan Berk!


Pfr. Henning A. Debus

24. August 2014

„Komm, Herr, segne uns!“

von Schulpfarrer Henning A. Debus, Bad Berleburg

„Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen.“ Am Mittwoch haben wir das bekannte Segenslied wieder gesungen. In der Berleburger Katholischen Kirche. Im Schulanfangsgottesdienst für die neuen Fünftklässler des Johannes-Althusius-Gymnasiums. Alle 41 Mädchen und Jungs bekamen Gottes Segen für den neuen Lebensabschnitt zugesprochen. Ganz persönlich. Vorher hatten sie ihre Wünsche, Ängste und Gedanken, ihre Erwartungen und Hoffnungen im Gebet vor Gott gebracht. Ganz persönlich.

„…, dass wir uns nicht trennen!“ Segen hat also mit Gemeinschaft zu tun. Mit Zusammenhalt. Eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Zukunft nicht nur im Klassenverband, finde ich. Nun ist Segen nichts, was wir machen können. Segen ist kein Produkt. Segen ist ein Geschenk aus einer Wirklichkeit, die unseren Horizont weit übersteigt. „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“, sagt Gott zu Abraham. Und: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ Alle Geschlechter! Abraham wird zur Stammzelle dreier Weltreligionen, des Judentums, des Christentums und des Islams.

Fassungslos sehen wir dieser Tage Bilder aus dem Nordirak, wo Menschen, vor allem Christen und Jesiden, von IS-Terroristen in den Hunger getrieben und grausam abgeschlachtet werden. Mit Steinzeit in den Köpfen und modernsten Waffen in den Händen wollen diese Verbrecher einen islamischen Gottesstaat herbei schießen und herbei morden. Ihr Gott ist nicht Israels Jahwe, ist nicht der Vater Jesu Christi, ist nicht der Allah des Korans, ist nicht der segnende Gott Abrahams. Ihr Gott ist ein hässlicher, lebensverachtender Götze namens Hass, Machtgier, Gewalt und Tod. Auf dem Tun dieser Mörder liegt kein Segen.

Gottes Segen ermöglicht Leben, Zusammenleben, Zukunft in Familie, Schule und Gesellschaft und zwischen den Religionen. Und darum sollten wir Gottes Segen annehmen als gestaltende Kraft für unser Leben. Mit Gottes Segen können wir gegen alles angehen, was das Leben gefährdet und zerstört. Wir können und dürfen ein Segen sein für die Menschen, mit denen wir zusammenleben, für die Kinder und Jugendlichen in den Schulen, für die Menschen, die irgendwo auf dieser Erde verfolgt werden, seien es Christen oder Nichtchristen. Wir können und dürfen ein Segen für diese ganze schöne und von Menschen so geschundene Erde sein. Gott traut uns das zu.

Wo Unfriede herrscht, hängt der Segen schief. Ihn geradezurücken, ist eine schwere Aufgabe. Eine Gemeinschaftsaufgabe! Es lohnt sich!

Im Lied heißt es:
„Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden,
wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden.
Hilf, dass wir ihn tun, wo wir ihn erspähen
– Die mit Tränen säen, werden in ihm ruh‘n.“

Komm, Herr, segne uns…


Pfrn. Kerstin Grünert

17. August 2014

Frei Schnauze oder nach Rezept?

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Sind Sie eher der Frei-Schnauze-Typ oder handeln Sie immer genau nach Rezept? Bei mir kommt es ja immer darauf an. Also beim Backen da zählt ja jedes Gramm. Zuviel Respekt habe ich vor den Dingen, die da in einem Teig passieren könnten, als dass ich mich über die Mengenangaben hinweg setzen würde. Am liebsten handle ich da nach Milliliter- und Gramm-Angaben. Mit dem ungenauen „eine Tasse voll“ kann ich nicht so richtig etwas anfangen. Beim Kochen bin ich schon wagemutiger. Da bin ich mittlerweile so weit, dass ich auch nur mal das in die Pfanne haue, was gerade noch da ist. Und tatsächlich kommt auch meistens etwas Brauchbares heraus.

Lässt sich das Koch- und Backverhalten auch auf die Lebensführung übertragen? Was meinen Sie denn? Überlegen Sie doch mal: Haben Sie immer einen Plan für die anstehenden Dinge? Für jeden Tag eine Liste, die abgearbeitet werden muss? Bei mir ist das mal so und mal so, eben wie beim Backen oder Kochen. Klar, feste Termine stehen im Kalender, aber in der anderen Zeit geht’s dann auch schon mal frei Schnauze zu.

Vor Großereignissen, wo es viel zu planen gibt, da kommt dann eine Liste zum Einsatz. Wie gut es sich anfühlt, wenn man was auf ihr streichen kann - ich komme mir dann immer unheimlich organisiert vor. Andererseits erlebe ich es auch, dass manches viel besser läuft, wenn ich den vorbereiteten Plan verlasse und einfach mal frei Schnauze mache. So ein bisschen ist es ja auch mit der Ferienzeit und der Arbeitszeit.

Die Ferien gehen nächste Woche zu Ende. Die meisten müssen dann wieder los. Schule und Kindergarten starten ins neue Jahr. Dann laufen die Uhren wieder genau. Dann kann man nicht mehr in den Tag hinein leben, dann gibt es wieder Stundenpläne, Arbeits- und Abholzeiten, an die man sich halten muss. Der Alltag hält einen immer im Rezept gefangen. Da tut es manchmal gut, frei Schnauze darin auszubrechen.

Wie so oft kommt es auf die Balance an. Ein Rezept lässt sich manchmal durch ein paar kleine frei gewählte Varianten verbessern. Eine gewisse Struktur muss es natürlich geben, sonst geht alles drunter und drüber. Sonst läuft der Laden nicht. Aber es darf eben auch schon mal ein bisschen mehr sein. Gerade im Übergang von den Ferien zur neuen Arbeitszeit brauchen wir etwas länger, um uns auf die Struktur wieder festlegen zu lassen. Am besten nimmt man sich etwas mit, das einen immer daran erinnert, mal wieder ein bisschen auszubrechen!

Gilt fürs Backen und Kochen genauso wie fürs Leben: frei Schnauze oder nach Rezept – Hauptsache es schmeckt!


Pfrn. Heike Lilienthal

10. August 2014

Ich bin wertvoll in Gottes Augen

von Pfrn. Heike Lilienthal, Kirchenkreis-Region II

Wieder ist Sommer.
Wieder schreibe ich eine Andacht.
Wieder ist Ferienzeit, Urlaubszeit.

Die einen sind schon aus dem Urlaub zurück. Andere fahren noch. Und wieder andere fahren diesen Sommer gar nicht weg. Sie bleiben zu Hause. Kein Koffer packen, keine Reisevorbereitungen, keine Urlaubsfotos und -erinnerungen.

Wehmut? Und vor allem dann, wenn andere von ihren schönen Urlauben erzählen oder von der Vorfreude.

Doch auch die zu Hause bleiben, können eine schöne Zeit verbringen. Sie können sich Gutes tun in der vertrauten Umgebung, ohne Packerei vorher und Wäsche hinterher.

Ja, was tut mir gut?
Endlich mal Ruhe und Muße haben und keine festen Termine?
Oder endlich Zeit haben für Aktivitäten, die man sonst im Alltag nicht findet?
Was tue ich für mich?
Wie sorge ich für mich, dass es mir gut geht?
Und wenn man mit Kindern zusammen lebt schauen, wie man die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse berücksichtigt und aufeinander abstimmt. Welche Möglichkeiten kann ich, können wir in der nahen Umgebung, in den eigenen vier Wänden, im Garten und auf dem Balkon nutzen?

Sich kleine Urlaubsinseln, Zeiten des Auftankens schaffen zu Hause, das kann Körper und Seele richtig gut tun. Und nicht nur zur Urlaubszeit. Nein, sondern während des ganzen Jahres. Ein Gefühl von Lebensqualität muss sich nicht auf einige wenige Wochen im Jahr beschränken. Das hat mit Verantwortung für sich selbst zu tun, mit eigener Wertschätzung. Der schlaue Werbeslogan einer Kosmetikfirma „Weil ich es mir wert bin…“ macht sich die Sehnsucht der Menschen zunutze, gut zu sich selbst zu sein.

Ich bin es wert, dass ich gut zu mir bin, weil ich wie jeder andere Mensch von Gott beauftragt bin, liebevoll mit mir umzugehen. Gut umgehen mit meinem Körper und meiner Seele damit ich in Balance bin, in mir ankomme. Denn ich bin wertvoll in Gottes Augen und von ihm geliebt (Jes 43, 4).


Pfrn. Silke van Doorn

3. August 2014

Keine einseitigen Schuldzuweisungen

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Luftschutzraum: Damit verbinde ich bedrückende Enge, Angst und Gestank. Nie hätte ich gedacht, dass ich in einem sitzen müsste. Meine Großeltern haben mir davon erzählt, wie sie sich darin fühlten damals. Viele Berichte habe ich gelesen. Alle lange vergangen hier in Europa – Gott sei Dank.

Vor ein paar Tagen saß ich gemeinsam mit kirchlichen Jugendmitarbeitern aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein in einem Luftschutzraum. Es war keine Übung. Es war keine Ausstellung. Es war echter Luftalarm, auf unser Stadtviertel flog eine Rakete, abgefeuert aus dem Gazastreifen. Wir waren vorbereitet, dass es passieren könnte. Denn wir befanden uns seit Tagen in Israel, mitten in der modernen, quirligen Stadt Tel Aviv am Mittemeer in Israel. Als wir uns auf die Reise vorbereiteten, dachten wir nach den Tagen von Besichtigungen von Altertümern und Steinen, nach Begegnungen und Gesprächen an Vergnügen und Leichtigkeit, an Einkaufen und Freude. Nun saßen wir im Luftschutzraum – und es war ernst.

Seit Monaten, seit Jahren fliegen aus dem Gazastreifen Raketen auf Israel. Nun aber hat sich die Reichweite vervielfacht. Nicht nur grenznahe Städte und Dörfer sind betroffen. Die Raketen fliegen bis nach Jerusalem und Tel Aviv. Israel wehrt sich dagegen. Denn das haben schon die Staatsgründer geschworen: Nie wieder darf es ein passives Hinnehmen geben, wenn jüdische Menschen bedroht sind. Nie wieder darf es duldsam hingenommen werden, wenn das Existenzrecht Israels tatkräftig angezweifelt wird. Diese Bedeutung wurde für unsere kleine Gruppe Schülerinnen und Schüler aus unserer Region auf dem Platz des Aufstandes im Warschauer Ghetto in YadVaShem in Jerusalem deutlich. Die Shoah hat Israel geprägt. Nie wieder werden jüdische Menschen es hinnehmen, dass ihnen das Existenzrecht abgesprochen wird.

Doch jetzt gerade ist in Israel jüdisches Leben im Kern getroffen. Botschaft, die mitfliegt: Keine Juden hier erwünscht. Die Reaktion Israels ist heftig. Das „Nie wieder“ führt zu Reaktionen, die Menschen das Leben kosten. Tausend Tote schon wieder. Leidtragende sind oft Kinder. Auch sie werden Opfer der Bombardements. Sie werden getroffen, weil Israel Stellungen und Raketenlager der Hamas bombardiert, die in oder neben Schulen, Kitas und Krankenhäuser sind. Fassungslos nehmen wir es wahr, dass Unschuldige leiden, dass Kinder von Extremisten als Schutzschilde missbraucht werden.

Fassungslos nimmt meine kleine Reisegruppe aus Schülerinnen und Schüler unserer Region wahr, was die Reaktionen auf dieses „Nie wieder“ in Europa sind: Ungezügelter Antisemitismus, der sich in Äußerungen und Demonstrationen äußert. Endlich scheint es wieder ausgesprochen werden zu dürfen, wer am Unglück der Welt schuld sein soll.

Doch einseitige Schuldzuweisungen sind nicht hilfreich. Wer sich in diesem Konflikt verlassen fühlt, wird immer verzweifelter kämpfen. Allein, mit dem Rücken zur Wand.

Ich habe kein Patentrezept für die Lösung des blutigen, angstschürenden, von viel zu vielen Interessen geleiteten Konfliktes, der schon zu viele Jahre schwelt. Ich hätte es so gern. Aber jeder, der denkt, es zu haben, jeder der scheinbar nur zu genau weiß, wer der Schuldige ist, zündelt mehr an der Lunte des Sprengfasses, die Luftschutzräume nötig macht.

Nicht durch Heer und nicht durch Macht, sondern durch meinen Geist, spricht der HERR“. Die Worte des Propheten Sacharja sind Leitspruch des Staates Israel.

Mit dem Wunsch, dass es Frieden geben möge, Leben und Sicherheit für alle Menschen, die dort leben, in diesem kleinen Land, das für zwei Völker reichen muss, grüße ich Sie mitten in den Ferien

Pfarrerin Silke van Doorn, Schulreferentin der Kirchenkreise Siegen und Wittgenstein


Pfrn. Elisabeth Grube

27. Juli 2014

„Wege durch Raum und Zeit“

von Pfrn. Elisabeth Grube, Heiminghausen

„Wege durch Raum und Zeit“ - diesen Titel trägt die grenzüberschreitende Kunstinstallation, die Teil des Spirituellen Sommers ist. Gabriele Schulz zeigt ihre Werke an zwei Orten: in der Raumländer Kirche und in der Auferstehungskirche in Gleidorf.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wanderten evangelische Christen aus dem Wittgensteiner Land über den Rothaarkamm ins Hochsauerland. Sie brachen aus ihrer Heimat in Wittgenstein auf, kamen als Hammerschmiede nach Gleidorf, siedelten dort und gründeten eine evangelische Kirchengemeinde.

Gabriele Schulz nimmt diese historische Spur auf und setzt sich mit der Spiritualtität der Menschen auseinander, die aufbrechen mussten und Schritte in ein neues Leben gewagt haben.

Von welcher Kraft wurden diese Menschen getragen? Von welcher Hoffnung? Wo und wie konnten diese Menschen Geborgenheit finden in ihrem Aufbruch?

Eigens für die Ausstellungen hat die Künstlerin Schuhe geschaffen, die als Symbol für die Wander- und Pilgerbewegung stehen. Sie erzählen von den Menschen, ihren Schicksalen, ihren Schmerzen und ihren Suchbewegungen, in denen sich auch immer wieder eine Erfahrung zeigt von Aufgehobensein mitten in allen Widersprüchen und Bedrängnissen.

In der Raumländer Kirche und in der Auferstehungskirche steht je ein großer Kelch, geformt aus vielen Schichten Zellulose und bedeckt mit feinen Salzkristallen. Die beiden Kelche verdichten, dass Menschen, in dem, was sie verlassen mussten, mitten im Vergehen ihres bisherigen Lebens, mitten in ihrem Aufbruch sich ein Anderes, ein Größeres erfahren. Eine Erfahrung von Weite und Offenheit kristallisiert sich.

Darum wird am Sonntag, 3. August, in einem Gottesdienst in der Auferstehungskirche zur Ausstellung das Wort des Psalmbeters leitend sein: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Psalm 31, 9)

Nähere Informationen zur Ausstellung und zum Begleitprogramm unter www.wege-zum-leben.com.


Pfr. Stefan Turk

20. Juli 2014

Schönen Urlaub - mit Gott

von Pfr. Stefan Turk, Erndtebrück

Neulich war ich aus privaten Gründen für zwei Tage im benachbarten Hessen. Nicht nur über die unsichtbare Grenze, sogar ein gutes Stück hinein. Übers Wochenende. Das ist für mich als gelernter Westfale in Wittgenstein fast schon eine große Reise und somit ein ansehnlicher Ausflug. Und das geht für mich als Berufs-Christ mit Sonntagsdienst in Erndtebrück nur, weil ich eine nette und hilfsbereite Kollegin habe.

Wie auch immer, ich war also am Sonntagvormittag in diesem kleinen, beschaulichen hessischen Dorf. Mitten im Dorf: die evangelische Kirche. Mit ganz normalem Gottesdienst. Kein Event, kein Familiengottesdienst mit Gemeindefest, kein Open-Air-Gottesdienst mit anschließendem Mittagessen. Stinknormaler Gottesdienst.

Was macht ein Berufs-Christ aus Wittgenstein im tiefsten hessischem Ausland, wo ihn keiner kennt, angesichts der sich aufdrängenden Sonntagsfrage: Gehe ich zum Gottesdienst - oder gehe ich nicht?

Ich fand Argumente dagegen: Heute kann ich doch auch einfach 'mal nichts tun. Ich bin doch nun wirklich oft genug im Gottesdienst. Ich kenne hier doch sowieso niemanden. (Das ist die Kehrseite von „Hier kennt mich doch keiner.“) Wer weiß, wie die hier Gottesdienst feiern; da kenn‘ ich mich doch gar nicht aus. Ich brauch das auch ‘mal, dass ich einfach 'mal abschalten kann. Ich fand Argumente dagegen, und an denen war nichts wirklich Verwerfliches dran.

Als Berufs-Christ fiel mir sogar noch eine Spitzfindigkeit ein: Hat Gott es nicht selber auch so gemacht? Sechs Tage lang hat er höchst kreativ und arbeitsam die Schöpfung ins Leben gerufen und geformt, erzählt die Bibel gleich zu Beginn. Aber: Am siebten Tag hat er geruht. Da hat er nichts getan - warum soll ich mir als sein Bodenpersonal daran nicht ein Beispiel nehmen?

Ein Gedanke, der mir vor langer Zeit im Studium begegnete, kam mir wieder in den Sinn. Auf die Frage, was Gott eigentlich macht, wenn er nichts macht, hat der Theologe Dr. Jürgen Moltmann geantwortet: „Am Sabbat aber beginnt der ruhende Gott, seine Geschöpfe zu erfahren. Der angesichts seiner Schöpfung ruhende Gott beherrscht die Welt an diesem Tage nicht, sondern er fühlt die Welt.“

Und wenn Gott fühlt, so denke ich mir, dann ist er mir spürend, hörend, aufnehmend zugewandt. Ich kann kommen wie ich bin und mitbringen, was da ist. In mir und um mich herum. Auch, wenn es weder geordnet noch gut ist. Gott ist da, um mich zu erfahren – und ich kann bringen, was und wie ich bin.

Wo anders aber als im Gottesdienst ist das mit Händen zu greifen? Wo anders als im Gottesdienst geschieht das? Im normalen Gottesdienst bin ich da, sind rechts und links andere da, selbst wenn ich sie nicht kenne und sie mich nicht, und Gott ist auch da. Das genügt.

Ich bin also zum Gottesdienst gegangen.

Es war wirklich ein normaler Gottesdienst. Stinknormal - aber er hat mir nicht gestunken. Im Gegenteil: Er tat mir gut.

Zwei oder drei Stellen im Ablauf waren etwas anders als zuhause, aber ich habe Alles wiedererkannt und konnte innerlich mitgehen. Ich war eigentlich sogar ganz anders dabei als zuhause: Ich war offener, gespannter, neugieriger. Auch auf Gott. Und habe bemerkt: Im Alltag zuhause erreiche ich das Verbinden mit Gott, der auf mich wartet, nicht immer so tief, wie ich das eigentlich brauche. Dort, in der ganz kurzen Auszeit, gelang mir das besser. Und hat mich für den Alltag ab Montag gestärkt.

Ich habe mir vorgenommen: wenn ich demnächst richtigen Urlaub habe und mit meiner Familie wegfahre, dann mache ich nicht Urlaub von Gott. Auch als Berufschrist und Gottes Bodenpersonal nicht. Ich mache Urlaub mit Gott. Und ich gehe, wo ich auch bin, am Sonntag zum Gottesdienst.
Zum stinknormalen Sonntagsgottesdienst.
Die sind nämlich viel besser als ihr Ruf.

Schönen Urlaub, wünsche ich Ihnen. Mit Gott.


Pfrn. Kerstin Grünert

13. Juli 2014

Leben braucht Gemeinschaft

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

So, nun ist es also soweit. Die meisten Partien der WM sind ausgespielt. Vorbei sind die beiden Halbfinals, die im Fußballfan wohl die komplette Bandbreite an Emotionen abgerufen haben: Erleichterung, Euphorie, pure Glückseeligkeit, hoffentlich kein Größenwahn, aufrichtiges Mitleid, Spannung, Langeweile, Unverständnis, Müdigkeit, Ärger....

Natürlich sind wir erleichtert über den Einzug ins Finale. So langsam kann man auch begreifen, was da gegen Brasilien abgegangen ist. In den Nachberichten war noch nichts von aufkommendem Größenwahn zu spüren. Wer wird wohl der Gegner sein? Das würde eine spannende Angelegenheit zwischen den Niederlanden und Argentinien. Naja, nicht ganz. Der Mittwochabend zog sich wie Kaugummi. Lahme 90 Minuten und auch die Verlängerung war – abgesehen von den letzten zwei Nachspielminuten – auch nicht besser. Gut, also Elfmeterschießen. Wer würde bei Holland diesmal im Tor stehen? Diesmal der andere, aber auch er versucht doch tatsächlich Psychospielchen. Funktioniert hat es nicht.

Vor dem großen Finale am Sonntag bleibt uns jetzt erst mal ein vorläufiges Fazit. Ach wenn der Sieger noch nicht feststeht, können wir Rückschau halten.

War es ein Fußballfest? In jedem Fall war so manches anders als erwartet. Das Ausscheiden der großen Mannschaften nach der Vorrunde. Vermeintliche Fußballzwerge, die die Favoriten gehörig unter Druck setzten. Überall dazwischen der Samba, die gute Stimmung der Gastgeber.

Und das Fair Play? Die Haltung, vom anderen her zu denken? Das hat ja oft genug nicht funktioniert. In einigen Spielen wurde mächtig getreten und gebolzt. Unvergessen der beißende Suarez, der doch eigentlich nur unglücklich auf seinen italienischen Gegenspieler gefallen war. Und dann Hollands Torwart Krul. Ich persönlich fühlte mich in diesem Viertelfinale an die WM 1990 erinnert, wo Frank Rijkaard auf einmal das Spucken anfing.

Ja, über das Fair Play dieser WM kann man noch ausgiebig sprechen. Nicht nur, was die Spieler oder auch die Schiris betrifft. Im ganzen Drumherum war einfach viel zu viel los, was den ungetrübten Blick auf großartigen Sport verhinderte. Geld, Macht und Politik sind viel zu wichtig geworden.

Wenn die vier Wochen jetzt am Sonntag ihr Ende nehmen, dann müssen wir unseren Blick auch wieder auf das normale Tagesgeschäft richten. Die Welt dreht sich weiter und auch in anderen Angelegenheiten müssen wir unser Mitgefühl, unsere Begeisterung, unser Unverständnis und unseren Ärger genau so deutlich kundtun.

Als Menschen, von Gott geschaffen, angenommen und geliebt, können wir gar nicht anders, als von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all unserer Kraft uns für den anderen einzusetzen, Unfaires anzuzeigen und Fair Play als Lebenshaltung umsetzen zu wollen. Den Auftrieb und die Motivation holen wir uns aus dem Erlebnis der Gemeinschaft. Nur in Gemeinschaft kann man gelingendes Leben gestalten. Und die Gemeinschaft lebt davon, dass ich vom anderen her denke!


Pfr. Oliver Lehnsdorf

6. Juli 2014

Viel länger als 90 Minuten

von Pfr. Oliver Lehnsdorf, Oberndorf

Zurzeit findet das größte Sportereignis der Welt statt, nämlich die Fußball-Weltmeisterschaft. Die Medien berichten sehr ausführlich darüber, wie die einzelnen Partien verlaufen sind. Jubel und Enttäuschung lagen bei den jüngsten Spielen dicht beieinander. Und das geht auch an den Spielern nicht spurlos vorüber, vor allem wenn eine einzige Niederlage gleich das Aus bedeutet.

Und so möchte ich einen Blick auf eine kleine Begebenheit aus der heimischen ersten Bundesliga werfen. Die Saison ist vorbei. Es gab wie gewohnt Sieger und Verlierer. Und es gab auch solche, die fast zu Verlierern geworden wären. Eine dieser Mannschaften war Hannover 96. Einige Spieltage vor Schluss spielte man gegen einen weiteren Abstiegskandidaten, nämlich Eintracht Braunschweig und verlor haushoch mit 0:3.

Die Enttäuschung der Fans von Hannover 96 war so groß, dass man im Anschluss an das Spiel, das in Braunschweig stattfand, nach Hause zum heimischen Hannoveraner Stadion fuhr und es belagerte. Die Lage dort drohte zu eskalieren, so dass die Spieler von Hannover 96 dies mitbekamen, und sofort zum Stadion kamen, um die Fans zu beruhigen. Das gelang auch. Und die Spieler versprachen, dass sie alles im nächsten Spiel gegen den weiteren Abstiegskandidaten Hamburger SV besser machen wollten.

Eine Woche später fand dieses wichtige Spiel statt, es stand lange 1:1, bis kurz vor Schluss der Hannoveraner Stürmer Didier Ya Konan den entscheidenden Treffer für Hannover schoss. In seiner Freude zog er sein Trikot hoch, so dass man das T-Shirt von ihm sehen konnte, worauf geschrieben stand: „John 3:16“ Auf Deutsch übersetzt: Johannes 3, 16. Es handelte sich dabei also um einen Hinweis von ihm auf die folgende Bibelstelle: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Nach dem Spiel wurde Ya Konan interviewt und auf diese Aktion angesprochen, woraufhin er entgegnete, dass alles in den letzten Tagen für ihn und seine Mitspieler sehr schwer gewesen sei, weil der Verein in einer Krise war. Was ihm da besonders geholfen habe, sei sein Glaube gewesen, der ihn auch allgemein in seinem Leben mit all Höhen und Tiefen trage.

Wer das sagen kann, der ist, wie ich finde, gesegnet, denn das Spiel des Lebens dauert ja viel länger als nur eine Partie.


Pfrn. Silke van Doorn

29. Juni 2014

Damit es nicht dunkel bleibt

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

„In ganz Europa gehen die Lichter aus; wir werden es nicht mehr erleben, dass sie angezündet werden“. Sprach am 3. August 1914 der britische Außenminister Edward Grey. Er sah, wie die Lampen angezündet wurden im St. James Park. In Europa gingen tatsächlich die Lichter aus. Edward Grey sah sie nicht wieder angehen. Er starb im September 1933. Da wurde es noch dunkler als dunkel in Europa. Und doch spricht der Prophet Jesaja ins Dunkel hinein: „Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind.

100 Jahre ist es her, dass die Lunte gezündet wurde mit der Ermordung des Kronprinzenpaares in Sarajewo. Die Ursache allerdings hatte eine lange Vorgeschichte: Europa befand sich in einer Phase tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels und innerer Zerrissenheit. Beschleunigte Modernisierungsprozesse stehen gegen alte Lebensgewohnheiten. 43 Jahre hat es keine kriegerischen Auseinandersetzungen gegeben in Europa.

Doch nun rasselten die Säbel vor allem in Deutschland und Österreich mit Macht. Drohgebärden - wo vernünftige politische Gespräche von Nöten gewesen wären. Politisches Ungeschick des Kronprinzen gegen das serbische Volk, der ausgerechnet am serbischen Nationalfeiertag, der der verlorenen Schlacht auf dem Amselfeld vor 525 Jahren erinnerte, seinen Truppen vor Ort einen motivierenden Besuch abstattete.

Vieles, was wir lesen können aus dem Europa vor 100 Jahren mutet uns bekannt an. Aber es gibt einen tiefgreifenden Wandel. Der EU-Gipfel über Richtung und Zukunft Europas begann am Donnerstag mit einem Gedenken in Ypern, der Stadt des Friedens, die im „Großen Krieg“ von 1914 bis 1918 total zerstört wurde.

Vorsichtig wiederaufgebaut symbolisiert sie den tiefgreifenden Wandel: In den Zeiten der wirtschaftlichen und ideellen Krise, die Europa heute wieder umtreibt, stehen die Staats- und Regierungschefinnen und -chefs Europas Schulter an Schulter vereint in dem „Nie wieder“. Sie gedenken und hören nicht auf, am Verhandlungstisch zu ringen, wie Solidarität buchstabiert werden kann.

So kann es aussehen, wenn Jesaja vom Friedensreich spricht, in dem alle Völker die Weisung miteinander hören, die vom Zion kommt und das Wort der Versöhnung spricht: Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

Europa ist der Fleck auf der Karte, an dem Frieden durchbuchstabiert wird, damit nie wieder die Lichter ausgehen.

Hoffnungsvoll grüßt Sie Silke van Doorn,
Schulreferentin der Evangelischen Kirchenkreise Wittgenstein und Siegen


Klinikpfarrer Dr. Andreas Kroh

22. Juni 2014

Die Artikel des Glaubens

von Klinikpfarrer Dr. Andreas Kroh

Wie können Christen heute ihren Glauben umschreiben? Für mich ist es da gelegentlich hilfreich, einen Blick in die Geschichte des Christentums zu werfen. Wie haben Christen in der Vergangenheit ihren Glauben umschrieben und was können wir in der Gegenwart davon lernen? Am Beispiel der Kirchenlieder kann man das sehr gut darstellen.

Eine Art Grundlied des Glaubens ist für mich das Lied Martin Luthers: „Wir glauben all an einen Gott.“ Der Theologe hat es im Jahre 1524 gedichtet, es hat seinen festen Platz als Umschreibung des evangelischen Glaubens gefunden.

„Wir glauben all an einen Gott, Schöpfer Himmels und der Erden,
der sich zum Vater geben hat, dass wir seine Kinder werden.
Er will uns allzeit ernähren, Leib und Seele auch wohl bewahren,
allem Unfall will er wehren, kein Leid soll uns widerfahren.
Er sorget für uns, hüt und wacht,
es steht alles in seiner Macht.“

In diesem Lied werden die sogenannten Artikel des Glaubens beschrieben. Insgesamt kennt die christliche Theologie drei davon. Der erste Glaubensartikel beschreibt das Wirken des Schöpfers. Alles steht in seiner Macht, Leib und Seele gehören zu Gott. Kein Mensch hat sich selbst erschaffen, das Leben ist ein Geschenk von Gott. Das ist die Grundaussage der ersten Strophe.

Die zweite Strophe umschreibt den zweiten Glaubensartikel, der dem besonderen Werk Jesu Christi gilt:

„Wir glauben auch an Jesum Christ,
seinen Sohn und unsern Herren, der ewig bei dem Vater ist,
gleicher Gott von Macht und Ehren, von Maria, der Jungfrauen, ist ein wahrer Mensch geboren,
durch den Heiligen Geist im Glauben, für uns, die wir warn verloren,
am Kreuz gestorben und vom Tod
wieder auferstanden durch Gott.“

Mit dieser Strophe wird der christliche Erlösungsglauben erfasst. Jesus ist wahrer Mensch, er hat wirklich gelitten, er ist wirklich gestorben am Kreuz, er ist auch „gleicher Gott von Macht und Ehren“. Hier greift Luther auf das Neue Testament und die Geschichte der Theologie zurück. Die Theologie der Reformationszeit hat betont, dass der Mensch „allein durch die Gnade Gottes“ Frieden findet und Versöhnung mit Gott. Frieden und Versöhnung mit Gott bewirkt Jesus Christus. Der Gedanke, dass der Mensch Frieden mit Gott findet, ist in diesem Zusammenhang besonders wertvoll.

In der letzten Strophe beschreibt das Lied den dritten Artikel des christlichen Glaubens, er umschreibt das Wirken des Heiligen Geistes. Am Pfingstfest feiern wir Christen die Ausgießung des Heiligen Geistes. In der Liedstrophe heißt es darüber:

„Wir glauben an den Heiligen Geist,
Gott mit Vater und dem Sohne, der aller Schwachen Tröster heißt
und mit Gaben zieret schöne, die ganze Christenheit auf Erden hält in einem Sinne gar eben;
hie all Sünd vergeben werden; das Fleisch soll auch wieder leben.
Nach diesem Elend ist bereit
uns ein Leben in Ewigkeit.“

Es geht um den Trost und um die Gaben, die Gott schenkt. Es sind wertvolle Gaben, die von Gott kommen. Diese Gaben zieren die ganze Christenheit, also nicht eine einzelne christliche Gruppe oder Kirchengemeinschaft, sondern die ganze Christenheit ist gemeint, durch die Gott seine Gaben schenkt. Dabei kann man an das Gute denken, das Gott den Schwächsten zukommen lässt, Gutes und Nächstenliebe sind Geschenke Gottes. Der Theologe Martin Luther kann diese Geschenke auch als eine „Zierde“ bezeichnen, als einen besonderen Schmuck der Christenheit auf Erden.


Pfrn. Kerstin Grünert

15. Juni 2014

„Fair Play beschreibt eine Haltung“

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Wissen Sie eigentlich, seit wann es im Fußball gelbe und rote Karten gibt? Tatsächlich doch erst seit 1970, und das kam so: Bei der Weltmeisterschaft 1966 gab es im Viertelfinalspiel zwischen England und Argentinien eine Tätlichkeit eines argentinischen Spielers, so dass der deutsche Schiedsrichter sich gezwungen sah, diesen vom Platz zu stellen. Wie das so ist, war der Spieler sich keiner Schuld bewusst und konnte oder wollte den wild gestikulierenden Referee nicht verstehen. Zehn Minuten versuchte man vergeblich, sich zu verständigen. Erst dann wurde klar, worum es ging und das Spiel konnte – ohne den ausgeschlossenen Gaucho – fortgesetzt werden.

Nach dem Spiel setzte man sich zusammen, um einen Weg zu finden, Verwarnungen oder Platzverweise so anzeigen zu können, dass jeder Spieler und auch die Zuschauer es sofort verstehen konnten. Inspiriert durch den Stau im Londoner Verkehrschaos, mit vielen gelben und roten Ampeln, entstand die Idee von den farbigen Karten, die zukünftig Verwarnung und Platzverweis regeln sollten. Dieser Vorschlag setzte sich durch, so dass bei der WM 1970 in Mexiko alle Schiedsrichter mit den bunten Bescheiden ausgestattet waren.

Manchmal erfordert es eben ein bisschen Kreativität, um eine Sprache zu finden, die alle verstehen. Nicht immer weht der Geist der Sache bei jedem gleich stark, so dass es keine weitere Verständigung mehr bräuchte. Nicht alle Menschen harmonieren automatisch miteinander, weil sie im selben Geist verbunden sind und deshalb nur wenige oder sogar keine Worte brauchen. Vorgestern hat die WM in Brasilien begonnen. Alle freuen sich auf heiße vier Wochen, in denen der Fußball und das Samba-Lebensgefühl im Mittelpunkt stehen. Und am Ende sollen die Richtigen gewinnen.

Ja, bei so einem sportlichen Großereignis rückt der Alltag schon mal ein in den Hintergrund. Jeder stellt sich auf die besondere Zeit ein, selbst wenn er oder sie sonst gar nicht so viel mit Fußball zu tun hat. Gelegenheitsfans werden zu wahren Experten. Und auch die, die wirklich gar kein Interesse haben, merken sich den Spielplan, weil sie so wissen, wann man in Ruhe zum Einkaufen gehen kann, weil die Straßen dann ja leergefegt sind. Wie auch immer, die kommenden vier Wochen werden anders als der Alltag sonst. Man wird am Geist der WM nicht vorbei kommen.

Es ist ein Geist, der Menschen zusammenführt. Aus aller Herren Länder kommen Sportler und Fans nach Brasilien und wollen ein großes Fußball-Fest feiern. Natürlich gibt es auch die Gegner, sonst brauchte man gar nicht erst anzufangen. Einer muss gewinnen. Und trotzdem steht bei allem der Geist des Fair Plays an oberster Stelle. Hoffentlich!

In der der Deklaration des Internationalen Fair-Play-Komitees heißt es: „Fair Play bezeichnet nicht nur das Einhalten der Spielregeln, Fair Play beschreibt vielmehr eine Haltung des Sportlers: der Respekt vor dem sportlichen Gegner und die Wahrung seiner physischen und psychischen Unversehrtheit. Fair verhält sich derjenige Sportler, der vom Anderen her denkt.“

Hoffentlich weht der Geist kräftig! Auf dem Feld und auf den Rängen, im Stadion und außerhalb. Und hoffentlich auch nicht nur in den Metropolen, wo die große Party steigt, sondern auch am Rand, auf dem Land, an Orten, wo die Menschen in Brasilien vielleicht nicht so viel von dem Geschehen haben. Und hoffentlich weht der Geist noch lange nach der WM weiter, in Brasilien und allen anderen Ländern. Natürlich auch bei uns! Fair Play in jeder Lebenslage!


Pfr. Steffen Post

8. Juni 2014

Wähl' die Elf des Glaubens

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

Seit Montag steht er nun endgültig fest: Der Kader der deutschen Fußballnationalmannschaft, mit dem Bundestrainer Jogi Löw zur WM nach Brasilien fährt. 23 Spieler dürfen also mithelfen, den Weltmeistertitel wieder einmal nach Deutschland zu holen. Ob es gelingt? Manche Experten bewerten die Auswahl kritisch: Nur ein klassischer Stürmer im Aufgebot? Werden die angeschlagenen Spieler rechtzeitig fit? Wer kann nach einer langen Saison noch einmal eine topp Leistung abrufen? Ich halte es da mit dem Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer: „Schaun mer ma!“

Spätestens mit dem Pfingstfest vor fast 2000 Jahren, an das wir an diesem Wochenende in unseren Gottesdiensten erinnern, hat Jesus Christus seine Mannschaft berufen: „…ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde.“ (Apostelgeschichte 1, 8) Mit diesen Worten hat er die Männer und Frauen rund um Petrus auf das Spielfeld der Welt geschickt. Die gute Nachricht von Gottes liebevoller Zuwendung zu den Menschen sollen sie weitererzählen, bis in die hintersten Winkel dieser Erde. Anfangs sind sie ein kleines Team, doch die Mannschaft der Christen wächst schnell. Über eine sehr wechselvolle Geschichte ist diese gute Nachricht schließlich auch hier zu uns nach Wittgenstein gekommen. Menschen haben sich von Gottes Geist ansprechen lassen und zum Glauben an Jesus Christus gefunden.

Mit dieser Entwicklungsgeschichte vor Augen möchte ich Sie zu einem kleinen Experiment herausfordern; ich nenne es: „Wähl' die Elf des Glaubens!“ Zwei mögliche Varianten schlage ich dazu vor:
1.) In der Bibel-Elf können Sie elf Personen aus der Bibel nennen, die Ihrer Meinung nach wichtige Persönlichkeiten für die Geschichte des Volkes Israel und der christlichen Gemeinde gewesen sind.
2.) In der Geschichts-Elf dürfen über die Bibel hinaus elf Menschen aus der Kirchengeschichte, Liederdichter, Personen der Neuzeit auflaufen, die nach Ihrer Meinung prägende Gestalten für Ihren Glauben oder für das Christentum sind.

In unserer Kirchengemeinde in Bad Laasphe läuft gerade diese Aktion zur Fußball-WM: „Wähl' die Elf des Glaubens!“ Wenn Sie möchten, können Sie mir gern ihre Aufstellung zur Bibel-Elf und/oder zur Geschichts-Elf an unser Gemeindebüro (Kirchplatz 20, 57334 Bad Laasphe) oder per Mail an turipo(at)freenet.de schicken.

Viel Entdeckerfreude und Gottes Segen beim Nominieren.


Thomas Lindner

1. Juni 2014

Hören Sie das leise Sausen...

von Thomas Lindner, Kompetenzzentrum

Fußball-WM, Wahlen, Euro-Krise, Ukraine-Konflikt … All diese Dinge fielen mir ein, als ich mir überlegte, das Angedacht für heute zu schreiben. Große Schlagzeilen bestimmen unsere Medien, unsere Gespräche. Viele Ansätze fielen mir dazu ein, aber nichts überzeugte mich. Ich möchte von kleinen Dingen berichten, von kleinen Begebenheiten, in denen ich oder Personen, die mir nahe stehen, in den vergangenen Tagen Gott erlebt haben.

Diesen Sommer fahre ich mit über 50 Jugendlichen auf eine Jugendfreizeit nach Italien. Unser Mitarbeiter-Team bestand zunächst aus acht Personen und fing bereits im Dezember mit der Vorbereitung an. Schnell wurde klar, wir passen alle gut zusammen. Doch dann sagten im April drei von vier weiblichen Mitarbeitern aus unterschiedlichen Gründen ab. Und ich fand keinen entsprechenden Ersatz. Zwei 17-Jährige stießen zum Team, können aber nicht soviel Verantwortung übernehmen. Ich hatte schon echt schlaflose Nächte und machte mir Sorgen. Und dann sprach mich ein Ehepaar an, das voriges Jahr schon mit mir unterwegs war und dieses Jahr eigentlich aussetzen wollte, sie hätten in den vergangenen Tagen immer mehr darüber nachgedacht, dass sie doch dieses Jahr gern mit auf Freizeit fahren würden, ob noch Platz sei. Sie können sich vorstellen, wie mein Herz vor Freude einen Sprung gemacht hat und wie dankbar ich meinem Gott bin.

Vorletzte Woche beschloss ich einen lange ausstehenden Besuch bei einer Mitarbeiterin im Krankenhaus einzuplanen. Da dort nur mittwochs und an Wochenenden Besuchszeiten sind, wollte ich mittwochs fahren. Meine Tochter wollte diese Person auch schon lange besuchen und es ergab sich, dass sie ebenfalls diesen Mittwoch Zeit hatte. Auf der Rückfahrt sagte sie mir: Es ist schon komisch, ich hab‘ eigentlich immer irgendwas vor und Termine, nur diesen Mittwoch hatte ich frei. Da hatte bestimmt Gott seine Finger mit im Spiel, dass das geklappt hat.

In einem Lied aus meiner Jugendzeit - lang, lang ist das her - heißt es im Refrain über Gott: „Er spricht zu uns durch kleine Fingerzeige, durch Botschaften im Alltagsalphabet.“ Diese Zeile und das ganze Lied gehen mir immer wieder durch den Sinn. Nicht die großen Wunder, die großen Ereignisse sind es, in denen ich Gott finde, sondern in den kleinen Begebenheiten.

Im 1. Königsbuch erlebt Elia etwas Eigenartiges. Er begegnet Gott, oder genauer: Gott zieht an ihm vorüber. Zuerst kommt ein Sturm auf, aber das ist nicht Gott, dann ein großes Feuer, aber auch da ist Gott nicht drin zu finden und dann ein leises Sausen. Da weiß Elia, dass das Gott ist.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie dieses leise Sausen hören und spüren, in dem Gott sich auch heute noch zeigt und auch Ihnen begegnet. Öffnen Sie die Augen für die kleinen Wunder - und Sie werden große Wunder erleben.


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

25. Mai 2014

Ewig - drunter geht's nicht

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Es steht auf Jogurtbechern und Käseverpackungen, aber auch auf Salzpäckchen und Honiggläsern: das MHD, das Mindesthaltbarkeitsdatum. Die EU-Agrarminister haben sich in der letzten Woche damit beschäftigt und beabsichtigen, es von langlebigen Lebensmitteln wie Nudeln und Reis wieder zu entfernen. So soll einer Verschwendung von Nahrungsmitteln entgegengewirkt werden. Denn das, was das MHD eigentlich anzeigen sollte, nämlich wie lange ein Produkt mindestens genießbar ist, wird als Verfallsdatum gelesen und so zum Vernichtungstermin vieler noch gar nicht verdorbener Lebensmittel.

Verbraucher trauen dem MHD mehr als ihren eigenen Sinnen und werfen Produkte oft im geschlossenen Zustand weg, ohne etwa an der Milch zu riechen oder den Zwieback anzuschauen. So werden die Nahrungsmittel vernichtet, ohne zu prüfen, ob sie auch tatsächlich mitbekommen haben, dass sie ab der aufgedruckten Zeitangabe ungenießbar sein sollen.

Für mich steckt in dem System von aufgedruckten Daten ein Bild für eine Grundirritation menschlichen Lebens. Einerseits ist da der Wunsch nach Sicherheit und Garantien, danach die Dinge selbst in der Hand zu halten, also sie in den Griff zu bekommen, als halt-bar definieren zu können. Andererseits verliert sich mit diesem Anspruch aber zugleich die Fähigkeit, es wirklich selbst zu können und zu verantworten.

Der Gedanke ist ja übertragbar: Welches ist das Mindesthaltbarkeitsdatum von Freundschaften oder einer Ehe, wie lautet das von ehrenamtlichem Engagement oder wie haltbar sind Karrieren von Sportlern, Künstlern oder (im Blick auf die Wahl heute) von Politikern? Und wie ist das mit der eigenen Gesundheit? Hat das eigene Leben ein Mindesthaltbarkeitsdatum? Lassen wir es uns aufdrucken durch Bestimmungen zum Beispiel des Gesundheitssystems, das dann definiert, dass uns mit dem Überschreiten einer irgendwie gesetzten Altersgrenze keine Stammzellentherapie mehr, nicht mehr jede Behandlung oder Operation zusteht. Und wie werden Sie dabei klassifiziert – als kurzlebiger Jogurt- oder langhaltender Honigtyp?

Es ist für mich ein Grundverständnis meines Glaubens, das auf alle Bereiche zu übertragen ist: auf den Umgang mit Nahrungsmitteln, auf Freundschaften, auf das Leben selbst: Wir sollen das Leben genießen, es sorgsam bewahren und mit wachen Sinnen und Verstand gegen Verschimmeltes und Verfaultes angehen. Das ist möglich, weil wir das Leben selbst nicht in der Hand halten brauchen, ja es gar nicht können: unser Leben ist für uns nicht „halt-bar“.

Es ist wie alles ein Geschenk, eine Gabe aus Gottes Hand. Wenn wir es annehmen, wird es zu einer Auf-Gabe in der eigenen Verantwortung. Gott allein aber hält es und garantiert seine Haltbarkeit, gibt ihm Bestand. Und darauf vertraue ich schließlich: Wenn ich meinen irdischen Verfallstermin erreicht habe, hat Gott mir ein Haltbarkeitsdatum gegeben. Es heißt: ewig. Mindestens! Drunter geht's nicht.


Pfr. Thomas Janetzki

18. Mai 2014

Mach doch mal Pause…

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

Kennen Sie das auch, dieses Gefühl von „und jetzt ein paar Stunden Pause, das wär' schön!“ Ein bisschen Ausspannen – so mitten drin? Das geht doch nicht, ist meine erste Reaktion: Erst kommt noch dieses und jenes Wichtige, muss das noch termingerecht erledigt werden. Da habe ich doch schon ein schlechtes Gewissen, nur daran gedacht zu haben, auch wenn das nächste lange Wochenende ja gar nicht so weit weg ist…

Und dann fällt mir eine kleine Geschichte in die Hände, die ich ihnen weitergeben möchte: Ein jüdischer Rabbi, Schmelke mit Namen, pflegte, damit sein Lernen über der Heiligen Schrift, sein Studieren und Meditieren keine zu lange Unterbrechung erleide, nie anders als sitzend zu schlafen, den Kopf auf dem Arm und zwischen den Fingern eine brennende Kerze, die ihn wecken sollte, sowie die Flamme seine Hand berührte. Einmal nun kam ein befreundeter Rabbi zu ihm. Als der den seltsamen Brauch Schmelkes sah, sich vor dem Schlaf zu bewahren, überredete er ihn, sich doch einmal auf einem Bett zum Schlaf auszustrecken. Dieser schlief bis zum anderen Morgen. Er merkte, wie lange er geschlafen hatte, aber er bereute es nicht, denn sein Geist war auf einmal von einer nie gekannten sonnenhaften Klarheit und sein Körper war erfrischt, wie er es noch nie vorher empfunden hatte. Er ging ins Bethaus und den Menschen erschien es, als hätten sie ihn noch nie gehört, so klar waren seine Gedanken, so bezwingend die Macht seiner Rede. Später sagte Schmelke zu seinem Freund: „Jetzt erst habe ich erfahren, dass man Gott auch mit dem Schlafe dienen kann!“

Wenn wir in dieser Geschichte nun statt „Schlaf“ einmal probeweise „Pause“ einsetzen, dann hieße der letzte Satz so: „Jetzt erst habe ich erfahren, dass man Gott auch mit einer Pause dienen kann!“ Aber fangen wir vorn an: Ist das nicht manchmal auch unsere Lage, dass wir, um dieses Bild aufzunehmen, auch oft mit einer brennenden Kerze da hocken, dass wir nur ja nicht „einschlafen“ oder anders gesagt, dass wir nur nicht einmal ausspannen, die Seele baumeln lassen, einmal beiseite schieben, was uns tagein, tagaus beschäftigt und beschwert?

Und dazu passt, so glaube ich, unsere Geschichte von Rabbi Schmelke gut; ja, sie trifft den Punkt ganz präzise, um den es geht: Als er sich einmal dem Schlaf überlässt, erfährt er, was er bisher entbehrt hat. Und wir? Erlauben wir uns doch einfach einmal, eine kurze oder längere Pause zu machen, Freude zu empfinden, einmal ein paar Stunden oder auch Tage frei zu sein und unbeschwert... Wir dürfen das, glauben Sie mir!

Und noch mehr: Gott will fröhliche Menschen, ausgeglichen mit genügend Erholung und nicht nur von der Arbeit und den tausend Mühen des Lebens bedrückte oder besessene, die gar nicht mehr die Schönheit der Welt und des Lebens sehen und genießen können. Und er will das alles auch deshalb, weil wir dann hinterher den anderen etwas weitergeben können von der Kraft und den guten Gedanken, die wir in unserer freien Zeit gesammelt haben.

Ob Rabbi Schmelke nach seiner guten Erfahrung von seinem unsinnigen Brauch geheilt war? Ich weiß es nicht, aber ich versichere Ihnen: Auch eine Pause ist ein Geschenk Gottes – empfangen Sie sie mit Freude aus seiner Hand!


Pfrn. Kerstin Grünert

11. Mai 2014

Muttertag, Bundesliga und Eurovision

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Muttertag, letzter Spieltag in der Bundesliga oder Eurovision Song Contest in Kopenhagen....
Ja, an diesem Wochenende gibt es viel zu bedenken. Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll.
Muttertag: Ach je, das ist doch jedes Jahr immer komisch. Natürlich denke ich an diesem Tag besonders an meine Mama, wie lieb ich sie habe, wie dankbar ich ihr bin und ich bemühe mich auch, ihr eine Freude zu machen. Das mach ich dann, weil es der Kalender so vorsieht und aber auch noch in 51 anderen Wochen im Jahr. Ob ich was von meinen Kindern erwarten kann, weiß ich gar nicht. Sie sind ja auch noch klein. Und ich nehme mir auch fest vor, nicht enttäuscht zu sein, wenn der Papa nichts in ihrem Namen organisiert hat...
An das Bundesligafinale will ich schon gar nicht denken.
Als bekennender Nicht-Bayern-Fan bin ich total genervt über den Tabellenstand. Da passiert an der Spitze ja so gar nichts Neues mehr. Lediglich der Gedanke an den FC, der in der nächsten Saison auch wieder erstklassig spielt hält mein Interesse noch ein wenig wach.
Ja und dann der Grand Prix. Früher hab ich mich ja gar nicht so sehr dafür interessiert. Erst seit Studienzeiten und gemeinsamem Mitfiebern vor dem WG-Fernseher bin ich so ein bisschen in die Szene eingetaucht. Die größeren Zusammenhänge und das Leben rings um und hinter der großen Bühne wurden mir erst in den letzten paar Jahren durch einen Freund – ein wirklicher Eurovisionsexperte – nahe gebracht. Jedenfalls kann ich mich auf das große Geschehen am Samstag Abend noch gar nicht so richtig freuen: Denn ich bin immer noch ein bisschen beleidigt, dass Santiano im Vorentscheid gescheitert ist. Es hätte ja auch von mir aus Unheilig werden können, aber an die Klänge von Elaiza hab ich mich immer noch nicht gewöhnt. Aber das ging mir damals bei Lena und „satellite“ genauso...
Muttertag, Bundesliga und ESC – das sind alles interessante Themen.
Da sollte an diesem Wochenende doch für jeden etwas dabei sein.
Eine bunte Mischung, bis oben hin gefüllt mit Lebenskraft, Lebensfreude und Lebenslust. Ganz so, wie es Gott gefällt!
Nein, das ist jetzt nicht weit her geholt, oder der Versuch der Pfarrerin, die Themen der Woche irgendwie mit Gott in Verbindung zu bringen.
Wir haben einen Gott, den wir fühlen und finden können, in dem wir leben und weben – einen Gott, in dem wir SIND.
So beschreibt Paulus Gott in seiner großen Reden auf dem Areopag – dem Redehügel im damaligen Athen. Unser ganzes Sein richtet sich nach dem, dem wir unser Leben verdanken. Alle Lebenskraft, alle Freude und auch alle Lust kommt von Gott. Denn er hat uns in der großen Vielfalt erschaffen und mit unseren Talenten und Künsten, ob als Fußballer, Künstler, Mutter - einfach als MENSCH - bringen wir seine Schöpfung zum Leuchten: bunt und schillernd, grell und in Grautönen – ganz so, wie es im Leben zu geht.
Er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben weben und sind wir!
(Apg 17, 27+28)


Pfr. Dr. Detlef Metz

4. Mai 2014

Das Bild vom Hirten

von Pfr. Dr. Detlef Metz, Kirchenkreis-Region I

In Ravenna befindet sich eine kleine Kirche mit dem Grabmal der im Jahre 450 verstorbenen römischen Kaiserin Galla Placidia. Über der Eingangstüre ist eines jener Mosaiken zu sehen, für die Ravenna bekannt ist. Es zeigt in einer sanften, von mediterranen Pflanzen geprägten Landschaft sechs Schafe, die teils stehen, teils auf der Erde liegen. Alle Schafe haben ihren Blick einer Gestalt zugewandt, die in der Mitte auf einem Stein sitzt. Es ist der Hirte, der mit der einen Hand seinen Stab hält, mit der anderen ein Schaf streichelt. Eine friedliche, Ruhe ausstrahlende Szene. Keinem Zweifel unterliegt, dass es sich bei dem Hirten um Jesus Christus handelt: Sein Kopf ist von einem Schein umgeben, sein Stab hat deutlich die Form eines Kreuzes. Umgeben ist er von seinen Schafen, von seiner Gemeinde, die sich zu ihm hält. Fraglos dürfte sich auch die Kaiserin als Teil dieser Szene gefühlt haben, als zur Gemeinde Jesu gehörende Christin, die sich diesem Hirten anvertraut. Erstaunlich: Eine Herrscherin, die von 425 bis zu ihrem Tod an der Spitze des Reiches stand, reiht sich in eine Herde von Schafen ein. Sie vertraut sich letzten Endes nicht ihrer eigenen Macht und Befehlsgewalt über Untergebene an. Sie verlässt sich im letzten nicht auf ihren Reichtum. Sie setzt ihre Hoffnung nicht auf ihren Ruhm, den sie bei ihren Untertanen genießt. Sie sieht sich zuerst und zuletzt als Schaf ihres Hirten Jesus. In ihrem Leben hatte Galla Placidia erfahren müssen: Macht, Ehre und Besitz sind keineswegs Garanten für ein ruhiges und sicheres Leben. Als junge Frau wurde sie als Geisel in die Hände der Westgoten gegeben. Ihr weiteres Leben war wechselvoll, auch eine Verbannung gehörte dazu, bis sie schließlich in Ravenna residierte. In diesem Auf und Ab aber konnte sie sich gewiss sein: Da ist einer, der mich führt, der in allem Dunkel und Nebel den Überblick behält, dem ich mich anvertrauen kann, der für mich eintritt. Er ist für mich da auch über das Ende dieses Lebens hinaus, ja mit ihm vertraut umzugehen, das bildet das Ziel meines Lebens. Sie wusste, dieser gute Hirte ist Jesus Christus, der im Johannesevangelium sagt: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“ Der morgige Sonntag wird auch Hirtensonntag genannt. Die biblischen Texte kreisen um das Bild vom guten Hirten und seiner Herde. Ein archaisches Bild. Ins Internet-Zeitalter scheint es nicht zu passen. Noch weniger scheint es Menschen der Neuzeit angemessen zu sein, deren Denken von einem selbstbestimmten Leben, von Autonomie ausgeht. Die schlimmen Erfahrungen mit ‚Führung’ im letzten Jahrhundert tun ein übriges, das Bild von Hirte und Herde als nicht mehr dienlich auszuordnen. Aber gerade das Archaische des Bildes zeigt: Zum Menschsein gehört wohl die Sehnsucht nach einem Hirten, nach einem, der Fürsorge übt, vor Angriffen verteidigt und Frieden schafft, der in den Unsicherheiten des Lebens führt, ja der das direkte Gegenbild zum mitunter schlechten Führungsstil von Menschen darstellt. Es ist eine Sehnsucht, die darum weiß, dass der Mensch sein Leben nicht selbst in der Hand hat. Jesus, der gute Hirte. Bestätigt dieses Bild unsere Sehnsüchte und Bedürfnisse? Das Mosaik aus Ravenna bietet keine bukolische Romantik. Der Stab des guten Hirten ist ein Kreuz. Dieses Kreuz zeigt zunächst einmal, dass bei uns Menschen nicht einfach alles in Ordnung, sondern unser Leben zutiefst bedroht ist. Das Kreuz steht für Lasten, die ein Mensch in seinem Leben mit sich schleppt, die ihm die Luft zum Atmen nehmen: wo er sich nicht an den einen Gott gehalten hat, sondern an eigene Götter, wo er Lebensverneinendes gedacht, gesagt oder getan hat und Lebensspendendes unterlassen hat, obwohl es ihm möglich gewesen wäre. Das Kreuz steht für all das, was sich an Belastendem in sein Leben eingeprägt hat, zu seiner Lebensgeschichte gehört und den Tod in sich führt. Aber der gute Hirte hält das Kreuz. Er sagt genau diesem Menschen: Trotz deiner Schuld sollst du leben. Dein Leben wird wieder heil werden. Was dich bedroht, soll dir nicht schaden, weil ich für dich eingetreten bin, weil ich dein Leben zu meinem gemacht und seine Folgen getragen habe, oder mit Jesu Worten: „Ich bin der gute Hirte, ich lasse mein Leben für die Schafe.“ Das Bild vom Hirten: ein archaisches Bild, ein Bild mit Grenzen, auch ein Bild zum Reiben, und doch eines, das Wahrheit zum Ausdruck bringt. Auf das, was hier dargestellt wird, kann ich mich verlassen, weil ich wie jene Kaiserin der Spätantike auf den guten Hirten, auf Jesus Christus vertrauen kann, der mich kennt, der ganz für mich da ist und da sein wird.


Pfr. Stefan Turk

27. April 2014

Nachösterlicher Spaziergang

von Pfr. Stefan Turk, Erndtebrück

Wie war denn so Ihr Osterfest? War es harmonisch? War der Osterbraten lecker? Das Eiersuchen der Kinder niedlich? Das Osterfeuer gut besucht, die Nachbarn nett? Oder sind Sie in Urlaub gefahren? Haben Sie sich auch am Frühling und an der aus dem Winterschlaf geküssten Natur gefreut? Haben Sie mit den Ihren einen netten Osterspaziergang unternommen?
Wenn’s so war, war’s hoffentlich schön. - Falls nicht, muss ich Ihnen sagen: dafür ist es heute, eine Woche nach Ostern, leider zu spät. Den eigentlichen Osterspaziergang haben Sie dann verpasst.
Natürlich ist es für einen Spaziergang vielleicht nicht zu spät. Aber für den wirklich-echten Osterspaziergang definitiv doch. So ist das im Leben mit den einmal verpassten Gelegenheiten… Ostern ist nun einmal vorbei. Naja, - zumindest der Ostertermin ist seit einer Woche verstrichen. Und Schülerinnen und Schülern (wie Lehrerinnen und Lehrern) kann ich den Schock leider nicht ersparen: Montag fängt die Schule wieder an…
Wie war das noch einmal? Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu. Aber was feiern wir eigentlich an Ostern?
Die Kreuzigung Jesu? Oder die Auferstehung zum Leben? Oder beides zusammen?
Ostern liegen Tod und Leben, Begrabenwerden und Auferstehen so eng beieinander.
Das mit dem Sterben und dem Tod, das kennen wir. Sterben müssen wir alle. Je älter wir werden, desto häufiger - und vielleicht auch desto heftiger - haben wir mit dem Thema zu tun. Und manchmal kommt es uns ganz nahe. Geht uns sogar unter die Haut. Je älter wir werden, desto mehr begreifen wir, dass unser eigenes Leben endlich ist. Wir könnten es durch-konjugieren: „Ich werde sterben. Du wirst sterben. Er, sie, es wird sterben…“
Vor Ostern liegt der Karfreitag. Jesus, der Mensch Gottes, stirbt am Kreuz. Dann folgt der Tag der Grabesstille. Und dann Ostern. Jesus, der Christus Gottes, wird von Gott zu neuem Leben erweckt.
In meiner Bibel steht aufgeschrieben: „Siehe, ich war tot.“ Das sagt der auferstandene Christus.
Das ist ein Satz, der Alles auf den Kopf stellt. Dieses eine kleine Wort wirft alles, was bis dahin gegolten hat, ein-für-alle-Mal über den Haufen. Dieses eine kleine Wort „war“.
Wir können vom Tod nur in der Gegenwartsform reden. Liebe, uns vertraute Menschen sind tot.
„Er ist gestorben. Sie ist tot.“ Oder eben in der Zukunftsform: „Ich werde einmal sterben.“
Und nur der Eine, der auferweckte Christus, kann das sagen: „Ich war tot.“ Vergangenheitsform.
Für mich, Christus, ist der Tod Vergangenheit. Der Tod ist überwunden. Der Tod ist tot.
Nun geht dieser eine Satz, der alles auf den Kopf stellt, noch weiter. Christus spricht: „Ich war tot, und ich bin lebendig… und ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ Mit diesem Schlüssel schließt er die Tür auf, die für uns so scheinbar endgültig ins Schloss fällt.
Und dafür ist es heute, eine Woche nach Ostern, ganz bestimmt nicht zu spät.
Was das angeht, so zählt das gerade nicht zu den berühmt-berüchtigten verpassten Gelegenheiten.
Definitiv nicht. Für wirklich-echtes Ostern ist es nie zu spät.
Der Theologe Eberhard Jüngel hat einmal den klugen und auch noch poetischen Satz gesagt: „Das unterscheidet Ostern von einem Osterspaziergang: Spaziergänge ändern nichts. Sie enden in der Regel genau da, wo sie anfingen. Ostern hingegen ist ein Aufbruch ohne Ende.“


Pfrn. Stephanie Eyter-Teuchert

20. April 2014

Darf's ein bißchen mehr sein?

von Diakoniepfarrerin Stephanie Eyter-Teuchert

Liebe Leserin und lieber Leser,
darf's ein bisschen mehr sein als das, was wir gewohnt sind, was wir erwarten, was unseren Vorstellungen entspricht?
Darf es im Leben für uns mehr geben als Angst und Sorgen und immer wieder mehr vom Gleichen? Vielleicht ist das der Druck in der Arbeitswelt, die Verdichtung der Arbeit und unsere Ansprüche darin, daneben das schlechte Gewissen, wenn wir doch nicht alles so gut schaffen in Arbeit, Familie, Haushalt, Kindererziehung, Freizeitgestaltung… Es könnte ja doch ein bisschen besser sein, ein bisschen perfekter, optimal eben. Konkurrenz und Leistungsdenken packen uns und die Vorstellungen: „der will ja immer“ – „die könnte doch auch“ – „wenn alle sich mehr anstrengen würden, dann ginge doch noch was“. Kennen Sie solche Sätze? Darf's vielleicht mal etwas Anderes sein – eine Überraschung?
Darf das sein? In Ihrem Leben und in meinem? Dürfen wir so denken? Uns was trauen, uns etwas zumuten? Den anderen ganz anders kennenlernen als gewohnt? Die andere nicht nur nach dem Äußeren einschätzen, sondern das bemerken, was da von innen heraus aufleuchtet? Können Sie sich vorstellen: da geht eine Frau zum Grab zusammen mit ihren Freundinnen und sie kommen völlig verstört zurück – weil sie etwas Ungewöhnliches gesehen haben. Etwas was ihre Welt verrückt hat, aus den Fugen gebracht hat? Da war eine Erscheinung, ein junger Mann hat im Felsengrab gesessen und hat gesagt: Der, den ihr hier besuchen wolltet, ist nicht mehr hier, er ist auferstanden. Jesus Christus ist auferstanden. (Lesen Sie nach in der Bibel, im Markus-Evangelium Kapitel 16, Verse 1-6)
Aufgestanden – weggegangen – nicht mehr in unserem Lebensbereich. Er hat all unsere Horizonte und Denkweisen hinter sich gelassen – lässt sich von uns nicht mehr begreifen und fassen.
Unverständlich, nicht wahr?
Um unser Verständnis für Auferstehung und Neuanfang zu wecken, erzähle ich Ihnen ein Beispiel aus unseren Tagen.
Hier in Deutschland vor der Wende gab es zwischen Ost und West – zwischen der Bundesrepublik und der DDR einen sogenannten „Todesstreifen“ – einen Streifen Land vom Norden bis in den Süden Deutschlands, den niemand betreten durfte, der Ost und West trennte. Er war abgegrenzt durch Stacheldraht und hohe Mauern, Wachtürme stellten sicher, dass keiner dorthin kam, ebenso wie Selbstschussanlagen.
Auf diesem Todesstreifen siedelten sich Pflanzen an, seltene Arten ließen sich dort nieder, weil niemand ihr Wachstum störte, Vögel nisteten dort und besondere Insekte fanden dort ein Zuhause. Unbemerkt, nicht beachtet entstand dort, im Todesstreifen ein neuer Lebensraum. Entdeckt wurde er nach der Wende, nach der Öffnung der Grenzen. „Grünes Band“ heißt dieser Streifen Land. Initiativen setzen sich dafür ein, dass er erhalten bleibt.
Für mich ist es ein Beispiel dafür, wie Gott Leben will und durchsetzt, wo Menschen die Enge und den Tod vor Augen haben. Es zeigt, wie Gottes Schöpferkraft wirkt, wenn wir es gar nicht merken. Überraschend anders als wir es uns vorstellen können. Zugleich ist dieses Beispiel eine Anfrage an unsere Grenzen, an unsere Bewertungen im Leben, an unsere Vorstellungen von dem, was machbar ist. Hätten Sie gedacht, dass an so einer Stelle, unter solchen Vorzeichen und Absichten neues Leben in dieser Fülle entsteht?
Gott wirkt anders als wir es uns vorstellen, er bewirkt anderes als wir uns denken können. Unsere Bewertungen greifen da nicht mehr. Überraschendes wird möglich. Etwas Neues steht auf. Das zum Sterben Gedachte wandelt sich und neues Leben entsteht.
Dafür stehen wir als Christinnen und Christen – das ist unsere Hoffnung und manchmal auch unsere Erfahrung. Neues Leben wagen, gegen allen Augenschein – lassen Sie sich dazu einladen oder auch verleiten. Das Angebot steht. Manchmal darf es eben ein bisschen mehr sein.


Pfrn. Silke van Doorn

13. April 2014

Frühjahrsputz – alles muss raus

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Frühjahrsputz – alles, was das Leben beschwert und durcheinanderbringt, fliegt raus. Nicht nur dann, wenn eine Liebe zerbrochen ist und die Wohnung von den Sachen des ehemals geliebten Menschen befreit wird – so wie ein großes Möbelhaus in seinem Spot uns wissen lässt.

Einmal im Jahr Inventur machen, um unbeschwert in das neu aufblühende Leben zu gehen, um auf Ostern zuzugehen, an dem uns jedes Jahr neu unsere Freiheit von allen lebensfeindlichen Kräften bewusst wird. Der Muff des Winters und die dunklen Kramecken des Hauses und der Seele werden durchforstet, gelüftet und geleert. Immer wieder ist es erstaunlich, wieviel sich ansammelt an Krümeln, Dreck und Staub in den Ritzen der Möbel und des Unbewussten. In der jüdischen Tradition des Pesachfestes, das am Montagabend mit dem traditionellen Sedermahl beginnt, ist das Entrümpeln und Putzen in das Fest eingebunden.

Das ganze Haus wird von den Krümeln des Vorjahrs gesäubert. An diesem Abend werden die Geschichten der Befreiung erzählt. Uralt – und doch immer wieder aktuell. Die Sorgen und Nöte der früheren Generationen lassen auch unsere Sorgen spürbar werden. Training in Einfühlung. Wer den Kummer der Anderen spürt, will selbst keine Schmerzen mehr zufügen: Will nicht die ausgrenzen, die aus der Fremde dazugekommen sind, will nicht zulassen, dass Menschen kein sauberes Wasser zum Trinken haben, will nicht, dass Flüchtlinge vor Lampedusa ersaufen, will stattdessen, dass jeder in seinem Land eine faire Chance auf gutes Leben bekommt.

Kein todbringendes Verhalten mehr. Christen und Juden gehen auf Ostern und Pesach zu. Sie protestieren gegen den Tod. Es entsteht Jahr für Jahr wieder ein großer Strom der Freiheit und des Lebens. Innen und außen gereinigt, gehen wir dem Licht entgegen.

Frohes Pesachfest und gesegnete Ostern.


Pfrn. Kerstin Grünert

6. April 2014

Manchmal einen Aufbruch wagen!

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Oh, wie schön ist Panama! Kennen Sie die Geschichte von Janosch? Der kleine Bär und der kleine Tiger leben zufrieden in dem kleinen Haus am Fluss. Ihnen geht es gut, sie müssen sich vor nichts fürchten. Der kleine Bär geht jeden Tag mit der Angel fischen und der kleine Tiger geht in den Wald Pilze finden. Ja, sie haben wirklich ein schönes Leben dort unten in ihrem kleinen, gemütlichen Haus am Fluss.

Eines Tages findet der kleine Bär eine Kiste, die auf dem Fluss vorbei schwimmt. Pa-na-ma steht darauf und sie riecht ganz doll nach Banane. „Panama ist das Land meiner Träume. Da riecht es von oben bis unten nach Bananen!“ Der kleine Bär zeigt dem kleinen Tiger seinen Fund und gemeinsam beschließen sie, in das Land ihrer Träume zu reisen. Sie lassen alles hinter sich, nur die Tigerente muss mit. Das gemütliche Leben am Fluss tauschen sie ein gegen eine Abenteuerreise ins Unbekannte.

Nach einiger Zeit, in der sie Bekanntschaft mit einige Tieren gemacht haben und aber auch immer nach links gegangen sind, kommen sie wieder an ihrem Fluss an. Ein Brett von der Holzkiste liegt im Gras. Darauf steht Panama. Sie sind am Ziel. Sie erkennen die Gegend nicht wieder. Der Wind hatte ihr Haus etwas verwittert und als sie weg waren, sind Bäume, Gras und Sträucher gewachsen. „Hier ist alles viel größer, Bär“, rief der kleine Tiger, „Panama ist so wunderbar, wundervoll schön, nicht wahr?“ Und so richten der kleine Bär und der kleine Tiger sich alles wieder schön her und genießen das neue Leben im Land ihrer Träume. Aber eigentlich ist es nicht neu. Denn auch jetzt geht der Bär jeden Tag fischen und der Tiger in den Wald Pilze finden. Es ist wie früher – nur eben ein bisschen schöner!

Manchmal muss man einen Aufbruch wagen! Manchmal braucht man einen Kick, um wieder neu ans Laufen zu kommen. Das muss dann nicht der ganz große Schritt sein. Wir können ja nicht alle ständig irgendwohin auswandern. Aber eine neue Blickrichtung, eine andere Einstellung in unserem Zielfernrohr, das kann schon mal helfen, wieder neu in Schwung zu kommen. Eingefahrenes verändert sich, das holprige Getriebe läuft wieder rund. Die Rädchen greifen wieder genau ineinander. Wie gut es uns doch geht, dass wir die Möglichkeit haben, etwas zu verändern. Los! Auf, nach Panama!


Pfrn. Berit Nolting

30. März 2014

Der Regenbogen ist ein Versprechen

von Pfrn. Berit Nolting, Berghausen

Beim Blick in den Kalender fiel mir auf, dass am Wochenende die Zeit umgestellt wird. Eine Stunde weniger schlafen, dafür längere Abende und morgens ist es wieder dunkel. Finanziell gesehen soll diese Zeitumstellung ja nichts bringen – im Gegenteil, nur Kosten verursachen. Die Frage ist, ob das dann wirklich Sinn macht. Denn schon kurze Zeit später ist die Sonne auch wieder um 6 Uhr morgens da und im Sommer wäre ein Fest bei Fackelschein ja auch irgendwie schön. Ohne Umstellung hätte ich mir auch die eine Stunde Schlafmangel gespart und die Gottesdienstbesucher kämen nicht verspätet zu den Gottesdiensten am Sonntag – andererseits könnte man ja auch die eine Stunde eher ins Bett gehen. Dann hätte man den Effekt gar nicht.

Beim Blick in den Kalender fiel mir noch etwas auf. Am 3. April ist der Finde-einen-Regenbogen-Tag. Es ist ja schon skurril, welche Namen man den Tagen im Jahr gibt: Finde einen Regenbogentag. Warum gerade der 3. April? Vielleicht, weil da Aprilwetter sein könnte, mit viel Regen und Sonnenschein im Wechsel? Aber: Kann man Regenbogen wirklich finden oder entdeckt man sie einfach?

Ich freue mich immer, wenn ich einen Regenbogen entdecke. Die bunten Farben einfach so am Himmel. Meistens ist der Himmel dahinter düster und grau, da tun die bunten Farben gut. Ich habe schon häufiger nach Aprilschauern aus dem Fenster geschaut und gedacht: Bei diesem Regen und diesen Lichtverhältnissen müsste doch ein Regenbogen am Himmel stehen. Aber Regenbögen kann man nicht erzwingen, die sind wie ein Geschenk. Nach einem Regenschauer sind sie plötzlich da und erfreuen uns. Der Regenbogen ist ein biblisches Zeichen. Im Alten Testament, am Ende der Noah-Geschichte verspricht Gott, dass er die Welt, die Menschen und Tiere bewahren und dafür sorgen wird, dass sie nicht untergehen. Als Zeichen für dieses Versprechen, diesen Bund setzt Gott seinen Bogen in den Himmel.

Ich finde, das ist ein gutes Versprechen und ein schönes Zeichen. Wenn ich einen Regenbogen sehe, erinnere ich mich gern daran. Gott hat uns alle im Blick, er ist bei uns – das hat er uns versprochen.

Denken Sie doch daran, wenn Sie den nächsten Regenbogen finden, vielleicht am 3. April: Sie werden sehen, der Regenbogen macht Sie dann doppelt glücklich.


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

23. März 2014

Gott gibt Kraft, Zukunft zu gestalten

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Erinnern Sie noch an den Spruch der Friedensbewegung „Stell dir vor, es ist Krieg – und keiner geht hin“? Er wurde vielfach zitiert, diskutiert, parodiert, belächelt, uminterpretiert und ist dann irgendwie in den vergangenen beiden Jahrzehnten verschwunden. Vermutlich hat die Erfahrung, die wir in Deutschland in der Zeit der Konflikte und Kriege seit dem schrecklichen Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien gemacht haben, dazu beigetragen. Gerade die Verantwortung für den Frieden entbindet einen nicht von der Notwendigkeit, bisweilen für ihn und für Freiheit, Leben und Unversehrtheit von Menschen auch militärisch einzustehen.

Bei meiner persönlichen Lieblings-Gute-Nachricht der vergangenen Woche habe ich mich allerdings wieder an diesen Satz erinnert. Am 14. März konnte man es in der Zeitung lesen: In Sri Lanka ist die Stelle eines Henkers nicht zu besetzen. Trotz verlockender Angebote von Seiten der Behörde wie Aufstiegschancen und Weiterbildung will den Job keiner haben. Lieber ein Arbeitsloser als ein Henker. Die Konsequenz, am Ende doch der sein zu müssen, der die Schlinge um den Hals eines Menschen legt, ist zu abschreckend. Das gefällt mir. Da kann eine Todesstrafe nicht vollzogen werden, weil sie niemand ausführt. Übrigens: In den USA finden öfters Hinrichtungen nicht statt, weil europäische Firmen das Schlafmittel Pentobarbital nicht liefern, entweder wegen Parlamentsbeschlüssen wie in Großbritannien oder weil die Belegschaft der Zulieferer sich weigert wie in Italien. Manchmal scheint es so einfach. Es liegt an einzelnen Menschen, die nicht bereit sind, alles zu tun. „Wenn ich es nicht mache, macht es ein anderer“ ist ja nur ein widerlicher Rechtfertigungsversuch für ein Unrecht, dem man sich nicht entzieht. Ein Satz, der nebenbei bemerkt genauso theoretisch, utopisch und selbstbewahrheitend ist wie der obige.

Ich finde, die Henkergeschichte macht Mut, wieder einmal ein paar „Stell dir vor-Sätze“ zu wagen: Sie fehlen im gesellschaftlichen Kontext: Stell dir vor, weltweit bleiben die Arbeitsplätze der Henker unbesetzt, weil sich niemand findet, der am Ende den tödlichen Stromschlag auslöst, die Giftspritze setzt oder den Schuss abgibt, der ein Menschenleben auslöscht.

Oder: Stell dir vor, die Leute weigern sich, Menschen anderer Rasse, Religion oder politischer Einstellung als Feind zu bezeichnen.

Oder weiter: Stell dir vor in Syrien, Zentralafrika, auf der Krim und den vielen anderen Kriegs- und Krisengebieten hat keiner mehr Lust Krieg zu führen. Die letzten, die noch bereit waren mussten nach Hause gehen, weil aus Deutschland, das als drittgrößter Rüstungsexporteur bisher so zuverlässig die Waffen in die Welt lieferte, auf einmal der Nachschub fehlt. In Deutschland will niemand mehr bei den Rüstungskonzernen arbeiten. Sie sind lieber arbeitslos als selbst auch nur in der Verwaltung dieser Betriebe angestellt. Sogar die Waffen, die bereits fertig gestellt sind, können nicht ausgeliefert werden, weil sich keine Menschen finden, die bereit sind, die LKW dafür zu fahren.

Stell dir vor, niemand liefert Giftspritzen an Hinrichtungstrakte, niemand liefert der NSA Wasser, niemand programmiert Überwachungssoftware oder putzt Montagehallen für Panzer.

Stell dir vor, die Drecksarbeit mag keiner mehr tun.

Stell dir vor Jesaja 2 „…und sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen“ fängt an bei einzelnen Menschen Wirklichkeit zu werden. Und bei Einzelnen muss alle Veränderung beginnen.

Stell dir vor,…

Ach, im Internet lese ich, dass inzwischen zwei Australier bereit sind, den Henkersjob in Sri Lanka zu machen. Mist! In Sri Lanka hat es nicht geklappt. Es braucht dann doch die Mutmachgeschichten bei uns. Welche? Lassen Sie uns dafür träumen und darüber streiten. Kirche ist ein guter Ort dafür, weil wir in Gott eine Zukunft haben, die uns die Kraft gibt, die Gegenwart zu gestalten. Und wenn die großen Lösungen in dieser Welt noch nicht möglich sind, beginnen wir um so mehr mit kleinen.


Pfr. Horst Spillmann

16. März 2014

Speck muss weg - oder die neue Passion

von Pfr. Horst Spillmann, Arfeld

Sind Sie auch schon mit dabei – beim Fasten? Zum Frühjahrsputz – der ja angesichts der milden Temperaturen dieser Tage schon vorverlegt werden kann – gesellt sich die Frühjahrsdiät, um den Winterspeck loszuwerden. So manche schließen sich deshalb auch der evangelischen Fastenaktion „Sieben Woche ohne“ an und verzichten auf verschiedene Nahrungs- und Genussmittel oder auf bestimmte Gewohnheiten des Alltags, von denen man spürt, dass sie einen einengen und gefangen nehmen. Zu den über drei Millionen Teilnehmern der Aktion „Sieben Wochen ohne“ gesellen sich noch weitere rund acht Millionen, die allerdings weniger aus religiösen Motiven den Verzicht üben. Sie wollen sich vielmehr auf unterschiedliche Weise entlasten, um dabei auch die Freiheit zu demonstrieren, eben nicht von so mancherlei Dingen und Gewohnheiten abhängig zu sein.

Für Christen hat das Fasten aber noch weitere Bedeutungen. Da die Fastenaktion „Sieben Woche ohne“ in der Passionszeit stattfindet, erinnert sie immer auch an das Leiden und Sterben Jesu Christi. Es ist gleichsam ein solidarisches Mitgehen mit Christus. Wir alle wissen, dass das Verzichten von liebgewonnenen Dingen Überwindung kostet. Wie schwer muss es dann Jesus gefallen sein, gar auf sein Leben zu verzichten - freiwillig?! Obwohl das Bedenken der Passion Jesu selbst in der Kirche immer mehr nachlässt – wer will sich schon mit diesem traurigen Kapitel beschäftigen?! – ist es doch unverzichtbarer Bestandteil des christlichen Glaubens. So kreisen die Gedanken seit rund 2000 Jahren um dieses Geheimnis: Warum macht Jesus das?

Eine Antwort lautet: Weil es der herausragende Weg ist, um die Liebe Gottes zu uns Menschen auszudrücken! Liebe und damit Hingabe ist die einzige Kraft, die freiwillig zum Verzicht bereit ist. Gewiss, auch beispielsweise ein Sportler verzichtet im harten Training auf mancherlei Annehmlichkeiten, um eine Top-Form zu erlangen. Wer aber ist bereit, sein Leben für andere einzusetzen, wohl wissend, dass sein Einsatz im Tod enden wird? Es ist für mich diese Art der Liebe, wie ich sie von Müttern gehört habe, die in Hungerszeiten zugunsten ihrer Kinder auf eigene Nahrung verzichtet haben.

Wenn ich faste, egal in welcher Form, gehe ich immer auch nach innen, indem ich mir die Frage stelle: Was brauche ich wirklich zum Leben? Darüber kann sich die Erkenntnis einstellen, die auch der Philosoph Sokrates gewann, als er über den Marktplatz von Athen ging und stillvergnügt bekannte: „Wie viele Dinge gibt es doch, die ich nicht brauche“.

Und ein Weiteres kann mir bewusst werden: Ich schleppe eigentlich überflüssigen Ballast mit mir herum. Zum rechten Fasten gehört sowohl das körperliche als auch das seelische Entgiften mit der Bereitschaft, sein Leben ehrlich anzuschauen. Was dann für Christen immer dazu führt, dass sie ihr Leben Gott hinhalten und ihn bitten: Herr, bring mein Leben wieder ins Gleichgewicht. Nimm das weg, was meinem Leben schadet: meine Ich-Sucht, Gier, Machtstreben, übertriebene Ängstlichkeit.

Wenn ich zu so viel Ehrlichkeit mir selbst gegenüber gelangt bin, kann mir plötzlich aufgehen: Wenn es stimmt, dass Jesus für mich starb, dann muss doch etwas in meiner Beziehung zu Gott nicht in Ordnung sein. Und auf einmal geht mir auf, dass ich eigentlich Gott zu wenig Vertrauen entgegen bringe, obwohl er doch das Gute für mich will, nämlich sinnerfülltes Leben. Bevor mein Leben aber mit Gutem gefüllt werden kann, muss das raus, was mein Leben vergiftet. Und dies ist vor allem das Misstrauen gegenüber Gott. Fasten bedeutet deshalb auch: Durch Verzichten auf falsche Lebensmittel gebe ich Gott wieder mehr Raum in meinem Leben. Und darüber merke ich für den Alltag, dass ich gar nicht viel brauche, um zufrieden zu sein. Natürlich ist dieser Weg nicht einfach, aber wagenswert. Ja, christliches Fasten ist mehr als nur ein Abspeckprogramm, es ist ein Programm, das uns hilft, Gott klarer zu sehen – es ist eine neue Passion (= Leiden-schaft) für Gott.


Pfr. Steffen Post

9. März 2014

Für ein menschliches Miteinander

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

Es geschah im Erntedankgottesdienst in Niederlaasphe im vergangenen Jahr. Der örtliche Frauenchor stimmte ein musikalisches Glaubensbekenntnis an. Nicht etwa von Bach oder Händel, auch nicht von Paul Gerhardt oder Dietrich Bonhoeffer, sondern von Udo Jürgens, wie der Chorleiter erklärte. Ich war gespannt auf das, was nun folgen sollte. Der Chor setzte an und stimmte gefühlvoll in die Worte ein, die der Schlagersänger bereits im Jahr 1968 gesungen hatte:

„Ich glaube - dass der Acker, den wir pflügen, nur eine kleine Weile uns gehört,
ich glaube - nicht mehr an die alten Lügen, er wär’ auch nur ein Menschenleben wert.
Ich glaube - dass den Hungernden zu Speisen, ihm besser dient als noch so kluger Rat.
Ich glaube - Mensch sein und es auch beweisen, das ist viel nützlicher als jede Heldentat.
Ich glaube - dass man die erst fragen müsste, mit deren Blut und Geld man Kriege führt.
Ich glaube - dass man nichts vom Krieg mehr wüsste, wenn, wer ihn will, ihn auch am meisten spürt.
Ich glaube - dass die Haut und ihre Farbe, den Wert nicht eines Menschen je bestimmt.
Ich glaube - niemand brauchte mehr zu darben, wenn auch der geben wird, der heut’ nur nimmt!“

Ich traute an jenem Morgen meinen Ohren kaum. Kannte ich Udo Jürgens doch bisher eher von seinen stimmungsvollen Hits wie „Aber bitte mit Sahne“ oder „Griechischer Wein“. Diese Worte überraschten mich, berührten mich, stimmten mich nachdenklich. Zuhause habe ich mir noch am selben Tag den Liedtext aus dem Internet ausgedruckt. Seither habe ich ihn griffbereit am Rande meines Schreibtisches liegen.

Als ich am Dienstagmorgen in der Tageszeitung die Berichte rund um das Geschehen auf der Krim las, stand mir plötzlich dieses Lied wieder vor Augen. Beten wir dafür, dass der Grundton dieses Liedes die Herzen der Handelnden in Moskau und Kiew, in Berlin, London, Paris, Brüssel und Washington erreicht. Beten wir für die Verantwortlichen, die sich auf diplomatischem Wege für Verständigung und Frieden stark machen. Beten wir dafür, dass die Menschen in den Krisenregionen dieser Welt das Miteinander statt das Gegeneinander entdecken. Beten wir dafür, dass dieses Lied auch in den Straßen und Häusern unserer Städte und Dörfer gesungen und mit Leben gefüllt wird, so dass wir miteinander immer wieder aufs Neue den Schatz entdecken können, den Udo Jürgens in den Refrain seines Liedes gepackt hat:

„Ich glaube - diese Welt müsste groß genug, weit genug, reich genug für uns alle sein.
Ich glaube - dieses Leben ist schön genug, bunt genug, Grund genug, sich daran zu erfreu'n.“


Pfrn. Kerstin Grünert

2. März 2014

Wasserströme in der Wüste erleben

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Wir drehen den Hahn auf und bekommen es. Warm oder kalt - beides kein Problem!
Zum Duschen und Kochen ist es immer parat und im Sommer haben wir es sogar übrig, um damit die Blumen zu gießen. Wasser ist für uns ein ganz banales Alltagsgut. Wir brauche es und es ist da, ohne dass wir uns Gedanken machen müssen. Was für viele Menschen in manchen Teilen der Erde zum absoluten Luxus gehört, ist bei uns fast gar nicht mehr der Rede wert. Manchmal denken wir noch darüber nach, wie wertvoll Wasser ist, dass es geschützt werden muss, dass mit der Ressource nachhaltig gewirtschaftet werden muss.

„Wasserströme in der Wüste“ - so lautet dieses Jahr das Motto zum Weltgebetstag der Frauen. Wasserströme in der Wüste: Ist das nicht ein Widerspruch in sich? In der Wüste würde man ja höchstens ein Rinnsal vermuten, aber Ströme? Der Gegensatz könnte nicht größer sein.

Wüsten sind faszinierende Landschaften – karg, grau gelb, schroff, trocken, abweisend, voll sengender Hitze. Ausgedörrt. Und dann Wasserströme? Wie kann Wasser das karge Land überfluten und es fruchtbar machen? Wie kann die Wüste zum Blühen gebracht werden?

Für Menschen in extrem trockenen Gebieten ist Wasser ein wunderbares Geschenk. Ein Geschenk, das alle paar Monate gemacht wird oder auch sogar nur alle paar Jahre. Es ist das Leben selbst. Es ist DER Traum von Fülle – inmitten der Ödnis. Und im übertragenen Sinne ist es DER Traum von Veränderung.
Wasser kann nicht produziert werden. Es ist nicht immer möglich, einen Brunnen zu bohren oder Regenwasser zu sammeln. Wasser ist ein Geschenk, ein Gottesgeschenk. So beschreibt es auch der Prophet Jesaja: Auf kahlen Hügeln lasse ich Ströme hervorbrechen und Quellen inmitten der Täler. In der Wüste pflanze ich Zedern, Akazien, Ölbäume und Myrten. In der Steppe setze ich Zypressen, Platanen und auch Eschen. Dann werden alle sehen und erkennen, begreifen und verstehen, dass die Hand Gottes das alles gemacht hat.

Gott verändert, er verwandelt und er schenkt Leben. Er sorgt für alle Bäume, die Schatten spenden, die Früchte tragen. Gott stillt den Durst!

Am nächsten Freitag ist es wieder soweit. Dann findet an vielen Orten auf unserer Erde und auch bei uns in Wittgenstein der Weltgebetstag der Frauen statt. Kommen Sie und feiern Sie mit. Erleben Sie die Wasserströme in der Wüste! Spüren Sie, was Ihren Durst am besten löscht!


Pfrn. Silke van Doorn

23. Februar 2014

Ein Schritt zu einer besseren Welt

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Der olympische Gedanke ist schön: Es ist ein friedvolles Zusammenkommen von Menschen aus aller Welt, die sich – wetteifernd zwar -, aber dennoch begegnen und wahrnehmen. Der Anlass ist nicht, drohende Kriegsgefahr abzuwenden, eine Hungersnot zu bekämpfen oder die Auswirkungen einer Katastrophe zu lindnern. Nein, alle Welt kommt in Fairness und Offenheit zu einem Wettstreit zusammen – Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexuelle Orientierung, politische Ausrichtung, Nationalität sind in ihrer Unterschiedlichkeit normal und willkommen. Und dass es ebenso auch noch Paralypmics gibt, ist wunderbar. Friedvolles Zusammenströmen der Welt an einem Ort, der alle gut empfängt.

Der alle gut empfängt… Im Vorfeld gab es Diskussionen: Putin als totalitärer Herrscher, dem Blut an den Händen klebt, der unverhohlene Drohungen gegen Homosexuelle ausstößt, ist erst einmal nicht der wünschenswerte Gastgeber. Ist es eine Stärke des olympischen Gedankens, dass jedes Land – unabhängig von der Frage nach den Menschenrechten und Demokratie – die Spiele ausrichten kann? Ja. Sicherlich ist es richtig, in jedes Land zu gehen. Andernfalls verschließt sich die Welt vor den schwierigen Ländern. Es gab Reaktionen aus aller Welt. Proteste wurden von höchster Stelle ausgesprochen. Damit wird deutlich: Homosexuelle in irgendeiner Form auszugrenzen, ihnen die Rechte zu beschneiden heißt, die Würde des Menschen anzutasten – das haben alle demokratischen Staaten begriffen und vertreten genau dieses Recht.

Aber: Das IOC könnte seinen Einfluss und seine Macht stärker nutzen, auf alle Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen. Ban Ki Moon, der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat es bei seiner Rede vor der 126. IOC-Vollversammlung gesagt: Es gibt nicht viele Gelegenheiten, zu denen sich Menschen aus aller Welt zusammenfinden, ohne dass es um Krieg, Armut oder andere Desaster geht. Olympia hat Zugang zu enorm vielen Menschen, es erhält globale Aufmerksamkeit und liefert der ganzen Welt Gesprächsstoff. Genau: Macht etwas daraus, ihr Verantwortlichen.

Das IOC hält ein Solidaritätsprogramm bereit, das Athleten ärmerer Länder finanziell und durch Ausbildung unterstützt. Damit die Welt unter gleicheren Bedingungen sich messen kann. Wie gut wäre es, wenn das IOC in den eigenen Reihen dafür sorgt, dass die Gesundheit der Athletinnen und Athleten vor der Leistung steht – unmenschliche Härten und Doping zur Leistungssteigerung ins Unermessliche dürfen nicht möglich sein.

Grundsätzlich ist die olympische Idee ein Schritt zu einer besseren Welt, in der die Fremden Freunde werden. Segen wird sich dann ausbreiten, wenn die Fürsorge für die Menschen und die Freunde an der Begegnung das Fest leiten, nicht die kommerziellen Gedanken.

PS: Ich freue mich sehr über Zuschriften – mögen sie auch kritisch sein. Anonym sind sie unfair.


Pfrn. Elisabeth Grube

16. Februar 2014

So ein Glück!

von Pfrn. Elisabeth Grube, Heiminghausen

So ein Glück! Was ist das eigentlich: Glück? Etwas, was jeder gerne hätte. Etwas, das ganz unverhofft, unerwartet, auf einmal da ist. Es lässt sich nicht machen. Aber das gibt es: losziehen, um das Glück zu finden.

Meike Winnemuth erzählt in ihrem Buch „Das große Los“ von ihrem Glück. Sie gewann bei Günther Jauch eine halbe Million. „Wenn einem so etwas passiert“, schreibt sie, „ist es erst mal gar nicht das große Glücksgefühl, wie man denkt, sondern eine einzige Überforderung.“ Dann ergreift sie die - wie sie zunächst denkt - einmalige Chance, einen Traum wahr zu machen: Sie fährt einfach los. Ein Jahr lang. Das ist ihr großes Los.

Sie lebt in jedem Monat dieses Jahres in einer anderen Stadt: Sydney, Buenos Aires, Mumbai, Shanghai...

Und am Ende kommt sie zu der für sie „völlig schockierenden Erkenntnis“: „Ich hätte das Geld gar nicht gebraucht. Ich hätte jederzeit losziehen können. Ich hatte es immer selbst in der Hand. Als mir das klar wurde, habe ich erstmal Luft geschnappt.“

In Shanghai strandet sie im Nirgendwo, an einer schwach befahrenen Straße ohne Orts- und Sprachkenntnisse. Dort überkommt sie zum ersten Mal auf dieser Reise das Gefühl, ganz weit weg zu sein.

„Ich kann Euch das vermutlich nur schwer begreiflich machen, aber es war ein absoluter Glücksrausch, als mir das klar wurde. Ein Gefühl von purer Freiheit und Leichtigkeit. Und in mir keine Angst, keine Panik, sondern einfach nur die helle, existenzielle Freude am Dasein.“

Für das Jahr 2014 gibt es die Losung: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ (Psalm 73, 28) Meike Winnemuths Erfahrungen sind für mich wie ein Kommentar zu dieser Los(!)ung.


Pfrn. Kerstin Grünert

9. Februar 2014

Gemeinsam schneller, höher, weiter!

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Schneller, höher, weiter! So lautete ursprünglich der olympische Gedanke. Al.s halbwegs sportlich aktiver und interessierter Mensch kann ich dieses Motto gut nachvollziehen. Wenn ich etwas anfange, dann will ich das auch hundertprozentig zu Ende bringen. Wenn ich irgendwo mitmache, dann will ich auch gewinnen. Schneller, höher, weiter! Bloß nicht vorher einknicken, bloß nicht versagen. Irgendwie hab ich es sportlich nie soweit gebracht, dass ich dieses Motto wirklich realistisch hätte verfolgen können. Da vertrete ich doch lieber die neuere Version des olympischen Gedankens: Dabei sein ist alles! Damit geht es mir dann besser. Egal, wie ich abschneide, Hauptsache ich bin dabei!

Die wenigsten von uns sind Angehörige vom Olympischen Kader, sei es Sommer oder Winter. Denen, die es noch wirklich schaffen können, wünsche ich auf jeden Fall viel Erfolg!!! Für den breitensportlichen Rest bleibt nur die Möglichkeit, das olympische Motto auf einen anderen Lebensbereich zu beziehen. Auf den Beruf, auf die Familie, auf ein Hobby oder auch auf das Leben in der Gemeinde! Aber welches Motto machen wir uns da zu eigen? Manchmal braucht es da schon ein schneller, höher, weiter! Motivation hat noch keinem geschadet. Aber irgendwann ist dann auch der Punkt erreicht, an dem es zu viel wird und ein Weiterkommen nur noch mit Doping gelingen würde. Und das lehnen wir ja alle ab! Die Kunst ist, die richtige Entscheidung zu treffen: zwischen dem, was gefällt und gut tut, und dem, was diese Grenze schon überschreitet. Das scheint nicht immer zu gelingen. Klar, im Spitzensport sind wir Regelverstöße und unfaire Mittel schon gewöhnt. Da schockt uns fast nichts mehr. Aber trifft das jetzt auch schon für das normale Leben zu? Immer öfter scheinen wir zu vergessen, dass es doch ums Fair Play geht. Nur dann kommen doch alle miteinander aus und können gemeinsam an ihrer Sache weiter bauen: im Beruf, in der Familie und auch in der Gemeinde.

Schneller, höher, weiter! So kommen wir doch nicht weiter. Wenn alles Denken nur darum geht, wie ich den anderen am geschicktesten ausstechen kann, dann verliere ich doch das Ziel ganz aus den Augen. Dann verpulvere ich alle Energie und habe nichts mehr übrig für den Endspurt. Auch als Einzelkämpfer kann ich mich gut an die Regeln des Fair Plays halten. Schließlich erwarte ich das ja auch von den anderen: Dass sie mir mit dem nötigen Respekt begegnen und mich an meiner Aufgabe nicht hindern!

Also, wie auch immer man zu den Olympischen Spielen in Sotschi stehen mag, gegen den olympischen Gedanken ist auf jeden Fall nichts einzuwenden: Dabei sein ist alles und gemeinsam geht es schneller, höher, weiter!


Schulpfarrer Detlev Schnell

2. Februar 2014

Zeugnistag

von Schulpfarrer Detlev Schnell, Berufskolleg Wittgenstein

Am kommenden Freitag ist es wieder soweit. Es werden Halbjahreszeugnisse ausgegeben. So werden die schulischen Leistungen bewertet und dokumentiert.

Im Schulgesetz des Landes NRW stehen die Grundsätze der Leistungsbewertung: „Die Leistungsbewertung soll über den Stand des Lernprozesses der Schülerin oder des Schülers Aufschluss geben; sie soll auch Grundlage für die weitere Förderung der Schülerin oder des Schülers sein. Die Leistungen werden durch Noten bewertet...“(§ 48)

Da wir in der sogenannten Leistungsgesellschaft leben, werden wir schon von Kindesbeinen an beurteilt, bewertet und zur Leistungsbereitschaft erzogen. Leistungen zu erbringen, kann große Freude bereiten aber auch Stress verursachen. Immer wieder klagen Erwachsene und auch Schüler, gleich welchen Alters, über Stress bis hin zum Burnout.

Leistung wird manchmal auch verherrlicht und zum alleinigen Maßstab erhoben. Doch so wird man Menschen nicht gerecht. Zur Beurteilung eines Menschen reichen Schulnoten nicht aus.

Einer meiner früheren Religionslehrer schrieb - zum Leidwesen der Schulleitung - unter jede Klassenarbeit: „Der Mensch ist nicht das Produkt von Schulnoten.“ Dafür musste er sich sogar vor der Schulbehörde verantworten.

Am Zeugnistag werden einige Schüler sich freuen und stolz den Heimweg antreten und andere werden wütend, deprimiert oder sogar verängstigt sein.

So ein verängstigter Schüler schien der Liedermacher Reinhard Mey gewesen zu sein. Singt er doch in seinem Lied vom „Zeugnistag“:

„Ich denke, ich muss so zwölf Jahre alt gewesen sein,
Und wieder einmal war es Zeugnistag.
Nur diesmal, dacht‘ ich, bricht das Schulhaus samt Dachgestühl ein,
Als meines weiß und hässlich vor mir lag.
Dabei war‘n meine Hoffnungen keineswegs hoch geschraubt,
Ich war ein fauler Hund und obendrein
Höchst eigenwillig, doch trotzdem hätte ich nie geglaubt,
So ein totaler Versager zu sein.
So, jetzt ist es passiert, dacht‘ ich mir, jetzt ist alles aus,
Nicht einmal eine 4 in Religion....“

In seiner Not traut er sich nicht das Zeugnis den Eltern zu zeigen und fälscht ihre Unterschrift. Aber der Schwindel fliegt auf und die Eltern müssen samt Sohn zum Schulleiter. Schon rechnet der Fälscher mit drastischen Strafen in Form von Maulschellen. Doch es kommt anders. Vater und Mutter erklären vor dem Rektor die Rechtmäßigkeit der Unterschriften und nehmen ihren Sohn in Schutz. Durchaus selbstkritisch singt Mey:

„Ich weiß nicht, ob es Rechtens war,
dass meine Eltern mich da rausholten,
und wo bleibt die Moral?“

Nach Recht und Gesetz war es gewiss nicht, aber, so Mey:

„Nur eine Lektion hat sich in den Jahr‘n herausgesiebt,
Die eine nur aus dem Haufen Ballast:
Wie gut es tut, zu wissen, dass dir jemand Zuflucht gibt,
Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!“

In 1. Samuel 16, 7 steht: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.“ Der Vers steht in einer Geschichte, die erzählt, wie David als der jüngste und unscheinbarste Sohn eines Hirten zum König von Israel gesalbt wird, obwohl seine Brüder sich äußerlich viel besser als Könige geeignet hätten. Aber die Wahl Gottes beruht eben nicht auf Äußerlichkeiten, sondern auf einem Blick in das Herz, in das innerste Wesen des Menschen. Für Gott kommt es nicht darauf an, wie schön, stark, beliebt oder erfolgreich das Kind einmal sein wird oder der Mensch bereits ist. Jenseits von allen Äußerlichkeiten, wonach Menschen von Menschen beurteilt werden, sieht Gott in das Innere des Menschen und schätzt dieses wert. Dieser Blick Gottes sollte uns Vorbild sein, besonders am Zeugnistag.


Pfr. Thomas Janetzki

26. Januar 2014

Ich will auch mal wieder lachen!

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

Da kann einem das Lachen doch wirklich vergehen, denn es ist wieder soweit: Kaum hat das Jahr richtig angefangen, geht es auch schon los mit dem Stress: An den Schulen stehen die Halbjahreszeugnisse vor der Tür mit all den Arbeiten und Tests, die noch dafür geschrieben werden müssen; in der Politik wird darüber diskutiert, ob denn Unterrichtsausfall überhaupt so ein gravierendes Problem ist, dass es sich lohnt, ihn statistisch zu erfassen. Die letzten Jahresabschlüsse in Wirtschaft und Verwaltungen sind noch fertig zu stellen, es gibt überall Nachrichten über unselige Diskussionen, Unglücke, Kämpfe, Streit und, und, und…

Da möchte man doch am liebsten schon am Anfang wieder den Jahresschluss herbei-sehnen, oder? Ich glaube aber, dass wir aus der Bibel etwas lernen können, denn auch dort lesen wir nicht nur Gutes oder Schönes, sondern sie berichtet ebenfalls von Stress, von Streit und Zank, Neid und Hass unter den Menschen, von dem, wie wir miteinander umgehen; nichts davon verschweigt sie.

Aber man findet dort auch immer wieder Sätze, die Mut machen, die zur Freude auf-rufen, neue Kraft schenken, zum Fröhlich-Sein auffordern, wie diese im vierten Kapitel des Philipperbriefs: Freut euch immerzu, mit der Freude, die vom Herrn kommt! Und noch einmal sage ich: Freut euch! Alle in eurer Umgebung sollen zu spüren bekommen, wie freundlich und gütig ihr seid… Macht euch keine Sorgen, sondern wendet euch in jeder Lage an Gott und bringt eure Bitten vor ihn. Tut es mit Dank für das, was er euch geschenkt hat. Ich bin mir sicher, dass wir gerade in dieser hektischen und stressgeladenen Zeit immer wieder neu erfahren können: Freude und Fröhlichkeit stecken an, Güte und Freund-lichkeit richten auf und ein weniger sorgenvolles Gesicht kann unseren Tag viel einfacher und erfolgreicher machen. Warum versuchen wir es nicht einfach mal? In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein erfreuliches Wochenende!


Pfrn. Kerstin Grünert

19. Januar 2014

Gleichgewicht muss immer stimmen

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Zuviel ist nicht gut, aber ein bisschen wäre schon nicht schlecht, oder?
Irgendetwas fehlt.
Irgendwie fühlt es sich komisch an und sieht seltsam aus.
Die Diskussionen darüber nehmen immer mehr zu.
Nur ändern können wir es nicht.

Es ist Mitte Januar - und der Winter lässt immer noch auf sich warten.

Jetzt werden manche sagen: Ist doch gut, ich hätte sowieso lieber Frühling. Andere trauern und sehnen sich den Schnee inbrünstig herbei. Natürlich die Kinder, die ihre neuen Schlitten und Skier ausprobieren wollen, die sie zu Weihnachten geschenkt bekommen haben. Die Wintersportler scharren mit den Füßen, weil sie endlich in ihrem Element sein wollen. Aber auch zum Welttag des Schneemanns am gestrigen 18. Januar ist der Schnee nicht pünktlich gekommen.

Ja, Sie lesen richtig: der Schneemann hat einen eigenen Feiertag! Warum auch nicht? Alle kennen ihn. Überall, wo es von den Breitengraden her passt, hat nahezu jeder schon mal einen gebaut. Also, warum soll er nicht auch an einem Tag mal extra gefeiert werden. Lange gibt es diesen Tag noch nicht, darum ist es auch nicht schlimm, wenn Sie noch nie etwas davon gehört haben.

Und was sich auf den ersten Blick nur nach Blödsinn oder Kinderbeschäftigung anhört, erhält beim zweiten Hinsehen doch auch eine ernste Komponente. Denn an diesem Tag kommt neben dem Spaß, den uns der Schnee auch bereiten kann, auch das große Thema des Klimawandels und die damit verbundenen Gefahren auf den Tisch. Ich weiß, das ist ein weites Feld, aber dass irgendetwas aus dem Gleichgewicht geraten ist oder vielmehr immer weiter gerät, ist doch auch uns als Wetter- und Klima-Laien bewusst.

Es geht ja nicht nur um einen gescheiten Winter und gute Bedingungen für Schneefreunde und Wintersportler. Auch die Natur braucht eine Zeit der Ruhe und Regeneration unter dem Schutz der Schneedecke. Der Winter ist genauso vorgesehen und wichtig wie Frühling, Sommer und Herbst. Das Gleichgewicht muss immer stimmen.

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“, so heißt es am Ende der Sintflut-Geschichte, als Gott mit Noah einen Bund schließt und zum Zeichen dafür den Regenbogen an den Himmel malt. Es stimmt also etwas nicht, wenn im Januar schon die Knospen sprießen und die Vögel bereits wieder zurückkommen, weil sie denken, der Winter sei vorbei. Das geht dann später im Jahr irgendwann schief. Alles zu seiner Zeit.

Dass wir dieses Jahr zu seinem Welttag keinen Schneemann bauen können, mag ein kleines Zeichen dafür sein, dass das Gleichgewicht nicht mehr ganz stimmt. Denken wir doch mal darüber nach, wie das so ist, wenn die Welt aus dem Gleichgewicht gerät und was wir da tun können. Denn ein geschärftes Bewusstsein und eine Aufmerksamkeit für die größeren Zusammenhänge kann oft ein Anfang sein!


Pfrn. Silke van Doorn

12. Januar 2014

Hitzlsperger landet Volltreffer

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin,
wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele
“ (Psalm 139, 14)

Jeder und jede darf so wie sie sich vorfindet als von Gott geliebtes und gewolltes Geschöpf sehen – das schließt keinen aus. Das Geschlecht, die Hautfarbe, die Nationalität, die Versehrtheit oder Unversehrtheit des Körpers und der Seele, die Religion oder aber die Art zu lieben sind keine Ausschlusskriterien aus unserer Mitte. Inklusion ist das große Stichwort, das unsere Gesellschaft bewegt und sich in der Regel auf die Frage von Behinderungen bezieht. Wir lernen in kleinen Schritten, dass wir das Anderssein des Anderen aushalten und begrüßen – in jeglicher Hinsicht.

Der Fußball ist prägend für uns. Er hat im Laufe der Zeit grundlegende Wandlung erfahren. Frauen waren in früheren Zeiten weder im Stadion noch auf dem Rasen erwünscht. Mittlerweile sind unsere Fußballfrauen Weltspitze und die Spiele werden nicht nur von einem kleinen Frauenkreis gesehen. Waren unsere Fußballhelden – zumindest die in der Nationalmannschaft – noch 1972 ziemlich gleichförmig im Hinblick auf ihre Herkunft, hat sich das gründlich gewandelt.

Die heutige Nationalelf ist bunt und vielsprachig. Und das ist gut so. Seit dieser Woche ist sie aber auch von einem letzten Tabu befreit. Richtige Jungs müssen nicht zwangsläufig Frauen lieben. Sie können auch schwul sein. Und das ist gut so. Mit Thomas Hitzlsperger hat sich ein Fußballer zu seiner Homosexualität bekannt. Was eigentlich jedem klar gewesen sein muss, ist ausgesprochen worden: Auch in echten Männergemeinschaften sind homosexuell liebende Menschen zu finden. Das ist weder unmännlich noch infiziert es irgendwen.

Unsere Gesellschaft ist bunt wie ein Regenbogen. Gottes Schöpfungshandeln umfasst uns Menschen und seine Welt in all ihren Ausformungen. Wir freuen uns an ihrer Vielfältigkeit und danken, dass wir wunderbar gemacht sind. Und keiner spricht es einem anderen ab.


Superintendent Stefan Berk

5. Januar 2014

Pünktlich!

von Superintendent Stefan Berk

Ich hatte meine Uhr vergessen – und die anderen auch. Die Handys waren auf dem Tisch liegen geblieben. Vielleicht waren wir ein bisschen zu plötzlich aufgebrochen. Und hier oben auf der Höhe konnte man zwar das ganz Tal überblicken, aber keine Uhr erkennen.

Einige Leute konnten es wohl nicht abwarten – schon seit viertel vor zwölf zogen einzelne Raketen ihre Bahn. Wie soll man da wissen, wann das neue Jahr anfängt? Wann es genau zwölf Uhr ist? „Keine Angst, unsere Kirche ist pünktlich“, meinte unser Gastgeber. Er hatte natürlich die Turmuhr gemeint, die inzwischen funkgesteuert arbeitet. Und tatsächlich – mitten zwischen den Böllern und Raketen konnte man plötzlich die Glocken deutlich hören. Jetzt musste es zwölf sein. Jetzt konnten wir anstoßen.

Es ist schon eigenartig, dass wir diesen Augenblick so wichtig nehmen. Natürlich, die Jahreszahl ändert sich – aber die Lebensumstände sind in der Stunde vorher nicht anders als nachher. Das weiß jeder aus der eigenen Lebenserfahrung. Veränderungen lassen sich nicht programmieren oder planen. Sie kommen einfach daher und zwingen uns, von jetzt auf gleich darauf zu reagieren.

Trotzdem bedeutet uns dieser Moment irgendwie viel. Da fängt etwas Neues an. Da liegt ein Jahr vor uns, das noch nicht verplant, nicht verbraucht ist. Termine gibt es schon – aber dazwischen ist noch Luft, Lebensluft. Da winkt eine eigenartige Freiheit – und gleichzeitig verabschiede ich mich von vielem, was dieses alte Jahr schwer gemacht hat.

„Keine Angst, unsere Kirche ist pünktlich“: So muss das auch sein. Kirche muss pünktlich sein, wenn es um diese wichtigen Lebensmomente geht. Wo etwas Neues anfängt. Wo Umbrüche stattfinden. Wo Leben in Frage steht. Wo es um die Gestaltung dieser großen Freiheit geht, die mit Verantwortung zu tun hat. Da muss Kirche pünktlich zur Stelle sein. Denn es geht in unseren Kirchen nicht zuerst um Tradition oder Organisation. Da soll Kirche nicht als Autorität in Sachen Ethik und Moral auftreten. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Erfahrung: Glück beginnt, wo ich weiß, dass mein Leben zu Gott gehört. Im alten Jahr mit seinen Lasten genauso wie in einem neuen Jahr, das noch so offen vor uns liegt.

Als wir ohne Uhren da oben auf dem Berg standen, war ich froh, dass die Kirche pünktlich war. Es war, als wollten die Glocken sagen: Freut euch über das Jahr, das kommt – denn Gott ist dabei. Er feiert mit. Und das zählt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein glückliches und friedliches Jahr 2014!