An-Gedacht

Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 die Serie „An-Gedacht“ in ihrem Wittgensteiner Lokalteil, bei der jeden Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die Gedanken dann ab Sonntag auch hier ab. Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.

Bei den Texten handelt es sich übrigens nicht um Predigten, sondern ganz einfach um kurze verschriftlichte Gedanken mit einem theologischen Impuls. Sie können nicht - und sie wollen auch nicht - die Gemeinschaft, die Musik und die Predigt eines richtigen Gottesdienstes ersetzen. Aber sie dürfen gern von allen Leserinnen und Lesern als Einladung verstanden werden, am nächsten Sonntag einen Gottesdienst in einer der Gemeinden des Kirchenkreises zu besuchen.

Pfrn. Berit Nolting

29. Dezember 2013

Gott nahe zu sein ist mein Glück

von Pfrn. Berit Nolting, Berghausen

Jetzt sind die Weihnachtsfeiertage vorbei. So mancher ist traurig darüber, dass jetzt auch die Ruhe vorbei ist und die Gemütlichkeit. Andere sind froh, dass wieder mehr Leben ist und atmen auf. Manche denken vielleicht schon darüber nach, wann sie den Weihnachtsbaum abschmücken und entsorgen können. Andere denken ans Umtauschen der Geschenke, oder wie sie ihr Weihnachtsgeld ausgeben wollen. Die Geschäfte werden voll sein in den Tagen nach Weihnachten. Welche werden schon an Silvester denken und darauf warten, das Weihnachtsgeld in Silvesterknaller umzusetzen. Genug bunte Blätter, die diese angeboten haben, sind uns ja schon ins Haus geflattert.

Für manche sind die Tage zwischen den Festen arbeitsreiche Tage, für andere eher ruhige. Aber ich vermute jeder macht sich so seine Gedanken, spätestens am Silvestertag.

Was wird das neue Jahr mir bringen?
Gutes oder Schlechtes?
Eine Hochzeit, ein Baby?
Bleibe ich gesund?
Behalte ich meine Arbeit?
Was wird im neuen Jahr alles auf mich zukommen?

Es sind schon besondere Tage, die zwischen den Feiertagen. Egal, wie jeder sie gestaltet – es ist gut und richtig so. Ja und wenn dann der Moment kommt, Silvester 24 Uhr - der Jahreswechsel, dann ist es doch für alle gleich.

Ein neues Jahr beginnt. Wir alle stehen wie vor einem leeren Blatt, das gefüllt werden muss. Keiner weiß, was es bringen wird.

Keiner hat es selber in der Hand, wie sein Jahr aussehen wird. Da ist es gut, wenn man so viel Vertrauen hat, dass man sagen kann: Ein anderer hat es in der Hand und wird es gut für mich machen. Wenn man sich nicht ins Sorgen verstrickt, sondern vertrauensvoll in das Jahr geht mit dem Gedanken, Gott wird es wohlmachen. „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ (Psalm 73,28) So lautet die Jahreslosung für das Jahr 2014. Vielleicht ist das die richtige Einstellung, das neue Jahr zu erwarten, zu beginnen und zu durchleben. Wenn ich mich in Gottes Nähe geborgen fühle, dann kann mir das Jahr 2014 gar nichts Schlechtes bringen.

So einen gelassenen Jahresanfang wünsche ich uns und ein gutes und geborgenes Jahr 2014.


Pfr. Oliver Günther

24. Dezember 2013

Ich wünsche dir…

von Pfr. Oliver Günther, Feudingen

Als Kind habe ich immer zu Weihnachten einen Wunschzettel an das Christkind geschrieben. Und das war immer eine ziemlich lange Liste. Meine Oma hatte einen dieser Wunschzettel aufgehoben, „verwahrt“, wie sie immer sagte. Jahre später konnte ich ihn kaum entziffern: „Torwartriko von Toni Schumacher“, stand darauf, „Safaristation von Plaimobil“, „Fusball aus Leda“, „Renrat in silba“, und … und … und. Ich wünsche mir! Als Kind war ich keinesfalls wunschlos glücklich.

Inzwischen bin ich erwachsen, habe selber Kinder. Es hat sich in den Jahren manches geändert: Ich habe entdeckt, dass jetzt ich jedes Jahr einen Wunschzettel nicht nur von unseren Kindern erhalte, sondern auch vom Christkind selbst. Meistens finde ich diesen Wunschzettel vom Christkind zwischen den Zeilen der Weihnachtsgeschichte in meiner Bibel. Es kostet zwar jedes Mal etwas Mühe und Zeit, ihn richtig zu entziffern, aber manches springt auch sofort ins Auge. Anders als meine Wunschzettel früher heißt die Formel nun: „Ich wünsche dir…“

In diesem Jahr sieht mein Wunschzettel vom Christkind folgendermaßen aus: „Ich freue mich, wenn du meinen Geburtstag feierst, wenn du mit anderen zusammen singst, wenn ihr euch gegenseitig in meinem Namen beschenkt und Freude macht, wenn ihr euch in der Kirche trefft und wenn für ein paar Stunden wenigstens die Waffen ruhen. Wenn die Menschen miteinander friedlich umgehen, dann macht mich das glücklich, aber nicht wunschlos:
Ich wünsche dir etwas mehr Sehnsucht. Sehnsucht nach Frieden, Verständnis, Toleranz und Versöhnung. Ich hoffe, dass dir die himmlische Verheißung vom „Frieden auf Erden bei den Menschen meines Wohlgefallens“ keine Ruhe lässt; dass du überlegst, wie gerade durch dich die Welt eine Spur menschlicher werden könnte… Schließlich komme ich auch durch dich zur Welt.
Ich wünsche dir etwas mehr Wachsamkeit. Wachsamkeit für die kleinen Zeichen meiner Gegenwart. Ein Kind, eine Notunterkunft – das sind auch heute noch Zeichen, dass ich ankommen will, dass ich unter euch leben will. Du wirst gewiss weitere Zeichen entdecken…
Ich wünsche dir etwas mehr Neugier. Neugier auf mein ganzes Leben, Interesse daran, was aus mir, aus dem holden Knaben im lockigen Haar geworden ist, wie ich mir das Zusammenleben der Menschen vorgestellt habe, welche Geschichten ich erzählte, wem meine Sympathien galten und was aus dir und meiner Welt werden kann.

Meine Wünsche an dich sind wieder anspruchsvoll geworden, und die Liste wieder einmal lang. Aber du wirst merken: Es sind gute Wünsche! Wünsche, die dir gefallen und mir Ehre machen.“

Dass nur ich einen solchen Wunschzettel vom Christkind bekommen habe, kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht schauen Sie über die Feiertage auch einmal nach. Weihnachten dürfen Sie noch einmal Kind sein und sich überraschen lassen, was Sie alles zwischen den Zeilen der Weihnachtsgeschichte entdecken.

Und so habe ich nun auch noch einen Wunsch für Sie: Schenken Sie sich Zeit, darin zu lesen!

Weihnachtliche Grüße von Pfarrer Oliver Günther, Feudingen


Pfr. Dr. Detlef Metz

22. Dezember 2013

„Driving Home for Christmas“

von Pfr. Dr. Detlef Metz, Kirchenkreis-Region I

„Driving Home for Christmas“, ein Lied, das dieser Tage öfter im Radio erklingt. Ein Lied, in dem viel Emotion mitschwingt: die Sehnsucht nach dem Zuhause, nach Geborgenheit und Liebe, nach früheren heilen Zeiten ohne Entfremdung und Zerwürfnisse. Solche Sehnsucht prägt in diesen Tagen viele Menschen. Sie kommen aus der Fülle der Arbeit, der Termine, des Lernens, wollen das hinter sich lassen und sind nun auf dem Weg, um mit seit alters her vertrauten Menschen, mit den Eltern, Verwandten oder auch alten Freunden Weihnachten zu feiern, mit Menschen, die sie lange kennen, aber die sie nicht so oft sehen, Menschen, die wie sie selber in der Zwischenzeit auch Entwicklungen durchgemacht haben. Es soll jetzt Weihnachten werden, es soll so werden wie früher, das ist der Wunsch, der in vielen beim Hören dieses Liedes entsteht. Manchmal geht ein Stück davon in Erfüllung, oft aber passiert auch das Gegenteil: Hohe Erwartungen werden enttäuscht. Menschen reiben sich aneinander, obwohl sie alle es schön haben möchten. Die alte Zeit, sie lässt sich nicht einfach zurückholen oder wie in einem Container unverändert in die Gegenwart transferieren. So wird deutlich: Wir können uns ein Wohlgefühl nicht selbst herstellen. Und auch wo es sich einstellt, schwingt immer etwas Wehmut mit. Festhalten können wir nichts davon. Dennoch, die Sehnsucht bleibt.

Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf“, heißt es im Johannes-Evangelium von Jesus dem Gottessohn. Jenen Popsong, könnte man sagen, hätte auch er mitsingen können. Zugleich scheint sich ebenso bei ihm die Unmöglichkeit der Erfüllung jener Sehnsucht zu bewahrheiten: Nur ein Futtertrog ist für ihn reserviert, er kommt in ärmliche Verhältnisse, später erfährt er Ablehnung, Unverständnis, seine Schüler flüchten, als es um ihn brenzlig wird und am Ende steht sogar das Kreuz. Und doch wird in diesem Geschehen nicht bloß wiederholt, was tausendfach erfahren wird. Hier kommt der in diese Welt, der allein unsere Sehnsucht aufnehmen und zur Vollendung führen kann: Gott selbst in seinem Sohn. Er setzt sich menschlicher Enttäuschung aus, hält sie aus, schlägt nicht dagegen – und das alles, weil er vor Sehnsucht nach uns brennt, weil in ihm Gottes Sehnsucht nach heil werdenden Menschen lebendig ist und diese es nicht aushält, bei sich selbst zu bleiben. Indem Jesus dies erleidet, bricht das versöhnte, nicht mehr von Schuld und Tod bedrohte Leben durch. Es lässt sich nicht im Grab halten, weil Gottes Sehnsucht stärker ist als alles, was sie zu zerstören versucht, stärker als alles, was zwischen Menschen steht. Weihnachten, Christfest heißt: Gottes Sehnsucht kommt zu uns, wird ein verletzliches Kind. Sie erreicht uns, die wir es uns selber schön machen wollen und meinen, dies mit unseren Ideen zu erreichen – an jenem wirklichen Kind aus Bethlehem vorbei, ohne dass wir uns ihm aussetzen. Ja, das Kind in der Krippe erfüllt nicht einfach unsere Vorstellungen von heiler Welt – und doch: Indem es uns anblickt, sich uns zuwendet, verändert es uns. Dann zeigt sich, dass Gottes Sehnsucht nach uns unsere Sehnsucht umfängt, dass dieses Kind die hinter unseren Erwartungen stehende Sehnsucht nach dem wahren Leben stillt, dass es auch unseren Blick auf die Menschen neben uns verändert. Ich wünsche Ihnen ein schönes „Driving Home for Christmas“ mit all den Gefühlen, die dazu gehören, dass es Ihnen warm ums Herz werde. Besonders aber wünsche ich Ihnen, dass Sie in dem Jesus-Kind Gottes Sehnsucht für Sie erkennen und wahrnehmen: Christ Is Coming Home to Me.


Pfrn. Kerstin Grünert

15. Dezember 2013

Kleines Licht als Symbol des Friedens

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

So ist das im Advent. Ein helles Leuchten, wo sonst dunkle Ecken sind. Strahlen, die uns bis ins Herz treffen.

Das ist ja vielleicht einfallslos. Wie kann man nur im Advent etwas über Licht schreiben wollen. Das ist hängt doch bestimmt allen zum Hals ‘raus. Kerzenschein und Besinnlichkeit bis zum Abwinken. Und dann auch noch so rührselig von kleinen Kindern und Sternen.

Es ist aber doch nun mal so: Dezember ist die Zeit des Lichtes. Da kommen wir nicht drum herum. In den nächsten Tagen kommt das Friedenslicht aus Bethlehem wieder in unsere Breitengrade. Die Flamme wurde in der Geburtsgrotte Jesu Christi in Betlehem entzündet und von Vertretern der anerkannten Pfadfinderinnen- und Pfadfinderverbände in Wien abgeholt. Per Zug wurde das Licht in über 30 zentrale Bahnhöfe in Deutschland getragen: von München bis Kiel und von Aachen bis Görlitz - sowie in andere Länder Europas und sogar bis nach Amerika. Bereits seit 1994 beteiligen sich deutsche Pfadfinder an der Aktion, die auf eine Initiative des ORF Linz zurückgeht, der bis heute das Licht in Bethlehem abholt. Als Symbol für Frieden, Wärme, Solidarität und Mitgefühl soll das Licht an alle „Menschen guten Willens“ weitergegeben werden.

Ein kleines Licht als Symbol des Friedens und der Zusammengehörigkeit. Das passt gut in diese Zeit. Denn jetzt wollen wir es uns doch auch gemütlich machen und am liebsten ganz in Frieden unserem Advents- und Weihnachtsgeschäft nachgehen. Jeder und Jede hat da ja eigene Traditionen und Rituale entwickelt. Und wehe, da geht etwas schief im Zeremoniell. Licht und Kerzenschein gehören auf jeden Fall immer dazu. Wir brauchen Licht. Wir brauchen etwas, das uns die Dinge klar sehen lässt. Wir müssen es hell haben, damit wir nicht im trüben Dunkel vor uns hin dümpeln. Nur mit Licht können wir unseren Radius erweitern und den Blick auch mal nach rechts und links schweifen lassen.

Das genau ist auch das Ziel des Friedenslichts. Diese kleine Flamme soll daran erinnern, dass auch neben einem noch andere sind, die genauso Recht auf Friede, Freude und Adventsgemütlichkeit haben. Neben mir: in der Nachbarschaft, der Kollege auf der Arbeit, Leute aus dem Nachbarort, Menschen in anderen Ländern - aus aller Welt. Alle sollten sich in diesen Tagen mit der nahenden Weihnachtsfreude beschäftigen können. Viele müssen sich aber erst einmal um Leib und Leben sorgen.

Die Welt kann ich mit meinem kleinen Licht wohl nicht retten. Aber mir gefällt der Gedanke, dass eine Flamme um die Welt reist, um die Menschen wieder näher zusammen zu bringen. Also, holen wir uns das Licht in Haus, in die Wohnungen und ins Herz. Lassen wir es leuchten und teilen es mit den anderen. Dann wird ja vielleicht doch ein bisschen von dem Friede, der Freude und der Advents- und Weihnachtsgemütlichkeit wahr.


Pfr. Dr. Ralf Kötter

8. Dezember 2013

Grand ouvert mit Einem

von Pfr. Dr. Ralf Kötter, Elsoff

Haben Sie schon einmal einen Grand ouvert mit Einem gespielt? Bevor die Nicht-Skat-Spieler gleich umblättern, lassen Sie mich's erklären: Beim Grand sind nur die Bauern Trumpf, die Jungs. Mit Einem? Sie haben leider nur einen Jungen auf der Hand, den Kreuz-Jungen – während ihre Gegner alle drei anderen Trümpfe besitzen und sie locker über den Tisch ziehen können. Und wenn Sie dieses Spiel auch noch ouvert ausreizen, dann müssen Sie alle Karten offen auf den Tisch legen: Hosen runter! Selbst Nicht-Skat-Spieler werden ahnen: keine Chance! Wer so die Karten aus der Hand gibt, ist nicht ganz bei Trost!

Gott spielt einen Grand ouvert mit Einem! Er legt seine Karten offen auf den Tisch. Und er vertraut ganz auf seinen Kreuz-Jungen. Was für ein Risiko, das Gott da mit der Geburt seines Jungen eingeht, der gehorsam ward bis zum Tod am Kreuz (Phil 2, 8).

Da hältst du doch besser die Karten in der Hand. Da taktierst du doch lieber, als die Karten offen auf den Tisch zu legen. Da lässt du dir noch nicht einmal von der Seite in die Karten schauen. Ja, vielleicht spielst du sogar mit gezinkten Karten, ziehst sogar noch ein Ass aus dem Ärmel, um am Ende genug Punkte beisammen und die Nase vorn zu haben.

Bist du noch ganz bei Trost? Jesus sagt: „Wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren.“ (Joh 9, 24) Mit verdeckten Karten ramschst du dich um Kopf und Kragen. Jesus hat immer mit offenen Karten gespielt, nie taktiert, keine Asse im Ärmel gehabt. In ihm hat sich Gott entäußert und Knechtsgestalt angenommen (Phil 2, 7), die Karten auf den Tisch gelegt, alles auf den Kreuz-Jungen gesetzt und die Niederlage in Kauf genommen. Und unglaublich, aber wahr: Er hat doch gewonnen – und wir sind aus dem Schneider.

Denk daran, wenn du dir deine Taktik zurecht legst. Als Christ bist du dazu ermutigt, so zu handeln, wie es der Gemeinschaft mit Christus entspricht: Er hat seine Macht nicht ausgespielt, er entäußerte sich selbst, er nahm Knechtsgestalt an, er ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz – ein Grand ouvert mit Einem.


Pfr. Oliver Günther

1. Dezember 2013

Advent heißt: Erwartung,
dass da noch was kommt

von Pfr. Oliver Günther, Feudingen

Deutschland, das ist unsere Rettung. Das hat der kleine Junge aus dem Libanon immer wieder gehört. Da ist alles gut. Da gibt es zu Essen, sauberes Wasser. Ein Dach über dem Kopf. Er hat sogar gehört, dass Mädchen da genauso behandelt werden wie Jungen. Der Junge stammt aus einer syrischen Flüchtlingsfamilie. „Sie schossen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.“ Die Angst steht ihm noch ins Gesicht geschrieben als er das sagt. Und die Erschöpfung der Strapazen haben deutliche Spuren hinterlassen. Er und seine Familie haben alles verloren. Ihren Besitz, ihre Heimat, ihre Freunde. Aber jetzt sind sie in Sicherheit. Deutschland, das ist unsere Rettung.

Mit großen Erwartungen gehen wir auf Weihnachten zu. Und diese Erwartungen treiben uns in den Stress und jagen uns zur Hektik. Auf der Strecke bleiben Ruhe und Besinnlichkeit. Auch die Hoffnungsfunken lassen wir links liegen. Unterm Baum liegen zwar Geschenken. Aber wo ist eigentlich die Liebe in der Welt geblieben? Auch eine Krippe wird ausgepackt und entstaubt. „Das Christkind kommt“, erklären wir den Kindern. Kommt da noch was?

Was ist von dem Christkind zu erwarten? Es ist unsere Rettung, weil Gott in der Welt ist. Er ist unsere Rettung, weil Gott bei den Menschen ist. Weil er für die Menschen ist und gar nicht gegen sie sein kann. Gott lebt und wird sterben für die Menschlichkeit. Er geht nicht bis ans Kreuz, um seine Göttlichkeit zu erhalten, sondern um die Menschlichkeit zu retten. Deshalb wurde Gott ja Mensch. Er erblickt das Licht der Welt, wird in Windeln gewickelt, liegt in einem Futtertrog, ist schon ganz unten, lange bevor er vom Himmel auf Erde predigen wird.

Was können die Menschen von solchen Menschen erwarten, die in Christus die Rettung der Menschlichkeit erfahren haben? Dass wir es wie Gott machen können und ganz Mensch werden. Unser menschliches Antlitz einander zuwenden. Menschlich mit den Menschen umgehen, einander als wahre und wahrhaftige Menschen begegnen. Auch dem Flüchtlingsjungen aus Syrien, der in Deutschland die Rettung seiner Familie gefunden hat.

Eine menschliche Adventszeit wünscht Ihnen Pfarrer Oliver Günther


Pfr. Steffen Post

24. November 2013

Ein Blick der Hoffnung

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

Totensonntag oder Ewigkeitssonntag - so steht es morgen im Kalender. Beide Bezeichnungen haben in meinen Augen ihren guten Sinn. Mir hat ein Kaleidoskop geholfen, beide Aspekte dieses Tages zusammenzusehen:
Als Erstes habe ich bei diesem Kaleidoskop die vielen Glassplitter, Scherben und Bruchstücke bemerkt. Sie sind für mich zu einem Bild für den Schmerz, für das Durcheinander geworden, das der Tod auslöst; für die Beziehungen, die der Tod zerreißt. Ein Glassplitter sieht aus, wie ein Tropfen und ich denke dabei an die Tränen, die wir weinen, wenn uns ein lieber Mensch genommen wird.

Beim zweiten Blick in das Kaleidoskop habe ich entdeckt, dass einige dieser Glassplitter wie Figuren aussehen, die man aber nicht genau beschreiben kann: Phantasiefiguren, rätselhafte Gestalten. Bildlich stehen sie für die Fragen und Rätsel, die der Tod in unserem Leben aufwirft, sei es die Frage, warum ein Mensch lange leiden und sich mit einer Krankheit quälen musste, seien es die Fragen, wenn ein Mensch ganz plötzlich aus dem Leben gerissen wurde:
Warum musste er oder sie so früh sterben? Warum konnten ihr/ihm die Ärzte nicht mehr helfen? Wie soll es jetzt weitergehen?
Fragen, die oft ohne Antwort bleiben, weil wir Menschen sie nicht beantworten können.

Doch dann fand ich beim dritten Blick einen ersten Hoffnungsschimmer: Als ich das Kaleidoskop vorsichtig schüttelte und die Glasstückchen und Scherben ein wenig in Bewegung gerieten... da traute ich meinen Augen kaum: Mitten unter den Scherben, Bruchstücken und Glassplittern tauchte ein Kreuz auf! Für mich ein tröstliches Bild: Gott teilt unser Leid. Auch in den Bruchstücken, im Zerbruch, im Schmerz ist er an unserer Seite.
Das Kreuz mitten unter den Scherben und Glassplittern zeigt mir:
Gott lässt sich selbst, am Leib seines Sohnes Jesus Christus, die Wunden des Todes schlagen; aber Gott lässt seinen Sohn nicht im Grab: Am dritten Tag hat er ihn aus den Klauen des Todes herausgerufen – uns zum Hoffnungszeichen:
Nicht der Tod behält das letzte Wort über unserem Leben, sondern um Jesu Willen ist uns ein Leben über den Tod hinaus verheißen: Ewiges Leben bei Gott, unserem himmlischen Vater.

Einen zweiten Hoffnungsschimmer habe ich dann entdeckt, als ich mal vom anderen Ende in das Kaleidoskop hineingeschaut habe: Die von außen betrachteten Scherben, Glassplitter und Bruchstücke erscheinen dann durch die Anordnung von Spiegeln im Inneren des Rohres in einem ganz anderen Licht. Sie finden sich zu kunstvoll geordneten Bildansichten zusammen, fantastische und abwechslungsreiche Muster sind zu beobachten.
Das ist für mich ein Blick der Hoffnung, der mich erahnen lässt, wie Gott die Scherben, die Bruchstücke, die Glassplitter unseres Lebens und die Fragen, die uns jetzt noch quälen, sortiert und zu einem ganzen Bild zusammenfügt. Er wird für mich zu einem Blick der Hoffnung auf Gottes neue Welt, die er uns verheißt, in der er uns die Tränen der Trauer liebevoll von den Augen wischt und wo der Tod keine Macht mehr hat, weil dort das Leben regiert, nach dem wir uns hier auf Erden so schmerzlich sehnen.

Möge dieser Blick der Hoffnung Sie stärken und trösten in diesen Tagen.


Pfr. Oliver Lehnsdorf

17. November 2013

Frieden durch Begegnung

von Pfr. Oliver Lehnsdorf, Oberndorf

Heute am Volkstrauertag denken wir an die Opfer von Kriegen und Gewalt. Dieser Gedenktag erinnert uns zudem daran, dass es nötig ist, alles für die Erhaltung des Friedens zu tun. So heißt es beispielsweise auch am Ende des offiziellen Volkstrauertaggedenktextes: „Unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der Welt.“

Vor 50 Jahren wurde der deutsch-französische Freundschaftsvertrag unterzeichnet. Die Tragweite dieses Vertrages ist enorm. Nach einer Zeit vieler Kriege zwischen diesen beiden Nationen war dieses Ereignis sehr wichtig und sehr gut. Und in Folge dieses Vertrages gibt es auf politischer Ebene mindestens zwei Mal im Jahr deutsch-französische Konsultationen, bei denen sich die Staats- und Regierungschefs beider Länder treffen. Zudem wurde auf der Basis dieses Freundschaftsvertrages angeregt, den Austausch zwischen französischen und deutschen Jugendlichen zu intensivieren.

Ich selbst durfte bei einem solchem Jugendaustausch mit dabei sein, und durfte es erleben, wie selbstverständlich inzwischen solche wechselseitigen Begegnungstreffen geworden sind, und wie sehr man dabei auch miteinander verbunden ist und freundschaftliche Kontakte aufbauen kann. So durfte ich zum Beispiel im Nachgang dieses jeweils zwei Wochen dauernden Besuchsprogramms in Frankreich und in Deutschland dann später auch bei der Hochzeit meines französischen Austauschpartners mit dabei sein. Und die Verbundenheit mit ihm dauert auch bis auf den heutigen Tag an. Ich denke, dass es gut ist, wenn in Zukunft der Aufbau und die Erhaltung solcher freundschaftlichen Kontakte weiter intensiv betrieben werden.

Dies gilt sowohl in Hinblick auf die deutsch-französische Freundschaft als auch in Hinblick auf die Kontakte von Menschen unterschiedlicher Nationen, Religionen und Kulturen allgemein. Denn vor Gott sind wir nicht Afrikaner, Amerikaner, Asiaten Europäer, Australier oder Ozeanier, vor Gott sind wir alle in gleicher Weise Menschen, denen er nahe sein möchte. Und in dieser Weise dürfen wir uns auch gegenseitig weit über alle Grenzen hinweg respektieren und freundschaftlich annehmen, damit Frieden bleibt oder auch erst Frieden möglich wird.


Pfrn. Silke van Doorn

10. November 2013

Bereit für den Weg des Miteinanders?

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.
Vergessen verlängert das Exil.
Rabbi Israel ben Elieser (Baal Schem Tov) (1698-1760)

Glücklich zurückgekehrt sind Lehrerinnen und Lehrer vergangene Woche von unserer Israel-Exkursion mit dem Schulreferat Siegen/Wittgenstein. Am vorletzten Tag unserer Reise besuchten wir die Holocaust-Gedenkstätte Yad VaSchem in Jerusalem. Im „Tal der Gemeinden“ wanderten wir durch ein Labyrinth der Schluchten zwischen Felsbrocken – graviert mit den Namen aller europäischen jüdischen Gemeinden, die vor 1945 existierten. Alle hatten Synagogen oder Betstuben. Natürlich fanden wir auch vertraute Namen: Berleburg, Laasphe, Erndtebrück, Schmallenberg, Siegen…

In keiner der Kommunen haben wir heute jüdische Gemeinden. In keiner der Kommunen eine Synagoge oder nur eine Betstube. Glücklicherweise gibt es schon längst wieder Jüdinnen und Juden unter uns. Glücklicherweise gibt es seit vielen Jahren Menschen, die die Spuren jüdischen Lebens in unserer Gegend sichtbar machen, die ehemalige Mitbürger, die überlebt haben, eingeladen haben. In Bad Berleburg erinnert am jüdischen Friedhof seit 2000 die Steele an die 54 Menschen aus Berleburg, deren Deportation unsere Mütter und Väter zuließen. 54 Berleburger Männer und Frauen und Kinder, die ermordet wurden. Aber an den kleinen Betraum erinnert keine Tafel. Es wäre ein vornehmer Auftrag für die Stadt, es zu beschließen und zu tun.

Meine Schülerinnen und Schüler, mit denen ich die Steele, und das Haus, in dem der Betraum in Berleburg war, besuchte, fragten mich: „Müssen wir uns schuldig fühlen?“ Nein, das ist es nicht, warum wir erinnern an das geschehene Unrecht. Doch erst dann, wenn wir Unrecht Unrecht nennen, wird der Weg frei zur Begegnung mit den Menschen, denen Leid angetan wurde. Erst dann können sie es wagen, zurückzukehren.

Und außerdem: Wenn wir uns des geschehenen Unrechts erinnern und traurig sind über die Lücken im Leben und in der Kultur, bereiten wir die Zukunft, in der niemand mehr ausgegrenzt wird. Heute heißt das: kein Rassismus, keine Ausländerfeindlichkeit, keine Ausgrenzung.
75 Jahre ist es her, dass in ganz Deutschland und auch in Wittgenstein, die Synagogen zerstört wurden, die Menschen entrechtet, verfolgt und ermordet wurden.
70 Jahre ist es her, dass Wittgensteiner Zigeuner deportiert wurden. Heute noch fühlen sich die Nachfahren, die unter uns leben, ausgegrenzt.

Heute haben wir die Möglichkeit, Flüchtlinge, die in ihren Ländern verfolgt und entrechtet sind, freundlich in unseren Reihen, in unserer Stadt aufzunehmen. Das ist unsere Nagelprobe: Haben wir gelernt? Sind wir bereit, nicht den Vorurteilen und der Angst vor „den Anderen“ den Raum mitten unter uns zu überlassen, sondern den Weg des Miteinanders und des Lebens zu gehen?


Pfrn. Kerstin Grünert

3. November 2013

Schon kleine Inseln helfen

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Manchmal gibt es so richtig miese Tage. Da geht einfach alles schief, jeder nervt und nichts scheint sich vorwärts zu bewegen.

An solchen Tagen fällt einem morgens als erstes der Joghurt aus dem Kühlschrank entgegen und landet mit einem dezenten Platsch auf dem Küchenfußboden. Oder die Milch flockt im Kaffee oder - schlimmer noch - es gibt keinen Kaffee, weil kein Pulver oder keine Bohnen mehr da sind.

Hat so ein Tag erst einmal begonnen, nimmt er mit jeder weiteren Stunde Fahrt auf. Dann nervt die Baustelle vor dem Haus doppelt so viel wie sonst, die anderen Autofahrer sowieso, und von den Leuten beim Einkaufen in der Schlange an der Kasse wollen wir gar nicht erst reden. Die Arbeit nimmt überhand, man hat das Gefühl, gar nichts mehr auf die Reihe zu kriegen. Eigentlich hatte ich doch alles so gut organisiert und dann haut es nicht hin, und immer kommt noch etwas hinzu...

Ja, solche Tage gibt es immer wieder. Das ist wohl so. Heiße Phasen kommen eben vor und wollen dann im Dauerstress durchstanden werden. Wichtig ist nur, dass sie nicht zum Dauerzustand werden. Ein Fünftel aller Erwachsenen steht unter Dauer-Strom - so lautet das Ergebnis einer aktuellen Umfrage.

Seit längerem gehören die Vokabeln „Dauerstress“ oder „Burn-out“ schon zum alltäglichen Sprachgebrauch. In der Öffentlichkeit hat damals Sven Hannawald den Anfang gemacht. Nach seinem grandiosen Erfolg 2002, bei dem er es als erster Skispringer geschafft hatte, alle Wettbewerbe der Vier-Schanzen-Tournee zu gewinnen, ging bald gar nichts mehr. Totale Erschöpfung und Teilnahmslosigkeit beherrschten seinen Alltag. Die Ursachen für sein Leiden blieb ihm verborgen - bis eben Burn-out festgestellt wurde.

Dass der Strom nicht mehr fließt, soweit darf es nicht kommen. Aber wie gelingt es mir, das Kraftwerk am Laufen zu halten? Inseln müssen her. Orte und Momente, die für kurze oder auch mal längere Zeit den Trott unterbrechen. Mir reicht da manchmal schon eine Tasse Kaffee und wenigstens die ersten drei Seiten der Zeitung bevor der allmorgendliche Wahnsinn losbricht. Oder endlich noch einmal die Lieblingsserie in Ruhe und ohne Unterbrechung anschauen zu können.

Es ist erstaunlich, wie solche kleinen Inseln ausreichen, über den miesen Tag zu kommen. Wir müssen aufmerksam sein für unseren Strom. Er will umsorgt werden. Und wenn eben schon bald nach dem Aufstehen klar ist: Das wird heute wieder echt ein mieser Tag, dann besser schon direkt auch über eine Insel nachdenken. Dann wird dieser miese Tag auch irgendwie vorbei gehen. Und der nächste ist dann schon wieder halb so wild.


Pfr. Steffen Post

27. Oktober 2013

Mark Cent: Gesucht - gefunden

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

Seit er die Münzprägefabrik verlassen hatte führte er ein abwechslungsreiches Leben: Mark Cent - ein Geldstück, wie es viele auf dieser Welt gibt. Einige Zwei-, Fünf-, Zehn- und 20-Cent-Stück hatte er dabei kennen gelernt, aber besonders stolz war er, wenn ihm eine Euro-Münze begegnete. Cool fand er es auch, in einem weichen Lederportmonee untergebracht zu sein: Leder, das war für ihn der Duft der großen weiten Welt. Leider waren solche Erlebnisse in seinem Leben selten. Ständig war er unterwegs zwischen Kassen, Geldbeuteln und Banken. Ungemütlich waren für ihn die Tage auf der Bank. Dort wurde er oft durch Zählmaschinen gejagt und in Münzrollen eingewickelt, um dann einige Zeit später in eine der vielen Geschäftskassen geschüttet zu werden. Freundschaften, die er mit anderen Cent-Stücken geschlossen hatte, wurden durch dieses Hin und Her jäh zerstört. Die Menschen trieben sogar ihre Spielchen mit ihm, missbrauchten ihn als Glückscent, indem sie ihn in stinkende Socken oder muffige Hosentaschen stopften.

Vermutlich wäre es so weitergegangen, wäre dieser Mann nicht auf die Idee gekommen, seiner Frau zur Hochzeit eine Halskette mit Münzen zu schenken. Ein ungewöhnliches Hochzeitsgeschenk, aber mehr konnte er sich nicht leisten. Da sich nun gerade Mark Cent beim Juwelier aufhielt, wurde auch er mit an dieser Halskette verarbeitet. Vorbei war es nun mit dem bewegten Leben. Mit seinen anderen neun Kollegen war er fortan dazu bestimmt, den Hals einer weniger wohlhabenden Frau zu schmücken. Eigentlich gähnend langweilig, wenn..., ja wenn nicht dieses Missgeschick passiert wäre.

Im Nachhinein konnte die Frau nicht mehr genau sagen, wie es eigentlich passiert war. Sie hörte nur noch ein leises Ding-ding und stellte zu ihrem Entsetzen fest, dass eine Münze fehlte: Mark Cent! Dieser war so ungünstig in eine Ecke gerollt, dass man ihn nicht auf Anhieb finden konnte. Zu allem Überfluss hatte er sich bei dem Aufprall auf den harten Boden eine Münzrandprellung zugezogen. Die Zeit, die verging, kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Langsam wurde ihm doch etwas mulmig. Ob man überhaupt nach ihm suchen würde? Er war doch kaum etwas wert.

Nanu, hatte er richtig gehört oder hatte er geträumt? Nein, Irrtum ausgeschlossen! Erleichtert nahm er die Geräusche wahr: Man war auf der Suche nach ihm und stellte dabei fast das ganze Haus auf den Kopf. Da, beinahe hätten ihn die Borsten des Besens erreicht, doch zur Rettung fehlten wenige Zentimeter. Jetzt war es ruhiger. Hatte man die Suche nach ihm doch eingestellt? Aber was war das? Ein Lichtschein! Die Suche ging also weiter – und kurz darauf fiel der Strahl der Lampe genau in die Ecke, in der Mark Cent lag. Erleichtert sog er die Lichtstrahlen in sich auf und nahm die Wärme der Hand wahr, die ihn aufhob. Endlich war er wieder in Sicherheit und auch seine Verletzung wurde liebevoll behandelt.

Aber er hätte nicht gedacht, dass er bei der Frau eine solche Freude auslösen würde: Jubel erfüllte das Haus, Nachbarn und Freunde wurden zu einem Fest eingeladen - und er, Mark Cent, stand im Mittelpunkt. An einem Ehrenplatz hatte man ihn postiert. Staunend betrachteten ihn alle Gäste. So etwas hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Es gab also doch jemanden, für den er wertvoll war. Mark Cent spürte Liebe und Geborgenheit. Hier, bei dieser Frau, die sich so sehr um ihn bemüht hatte, fühlte er sich wohl. Hier wollte er nun für immer bleiben. Später bekam er zu Ohren, dass seine Geschichte sogar von dem zur damaligen Zeit berühmten Prediger Jesus von Nazareth erzählt wurde, um zu zeigen, wie wertvoll jeder einzelne Mensch in den Augen Gottes ist.


Pfr. Thomas Janetzki

20. Oktober 2013

Ist denn Limburg überall?

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

Der Streit um den Limburger Bischof Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst beschäf-tigt inzwischen unser Land in einem Maße, wie man es sich noch vor kurzer Zeit kaum hätte vorstellen können: Selbst die Bundeskanzlerin drückt ihre Sorge um die katholische Kirche aus.

Was ist geschehen? Da wird dem Bischof von Limburg vorgeworfen, die Baukosten für seine Bischofsresidenz verschleiert und durch immer weitere Sonderwünsche auf ein Vielfaches, nämlich über 30 Mio. Euro erhöht zu haben. Außerdem gibt es einen Antrag der Staatsanwaltschaft Hamburg auf einen Strafbefehl gegen Tebartz-van Elst wegen des Verdachts auf eine falsche eidesstattliche Versicherung im Zusammenhang mit einer Reise.

Aber: Rechtfertigt all das diese Aufregung, die inzwischen laut Nachrichtenmel-dungen schon zu etlichen Austritten aus der katholischen Kirche geführt hat? Zweierlei daran erscheint mir bedenklich: Da wird einerseits jemand verurteilt, bevor die Ermittlungen, seien sie staatlicherseits oder von Kirchenseite, abgeschlossen sind, und da wird andererseits auf einmal all das, was viele an Kirche zu kritisieren haben, wieder herausgeholt und mit dem Vorwurf der Lüge verbunden.

Die Frage ist für mich dabei: Kann man eine mögliche persönliche Verfehlung einer oder mehrerer Personen zu einem Glaubwürdigkeitsproblem von Kirche an sich hochstilisieren? Ist es erlaubt, anhand dieses zu befürchtenden Fehlverhaltens die Arbeit vieler Tausender katholischer oder auch evangelischer Geistlicher oder auch das Verhalten ihrer Landeskirchen oder Bistümer damit in einen Topf zu werfen? Ich glaube das nicht und hoffe, dass sich diese Diskussion wieder mit dem dafür notwendigen Maß an Sachlichkeit fortsetzen lässt.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Natürlich müssen Missstände beim Namen genannt, falsches Verhalten muss sanktioniert werden und falls der Bischof Tebartz-van Elst sich einer Verfehlung schuldig gemacht hat, muss er dafür zur Rechenschaft gezogen werden. Aber das alles steht auf einem völlig anderen Blatt, und es dürfen nicht viele für das mögliche Fehlverhalten einiger oder gar eines Einzelnen in schlechtes Licht gerückt werden.

Allerdings, und das sollten alle davon direkt oder indirekt Betroffenen daraus lernen, tun beide großen Kirchen sicherlich gut daran, ihren Umgang mit Geld weiterhin transparent zu machen oder diese Transparenz noch zu verbessern, denn nur so lässt sich das Vertrauen der Menschen erhalten oder wieder gewin-nen – und das ist in dieser Situation wichtig!


Pfrn. Simone Conrad

13. Oktober 2013

Menschen sind keine Nummern

von Pfrn. Simone Conrad, Birkelbach

Langsam sortiert sich der Namenssalat in meinem Kopf. Langsam, aber immerhin. Denn neben meiner halben Pfarrstelle in Birkelbach bin ich ja als Religionslehrerin an der Hauptschule in Erndtebrück tätig, und zu Beginn des Schuljahres habe ich vier neue Klassen dazubekommen - da habe ich schon ein wenig gebraucht, um die Gesichter den Namen zuzuordnen und nicht alle durcheinander zu bringen! Dabei finde ich es so wichtig, Menschen bei ihrem Namen zu nennen und nicht etwa zu sagen: He, du da! Okay, manchmal muss ich noch nachfragen… Das wird dann meist von den Betroffenen mit einem mildem Lächeln quittiert. Aber: Wir Menschen sind keine Nummern, sondern unverwechselbare Originale – und unser Name ist ein Kennzeichen dafür.

Im politischen Umgang mit Schulen könnte man allerdings manchmal einen anderen Eindruck bekommen. Da zählen Zahlen – nüchterne Fakten. Nicht mehr genug Schüler und Schülerinnen für eine neue Klasse 5? Dann gibt es eben keine Klasse 5 – jedenfalls nicht hier. Die betreffenden Kinder sollen eine andere Schule besuchen. Was bedeutet das aber für die Schüler und Schülerinnen, die in den höheren Klassen sind? Bleibt die Schule bestehen? Werden sie ihren Abschluss an dieser Schule machen dürfen? Oder gibt es ihre Schule dann schon gar nicht mehr?

Ich erlebe Arbeit in der Schule zwischen den Zeiten. Ich erlebe ein engagiertes Kollegium, das sich darum bemüht, Klassengemeinschaften zu festigen, von denen man gar nicht weiß, ob sie in zwei oder drei Jahren noch existieren werden. Und ich nehme wahr: Diese Unsicherheit zerrt an den Nerven. Von Lehrkräften, von Eltern, die teils besorgt, teils verzweifelt sind. Was wird werden? Wenn man doch endlich Bescheid wüsste…

Eigentlich herrscht ja eine Politik der kurzen Wege – aber manchmal habe ich das Gefühl, die Realität holt die kurzen Wege ein und was herrscht – sind die Zahlen. Für mich gehören zu diesen Zahlen aber Gesichter – konkrete Menschen, deren Namen ich kennengelernt habe. Und ich werde unendlich froh, dass bei Gott keine Politik der Zahlen herrscht, sondern dass jeder Mensch als unverwechselbares Original zählt.

Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ so spricht Gott im Buch Jesaja zu uns Menschen. Bei deinem Namen – ich kenne dich. Du bist keine Nummer. Du bist mein Kind. Du bist so wichtig, dass ich mir deinen Namen merke – denn du zählst für mich.

Ich weiß, dass um Lösungen in der Schullandschaft gerungen wird. Aber ich wünsche mir, dass die Politiker und Politikerinnen, die über Existenz und Nichtexistenz von Schulen beschließen, nicht nur Zahlen kennen. Sondern Namen – und Gesichter.


Pfr. Martin Ahlhaus

6. Oktober 2013

Vergesst das Teilen nicht!

von Pfr. Martin Ahlhaus, für Wittgenstein zuständiger Regionalpfarrer des EKvW-Amtes für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung

„Das ist aber ungerecht! Max hat ein viel größeres Stück als ich!“ Das Gemaule am Mittagstisch ist groß: eigentlich reicht die dampfende Pizza auf dem Tisch für alle und die einzelnen Stücke sind etwa gleich groß geschnitten. Doch hier ist der Teig ein wenig dicker, dort fehlt ein Stück Salami, da ist zu viel Käse. Und schon heißt es: „Das ist aber ungerecht!“ Nicht nur Kinder haben ein feines Gespür dafür, ob es gerecht zugeht unter uns. Auch wir Großen achten sehr genau auf das, was uns und den anderen zusteht. Teilen, abmessen, weggeben: da können wir zuweilen sehr pingelig sein, ich-bezogen und selbstherrlich.

Die Bibel erzählt wohltuend andere Geschichten vom Teilen: als Abraham und Lot sich trennen, gibt Abraham sich mit dem kargen Land zufrieden und erntet dennoch in seinem Leben reichen Segen. Als die Witwe von Zarpath ihr letztes Brot mit Elia teilt, geschieht das Wunder: das Mehl im Topf wird nicht verzehrt, das Öl im Krug geht nicht zur Neige. Auch die Leute um Jesus erleben das: fünf Brote und zwei Fische reichen für Tausende und machen mehr als satt - wenn man dankt und teilt und nicht nur an sich selber denkt!

Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen. Das sind die Gaben, die Gott gut gefallen.“ Der Monatsspruch für Oktober aus Hebräer 13, 16 ruft es den Gemeinden in Erinnerung: Gott hat seine Liebe mit allen geteilt und allen mitgeteilt. Dazu ist er Mensch geworden in Jesus, damit alle Menschen das Leben in Fülle haben und ihren Anteil bekommen an Recht und Erbarmen, Gnade und Frieden. Darum hat Christus Brot und Wein, Zeit und Leben mit anderen geteilt. Und er hat das Brotbrechen zum Zeichen des neuen Bundes mit Gott gemacht: Seht, so teilt er sich mit, gibt sich uns in die Hand und in den Mund.

Das sollen Christen nicht vergessen und in ihrem Reden und Handeln Christus folgen: Gutes tun und teilen! Jedes Jahr erinnert das Erntedankfest an den Rhythmus von Saat und Ernte, an das Geschenk des Lebens durch Frost und Hitze, Tag und Nacht. Dass wir zu essen und zu trinken haben, satt und reichlich, möge uns dankbar und fröhlich machen! Dass wir Haus und Hof, Arbeit und Bildung haben, möge uns weise und zufrieden machen!

Aber nicht selbstzufrieden und weltvergessen! Denn immer noch geht es schreiend ungerecht zu auf unserer Erde: 900 Mill. Menschen hungern weltweit, hungern nach Brot und Reis, dürsten nach klarem Wasser und sauberer Luft, hungern und dürsten nach Gerechtigkeit und Frieden! Gleichzeitig landet viel zu viel von unserem Essen im Eimer, wird an den Börsen wild spekuliert auf Weizen und Mais, kommt immer mehr Land unter den Hammer für Palmöl-Plantagen und Soja-Wüsten. Doch es geht auch anders: mit frischen Rezepten und klugem Einkauf, mit neuer Achtung für Brot, Obst und Gemüse und einem Fleischlos-Tag in der Woche, mit regionaler Landwirtschaft und politischem Engagement!

Wenn Christen in Tansania Gottesdienst feiern, bringen sie ihre kleinen und großen Gaben singend und tanzend, fröhlich feiernd zum Altar und werfen in einen großen Korb, was ihnen möglich ist. So können sie, können auch wir die Gaben teilen: wir danken Gott und geben ab von dem, was er uns an Güte und Gnade gegeben hat. Vergesst nicht: die Welt besteht aus Teilen, aus den fünf Erdteilen und dem Fair-Teilen! Wir teilen einander mit und teilen miteinander, was wir zum Leben brauchen. Das ist dann gar nicht ungerecht!


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

29. September 2013

Euer Ja sei ein Ja

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Die Wahl ist um. Ich hoffe, Sie haben von Ihrem Stimmrecht Gebrauch gemacht. Es ist ja nicht nur ein Bürgerrecht, sondern meines Erachtens auch eine Bürgerpflicht, die dafür steht, dass wir immer miteinander verantwortlich sind für die Welt, in der wir leben.

Nun warten wir in diesen Tagen gespannt auf die Bildung einer Regierung. Welche Koalition mag es geben? Wie werden die Ministerien besetzt? Jenseits von politischer Nähe oder Abneigung habe ich großen Respekt vor Politikerinnen und Politikern, vor Menschen, die solche Verantwortung wahrnehmen, sei es in einer Regierung oder in der Opposition, sei es kommunal, im Land, im Bund oder international.

In der immensen Vielfalt der Themen müssen viele und viele schwere Entscheidungen getroffen werden. In der Öffentlichkeit ist man dann bei den unterschiedlichsten Interessen der Kritik, und schnell auch manchen Spott und böser Verachtung ausgesetzt.

Politiker genießen in unserem Land kein hohes Ansehen. Menschen vertrauen ihnen nicht, weil sie schon erleben mussten, dass Wahrheiten verschleiert oder nur scheibchenweise präsentiert wurden. Das ist einfach auch ärgerlich! Wir Bürgerinnen und Bürger sind doch nicht dumm und wissen sehr wohl, dass gutes Regieren schwierig ist und unangenehmene Entscheidungen und ungeliebte Kompromisse erfordert.

Darüber kann man im Einzelnen streiten, muss es sogar. Aber bitte aufrichtig. Meine Hochachtung gilt den Politikerinnen und Politikern, die ihre Überzeugungen unabhängig vom Wahltermin vertreten, denen, die es einem klar sagen, auch wenn es schwierig wird. Wenn das Gesagte vor der Wahl mit dem nach der Wahl nicht übereinstimmt, ist das nicht nur unverschämt, es ist zutiefst schändlich. Die Bibel nennt es ein Übel.

Ganz zentral in der Bergpredigt gibt uns Jesus diesen Maßstab für das eigene Reden und zudem ein wertvolles Kriterium, politisches Auftreten zu bewerten: Matthäus 5, 37 „Eure Rede sei : Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ Treueschwüre und Beteuerungen braucht es dann nicht mehr. Halbwahrheiten sind genauso ekelhaft. Mit unter anderem diesem Prüfstein ist es nun nach der Wahl unsere Bürgerpflicht die Verantwortlichen in Regierung und Opposition kritisch zu begleiten.

Für mich das negativste Beispiel dieses Jahres zum Thema „politische Wahrheit“ hat James Clapper geliefert. Der Chef sämtlicher US-Geheimdienste sagte bei einer Anhörung durch den Kongress auf die Frage, ob die NSA auch Millionen von amerikanischen Bürgerinnen und Bürgern ausspähe „Nein.“ Als sich das als unwahr herausstellte, kommentierte er später seine Lüge mit der Umschreibung, es sei die „least untruthful answer“ gewesen, also die „am wenigsten unehrliche Antwort“.

Bei so viel Unverfrorenheit weiß ich nicht, ob ich lachen oder heulen soll. Es macht mich aber zornig. Und deswegen wünsche ich mir umso mehr, dass die nächste Legislaturperiode vor allem auch durch politische Wahrhaftigkeit geprägt sein wird. Lassen Sie uns sorgsam und wach darauf achten.


Pfr. Oliver Günther

22. September 2013

Wir haben eine Stimme

von Pfr. Oliver Günther, Feudingen

Der bayerische Landesvater, einstmals das „soziale Gewissen“ der Union, war in den letzten Tagen seiner Landtagswahlkampftour in Bad Reichenhall der Meinung, Bayern sei nicht das Paradies. Recht hat er, gleichwohl es in den Alpen gewiss manch schöne Ecke gibt! Aber Horst Seehofer legte nach: Bayern sei die Pforte zum Paradies. Im Bierzelt gibt es jetzt kein Halten mehr. Der Mob tobt – vor Begeisterung. Es ist Wahlkampf, da spielt die Wahrheit keine Rolle. Es reichen Parolen. Der Ton macht die Musik, nach Inhalt fragt gar keiner mehr.

Am Sonntag ist Bundestagswahl. Dann ist das Gerede vorbei, und die Politik wird Taten sprechen lassen müssen. Eine Frage jedoch bleibt aus theologischer Sicht: Wenn es nicht Bayern ist; wo ist eigentlich dann das Paradies? Gibt es überhaupt einen Himmel auf Erden?

Mit dem Kommen Jesu ist das Reich Gottes herbeigekommen (Markus 1, 15). Obwohl das Reich Gottes nicht von dieser Welt ist (Johannes 18, 36), ist es doch in dieser Welt. Im Hier und im Jetzt ist es gegenwärtig, spürbar, erfahrbar, greifbar! Aber wo?

Das Reich Gottes ist immer dann konkret, wenn wir ihm ein Gesicht geben und eine Stimme. Das Reich Gottes ist dort, wo wir ihm Hand und Fuß geben. In der Nachfolge der Christenmenschen, so konnte es Dietrich Bonhoeffer sagen, gewinnt das Reich Gottes ein erkennbares Profil. In solchen Momenten blitzt die Diesseitigkeit des Paradieses auf. In diesen Augenblicken ahnen wir, wie befreiend paradiesähnliche Zustände auf Erden aussehen.

Unser Platz ist in der Welt; bei den Menschen, die keine Stimme haben und auf die niemand hört. Wir hören sie an. Zu den Menschen sind wir gesandt, die keiner mehr wahrnimmt, die kein Ansehen genießen. Wir sehen hin. Unser Auftrag weist uns an die Menschen, die sich selbst nicht mehr zu helfen wissen. Wir richten sie auf. Wir stehen an der Seite derer, die auf der Flucht sind, heimatlos. Unser Platz in dieser Welt ist der Protestmarsch gegen die Macht des Bösen. Christenmenschen sind keine Sozialromantiker, aber mutige und widerständige Protestleute gegen den Tod. Wir suchen den Frieden und erleben Gottes Gerechtigkeit.

Dazu sind wir berufen, und wir haben eine Stimme: Deshalb gehen Sie bitte wählen!


Pfrn. Kerstin Grünert

15. September 2013

Unseren Alltag als Wohlstand erkennen

von Pfrn. Kerstin Grünert, Erndtebrück

Die ersten sind angekommen. „Sie sind jetzt hier in Sicherheit!“ So wurden die ersten Flüchtlinge aus Syrien von Deutschlands Innenminister begrüßt. Jetzt wird alles gut – das möchte man den Männern, Frauen und Kindern zu raunen, die mit Sack und Pack am vorläufigen Ende ihrer Reise in die Zimmer der Auffanglager einziehen. Irgendwie ist es doch nur ein kleiner Tropfen auf den ganz heißen Stein. Zwei Millionen Menschen sind vor dem Krieg in ihrer Heimat Syrien auf der Flucht. Und 5000 davon sollen in Deutschland unterkommen...

Wie das wohl ist, wenn man so mit Sack und Pack seine Heimat verlassen muss? Irgendwie hat das ja so gar nichts mit Aufbruch auf neuen Wegen zu tun. Hier geht es ja nun nicht darum, einmal etwas neues auszuprobieren und zu einem neuen Lebensabschnitt in ein anderes Land umzusiedeln. Der Aufbruch aus Syrien ist nicht freiwillig. Es ist Krieg, Menschen fürchten um Leib und Leben und machen sich deswegen auf den Weg. Überall ist es jetzt besser als in der Heimat. Die Umstände machen sie zu Heimatlosen. Wenn wir das zu Hause im Sessel in den Nachrichten sehen oder beim Kaffee in der Zeitung lesen, können wir unmöglich nachvollziehen, was in den Menschen vorgeht. Ungewiss sehen sie in ihre Zukunft, aufgenommen in einem fremden Land, mit fremder Kultur - gewollt oder nur geduldet? Sie träumen von einem normalen Leben, von der Schule, von vernünftiger medizinischer Versorgung, vom Frieden. Für uns sind das alltägliche Dinge, wir nehmen sie als selbstverständlich hin. Da sollten wir doch etwas von diesem Wohlstand abgeben, von unserem ganz normalen Alltag.

Heimatlos – ohne Perspektive und ohne Selbstbestimmung. Wie gut wir es doch haben! Im Vergleich zu einem Heimatlosen erscheinen mir meine Sorgen und Problemchen auf einmal sehr klein. Oft sind wir genervt von dem Trott und der Langeweile des Alltags, regen uns auf über Angelegenheiten, die auf den dritten oder vierten Blick doch nichtig sind. Aber Angst um Leib und Leben müssen wir dabei nicht haben. Wenn wir krank sind, gehen wir zum Arzt, wenn wir Hunger haben, gehen wir zum Einkaufen. Ist uns das eigentlich bewusst, was für ein Glück wir mit unserem Alltag haben? Sicher, manch einer mag darüber schimpfen und es gibt auch für uns genug Probleme, die bewältigt werden wollen. Die Arbeit wächst uns über den Kopf und über die Gesundheit macht man sich auch Sorgen. Aber denken wir darüber nach, wie gut es uns trotzdem dabei noch geht?

Die Probleme der Welt können wir nicht so einfach lösen, aber vielleicht hilft es schon einmal, wenn wir uns einfach noch einmal klar darüber werden, was und wie viel wir doch haben. Das hilft uns an dieser Stelle wenigstens, unseren Alltag als Wohlstand anzunehmen. Andere träumen davon!


Pfr. Dr. Detlef Metz

8. September 2013

Ich kann mich nicht neu erfinden

von Pfr. Dr. Detlef Metz, Kirchenkreis-Region I

Wahrscheinlich haben Sie auch schon einmal den Satz gehört: „Sie / Er hat sich neu erfunden.“ Er klingt ja wirklich genial. Erfinder zu sein, davon träumt wohl jedes Kind einmal. Aus vorhandenem Material etwas völlig Neues konstruieren, so dass es zu etwas gebraucht werden kann, was bis dahin nur umständlich und mit vielen Mühen geschafft werden konnte. Sich selber neu erfinden, davon träumen die etwas Älteren, die schon einige Wege hinter sich haben und an diesem Punkt gerne noch mal umschalten würden, manches anders anpacken würden, manches auch einfach hinter sich lassen, vergessen machen wollen.

Jetzt ist vielleicht wieder so ein Punkt. Nach den Sommerferien geht alles wieder los. In den Schulen und Büros, in den Werkshallen treffen Sie wieder auf die gleichen Gesichter, kommen Sie wieder in die gleichen Abläufe. Jetzt könnte sich etwas ändern, bevor die immer gleichen Verhältnisse mich wieder im Griff haben, so kann es jemandem durch den Kopf gehen. Jetzt sich neu erfinden!

Aber geht das? Wenn Sie diesen Satz hören: „Jemand hat sich neu erfunden“, vielleicht werden Sie da neidisch, weil Sie fühlen: Mir gelingt das nicht, ich bin immer in den gleichen Bahnen unterwegs. Oder Sie denken: Sich neu erfinden, das geht nicht. Egal was ich anpacke, ich bin doch immer derselbe. Auch der Urlaub, den wir uns gönnten, die andere Umgebung, die unglaubliche Landschaft, sie hat aus mir keinen anderen gemacht. Ich nehme mich doch überall hin mit. Als ob alles neu werden könnte an mir! Ich bin doch festgelegt – durch die Gene, die frühkindliche Erziehung, durch mich prägende Menschen und einschneidende Erlebnisse, durch die Beziehungen, in denen ich stehe, die Rolle, die ich in diesem Gefüge habe, den Ruf, der mir zuteil wurde und mir manchmal vorauseilt. Gegen das Bild, das andere von mir haben und ich von mir habe, komme ich gar nicht an. All dies hat mich zu dem gemacht, der ich jetzt bin.

Wir wissen heute: Menschen haben in der Tat nicht so viel Spielraum für ihr eigenes Handeln, wie man lange meinte. Ich kann mich nicht neu erfinden. Aber, so sagt es das Evangelium, die gute Botschaft von Jesus Christus, ich brauche es auch nicht.

Vor 450 Jahren erschien der auch im Wittgensteiner Land verbreitete Heidelberger Katechismus. Auf seine erste Frage: Was ist dein Trost?, antwortet er: Dass ich Jesus Christus gehöre. Oder wie die ältere Fassung lautete: Dass ich Jesu Christi eigen bin. Ich bin sein eigen, da ist er das Subjekt, der Handelnde. Ich gehöre ihm, da muss ich nichts tun, da wird etwas mit mir gemacht – aber von einem, der es gut mit mir meint. Von Jesus Christus, der mich mir selbst abnimmt, der mich nicht dem überlässt, was ich selber von mir denke oder andere über mich reden. Ich muss mir meine Identität nicht erarbeiten, er schenkt sie mir, indem er mich in Liebe ansieht. Sich von Jesus gehalten zu wissen, das gibt ganz neuen Antrieb, lässt die Angst vor Fehlschritten klein werden. In dieser Gewissheit können Sie dann auch wirklich neu starten, und zwar nicht nur jetzt am Schuljahresanfang, sondern jeden Tag, jede Stunde.


Pfrn. Silke van Doorn

1. September 2013

Das Jahr beginnt diesen Mittwoch

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Das Jahr beginnt. Am Mittwochmorgen starten alle Schulen aus den Sommerferien in das neue Schuljahr. Die Erstklässler müssen noch einen Tag länger warten. Dabei fällt es ihnen besonders schwer: Sie freuen sich auf das kommende Neue: Endlich zu den Großen gehören. Endlich die Welt der Buchstaben und Zahlen entdecken. Endlich neue Horizonte erobern. Schule ist aufregend. Diese Welt muss erobert und entdeckt werden. Die Neugier ist groß.

Das Jahr beginnt. Am Mittwochabend startet Rosch HaSchana. In aller Welt wird das jüdische Neujahrsfest gefeiert. Die Familien und Freunde sitzen zusammen, essen in Honig getauchte Äpfel, auf dass das neue Jahr 5774 süß werden soll. Die Süße des Lernens wird jüdischen Schulkindern beim ersten Besuch in der Schule ganz ähnlich verdeutlich. In einer alten Tradition werden die Buchstaben mit Honig bestrichen. Die Kinder lecken und schmecken, wie süß das Lernen ist.

Dieser erste Eindruck des Jahres und des Lernens soll sich tief in die Menschen einprägen. Der Wunsch, dass beim Neujahrsfest und beim Lernbeginn die Freude lange das Vorherrschende ist, verbindet sich mit beiden Traditionen.

Natürlich wissen Jüdinnen und Juden, dass das kommende Jahr auch Bedrohungen bereithält. Es bleibt nicht süß. In Israel ist das Leben wieder sehr angespannt. Viele Zwischenfälle haben sich ereignet. Gerade bekam ich die Nachricht aus Nes Ammim, einem christlichen Kibbuz, einem Ort der Versöhnung. Raketen wurden vom Libanon her auf die Dörfer abgefeuert. Die „Eiserne Kuppel“ ein Abfangsystem macht die Raketen schon in der Luft unschädlich, es regnet nur noch Staub auf die Menschen nieder. Gerade deswegen: In ein neues Jahr mögest du eingeschrieben werden - zum Leben.

Wenn der Zauber des neuen Beginnens verflogen ist, machen ältere Kinder andere Erfahrungen: Lernen ist kein Zuckerschlecken, sondern erfordert bei aller Freude Anstrengung und Durchhaltevermögen. Wie schön, wenn die Gemeinschaft der Lernenden in einer Klasse, in einer Schule angenehm ist wie die Süße des Honigs. Wenn Neugierde immer wieder neu geweckt werden kann, wenn neue Herausforderungen von Schülern und Lehrern aufgenommen werden, wenn eine gute Gemeinschaft des Lernens besteht und kein Konkurrenzdruck, dann bleiben die Herzen offen, der Verstand wach und die Hoffnung, dass Lernen und Wachsen im Leben und im Jahr immer wieder schmeckt.

Allen Feiernden und allen Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern, ein aufregendes neues Jahr des Lernens und Lebens. Auf Hebräisch würde man rufen: „Schana tova u'metuka“. Ein gutes und süßes Jahr.


Pfr. Oliver Günther

25. August 2013

Champion gesucht

von Pfr. Oliver Günther, Feudingen

Gewinner-Typen sind gefragt. Teams mit Sieger-Mentalität machen das Rennen. Kämpfernaturen mit Durchsetzungsstärke stehen im Rampenlicht und auf dem Siegertreppchen. Die 14. Leichtathletik-Weltmeisterschaften gingen am vergangenen Wochenende in Moskau zu Ende. Es gab sportliche Höchstleistungen, faszinierende Rekorde und auch einige sympathische Überraschungen. Es war wieder einmal ein Wettkampf der Superlative: am höchsten, am schnellsten, am weitesten. Der Apostel Paulus hätte seine wahre Freude daran gehabt. Er war sicher ein großer Sportfan: „Wisst ihr nicht“, schreibt er den Korinthern, „dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, dass aber nur einer den Siegpreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt.“ (1. Kor. 9, 24)

Paulus weiß allerdings auch, dass diese Maxime des Sports im Alltag des Lebens die Menschen überfordert. Deshalb rät er für ein erfülltes, menschliches und gottgefälliges Leben: langsamer, tiefer, näher.

Langsamer: Stress ist ein Resultat von Geschwindigkeit, Hektik und Hetze. Deshalb rät Paulus zur Langsamkeit, zur Entschleunigung: „Betet für mich zu Gott, … dass ich … voll Freude zu euch kommen kann, um mit euch eine Zeit der Ruhe zu verbringen.“ (Röm. 15, 31f) Langsamkeit kann man genauso trainieren wie Geschwindigkeit. Ruhe kann man sich ebenso angewöhnen wie Eile. Wichtig scheint mir, dass wir lernen zu leben, ohne ständig auf die Uhr zu schielen. Innehalten, bewusst die Umwelt wahrnehmen, staunen, nicht achtlos an den Menschen vorbeihasten, sondern Eindrücke aufnehmen, über gemachte Erfahrungen nachdenken. Schildkröten können mehr über den Weg erzählen als Hasen.

Tiefer: Hochmut und Überheblichkeit machen einsam. Paulus weiß das: „Strebt nicht hoch hinaus, sondern bleibt demütig.“ (Röm. 12, 16) Immer schön auf dem Teppich bleiben. Auf gleicher Höhe mit denen leben, die mich brauchen. Die Tür zur Geburtskirche Jesu in Bethlehem ist so niedrig, dass man sich bücken muss, um hineinzukommen. Das war zwar ursprünglich ein Schutz gegen das Eindringen von Kamelreitern, kann heute aber als Sinnbild gedeutet werden: Wer einen Zugang zu Jesus und zu seinen Idealen finden will, der darf sich nicht aufblähen und groß machen.

Näher: Wer niemanden an sich heranlässt, lebt isoliert; der bleibt zwar bei sich, aber da ist dann auch sonst keiner, wenn man mal jemanden braucht – zum Reden oder Zuhören. Wer sich selbst Gott auf Distanz hält, ist vollkommen allein. Paulus rät: „Übt euch in Gastfreundschaft!“ (Röm. 12, 13) Macht Gastfreundschaft zu einer Lounge in eurer persönlichen Wohlfühlzone, in die ihr gerne andere Menschen einlasst. Das ist ein gutes Rezept gegen soziale Isolation und ein Schritt auf dem Weg, den Jesus als das angebrochene Reich Gottes verkörpert hat.

Übrigens – beim dem Versuch, langsamer zu leben, auf dem Boden zu bleiben und die Menschen und Gott näher an sich heran zu lassen, geht es nicht um Rekorde oder Höchstleistungen, sondern um kleine, bewusste Schritte, die Sie möglichst nicht als Zuschauer betrachten, sondern selber gehen. Auf einen Versuch kommt es an und Sie werden überrascht sein, wie leicht sich die Welt Schritt für Schritt verändern lässt.


Christiane Petri, Superintendentur

18. August 2013

Achtung, Baustelle!

von Christiane Petri, Superintendentur

Wo auch immer mich im Moment meine Wege hinführen – im Nu stehe ich vor einer Ampel oder gar vor einer Absperrung: Durchfahrt verboten! Bitte folgen Sie der Umleitung!

Ich gebe zu, das nervt. Sommerzeit ist aber eben auch Baustellenzeit. Da heißt es geduldig sein und Umwege in Kauf nehmen. Während ich also die landschaftlich durchaus sehr reizvolle aber doch etwas schmale Alternativstrecke zu meiner Arbeitsstelle bewältige, wird mir bewusst, wie viele Menschen jetzt, zu der Zeit wo viele andere Urlaub machen, damit beschäftigt sind, die Straßen wieder für uns alle herzurichten. Überall wird jetzt gebuddelt und gebaggert, Fassaden werden erneuert, es wird gepinselt und verschönert, was das Zeug hält. Aber nicht nur auf unseren Straßen und bei unseren Häusern gibt es immer wieder mal Baustellen, nein auch das Leben hält sie für uns bereit.

In jungen Jahren sind es neue Straßen und breite Alleen, die gebaut werden. Ausbildung, Karriere, Familie, Kinder, vielleicht sogar ein Haus. Andere nehmen zunächst mit engen Gässchen vorlieb, die sie nach und nach ausbauen. Mit der Zeit werden überall die ersten Instandhaltungsmaßnahmen fällig und zudem muss man sich auch um die alten, ausgefahrenen Wege kümmern. Vieles bleibt unfertig, vieles wird sanierungsbedürftig.

Der Beruf ist anstrengend, möglicherweise läuft es gerade nicht so gut und auch die körperlichen Kräfte lassen nach. Die Sorge für die Eltern oder Schwiegereltern, vielleicht sogar wieder oder immer noch um die Kinder, vielleicht um den Partner, vielleicht um die eigene Gesundheit, kommt hinzu. Der Unterschied zur Straßen-Baustelle ist nur der, dass es da meistens keine Alternative gibt, keine Umleitung, bei der ich auch oder anders weiter komme. Nein, bei den Baustellen des Lebens muss ich mitten hindurch durch die Schlaglöcher und Holperstrecken. Aber nicht nur das, ich bin auch diejenige, die mit Hacke und Schippe selber Hand anlegen muss, damit aus der baufälligen Strecke meines Lebens wieder eine passable Fahrbahn wird.

Ich bewundere die Bauarbeiter, die bei Wind und Wetter, bei Hitze und Dauerregen, für uns im Einsatz sind. Die mit einer stoischen Ruhe ihre Arbeit tun, auch wenn der Ampel-Durchgangsverkehr ihnen augenscheinlich fast über die Füße fährt.

Und ich erfahre auch: Auf der engen Fahrbahn, die mich die Umleitung in diesem Sommer führt, begegnen mir viele aufmerksame und nette Autofahrer. Ein freundliches Nicken, eine zum Dank erhobene Hand. Hier nimmt man Rücksicht aufeinander, wo man auf der normalen Strecke einfach aneinander vorbeirauscht. Natürlich gibt es einige wenige, die meinen, die Straße gehöre Ihnen allein. Aber auch das ist bis jetzt immer wieder gut gegangen und es überwiegt das Gefühl des Miteinanders und im wahrsten Sinne des Wortes die Stimmung: Da müssen wir jetzt gemeinsam durch.

Vielleicht ist es das, was uns auch die Baustellen im Leben aushalten lässt. Dass wir nicht ganz allein mit Hacke und Schippe da stehen, sondern dass es immer wieder Menschen gibt, die mit anpacken, die uns die Ampel auf Grün stellen oder die uns Vorfahrt gewähren und sich selbst ein bisschen zurücknehmen.

Jemand, der uns so begegnet, handelt ganz im biblischen Sinne: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Galater 6, 2) Das ist nicht selbstverständlich. Grund genug, doch einmal danke zu sagen bei all denen, die als Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter oder rücksichtsvolle Verkehrsteilnehmer mit uns auf den Straßen des Lebens unterwegs sind. Und natürlich auch ein herzliches Dankeschön an alle Bau- und Straßenarbeiter, die dafür sorgen, dass wir bald wieder die alt vertrauten Wege nutzen können.


Pfrn. Heike Lilienthal

11. August 2013

Ein anderer Blick auf Postkarten

von Pfrn. Heike Lilienthal, Kirchenkreis-Region II

Es ist Sommer. Ferienzeit. Eben auch Postkartenzeit. Selbst im Zeitalter der elektronischen Verständigung. Ich bekomme gern Ansichtskarten. In der Regel sind es die von Freunden und der Familie. In Kurzform erfahre ich von ihrem Befinden und erhalte einen sichtbaren Kurzeindruck vom Urlaubsort. Ich freue mich darüber. Sie erhalten ihren Platz auf dem Küchentisch, wo ich sie oft sehe.

Ich schicke selbst gern Ansichtskarten. Mit der Hand geschrieben wird eine andere persönliche Note mitgegeben als durch das getippte Wort. Ich fühle mich durch das persönlich geschriebene Wort dem Empfänger näher verbunden. Allein die Schrift kann schon etwas über den Schreibenden und sein Befinden mitteilen.

Mit einer Karte drücke ich aus: Ich denke an dich, Du bist mir wichtig.

Ich möchte einen mir wichtigen, lieben Menschen an dem teilhaben lassen, was mich bewegt, was mich beeindruckt und mir gefällt, ob es mir gut geht oder nicht.

Ich denke an andere. Sie denken an mich. Und geht es jemandem im Urlaub nicht so gut, der wird auch in einem Gebet bedacht. Aber dies nicht nur zur Urlaubszeit.

Monatelang fand ich während einer langanhaltenden Krankheit immer wieder Postkarten von meiner besten, aber weit entfernten Freundin im Briefkasten. Allein die Auswahl der Motive hatte Ausdruckskraft, sie halfen mir durch die schwere Zeit.

Seit dieser Erfahrung schreibe auch ich immer wieder ausgewählte Karten an befreundete Menschen, die gerade Unterstützung brauchen. Das kann per Post geschehen oder selbst übergeben werden.

Mittlerweile habe ich einen anderen Blick für Postkarten, wenn sie irgendwo zu erwerben sind. Und so manches Mal entdecke ich eine Karte, mit einem bestimmten Motiv, Spruch, die ich mit einem bestimmten Menschen in Verbindung bringe. Auch ich freue mich über Karten, auf denen steht: Diese Karte habe ich entdeckt und ich musste an dich denken. So eine kleine Postkarte kann einen berühren, anrühren. Sie kann ein Lichtblick sein.

Mit lieben Grüßen,
Ihre Heike Lilienthal


Christiane Petri, Superintendentur

4. August 2013

„Wenn man nur den Segen mitbringt!“

von Christiane Petri, Superintendentur

Neulich im Urlaub. Eine Woche Rhön bei herrlichem Sommerwetter.

Wir sitzen auf dem Kreuzberg im Klostergarten und lassen es uns bei dort selbstgebrautem Bier und deftigen Spezialitäten gut gehen.

Es ist ziemlich voll, man rückt zusammen. Wir lernen ein nettes Ehepaar kennen. Sie kommen aus Weimar und erzählen uns vom Hochwasser, das auch dort ziemlichen Schaden angerichtet habe, aber Gott sei Dank sei schon wieder alles beseitigt.

Neben unserem Tisch noch jemand, der anscheinend keinen Platz findet. Mein Mann macht eine einladende Geste und signalisiert, dass wir noch weiter zusammenrücken würden. Dankend lehnt der Herr ab: „Ich warte nur auf meine Leute.“

„Hatte keine Lust, mir die Kirche von innen anzusehen.“ Und mit einem Grinsen: „Einmal in der Woche reicht mir.“ Nanu, ein Pfarrer? „Immerhin“, höre ich mich sagen, „da liegen Sie aber weit über dem Durchschnitt.“ „Naja,“ gibt der junge Mann zu, „nicht so zu den Gottesdiensten und so, ich geh’ einfach ab und zu mal zur Kirche, wenn mir danach ist. Da kann ich entspannen und meine Gedanken sammeln.“ „Aha“, denke ich, „wie schön, dass es offene Kirchen gibt, die dazu einladen, auf diese Weise das Gespräch mit Gott zu suchen.“ Und schon kommt - mit einem Blick gen Himmel - der Nachsatz, der mich umhaut: „Wissen Sie, ich habe schließlich einen Vertrag mit dem da oben, nicht mit seinem Bodenpersonal.“

Der Blick meines Mannes ist eindeutig: „Jetzt bitte keine Grundsatzdiskussion.“ Da tönt es neben uns mit berlinerischem Zungenschlag: „Ha, ha, det is jut. Det muss ick ma märken.“ Und es sprudelt förmlich aus unserem Tischnachbarn heraus: Dass er Frührentner sei. Einen Tumor an der Bandscheibe habe er gehabt. Jetzt gehe es ihm gut. Relativ. Das vergangene Jahr sei heftig gewesen. Und da habe er sich auch an den Vertrag mit dem da oben erinnert. Und seitdem lebe er anders, bewusster.

Deshalb heute auch der Ausflug. Ganz spontan.

Eine Erfahrung, die vielleicht viele von uns schon gemacht haben. Solche Erfahrungen des Bewahrt-Worden-Seins erinnern uns daran, dass das Leben ein tägliches Geschenk ist, das wir aus Gottes Hand empfangen. Ganz oft passiert so etwas ja, ohne dass wir es überhaupt bemerken. War nicht auch die Erzählung vom Hochwasser eine Bewahrungs-Geschichte? Ein Kirchenlied kommt mir in den Sinn:
„Bewahre uns Gott, behüte uns Gott, sei mit uns auf unseren Wegen…“ (EG Nr. 171)
Meistens wird es zum Abschluss, als Bitte um den Segen, gesungen.

Und jetzt muss ich doch noch das loswerden, was ich am Biertisch im Klostergarten nicht mehr sagen konnte: Es ist gut, dass wir Gebäude und Orte haben, an denen wir Gott besuchen können, an denen wir zur Ruhe kommen, an denen wir seine Nähe und den Dialog mit ihm suchen können. Aber zum Dialog gehören eben zwei und deshalb ist es auch gut, dass wir das Bodenpersonal haben. Menschen, die uns Gottes Wort zusprechen und neu sagen können.

In meinem Bekanntenkreis erzählte einmal ein etwas älterer Mann, dass es früher üblich gewesen sei, dass aus jeder Familie wenigstens eine Person den sonntäglichen Gottesdienst besuchte. Das sei ganz selbstverständlich gewesen. Und so habe es morgens beim Frühstück dann auch höchstens die Frage gegeben: „Wer gett da haure e de Korche?“ – „Wer geht denn heute in die Kirche?“. Nicht: „Geht jemand?“ Nein, „WER“ geht. Und dann fügte er noch hinzu: „Und wenn man nur den Segen mitbringt!“

Ein schöner Gedanke. Holen Sie sich doch mal wieder den Segen. Lassen Sie ihn sich zusprechen von Gottes Bodenpersonal in einem der nächsten Gottesdienste hier in unserem Wittgensteiner Ländchen oder wo auch immer Sie in diesen sommerlichen Tagen unterwegs sein werden.


Pfrn. Simone Conrad

28. Juli 2013

Einen gelingenden Tag der Freundschaft

von Pfrn. Simone Conrad, Birkelbach

Okay, ich gestehe, mein erster Gedanke war: Och nee, nicht noch einer. Noch so ein „Tag der…..Tag des…“-Gedenktag. Es ist auch höchst erstaunlich, was es da so mittlerweile gibt: Es gibt einen internationalen Tag des Kinderbuches und einen Tag der Rückengesundheit, einen internationalen Tag des Tanzes (finde ich großartig) und einen Anti-Diät-Tag (finde ich noch viel großartiger!). Den Welt-Schildkrötentag habe ich persönlich leider verpasst. Ist aber vielleicht auch nicht so schlimm, wir haben nur ein Kaninchen und die Tochter ein Pferd.

Aber in der kommenden Woche wird am 30. Juli der Internationale Tag der Freundschaft begangen. Er soll „an die Bedeutung der Freundschaft zwischen Personen, Ländern und Kulturen erinnern“ - so ein Fachartikel. Ja, sind wir denn schon so weit, dass wir einen Tag der Freundschaft ausrufen müssen? Gehören Freunde und Freundinnen nicht selbstverständlich zum Leben? - so meine Fragen.

Nun, offenbar nicht. Oder es ist mit der Freundschaft so wie mit vielem Gutem, was zu unserem Leben gehört: Uns wird selbstverständlich, was nicht selbstverständlich ist, sondern wunderbar.

Ein südafrikanische Freundin von mir pflegt über neue Freundschaften zu sagen: „Ich habe neue Freunde gemacht!“ Und abgesehen von dem schrägen Bild, das ich jedes Mal dazu im Kopf habe (Wie backe/schnitze/knete ich mir den idealen Freund / Freundin?), stecken in diesem „Freunde machen“ für mich ein Stück Wahrheit und ein Stück Anstoß.

Anstoß - weil ich glaube, Freunde kann man nicht „machen“. Freunde und Freundinnen bekomme ich geschenkt. Das sind Menschen, die Gott in mein Leben schickt, die mich begleiten, stützen, mit mir feiern und lachen, aber auch mit mir durch dick und dünn gehen, mich nicht im Stich lassen, wenn's schwierig wird. Ein unendlich kostbares Geschenk.

Und Wahrheit: weil ich eben doch etwas „machen“ muss. Eine Freundschaft gehört gepflegt, sonst verkümmert sie. Sonst wächst statt Vertrautheit Distanz und der größte Feind jedweder Beziehung kehrt ein: Gleichgültigkeit. „Ach, die wird sich schon melden, wenn was ist… warum soll eigentlich immer ich anrufen?“

Vielleicht brauchen wir doch einen Tag der Freundschaft. Um uns zu erinnern, wie wertvoll, unverzichtbar und kostbar Freunde sind. Um uns nach langer Zeit mal wieder bei einer Freundin zu melden. Oder noch besser: um mit Freunden Zeit zu teilen. In diesem Sinne: einen gelingenden Tag der Freundschaft!


Pfrn. Stephanie Eyter-Teuchert

21. Juli 2013

Begleitung in allen Lebenslagen

von Diakoniepfarrerin Stephanie Eyter-Teuchert

„Begleitung in allen Lebenslagen“, so lautet eine Werbung für Partnersuche in einer Zeitung, Begleitung in allen Lebenslagen – haben Sie die gefunden für Ihr Leben? Suchen Sie so etwas? Oder gehen Sie lieber allein durch Ihr Leben?
Und wer könnte das sein, Ihr Lebensbegleiter? Ein Mann / eine Frau, mit der oder dem Sie sich verbinden? Vielleicht auch schon lange verbunden sind, in guten und in schlechten Zeiten, mit viel Vertrauen und gewachsener Liebe. Das ist eine Kostbarkeit.
Oder ist das ein Haustier, ein Hunde, eine Katze, die das Leben geselliger machen, die sich freuen, wenn man nach Hause kommt und etwas mit ihnen anstellt?
Lebensbegleiter für junge Menschen sind immer mehr die Smartphones, ein Leben ohne sie wird undenkbar - eine App für alle Lebenslagen: mal schnell nachschauen, ob da nicht eine Nachricht gekommen ist oder wie weit es noch bis zum Treffpunkt ist. Für Frauen sind Handtaschen Lebensbegleiterinnen, für Männer Krawatten oder das geliebte Auto. Begleiter in allen Lebenslagen, mir fällt dazu der Psalmvers ein: Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.
Na klar, werden Sie sagen, da kommt die Pfarrerin durch. Natürlich ist das so. Spiritualität ist wichtig in meinem Leben.

Vielleicht sagen Sie: Nein danke, das brauche ich alles nicht, diese Lebensbegleiter. Ich will frei sein, autonom, mobil und flexibel. Dann entsprechen Sie den neuesten soziologischen Studien von Großstädtern zwischen 20 und 40 Jahren. Nach diesen Studien wollen diese sich nicht mehr binden, scheuen Verantwortlichkeiten, wollen offen bleiben für Ortswechsel, um den besseren Job zu ergattern - feste Beziehungen oder Kinder hindern dabei. Statt enger Familienbande werden Freundschaften gesucht, die man selbst gestalten kann, aufbauen und abbrechen, die aber oft auch sehr tragfähig sind.
Es ist eine Frage von Nähe und Distanz. Wie nah lasse ich jemanden an mich heran, wem vertrauen ich, worauf lasse ich mich ein?
Es geht um Verbindlichkeit und Freiheit. Und darum, dazwischen die Balance zu finden. In einer Welt, in der alle Chancen offen stehen sollen, ist es schwer, sich zu binden und sich damit festzulegen. Wenn ich mich auf einen Partner einlasse, Kinder in die Familienplanung hineinkommen, gar ein Haus gebaut wird, dann bin ich nicht mehr so flexibel und mobil und damit auch nicht mehr so wettbewerbsfähig in der Arbeitswelt. In Zeiten von facebook, Internet und Handys entstehen schnelle Bekanntschaften und sie lösen sich ebenso schnell wieder. Wenn man sich festlegt, entgeht einem vielleicht etwas.
Was für einen Wert haben feste Beziehungen? Letztlich ist das die Frage danach: Wie will ich mein Leben leben? Welche Werte setze ich, was für einen Sinn finde ich in meinem Leben? Was will ich mit diesem Geschenk Leben anfangen?
Und die Antworten darauf sehen unterschiedlich aus. Unterschiedlich je nach Lebensumständen, Lebensumgebungen, dem Alter, dem Geschlecht.
Mit welchen Werten leben wir - wollen wir leben und aus was für einem Geist? Denn wenn wir das auch oft nicht so wahrnehmen, leben wir ja doch nicht nur mit materiellen Dingen. Das was wirklich zählt, und das ist ja eine Binsenweisheit, sind ja gerade die Dinge, die wir nicht kaufen können: Mitgefühl, Freundschaft, Einsatz für andere, Zivilcourage, Zufriedenheit, Freude und: Liebe.
Bei Paulus im 1. Korintherbrief 13, 13 heißt es: Also bleibt Glaube, Liebe, Hoffnung, diese drei. Aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Liebe also. Jesus sagt dazu: Das ist das größte und wichtigste Gebot: Du sollst Gott von ganzen Herzen lieben und deinen Nächsten wie dich selbst (Matthäus 22, 37 - 39). Liebe als frohe Botschaft, das ist der Kern unseres Glaubens, der Kern unserer Spiritualität - der Geist, aus dem heraus Christen leben.
Liebe - daraus entstehen unsere Gefühle. Sie ist die Grundvoraussetzung für unser Leben. Bedingungslose Liebe, der keine Buße oder Infragestellung unserer selbst vorausgeht. Sie ist einfach da. Von Gott gegeben und wenn es gut läuft im Leben, wird sie von den Eltern an die Kinder weiter gegeben und immer wieder neu erfahrbar durch Menschen, denen wir begegnen. Daraus entsteht dann die Möglichkeit, Liebe weiter zu geben. Daraus entsteht Mitgefühl, Engagement, Freude am puren Dasein und Dankbarkeit für all das, was das Leben bereithält.
Liebe also. Wenn sie spürbar ist, dann lassen sich auch schwere Zeiten aushalten. So weit für heute.
Zum Schluss noch die Frage an Sie: Begleitung in allen Lebenslagen - wer oder was soll das für Sie sein? Haben Sie eine Idee dazu?


Pfrn. Elisabeth Grube

14. Juli 2013

Die Grünkraft des Lebens

von Pfrn. Elisabeth Grube, Heiminghausen

„Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit
und die ist grün.“ Hildegard von Bingen

Was für eine grüne Pracht erleben wir zurzeit! Grüne Wiesen und Felder. Ein großer Reichtum an Grüntönen, wenn die Blätter der Bäume sich im Wind bewegen und das Licht tausendfältig grün widerspiegeln. Und das Dunkelgrün im Schatten des Waldes, das Ruhe verspricht.

Grün ist die Hoffnung – so sagt man. Grün hat eine harmonisierende, ausgleichende Wirkung – so sagt kein Geringerer als Goethe in seiner Farbenlehre. „Nach grüner Farb mein Herz verlangt nach dieser trüben Zeit …“ so heißt es in einem Volkslied.

Und Paul Gerhard dichtet „Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide.“ Wenn die Vegetation – wie zurzeit – so üppig und vielfältig grünt, dann ist es anschaulich und einleuchtend, wenn Grün zur Farbe des Lebens schlechthin erkoren wird.

Und es ist ja auch so, gäbe es das Grün des Chlorophylls (von altgriechisch: „hellgrünes, frisches Blatt“) nicht und würde das Chlorophyll nicht so wichtig sein, wenn aus Wasser und Licht Sauerstoff gebildet wird, wer könnte dann leben? Wir brauchen sie, lebensnotwendig, die „grünen Lungen“ dieser Erde. Grün ist Leben. Und Hildegard von Bingen – überwältigt von der Fülle und Vielfalt des Grüns, in denen sich das Leben in immer neuen Gestalten und Formen zeigt – spricht von der Grünkraft des Lebens. Die Grünkraft spendet Leben. Immer wieder. Immer neu. Nie versiegend. Unerschöpflich. Die Grünkraft ist eine Kraft aus der Ewigkeit. Und diese Erkenntnis bringt Hildegard zum Staunen: „O grünende Lebenskraft aus Gottes Schöpferhand … vom Ruhme gekrönt bist du, aus Gott gewirkt!“


Pfr. Dr. Ralf Kötter

7. Juli 2013

Moderner Fußball

von Pfr. Dr. Ralf Kötter, Elsoff

Der vor kurzem verstorbene Schriftsteller Walter Jens hat den von ihm so geliebten Fußball als „ein königliches Spiel mit allen Unberechenbarkeiten des Lebens“ bezeichnet. Und in der Tat findet sich im Fußball manches Abbild unserer Erfahrungen.

Der Wandel im modernen Fußball etwa zeichnet den Wandel der Gesellschaft nach. Die traditionellen Systeme haben ausgedient. Die Älteren erinnern sich bestimmt noch an Manni Kaltz: Der würde mit seinen Bananenflanken aus dem Halbfeld heute nur noch ein müdes Lächeln hervorrufen. Moderne Mittelstürmer müssen Laufwege zurücklegen, die einen Gerd Müller schon nach kurzer Zeit in die Knie gezwungen hätten. Die sogenannten Sechser sind schon lange keine destruktiven Eisenfüße mehr, sondern kreative Aufbauspieler, die inzwischen fast nur noch im Doppelpack auftreten.

Mancher mag den alten Zeiten nachtrauern. Tatsächlich aber ist das moderne Spielsystem viel spannender, viel beweglicher, viel abwechslungsreicher geworden. Schaut man sich historisches Bildmaterial vergangener Fußball-Schlachten an, die damals noch weltweit für Furore sorgten, so wird dieses Spielniveau heute selbst im Altherrenbereich nur noch mitleidig belächelt. Alles ist schneller, faszinierender, mitreißender. Ein 4:4 ist keine Seltenheit mehr – auch wenn es im Spiel gegen die Schweden vielleicht nicht hätte sein müssen.

Wie im Fußball gewinne ich auch den Veränderungen in der Gesellschaft viel Positives ab. Und selbst in unserer Kirche wandelt sich manches zum Guten. Die alten, starren Spielsysteme haben endlich ausgedient. Menschen gehen sonntags schon lange nicht mehr in ihre Kapelle, weil der dörfliche Sozialdruck das so verlangt, sondern sie suchen sich den Gottesdienst aus, der sie inhaltlich anspricht – selbst wenn sie dafür weitere Wege zurücklegen müssen. Jugendliche werden nicht mehr im zweijährigen Crashkurs auf eine Konfirmandenprüfung hin gedrillt, sondern sie erleben ihre Gemeinde über Jahre hin als einen offenen Erfahrungsraum. Ältere Menschen werden nicht mehr mitleidig betreut, sondern sie entfalten ihre Lebens-Kompetenzen kreativ für andere. Natürlich: das Tempo wird auch in der Kirche höher – aber zugleich wird das Spiel auch viel attraktiver und spannender.

Denjenigen, die an diesem Wandel leiden und bislang ganz auf die alte Spieltaktik gesetzt haben, sei ein anderes Gleichnis aus dem Fußball ans Herz gelegt: Wenn du schlecht aufgestellt warst, wenn du im veralteten Spielsystem die Entwicklungen verschlafen hast, wenn du jetzt so manche Schlappe schmerzlich wegstecken musst – dann hält der Fußball eine Ermutigung parat: Der nächste Anstoß gehört dir – mach was draus!


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

30. Juni 2013

Top Secret!

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Die Nachrichten lesen sich wie Auszüge aus einem Polit-Thriller: Der amerikanische Geheimdienst NSA überwacht weltweit die elektronischen Nachrichten von Bürgern: Telefon, E-Mail, SMS usw. Der britische Part spionierte beim Gipfeltreffen 2009 der G20 in London Politiker anderer Länder aus. Als Gegenspieler erscheinen einzelne Gestalten, deren Namen einem vertraut sind und deren Schicksal wir in der Presse verfolgen: Menschen wie Edward Snowden, der solche Informationen weitergegeben und öffentlich gemacht hat und nun in Ecuador Asyl sucht. Oder wie Wikileaks-Gründer Julian Assange, der sich seit Monaten in einer Botschaft versteckt hält. Und in diesen Tagen Michael Hastings, der Journalist, der angeblich „an einer großen Sache“ dran war, sich vom FBI verfolgt fühlt, abtauchen will und bei einem spektakulären Autounfall ums Leben kommt.

Verschwörungstheoretiker haben Hochkonjunktur. Für sie sind es insofern gute Nachrichten, weil nun immerhin klar ist: Sie sind nicht paranoid, wir werden tatsächlich überwacht. Man ist das spannend! Und wir als selbstverständlich Telefon und Internet nutzende Bürger mitten drin. Vielfache Rechtfertigungen für die Kontrolltätigkeit durch den Staat werden natürlich auch geäußert: Wie sonst sollte man eine Gesellschaft vor Terror und Anschlägen effektiv schützen? Und häufig fällt in Gesprächsrunden zu diesem Thema der Satz „Wenn man nichts Unrechtes getan hat, braucht man sich auch nicht zu fürchten.“

Den kann ich allerdings nicht nachvollziehen angesichts unserer deutschen Geschichte mit einer der SS unterstellten Einheit Sicherheitsdienst im nationalsozialistischen Machtapparat oder dem Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) in der DDR. Kontrolle wurde da zum Schrecken der Menschen. Selbst in einem Rechtsstaat wie unserem heute, kann niemand garantieren, unter welcher Regierungsform wir in einigen Jahrzehnten leben werden. Was ist dann Recht und Unrecht?

Reicht es dann schon für eine nähere Überwachung, eine Repressalie oder eine Inhaftierung, weil man Kontakt zu bestimmten Leuten hat, weil man einer bestimmten politischen Meinung ist, weil man an einem bestimmten Ort war? Alles dokumentiert, gespeichert, nachweisbar und so weltweit täglich exerziert. Es kommt eben darauf an, wer etwas von mir weiß. Kann ich dem wirklich vertrauen?

So formuliert steckt da für mich eine wesentliche Erfahrung drin, die Menschen im Glauben machen. Gott der Allwissende! „Kein Wort ist auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht schon wüsstest. Du verstehst meine Gedanken von ferne“(Psalm 139). Der totale göttliche Lauschangriff also? Oft wurden solche Stellen missbraucht, um elterliche oder bürgerliche Moral zu stabilisieren nach dem Motto „Der liebe Gott sieht alles“.

Gott ist aber kein Aufpasser, der uns übermächtig bespitzelt und überwacht, um Fehler zu sammeln und gegen einen auszuwerten. Sein Wissen um uns ist nicht bedrohend oder einengend. Weil er um uns weiß, kann er uns ganz nahe sein und wir ihm. Wir können ihm vertrauen. Wie in Johannes 4 bei der Frau am Brunnen legt Jesus den Menschen nicht auf seine Vergangenheit fest, sondern eröffnet Zukunft. Sein Wissen ist für seine Menschen hilfreich. Deshalb vertraue ich ihm. Sein Wissen um mich finde ich hilfreich und tröstlich. Er ist gut. Er darf alles von mir wissen, Staaten und Geheimdienste lange nicht. Paranoia bei Sicherheitsdiensten ist durchaus verständlich, aber bei Gott gilt: „Fürchtet Euch nicht!


Pfr. Oliver Günther

23. Juni 2013

Mehr als nur eine Momentaufnahme

von Pfr. Oliver Günther, Feudingen

Auch wenn es anders aussieht; aber Fotos bilden nicht die Wirklichkeit ab. Meistens erzählen sie nur die halbe Wahrheit über das Leben. Fotos sind der Spiegel unserer selektiven Wahrnehmung. Einfacher gesagt: Wenn man die schönen Urlaube, Geburtstagspartys und großen Feste mit Bildern noch einmal vor das geistige Auge holt, kann man nur melancholisch werden: Eigentlich war doch alles schön! Oder das Credo aller Generationen: Früher war alles besser!

Aber stimmt nicht und hat noch nie gestimmt. Es war eben nicht alles schön! Nur in den unschönen Momenten hat man keine Fotos gemacht. Wer traut sich schon, mitten im heftigsten Ehekrach seinem Partner zu sagen: „Halt! Stopp! Halt bitte diesen Gesichtsausdruck der Wut und Enttäuschung noch einen Moment – ich will gerade noch ein Foto machen. Ich will dich so in Erinnerung behalten.“? Das tut keiner. Deshalb sind die meistens Fotos unrealistisch: Sonnenuntergang statt Sonnenbrand, Jubiläum statt Alltag, Geschenk statt Verlust, Lachen statt Weinen. Keine verzerrten Gesichter, höchstens verzerrte Erinnerungen.

Die Digitalkamera hat unser Erinnerungsvermögen revolutioniert. Vor 100 Jahren war das Fotografieren fast ein Staatsakt. Alle mussten unbewegt gucken, bis die Mimik auf die Silberplatte gebrannt war. Aus dieser Zeit sind deshalb kaum Fotos mit lachenden Menschen erhalten. Auch in meiner Kindheit waren Fotos irgendwie noch Luxus. Der Film wurde erst zum Entwickeln gegeben, wenn er voll war. Und bei 36 Bildern konnte das schon mal mehrere Urlaube dauern. Im Zeitalter der Digitalfotografie braucht es keine 0,5 Sekunden mehr, und es kostet nichts. Jeder schnappt sich sein Smartphone, und alle schnappen über. Das Leben wird dabei zu einer Aneinanderreihung von unzähligen Schnappschüssen. Alles festhalten. Bloß nichts verpassen. Und ohne es genau zu merken, verpassen wir genau dadurch ganz viele Momente und lebenswerte Augenblicke. Die Kamera schiebt sich zwischen uns und die Gegenwart. Hinter dem Auslöser erlebt man nicht mehr den Moment, weil man anderweitig beschäftigt ist, um eben diesen Moment festzuhalten, den man selbst gerade verpasst.

Die alten Lateiner hatten dagegen ein weises Rezept: Carpe diem. Nutze den Tag. Mit anderen Worten: Lebe den Moment. Genieße den Augenblick. Er ist Teil deines Lebens und Teil deiner Wirklichkeit. Wirklich leben kann nur, wer nicht permanent den verpassten Gelegenheiten nachjagt und das auch noch festhalten will, sondern wer das Leben wirklich erlebt. Die Anhänger des Paulus halten dies in ihrem Brief an die Gemeinde in Ephesus fest: „So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus.“ (Epheserbrief 5, 15) Nutzen Sie die Zeit, die Gott Ihnen gibt, zum Leben und zum Glauben. Denn das bringt Sie dem Leben ein Stück näher. Dem Leben des Augenblicks, aber auch dem Leben, das die Zeit überdauert und die Ewigkeit durchschreitet.

Einen genussvollen Sommer wünscht Ihnen Oliver Günther.


Pfrn. Silke van Doorn

16. Juni 2013

Überflutet

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

Städte und Dörfer überflutet. Land unter. Viele Menschen verlieren ihr Dach über dem Kopf, ihre Tiere, ihr Hab und Gut, ihre Existenz.
„Bitte, kommen Sie nicht, um zu helfen.“ klang es aus dem Radio.
Nanu?
Über mangelnde Hilfsbereitschaft wird normalerweise geklagt:
Dass wir uns der Not der Anderen verschließen, dass wir zu bequem sind, anderen – in bedrohten, gefährlichen Situationen - beizustehen.
Jetzt dieser Aufruf, nicht zur Hilfe zu eilen.
Eine Welle der Hilfsbereitschaft rollt.
Nach Aufrufen, die erschöpften Kräfte abzulösen, sind Helferinnen und Helfer der professionellen Hilfswerke aus allen Bundesländern vertreten, um die Städte und Dörfer gegen die Wassermassen zu schützen. Katastrophenschutz und Bundeswehr stehen nun vereint, um die Sandsäcke zu stapeln, um die maroden, aufgeweichten (nach 2002 nicht mehr hergerichteten oder gar modernisierten) Deiche zu sichern.
Die Sintflut kommt und die Städte gehen nicht unter, weil das Prinzip „Ninive“ nicht gilt.
Es gilt nicht weiter: „Was mein ist, ist mein und was dein ist, ist dein“. Nein.
Es gilt: „Was mein ist, ist dein“.
Doch richtige Hilfe will gelernt sein: Wer sich kopflos in die Fluten stürzt, wer sich nicht auskennt, wer kein Quartier hat, wo viele notuntergebracht sind, hilft nicht viel. Überflutung gibt es schon genug.
Doch tatkräftige Hilfe wird überall dort notwendig, wo die Fluten zurückgewichen sind und die Aufräumarbeiten beginnen: Der Dreck muss weg. Tage und Wochen werden die Menschen in den betroffenen Gebieten putzen, aufräumen, abbrechen, neu bauen.
Dann ist die Zeit der Hilfe gekommen.
Telefonhilfslinien nehmen Anrufe mit Hilfsangeboten entgegen. Wer anruft und sich registrieren lässt, wird angefordert, wo er gebraucht wird. „Einer trage des Anderen Last – so werden wir das Gesetz Christi erfüllen“.
Versichert sind die meisten Menschen vor den braunen Wassermassen nicht. Nicht, weil sie nicht wollen. Sie werden nicht versichert, da das Risiko für die Versicherungen zu hoch ist. Daher wird eine tatkräftige Form der Unterstützung sein, nicht nur die Herzen zu öffnen und die Gummistiefel anzuziehen, sondern eben auch mit dem Vermögen zu helfen: „Was mein ist, ist dein“. Wo staatliche Hilfe überfordert ist und sonst keiner hilft, sind wir gefragt. Nicht nur bei uns in Deutschland, aber im Moment auch hier.
Überflutet wollen wir diejenigen wissen, denen das Wasser bis zum Hals steht. Überflutet mit guten Gaben und dem, was sie bedürfen.


Pfr. Oliver Lehnsdorf

9. Juni 2013

Ein Patenamt für die Bildung

von Pfr. Oliver Lehnsdorf, Oberndorf

Zurzeit besucht der tansanische Bischof Jacob Mameo aus der Evangelischen Diözese Morogoro zwei Evangelische Kirchenkreise in Westfalen, die Partnerschaften zu zwei tansanischen Kirchenkreisen aus seiner Diözese haben. Dabei handelt es sich um den Ev. Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid und um unseren Ev. Kirchenkreis Wittgenstein.
Entsprechend ist der tansanische Bischof zurzeit in Gelsenkirchen und wird in Kürze für ein paar Tage seinen Delegationsbesuch in unserem Kirchenkreis fortsetzen. Wir hatten unsererseits die Möglichkeit, ihn selbst während zwei Delegationsbesuchen in Tansania kennenlernen zu können. Während des ersten von diesen beiden Besuchen wurde Jacob Mameo dann auch in sein Bischofsamt eingeführt. In seiner Einführungsrede steckte er selbst die Ziele für seinen Dienst ab, indem er betonte, dass es ihm besonders um drei kirchliche Arbeitsfelder ginge, nämlich um „Bildung, Bildung und Bildung.“
Dabei fügte er als Erläuterungen dazu an, dass es in Tansania vor allem darauf ankäme, kirchlicherseits alles dafür zu tun, jungen Menschen Bildungsmöglichkeiten zu gewährleisten.
So sei es für die meisten jungen Tansanier nicht möglich, eine weiterführende Schule zu besuchen, weil es entweder keine entsprechenden Räumlichkeiten gebe, die in einer erreichbaren Entfernung sind, oder das Schulgeld für die meisten tansanischen Familien zu hoch ist.
Diese große Herausforderung gilt es nach der Ansicht vom Bischof Jacob Mameo möglichst schnell anzugehen. Während seines aktuellen Delegationsbesuchs in den beiden westfälischen Partnerkirchenkreisen wird dieses Thema auch auf eine vielfältige Weise besprochen.
Entsprechend werden dann weitere gemeinsame Anstrengungen unternommen, um die Situation in Tansania zu verbessern.
Einen wichtigen Beitrag leisten dabei Schulpatenschaften, die man für tansanische Schülerinnen und Schüler übernehmen kann.
Nähere Auskünfte dazu kann man in den beiden Superintendenturen der Ev. Kirchenkreise Gelsenkirchen und Wattenscheid und Wittgenstein bekommen. Der tansanische Bischof Jacob Mameo hat meiner Ansicht nach vollkommen zu recht herausgestellt, dass die Bildungsarbeit ein sehr wichtiges kirchliches Aufgabenfeld ist, und das gilt sowohl in Tansania als auch bei uns in Deutschland.


Pfr. Thomas Janetzki

2. Juni 2013

Mehr als nur ein Rädchen im Getriebe

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

Es ist Dienstag, 6.40 Uhr.
Ich stehe vor dem Eingang von Haus Nordhelle, wo in diesen Tagen der Pfarrkonvent des Kirchenkreises Wittgenstein stattfindet, schaue über das Land und staune - staune über das, was ich sehe…
Kennen Sie dieses Gefühl auch?
An einem schönen Sonnentag breitet sich vor ihren Augen eine weite Landschaft aus, Wiesen, Felder und Bäume.
Die Luft ist klar, alles sieht so frisch aus, ein klares und großartiges Bild. Und man spürt förmlich die Größe der Landschaft, die Weite.
Ruhe kehrt in uns ein, aber auch das Bewusstsein, dass wir nicht mehr sind als ein Grashalm in diesem wunderschönen Bild.
Wir, die wir uns sonst gerne so wichtig nehmen, den Kopf voller Gedanken, immer angetrieben von der Zeit, die uns in Anspruch nimmt. Wir, deren Gefühle um uns selbst kreisen, deren Blick so oft nur auf uns und unsere Sorgen gerichtet ist – ein Sandkorn in der unendlichen Weite eines Meeres. Und tief in uns kommt das Gefühl auf, eingebunden zu sein in dieses Schöpfungsbild, dazuzugehören zu diesem Ganzen, Teil zu sein von Gottes gutem und ewigen Heilsplan.
Aber bin ich wirklich angesichts all dessen nur ein kleines Sandkorn?
Für mich gehört noch mehr dazu: Es ist auch die Gewissheit, nicht zufällig hier zu sein, mit den Kolleginnen und Kollegen, sondern weil Gott mich in diesen Tagen genau hierhin geschickt, weil sein Weg mich jetzt an diesen Ort mit diesen Menschen geführt hat, um mit ihnen gemeinsam an der Zukunft unserer Kirche zu arbeiten, für die Menschen unserer Kirchengemeinden vor Ort in Wittgenstein.
Für mich persönlich ist das wichtig zu wissen, dass ich eben kein austauschbarer Statist bin, sondern eine Rolle habe, die für Gott wichtig ist. Mein Weg ist nicht zufällig und führt auch nicht irgendwo hin, sondern ich habe ein Ziel, werde begleitet von Gott, jede Minute meines Lebens.
Dabei denke ich dann immer gerne an eines meiner Lieblingsworte aus dem Propheten Jesaja, wo es heißt:
„Fürchte dich nicht; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“
„Ich habe dich ganz persönlich gerufen, ich, dein gnädiger Vater, kenne dich und meine dich höchstpersönlich, unter welchen Umständen du immer auch lebst.“
Eine solche Zusage, die gilt und die geht mit einem – ein Leben lang.
Eine solche Zusage macht mich frei von meinem manchmal bedrückenden Gefühl, eben doch nur ein kleines Rädchen im Uhrwerk der Welt zu sein – unbedeutend und ohne Perspektive.
Aber so ist es ja gerade nicht, und so soll es auch in den Augen Gottes nicht sein.
Wir sind eben nicht nur ein Rädchen im Getriebe, namenlos und unwichtig.
Wir sind Gottes Kinder – Töchter und Söhne, liebevoll auserwählt, bejaht und gesegnet.
Mit dieser großen Zusage im Rücken sind wir imstande, unseren eigenen Weg zu gehen – den Weg, den Gott für uns bereithält.
Er selbst schenkt die Kraft dazu – auch jetzt und hier, egal wo wir gerade sind und was wir tun. Darauf kann ich mich verlassen und das tut gut.


Pfrn. Berit Nolting

25. Mai 2013

Endspiel

von Pfrn. Berit Nolting, Berghausen

"Was machen Sie denn am Samstagabend?"
Das ist die wohl meistgestellte Frage der letzten Tage gewesen.
Und wo schauen Sie dann?
Zuhause oder in der Kneipe, mit Freunden, der Familie oder alleine?
Sie ahnen schon, es geht natürlich um das heutige Champions-League –Endspiel im Londoner Wembley –Stadion. Borussia Dortmund gegen Bayern München. Ein historischer Tag. Zwei deutsche Mannschaften im Endspiel der europäischen Königsklasse im Mutterland des Fußballs. Und das im 50. Jahr der deutschen Bundesliga. Besser hätte sich ein Regisseur das nicht ausdenken können.
Erwarten Sie bitte nicht von mir, jetzt meine Priorität für eine der beiden Mannschaften hier kundzutun. Verdient haben es beide, im Endspiel zu stehen. Und beiden Mannschaften würde ich den Titel auch gönnen. Wer wie die Bayern die letzten 4 Jahre dreimal im Endspiel steht, kann keinen so schlechten Fußball spielen. Es wird mal Zeit, dass sich die Bayern dafür auch belohnen. Und dem sympathischen Erfolgstrainer Jupp Heynkes würde sicherlich jeder neutrale Beobachter zum Abschluss seiner Trainerkarriere diesen Titel auch gönnen. Und die Dortmunder? Warum nicht nach zwei Meisterschaften und Pokalsieg in den letzten 2 Jahren jetzt als Krönung der Champions – League - Titel für diese junge Mannschaft , bevor sie die ersten großen Abgänge Richtung München zu verkraften hat? Und wenn es eine Mannschaft gibt, die in der Lage ist, den Münchnern auf Augenhöhe zu begegnen, dann ist das sicherlich (noch) der BVB. Spannend wird es bestimmt, da bin ich mir sicher. Und selten wird der Satz des englischen Fußballers Gary Lineker so richtig sein wie heute Abend: „„Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“ Entscheidend werden möglicherweise Kleinigkeiten sein. Die gewählte Taktik des Trainers, die Mannschafts-aufstellung, die individuelle Klasse einzelner Spitzenspieler, vielleicht auch ein entscheidender Fehler eines Einzelnen. Am Ende der 90 oder vielleicht sogar 120 Minuten wird eine Mannschaft jubeln und eine Mannschaft trauern.
So ist das in einem Endspiel – ein Unentschieden ist da nicht möglich.
Und wie gehen die Verlierer mit der Niederlage um?
Die morgige Losung zeigt da eine mögliche Perspektive auf.
Im Jesaja-Buch findet sich der schöne Satz:
„Männer werden müde und matt und Jünglinge straucheln und fallen, aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler , dass sie laufen und nicht matt werden.“
(Jes. 40, 30 -31)
Wer diese Losung dann auf sich beziehen muss, werden wir am Sonntag spätestens wissen. Ich jedenfalls freue mich auf den heutigen Abend, zu Hause auf dem Sofa mit meiner Familie.


Pfr. Steffen Post

19. Mai 2013

Ist die Luft raus?

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

Neulich bei der Gartenarbeit hatte ich plötzlich einen Plattfuß an der Schubkarre.
"Da ist die Luft raus," stellte ich ernüchtert fest.
Nach einer genaueren Prüfung war aber kein Loch im Schlauch zu finden.
Der Griff zur Luftpumpe gab dem Reifen wieder die nötige Füllung.
"Da ist die Luft raus." – so sagen wir, wenn etwas an Fahrt und Schwung verliert;
wenn die Kräfte schwinden;
wenn vorher Stabiles und Sicheres ins Wanken gerät, plötzlich einzustürzen droht:
Da hat jemand die ganze Woche über geschuftet und ist am Wochenende einfach nur noch k.o.
Da stehen Veränderungen in Kirche und Gesellschaft an, denen manche Menschen nur schwer folgen können.
Da geschehen Ereignisse in dieser Welt, deren Auswirkungen und Folgen wir scheinbar ohnmächtig gegenüber stehen.
Manchmal kann da der Eindruck entstehen: "Da ist die Luft raus."
Vielleicht haben das die Jünger von Jesus auch gedacht, als sie sich am fünfzigsten Tag nach Ostern in Jerusalem trafen.
Allein waren sie nun unterwegs.
Jesus hatte sie mit seiner Himmelfahrt endgültig verlassen.
Den Heiligen Geist hatte er ihnen versprochen; aber wann der kommen sollte, wusste keiner.
Ach, irgendwie war die Luft raus.
Doch dann heißt es in der Bibel: „Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ (Apg 2, 2-4).
Plötzlich also kommen die Jünger in Bewegung.
Durch den Heiligen Geist bekommen sie neue Kraft und finden wieder Mut, anderen von den großen Taten Gottes zu erzählen.
Mit meiner Panne von der Gartenarbeit vor Augen dachte ich dabei:
Pfingsten, das ist dann so etwas wie die Luftpumpe Gottes, die er in der Form seines Heiligen Geistes an die Stellen in unserem Leben, in der Kirche, in der Welt setzt, an denen wir sagen: "Da ist die Luft raus", sie mit seiner göttlichen Kraft füllt und so zu neuem Leben verhilft.
Vielleicht erleben auch Sie an diesem Pfingstwochenende diese ‚aufpumpende Kraft’ Gottes:
Durch einen unverhofften Besuch oder ein aufmunterndes Gespräch, das Sie gestärkt in die neue Woche gehen lässt.
Vielleicht ist es auch ein Impuls vom Kirchentag oder ein Gedanke aus einem Gottesdienst, der in ihrer Gemeinde vor Ort etwas in Bewegung bringen kann. Oder vielleicht sind es die kleinen positiven Nachrichten in der Tageszeitung, wo z.B. jemand einen verlorenen hohen Bargeldbetrag doch noch rechtzeitig in der Altkleidersammlung wieder findet oder ein Mädchen nach siebzehn Tagen aus den Trümmern einer eingestürzten Fabrik lebend geborgen wird, die uns positiv berühren und zeigen:
Wo Gottes Geist wirkt in unserem Leben, in der Kirche, in der Welt, da ist die Luft noch lange nicht raus.


Pfr. Stefan Turk

12. Mai 2013

Heimat

von Pfr. Stefan Turk, Erndtebrück

300 Jahre Köhlerdorf Benfe.
1713 wurde der erste Siedler in der Benfe, Johann Jost Hippenstiel, urkundlich erwähnt. Und die ersten Köhler siedelten dort an, als für die die zwei Eisenhämmer in Ludwigseck Holzkohle benötigt wurde, - und die konnte man in der Benfe gut herstellen. – Praktisch.
Und das feiern die Benfer – und mit ihnen viele Andere in diesen Tagen.
Mit Baumpflanzungen an geschichtsträchtigen Orten im Dorf, Sternwanderung, Festkommers, Familientag und Gottesdienst in der Schützenhalle. – Zünftig.
Der Erndtebrücker Ortsteil zwischen dem Kleinen Kopf, dem Weibelskopf, dem Aukopf und dem Jagdberg gelegen, zählt ( Stichtag: 31.12.2012 ) 395 Einwohner. - Die sind da zuhause. Beheimatet.
Was aber ist eigentlich ein Zuhause ? Was ist Heimat ?
Heißt es nicht ganz anders in der Jahreslosung 2013: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ ? – Widersprüchlich.
Da fühlt man sich in der Benfe geborgen. Da ist man mit seinen, mit ihren Gefühlen verwurzelt. Da ist man mit der Art der Leute und den Lebensgewohn= heiten vertraut. Da sind die Freunde und die Verwandten. Da weiß man, dass man dazu gehört. Da liebt man die Landschaft. Und dann heißt es: Nein, nichts von Dauer. Wir haben hier keine bleibende Stadt... – Ärgerlich.
Heimat zu haben und zu kennen und da zu sein, - ist wunderbar. Ein Zuhause zu haben, - da, wo das Dach dicht ist, der Wind nicht durch die Ritzen pfeift, ist schön. Zu wissen, ich kann die Tür zumachen und hab` vor allem meine Ruhe… Oder ich lass die Tür eben offen, damit der Nachbar reinkommen kann… Heimat zu kennen…, ein Zuhause zu haben…, das ist eines unserer Grundbedürfnisse. „Baut Häuser und wohnt darin.“ Das steht auch in meiner Bibel. Das sagt Gott durch seinen Propheten Jeremia zum Volk Israel, das nach einem verlorenen Krieg von seinen Feinden in das Exil nach Babylon geführt wird. „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern…“ – das machen die Benfer jetzt schon seit 300 Jahren ! – Gut.
Ein Zuhause zu haben…, Heimat zu kennen und da zu sein, - ist gut. Das ist gut, dass ich weiß, wo ich zuhause bin: Meine Familie; Menschen, die zu Besuch kommen; Menschen, mit denen ich im Schützenverein oder FC oder im Schalke-Fan-Club oder im Heimatverein oder wo auch immer zusammen bin; Menschen, die ihre Kinder auch in den Kindergarten oder die Krabbelgruppe bringen; Menschen, mit denen ich mich am Sonntag im Gottesdienst treffe oder mit denen ich meine und deren Kinder zum Kindergottesdienst fahre. Wie passt das dann aber zu dem Jahresmotto: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ ? Heimat zu kennen…, ein Zuhause zu haben…, das ist eines unserer Grundbedürfnisse.
Heimat, Zuhause, Daheim – ist eine Gabe Gottes. Gott kennt unser Bedürfnis nach Geborgenheit, nach einem Zuhause.
Und trotzdem erinnert uns die Bibel an das, was wir – eigentlich – alle wissen: Dass wir es uns eben doch nicht auf Ewigkeit in unserem Zuhause einrichten können. Und erzählt viele Geschichten von Menschen, die ihr Zuhause verlassen mussten und sich auf den Weg gemacht haben.
Aber alle diese Bibelgeschichten, die erzählen immer wieder ein- und dasselbe: nämlich, dass Gott diesen Weg mit geht und seine Menschen nicht alleine lässt. – Tröstlich.
„Baut Häuser und wohnt darin.“ Das machen die Benfer seit 300 Jahren.
„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
Das ist genauso wahr, und auch in der Benfe wahr.
Mir ist noch ein Bibelvers eingefallen.
Ein Vers aus Psalm 23.
Diesem Psalm, der davon erzählt, dass wir bei Gott ein Zuhause haben, das uns nicht verloren gehen kann.
Dieser Vers heißt: "Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar." – Hoffnungsvoll.


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

5. Mai 2013

Das Gute dran ist das Gute drin

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Neulich vor dem Teeregal im Supermarkt:
Eigentlich wollte ich nur Pfefferminztee kaufen. Das war aber gar nicht so einfach.
Tee heißt jetzt nämlich nicht mehr so schlicht nach dem, was drin ist.
Tee hat nunmehr lauter tolle Namen. Das macht mächtig was her, aber die Orientierung nicht leichter: „Tiger von Assuan“, „Atme Dich frei“ und „“Heiße Liebe“.
Ich habe ein bisschen Zeit und lasse mich faszinieren. „Sternennacht“, „Freu Dich“ und „Wind der Savanne“. Zwischen Lachen und Kopfschütteln lese ich weiter „Landlust“, „Pompadour-Gold“ und „Wolke-7-Tee“. Die Werbekreativität kennt keine Gnade: „Kleine Sünde“, „Mords-Kater-Tee“ und „Capt´n Sharky“. – Halt. Ich wollte doch bloß Pfefferminztee. Den finde ich nicht. Und jetzt hat mich die Werbelyrik ins Nachdenken gebracht.
Ist das Realsatire, ich mitten drin und die Produktmanager der Teefirmen große Witzbolde? Oder verkauft sich eine Teemischung tatsächlich besser, wenn die Bezeichnung flott ist, auch wenn der Käufer eine Weile braucht, um zu kapieren, was da drin ist?
Nun bin ich ja Theologin und nicht Teeologin. Und deshalb komme ich von dem Aufguss-getränk wieder zu dem, wofür ich angetreten bin. Sollten wir als Kirche nicht auch eins unserer Hauptprodukte – den Gottesdienst - ein bisschen werbewirksamer etikettieren? Vielleicht werden die Dinge heute einfach stärker über einen flotten Namen als über einen guten Inhalt wahrgenommen.
Mir kommen dazu auch gleich ein paar Ideen.
Wie wäre es mit „God-Dating“, Spiritueller Matinee“ oder als katholische Variante „Die nette Mette“ als Bezeichnung für den Sonntagsgottesdienst? Oder warum es nicht gleich mit Teenamen gesagt,- da waren ja schließlich schon Werbeprofis dran: „Hol Dir Kraft“, „O happy day“ oder „Himmlische Versuchung“? - Ach nein! Ich nehm’ alles zurück. Besser nicht. Da ist es mir doch entschieden lieber, dass draufsteht, was drin ist – Gottesdienst. Gott und Dienst. Alles gesagt, alles klar. Gott dient uns, indem er uns stärkt, versöhnt, tröstet und erneuert. Und wir dienen Gott, indem wir ihn loben, feiern und uns freuen, dass wir einen so großen und gnädigen Gott haben. Klar, ist jede Feier immer wieder anders oder um es mit dem Bild des Tees zu sagen ist jeder Aufguss neu, schmeckt anders und ist manches Mal auch ganz besonders zusammengestellt.
Mir fallen die vielen besonderen Gottesdienste ein, die wir in unserem Kirchenkreis mittlerweile haben. Liebevoll gestaltet werden dabei besondere Zielgruppen ins Auge gefasst. Aber in welcher Geschmacksrichtung auch immer: Gottesdienst bleibt Gottesdienst. Der Inhalt stimmt. Es ist Gutes drin, weil der Gute drin ist.

Bis morgen. Sonntag ist Gottesdienst. Wir sehen uns.


Pfr. Dr. Andreas Kroh

28. April 2013

Singet dem Herrn

von Klinikpfarrer Dr. Andreas Kroh

„Nun freut euch, lieben Christen g´mein
und lasst uns fröhlich springen,
daß wir getrost und all in ein
mit Lust und Liebe singen,
was Gott an uns gewendet hat
und seine süße Wundertat;
gar teu´r hat er´s erworben.“
Martin Luther, 1523 (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 341)

Der heutige Sonntag trägt den Namen Kantate: „Singet, dem Herrn“.
Dieser Sonntag ist im Kirchenjahr dem Loben Gottes gewidmet. In vielen Kirchengemeinden gibt es daher besondere Gottesdienste oder auch Konzerte. „Nun freut euch, lieben Christen g´mein“ gehört zu den ersten Liedern, die der Reformator gedichtet hat. Das Lied behandelt das Bekenntnis zur Erlösung der Menschheit durch Jesus. Der Theologe Martin Luther hat dies in seiner Sprache und für seine Zeit so ausgedrückt: Er (Jesus Christus) sprach zu mir:
„Halt dich an mich,
es soll dir jetzt gelingen;
ich geb mich selber ganz für dich,
da will ich für dich ringen;
denn ich bin dein und du bist mein,
und wo ich bleib, da sollst du sein,
uns soll der Feind nicht scheiden.
Vergießen wird er mir mein Blut,
dazu mein Leben rauben;
das leid ich alles dir zugut,
das halt mit festem Glauben.
Der Tod verschlingt das Leben mein,
mein Unschuld trägt die Sünde dein,
da bist du selig worden.“

Christen sollen das in der Welt lehren, was Christus sie gelehrt hat, „damit das Reich Gottes wird vermehrt zu Lob und seinen Ehren; und hüt dich vor der Menschen Satz (vor menschlicher Lehre), davon verdirbt der edle Schatz: das lass ich dir zur Letze.“ Luther verweist die Christen seiner Zeit zum Schluss seines Liedes auf Gottes Reich. Nach Luther geschieht Gottes Reich, wenn der himmlische Vater uns seinen Heiligen Geist gibt, dass wir seinem heiligen Wort durch seine Gnade glauben und danach leben. Aber auch noch in dem besten Leben ist unser Tun umsonst, wenn nicht Gottes Gnade und Gunst uns leiten. Denn vor Gott kann sich niemand rühmen, indem er auf eigenes Tun oder seine guten Werke verweisen könnte. Christliches Leben liegt allein an Gottes Gnade. Unser Christsein ist also letztlich ein Geschenk, eine Gabe Gottes, die durch Gottes Gnade selbst bewirkt wird. Das kann man sich immer wieder neu bewusst machen, auch und besonders durch das Liedgut der Kirche, auch durch die Lieder aus der Zeit der Reformation. Denn noch heute hat ein solches Lied, wie es Luther gedichtet hat nichts an Bedeutung und Aktualität eingebüßt. Im Kirchenjahr hat der Sonntag Kantate daher auch die Bedeutung, sich mit Freude und Zuversicht zum christlichen Glauben zu bekennen.


Pfrn. Kerstin Grünert

21. April 2013

Ein Schiff, das Geborgenheit bietet

von Pfrn. Kerstin Grünert, Kompetenzzentrum

„Wir sitzen doch alle in einem Boot“ - das ging mir die letzten Tage immer mal wieder durch den Kopf. Besonders als ich am Dienstagabend in Erndtebrück in der Gemeindeversammlung saß. Viel gab es dort zu bereden und zu überlegen, damit das Gemeindeschiff auch weiterhin munter weiter durch das Meer der Zeit steuern kann.
Ja, überall gibt es etwas zu managen und nicht immer lassen sich alle Positionen friedlich mit einander verbinden. Aber trotzdem muss es gehen, weil alle möchten, dass die Sache funktioniert und weiter geht – in der Familie, bei der Arbeit, unter Freunden und Kollegen.

Früher, als die Dörfer und Städte noch nicht so groß waren, da sind die Menschen oft auch zur Kirche gelaufen, wenn sie Schutz suchten, etwa bei einem Sturm, einem großen Feuer, im Krieg oder auch bei einer Flut. Alte Kirchen sind ja ganz stabil gebaut. Sie haben dicke Mauern und feste Türen, so dass die Menschen, die drinnen sind, erst einmal keine Angst haben brauchen. Bei den ganz alten Kirchen sah das Dach von Weitem aus, wie ein umgedrehtes Boot. Dann sagten die Menschen, dass sie in der Kirche wie unter einem Boot oder unter einem Schiff sitzen. Da kam es ganz schnell dazu, dass man diesen Teil „Kirchenschiff“ nannte.

Heute steht die Kirche – sei es als Gebäude oder als Institution – nicht mehr unbedingt ganz oben auf der „Wo-suche-ich-am-besten-Schutz“-Liste. Aber der Gedanke des Gemeinsam-Unterwegsseins passt ganz gut.

In der Bibel gibt es auch eine Geschichte, die von einem großen Schiff handelt...
Die Geschichte von Noah und der Arche ist wohl hinreichend bekannt: Die Große Flut, das einzigartige Schiff, in dem die Tiere Platz finden, der Regenbogen und das Versprechen Gottes am Ende der Geschichte.

Es regnete 40 Tage und 40 Nächte und das Wasser stieg hoch und die Arche schwamm auf dem Wasser, 150 Tage lang.
Das stell’ ich mir ganz schön schwierig vor. So lange mit so vielen Tieren auf einem Schiff. Da waren Schafe zusammen mit Füchsen oder Wölfen, Hunde schliefen neben Katzen, Tiger neben Zebras... Alle Tiere, die in der freien Natur nichts miteinander zu tun hatten, ja sogar Feinde waren, mussten jetzt zusamen auf engem Raum leben. Das konnte doch eigentlich nicht gut gehen. Aber das ist es dann wohl doch. Die Bibel erzählt uns das Ende der Geschichte: Als das Wasser von der Erde wieder verschwunden war, ging Noah mit seiner ganzen Familie und allen Tieren, alle in ihren verschiedenen Arten, wieder aus der Arche heraus.
So viele verschiedene Tiere in einem Boot. Und sie haben sich untereinander vertragen und konnten mit den Menschen zusammenleben. Wie ist das, wenn alle in einem Boot sitzen? Man muss eine Mannschaft sein, sonst läuft die Fahrt nicht reibungslos ab. Jeder muss sich mit seinen Eigenheiten zurückhalten, so dass es gemeinsam gehen kann. Wenn auf einem Schiff das Verhältnis der Mannschaft in Ordnung ist, wenn alle an einem Strang ziehen, dann kann man auch die höchsten Wellen und den rauen Wind überstehen und den Kurs für die gemeinsame Fahrt halten.
Ein Schiff, so ein Boot oder die Arche bietet denen, die darin sitzen Schutz und Geborgenheit, wenn die Wellen hoch schlagen oder wenn der Sturm braust.

In einem Boot sitzen – das ist eine große Herausforderung aber auch ein riesengroßes Stück Sicherheit. Gute Fahrt!


Pfr. Henning A. Debus

14. April 2013

Sicher unterwegs von O bis O

von Schulpfarrer Henning A. Debus

„Von O bis O“ lautet die Faustregel für Autofahrer: Von Oktober bis Ostern sollten wir auf jeden Fall mit Winterreifen unterwegs sein. In diesem Winter haben wir erfahren, dass das wirklich nur eine Faustregel ist. Denn auch jetzt, zwei Wochen nach Ostern, müssen wir immer noch mit Glätte auf den Straßen rechnen. In Wittgenstein weiß man das.

Mit den richtigen Reifen und gutem Profil sind wir sicherer unterwegs. Natürlich ist das noch keine Garantie dafür, dass nichts passiert. Doch wir sind unterwegs mit der Gewissheit, das Menschenmögliche für unsere und anderer Leute Sicherheit getan zu haben.

„Von O bis O“ sind auch Christinnen und Christen unterwegs: Von Ostern bis Ostern. Auf Ganzjahresreifen des Vertrauens, die mit jedem Osterfest erneuert werden.

Auf der Straße des Lebens läuft ja wahrlich nicht immer alles gut und problemlos. Der Belag ist nicht immer griffig. Nicht immer geht es leicht voran. Manchmal wird es rutschig und matschig, manchmal staubig und uneben, so dass wir gut aufpassen müssen und nur noch langsam, tastend vorankommen.

Zwischen O und O geht es uns genauso wie den Jüngern damals. Sie hatten „K“ erlebt, Karfreitag und Kreuzigung. Sie sahen keine Straße mehr vor sich, keine Perspektive, sondern nur noch Abgrund. Entsetzt und ängstlich zogen sie sich zurück in ihre Trauer.

Und am Ostermorgen war dieser Abgrund auch nicht über Nacht einfach zugeschüttet. Als die Frauen zu den Jüngern kommen und das Unbegreifliche sagen: „Er lebt!“, als die Emmaus-Jünger mit derselben Nachricht kommen, können die anderen Jünger es nicht glauben. Unglaublich! So einfach geht es nicht weiter auf der Straße des Lebens.

Erst, als sich ihnen der Auferstandene selbst zeigt, als die unbegreifliche Nachricht persönlich wird, trauen sie sich wieder auf den Weg. Und dieser Weg ist auch nicht der alte. Denn jetzt haben die Jünger selbst Verantwortung für Jesu Botschaft. Jesus selbst ist in eine andere Wirklichkeit übergegangen, die wir „Ewiges Leben“ nennen. Von dort aus wirkt er hinein in unser Leben und sorgt dafür, dass wir sicher unterwegs sind.

Was bedeutet das für unseren Lebensweg? In diesen Tagen stehen wieder unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden im Mittelpunkt des kirchlichen Lebens, an unseren Gymnasien haben die Abiturprüfungen begonnen, in ein paar Wochen werden Schülerinnen und Schüler die Schule verlassen und ihre Berufsausbildung beginnen. Manche von uns werden vielleicht in ihrem Beruf vor einer neuen Herausforderung stehen. Manche Familien werden mit Krankheit konfrontiert werden, einige mit dem Sterben.

All dies sind Wegabschnitte in unserem Leben, die uns zunächst bedrücken, auf die wir uns erst einstellen und einlassen müssen. Aber seit dem Ostermorgen in und um Jerusalem sind wir dabei nicht alleine. Der, der in eine neue Wirklichkeit aufgenommen wurde, reicht uns die Hand, hier in diesem Leben, hier auf der Erde, damit wir auf allen Lebenswegen sicher unterwegs sein können. Ostern hat, gegen allen Augenschein, unsere Welt doch verändert. Auf dem Weg durch das Leben ist einer bei uns, der uns nie allein lässt. Von O bis O!


Pfr. Henning A. Debus

7. April 2013

Ostern geht – Leben kommt

von Schulpfarrer Henning A. Debus

Vor drei Tagen nahm ich an einer Trauerfeier in einem unserer Wittgensteiner Dörfer teil. Als ich die Friedhofskapelle betrat, war sie noch fast menschenleer. Vorne stand der Sarg, umrahmt von Kerzen und Kränzen. Ich setzte mich in die letzte Reihe und beobachtete, wie sich die Kapelle nach und nach füllte. Von meinem Platz aus sah ich die Hinterköpfe der Menschen, die Abschied nehmen wollten. Ich überlegte mir, was wohl jetzt, in diesem Moment, in diesen Köpfen vorgehen mochte: Gedanken über die Verstorbene? Erinnerungen an gemeinsam Erlebtes? Gedanken an die eigene Endlichkeit? Gedanken an Karfreitag und Ostern?

Vor einem Sarg sitzend oder stehend, werden wir mit Fragen konfrontiert, die wir in der Regel in unserem Alltag verdrängen. Da geht es uns zunächst nicht anders als den Jüngern vor fast 2000 Jahren. Der Karfreitag hatte sie mit dem Tod konfrontiert. Mit der Endgültigkeit. Ihr Jesus, ihr Rabbi, lebte nicht mehr. Entsetzen, Mutlosigkeit und Angst machte sich in ihnen breit. Sie zogen sich zurück.

Bei Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt verloren haben, kann man nicht einfach einen Schalter von „Karfreitag“ = „Aus“ auf „Ostern“ = „An“ umlegen. Ostern, die Auferweckung Jesu von den Toten stellt sich quer zu unserem Denken und Verstehen. Osterfreude stellt sich nicht auf Kommando ein. Matthäus erzählt in seinem Evangelium vom Entsetzen der Frauen, die aus der leeren Grabhöhle fliehen. Alle Evangelien erzählen von Jüngern, die nicht glauben können, dass der Gekreuzigte lebt, als man es ihnen berichtet. Paulus wird in Athen ausgelacht, als er zwei Jahrzehnte später über Ostern und die Auferstehung der Toten spricht. Nein, die Osterbotschaft ist nichts Selbstverständliches. Sie braucht Zeit, bis sie unser Herz erreicht. Sie ist darauf angewiesen, dass der Auferstandene selbst zu uns spricht.

Insofern haben wir es bei unseren Trauerfeiern leichter als die ersten Osterzeugen: Wir kommen als Gemeinde an einem Sarg zusammen. Wir fliehen nicht vor dem Tod. Der lebendige Christus kann uns begegnen in einer Melodie, in einem Liedtext, in einem Gebet, in einer Lesung, in einer Predigt. Ja, selbst das gemeinsame Trauern kann uns eine Tür zu Ostern, zum Leben, öffnen. Es geht um nicht weniger als darum, dass die Botschaft: „Er lebt!“ von einer neuen Schöpfung erzählt, einer Schöpfung, die schon hier, in diesem Leben, Gestalt annehmen will: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“, ruft Paulus der Gemeinde in Korinth zu.

Der gelernte Buchdrucker und spätere amerikanische Politiker und Erfinder Benjamin Franklin, einer der Väter der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, hat diese Hoffnung auf österliche Neuschöpfung auf seinem Grabstein so formuliert:

„Hier ruht
Speise für die Würmer
Der Körper von
Benjamin Franklin
Buchdrucker
Gleich dem Deckel eines alten Buches
Aus welchem die Blätter gerissen
Dessen Einband abgebraucht ist
Aber das Werk wird nicht verloren sein
Denn es wird wieder erscheinen, so hofft er
in einer neuen Auflage
durchgesehen und verbessert
vom
Verfasser.“

Mit dieser Osterhoffnung dürfen auch wir auf unseren Friedhöfen irdischen Abschied nehmen.


Superintendent Stefan Berk

31. März 2013

Das Kreuz mit Ostern

von Superintendent Stefan Berk

Es ist ein Kreuz mit Ostern. Das Fest ist wichtig, keine Frage, sonst würde es nicht zwei Tage lang gefeiert. Aber es fehlt irgendwie das gewisse Etwas, diese heimelige Stimmung von Weihnachten, die Geschenke, die Kerzen.

Vielleicht muss man versuchen, es neu buchstabieren – ich meine, neue Worte suchen für das Altbekannte. Während meiner Reise in die USA Anfang März half mir dabei ein kleines Kreuz aus Metall. Denn so gut ist mein Englisch nicht, dass ich mich theologisch gewählt ausdrücken könnte. Und das kennen Sie sicher: Wenn einem die richtigen Worte fehlen, dann hilft manchmal ein Zeichen, ein Symbol. Wie dieses Kreuz.

Zuerst sind es nur zwei Rechtecke aus Metall.

Zuerst sind es nur zwei Rechtecke aus Metall. Sie erinnern mich an unsere Grenzen. Wie oft komme ich mir gefangen vor! Die einen erwarten, dass ich mich auf ihre Seite schlage – und die andern tun das auch. Nie habe ich das Gefühl, wirklich fertig zu sein mit der Arbeit oder den Menschen wirklich gerecht zu werden. Und auch wenn ich das eigentlich nicht will – die schlechten Nachrichten über den Euro, über die globale Erwärmung und den furchtbaren Krieg in Syrien legen sich wie ein Schatten über meine gute Laune und erwürgen sie fast.

Ich kann nicht aus meiner Haut – und manchmal fühlt es sich an, als säße ich wie gefangen in einem solchen metallenen Kasten. Ich kann probieren was ich will – ich komme nicht heraus.

Und dann entsteht plötzlich aus diesen engen Rechtecken ein Kreuz.

Und dann entsteht plötzlich aus diesen engen Rechtecken ein Kreuz. Es erinnert mich an Jesus, den Christen als Erlöser, als Befreier, als Sohn Gottes glauben – und das, obwohl er einen furchtbaren Verbrechertod gestorben ist. Deshalb haben seine Freunde von Anfang an versucht, diesem schrecklichen Leiden und Sterben einen Sinn zu geben: Die einen sprechen von Sühne, die anderen von einem Opfer, die dritten von Lösegeld. Dahinter steht die Überzeugung, dass Jesus diesen Weg für andere gegangen ist, also stellvertretend.

Aber kann man dem Tod überhaupt einen Sinn geben? Steht diese brutale Hinrichtung von Jesus nicht viel mehr für einen dunklen Schatten, den unser Leben hat? Ein Schatten, für den es keine Erklärung gibt? Ist der Tod von Jesus vielleicht deshalb so wichtig, weil er überhaupt keinen Sinn macht und nur diesen Schatten der Ungerechtigkeit deutlich werden lässt?

Dann würde es Sinn machen, dass die beiden Rechtecke unserer eigenen Ängste und Grenzen im Leben dieses Kreuz bilden. Unsere Zweifel am Leben, unsere Fragen nach dem Warum – all das würde dann eben in diesem Kreuz zusammen eine Kontur kommen. Und wir könnten sagen: Hier, an diesem Kreuz von Jesus, seht ihr die ganze Sinnlosigkeit, die ganze Bosheit, die ganze Tödlichkeit unseres Lebens.

Aber wie schafft man das, mit sich selbst so ehrlich zu sein? Zuzugeben, dass wir das Leben nicht machen können? Einzugestehen, dass wir uns wünschen würden, dass da jemand ist, der uns die richtige Freiheit zum Leben schenkt?

Zwei Gummibänder halten das Kreuz aus den eisernen Rechtecken zusammen, damit wir nicht wieder in die alten engen Grenzen zurückfallen.

Es gab eine große Überraschung damals in Jerusalem: Drei Tage nach dem Tod von Jesus brachten einige Frauen die Welt mit der Nachricht durcheinander, dass ihnen der Tote begegnet sei – ganz lebendig. Beweisen lässt sich das nicht, dass Jesus auferstanden ist. Aber diese Idee lässt uns nicht wieder los, dass das Leben am Ende doch stärker ist als der Tod. Dass das Leben Sinn hat, auch wenn wir unsere Zweifel haben. Und dass es sich lohnt, nach Gott zu fragen, an den Jesus als seinen Vater geglaubt hat – und der für diese Lebenshoffnung steht. Aus diesem Glauben heraus schöpfe ich die Kraft, ehrlich zu sein mit mir selbst und trotzdem nicht in Resignation zu versinken. Zwei Gummibänder halten das Kreuz aus den eisernen Rechtecken zusammen, damit wir nicht wieder in die alten engen Grenzen zurückfallen. Dehnbar, belastbar, flexibel – so erlebe ich, wie Gott sich in unserer Welt engagiert: für das Leben, für Freiheit, für Gerechtigkeit.

Heute feiern wir Ostern – aber das Kreuz muss mit, damit wir das Leben feiern.
In diesem Sinne: Fröhliche und lebendige Ostern!


Thomas Lindner

24. März 2013

SGWUWL

von Thomas Lindner, Kompetenzzentrum

So unterschrieb der Direktor der CVJM-Sekretärsschule jeden Termin, jede Einladung, jede Ankündigung.

Als ich neu war dauerte es einige Zeit bis ich dahinterkam, was diese Buchstaben bedeuteten. SGWUWL bedeutet „So Gott will und wir leben“. Diese Passage aus dem Jakobusbrief sollte ihn und uns erinnern, dass die Zukunft nicht in unserer Hand liegt. Wir können zwar planen, aber was wirklich passiert, darüber wacht ein anderer - Gott.

Wer in meinen Terminkalender schaut, wird schon Eintragungen für das Jahr 2016 finden. Anfang des Monats war eine Delegation in den USA, um den nächsten Young-Ambassadors-Austausch zu planen. Im Jahr 2014 sollen die neuen Mitglieder zusammengestellt werden und 2015 reisen die deutschen YA nach Amerika und 2016 kommt es zum Gegenbesuch. Fast dreieinhalb Jahre liegen noch dazwischen. Ist es nicht vermessen, in so langen Zeiträumen zu planen?

Im Jakobusbrief möchte uns der Schreiber davor warnen unsere Zukunft wie eine Selbstverständlichkeit zu sehen. Er stellt sich gerade nicht gegen das Planen etwa im geschäftlichen Bereich, er möchte aber dass wir Gott in unsere Pläne mit einbeziehen, ihn vor wichtigen Entscheidungen befragen und ihm die Möglichkeit geben auch unsere Pläne zu durchkreuzen.

Das bedeutet nicht, dass ich jetzt morgens Gott fragen soll, was ich zum Frühstück esse oder jedes Mal vor einer Autofahrt erst prüfen soll, ob das Gottes Willen ist. Es geht um die Demut vor dem nicht Planbaren. Wir dürfen und sollen unbeschwert durch den Alltag gehen, wir dürfen planen und Träume haben. Doch manchmal sind die Pläne Gottes einfach anders. Ob es im Sommer 2016 zum Besuch der Amerikaner kommt steht nicht in den Sternen, sondern liegt in Gottes Hand. Ein Vulkan auf Island, ein Streik auf den Flughäfen oder andere Kleinigkeiten können jeden noch so gut durchdachten Plan durcheinanderbringen. Jedes Mal Gottes Hand dahinter zu sehen ist genauso vermessen, wie ihn nicht ins Spiel zu bringen. Nur - wenn er will, dass der Austausch stattfindet, dann wird er auch klappen.

Ich wünsche Ihnen eine gute Karwoche und ein gesegnetes Osterfest.

Feiern Sie schön mit der Familie. SGWUWL :-)


17. März 2013

An-Gedacht

von Pfr. Stefan Döhner, Erndtebrück

auf Wunsch des Verfassers wurde der Text entfernt


Pfr. Horst Spillmann

10. März 2013

Ich habe Rücken!

von Pfr. Horst Spillmann, Arfeld

Diesem Bekenntnis des stellvertretenden Chefredakteurs des Grevenbroicher Tagblatts, Horst Schlämmer (alias Harpe Kerkeling), werden wieder rund 70 Prozent aller Deutschen am 15. März anlässlich des Tages der Rückengesundheit beipflichten. Und dieser Rücken kann richtig plagen, kann einem die Lebensfreude nehmen.

Was wird da nicht alles unternommen, um die Rückenschmerzen zu beseitigen oder zumindest zu lindern?! Von Massagen und Packungen, über Physiotherapie und Fitnessstudio, bis hin zu Wasserbetten und ergonomischen Bürostühlen werden mannigfache Versuche unternommen, uns von den Schmerzen zu befreien. Unzählige Rückengeplagte sind bereits weite Irrwege durch die umfangreiche Gesundheitsindustrie gewandert auf der Suche nach Heilung oder Linderung (finden Sie beispielsweise einmal den passenden Schreibtischstuhl oder die für Sie geeignete Matratze …!). Muss das aber immer so kompliziert sein? Ja, sollte gar unser Rücken von unserem Schöpfer so stümperhaft konstruiert sein, dass er bereits mit 30 Jahren schlapp macht?!

Wenn jemand klagt „Ich habe Rücken!“ dann sollte man aus der Sicht des christlichen Glaubens den so Gepeinigten eher auffordern: Wirf erst einmal die Last weg, die auf deinem Kreuz drückt! Mach deinen Rücken frei!

Das Therapeuten-Ehepaar Liebscher-Bracht verfolgt seit einigen Jahren im Blick auf die Rückenschmerzen einen, wie ich finde, beachtenswerten Ansatz (Bracht u. Liebscher-Bracht, Schmerzfrei. Unterer Rücken Bd 1): Es kann nicht zuerst darum gehen, den Rücken zu stärken und noch mehr Muskeln aufzubauen (insbesondere bei Schmerzen im Lendenwirbelbereich), sondern es wäre vordringliche Aufgabe die überhöhte Spannung auf der Vorderseite, bedingt durch die Fehlhaltung, abzubauen. Abbauen (auch abnehmen), loslassen, anstatt noch mehr drauf zu packen.
Und ist es nicht so, dass dem Menschen unserer Zeit im beruflichen aber auch im privaten Bereich schon genug (auf sein Kreuz) aufgeladen wird? Kann es dann wirklich sinnvoll sein, noch mehr Kraft anzutrainieren, um noch mehr tragen zu können – wie weit soll das gehen?

Hier greift für mich ein geistliches Gesetz des christlichen Glaubens. Glaube hat immer mit „Lassen“ zu tun, mit dem Loslassen. Ein Mensch, der die Sorgen seines Lebens, die horrenden Ansprüche, die die Mitmenschen an ihn stellen, loslässt, sie sich erst gar nicht zu eigen macht – es zumindest versucht! -, der signalisiert, dass er Gott tun lässt. Gott füllt den vermeintlichen Mangel aus, ja, er will sogar unser Arzt sein. Allerdings ist Gott ein Arzt, der ernst genommen werden will. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Frage Jesu an einen Blinden, der von ihm Heilung erbittet: Was willst du, dass ich für dich tun soll? (Lukas 18, 35 ff.) Mit anderen Worten: Werde dir klar, was du wirklich willst.

Und dies müsste immer die Frage des Arztes an den Patienten sein: Willst du wirklich gesund werden? Und wenn ja, was bist du bereit, dazu beizutragen? Bist du bereit, dein Leben zu ändern? Im Blick auf den geplagten Rücken: Bist du bereit, ganz konsequent die Übungen, die dir eine erfahrene Physiotherapeutin gezeigt hat, auch zuhause fortan selbstständig um-zusetzen, gar lebenslang? Wenn nicht, dann sind die Behandlungskosten zum Fenster rausgeworfen.

Einher mit der Behandlung der Symptome muss dann die Grundübung des Glaubens gehen, nämlich das Loszulassen dessen, was uns so gefangen nimmt, was aber oftmals angesichts der Kürze unseres Lebens nicht wert ist, dass wir uns darüber aufregen. Oder mit Horst Schlämmer zu sprechen: „Macht eusch nit verrückt!“

Die Ursachen der Rückenbeschwerden wären also anzugehen, und die liegen im hohen Maße in der eigenen Selbstüberforderung, weil wir Gott nicht mehr machen lassen - und dann nehmen wir uns eben nicht mehr die Zeit für die nötige ausgleichende Bewegung. Wir packen immer mehr auf unser Kreuz. Dabei verkennen wir, dass doch Jesus Christus unser Kreuz getragen hat, er hat es leicht gemacht. Er hat unsere Schuld Gott gegenüber, nämlich unseren Größenwahn, der sich im Misstrauen in die Güte und Fürsorge Gottes ausdrückt, von uns genommen, damit wir uns wieder aufrichten können.

Dies hat dann auch konkrete Auswirkungen für den Alltag: Wer loslässt, kann sich Zeit nehmen für die Bewegung, denn dazu sind wir als Menschen geboren und nicht zum stundenlangen Sitzen. Der nimmt sich Zeit, kleine Rückenübungen in den Tagesablauf einzubauen. Der nimmt sich auch Zeit zur Muße. In diesen Auszeiten, die die Klöster und christlichen Kommunitäten mit den unterschiedlichen Gebetszeiten in ihrem Tagesablauf zur geistlichen aber auch körperlichen Erholung eingesetzt haben, drückt sich etwas von der Weisheit des christlichen Glaubens aus. Ein Glaube, der bekennt, dass Gott uns immer wieder aufrichten möchte, wenn uns die Last des Lebens niederdrückt.


Pfr. Stefan Turk

3. März 2013

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“

von Pfr. Stefan Turk, Erndtebrück

„Alle Kinder essen gerne Lasagne, außer Ronnie - der mag kein Pony.“ Gemein, nicht wahr ?! Diesen Satz habe ich unter meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden und ihren ebenfalls jugendlichen Mitarbeitenden aufgeschnappt. So kommentieren die Jugendlichen heute das, was als Pferdefleischskandal die Schlagzeilen füllt: Betrug durch falsch deklarierte Fleischeinwaage in Fertigprodukten, billigeres Pferdefleisch anstelle teurerem Rindfleisch. Wobei Allen klar ist: hochwertiges, gutes Pferdefleisch wäre dabei gar nicht zu bezahlen. Die tierischen Fleischlieferanten können nur ausgelaugte Ackergäule oder ausgediente Rennbahnveteranen sein...

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner stellte in der vergangenen Woche fest, dass das wahre Ausmaß noch gar nicht abzuschätzen sei. Ich bin allerdings gespannt, ob die Nachrichten über eben dieses „ganze Ausmaß“ nicht eventuell sogar schon wieder untergehen in den neuen Meldungen vom Bio-Eier-Betrugsskandal. Hier hieß es bereits: „Wenn sich die Vorwürfe bewahrheiten, geht es hier um Betrug im großen Stil: Betrug an den Verbrauchern, aber auch Betrug an den vielen Bio-Landwirten in Deutschland, die ehrlich arbeiten“, sagte Aigner am Montag vergangener Woche in Brüssel. Von Zeit zu Zeit beschleicht mich der Verdacht, dass die Etikettierungen auf manchen Lebensmittelpackungen nichts Anderes darstellen als Grimms Märchen in Kurzfassung.

Da mutet es doch schon fast sarkastisch an, dass in dieser Woche zwei relativ unbeachtete Gedenktage ins Haus stehen. Am Mittwoch der „Nationale Tag der Tiefkühlkost“ und am Donnerstag der „Tag der gesunden Ernährung“. Beides ausgerechnet direkt aufeinanderfolgend. Gut, der „Tag der Tiefkühlkost“ hat historisch einen etwas anderen Hintergrund: 1923 konstruierte der amerikanische Fischereibiologe Clarence Birdseye seine erste Tiefkühlanlage, um frisch gefangenen Fisch zu konservieren. Eine Idee, die ihm während seiner Arktis-Forschungsreisen kam. Birdseye startete mit sieben Dollar Anfangskapital und verkaufte sein Patent 1929 für 22 Millionen Dollar!

1984 erklärte der damalige amerikanische Präsident Ronald Reagan den 6. März zum Nationalen Tag der Tiefkühlkost - im Gedenken an den mutmachenden Pioniergeist des Erfinders Birdseye. Und so folgen heute im Kalender der „Tag der Tiefkühlkost“ und der „Tag der gesunden Ernährung“ direkt aufeinander. Und das mutet einen – aus aktuellem Anlass - fast schon sarkastisch an...

Wie auch immer: Es ist festzuhalten, dass ganz offenbar die Versuchung einfach zu groß ist. Auf beiden Seiten. Auf der Seite derer, die Nahrungsmittel herstellen und verkaufen, als auch auf der Seite derer, die möglichst wenig und damit oft unter Wert dafür zu bezahlen bereit sind. Die Versuchbarkeit der Menschen in einer postmodernen, nach wie vor kapitalistisch geprägten Wirtschaft ist immens. „Gewinnoptimierung“ - wer kann dazu schon „Nein“ sagen?

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt“, fällt mir dazu noch ein. Ein Satz, den Jesus in einer ganz bestimmten Situation zitiert. Und zwar nicht in einer gepflegten Politik-Debatte im Talk-Fernsehen, sondern - so erzählt es die Bibel - in der Wüste, als ihn der „Durcheinanderbringer“ selbst versucht. Also in einer Umgebung, die im höchsten Maße versuchbar macht. Und genau da wehrt sich Jesus gegen die Versuchung (und den Versucher) dadurch, dass er sich an dem festklammert, was sein Gewissen geprägt und gebildet hat. Und er zitiert, was ihm Wert und Maßstab darstellt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.“ (Matthäus-Evangelium, Kapitel 4)

Wohin wird uns das führen, dass wir unsere Gewissen immer weniger an Gott und seinen guten Lebensentwurf für diese Schöpfung und an sein lebens- und werteschaffendes Wort binden? Wohin wird uns das bringen, dass wir unsere Gewissen so selten bilden und beeinflussen lassen durch das, was Gott uns in guter Absicht zu Gehör bringt? Gesunde Ernährung braucht nicht bloß der Leib. Die Seele erst recht.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt.“


Manuela Schnell - und der Eiffelturm

24. Februar 2013

Bonjour, bonjour!

von Manuela Schnell, Bad Berleburg, sie ist Laienpredigerin und gehört zum deutschen Werkstatt-Team des Weltgebetstags

So heißt es am Freitag, 1.März, in den verschiedenen Kirchen rund um die Welt, in Deutschland und hier im Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein zu Beginn des Weltgebetstagsgottesdienstes. Die Liturgie haben Frauen aus Frankreich geschrieben und sie nehmen uns von Anfang an mit hinein in ihr Leben, teilen ihre Nöte und ihre Sorgen. „Ich war fremd - ihr habt mich aufgenommen“, ein Wort Jesu aus Matthäus 25 ist Thema des Gottesdienstes. Da stellt sich die Frage, wo wir selbst Erfahrungen mit dem Fremdsein gemacht haben. War es im Urlaub, war es nach einem Umzug, war es der Schulwechsel? Alle können davon berichten. Natürlich auch davon, was geholfen hat, dieses Fremdheitsgefühl zu überwinden. Überlegen Sie einmal selbst.

Frankreich ist ein Land mit vielen Kulturen und Menschen unterschiedlicher Haustfarben. Aus Afrika, aus den Überseegebieten Frankreichs strömen Menschen ins Land, die nirgendwo sonst Aufnahme finden. Auch bei uns in Deutschland kommen Flüchtlinge an, die hoffen, hier ihre schrecklichen Erlebnisse von Krieg und Armut hinter sich zu lassen. Die Frauen aus Frankreich laden uns ein, hinzuschauen und uns zu fragen: Wie gehen wir mit Fremden in unserem eigenen Land um? Sind sie willkommen? Bieten wir ihnen eine Möglichkeit, hier ein lebenswertes Leben zu führen? Wie gastfreundlich zeigen wir uns? Wie können Fremde auch bei uns ein neues Zuhause finden? Wie können wir daran mitwirken? Und umgekehrt stelle ich mir die Frage: Wie würde es mir in einer solchen Situation gehen?

Einigen dieser Fragen werden wir im Gottesdienst nachgehen. Daneben erfahren wir auch jede Menge über die Vielfalt und Schönheit Frankreichs, über seine Schlösser, seine Berge, die Küsten, berühmten Bauwerke, Künstler, das französische Essen und vieles mehr.

Darum: Kommen Sie zum Weltgebetstagsgottesdienst, die Termine für evangelische und katholische Kirchen, für Gemeindehäuser und für eine Klinik auf Kirchenkreis-Gebiet finden Sie bis Mitte März 2013 hier.

Jedes Jahr steht ein neues Land im Mittelpunkt und wir erfahren viel von den dort lebenden Frauen, ihrem Leben in Kirche und Gesellschaft. Lieder, Musik und Tänze bereichern den gesamten Gottesdienst. Nach dem Gottesdienst gibt es in vielen Gemeinden noch ein leckeres landestypisches Essen. Erleben Sie also ein Land mit allen Sinnen. Erleben Sie gelebte Ökumene.

Denn: Frauen aller Konfessionen laden ein. Männer und Frauen.

Und das eine oder andere Mitnehmsel wird es auch geben. Aus der Odebornskirche Schüllar/Wemlighausen nehmen alle Besucher einen Eiffelturm als Fadenspiel für ihre Hosentasche mit nach Hause.

„Au revoir“ und „Bienvenue“ - auf Wiedersehen und herzlich wilkommen - im Weltgebetstagsgottesdienst am kommenden Freitag - auch bei Ihnen vor Ort. Wir sehen uns!


Pfrn. Kerstin Grünert

17. Februar 2013

Ein Treffen mit dem Besen in der Hand?

von Pfrn. Kerstin Grünert, Kompetenzzentrum

Irgendwie ist viel passiert in der vergangenen Woche... Karneval war in den Hochburgen ein voller Erfolg. Das Wetter hat gehalten, die Jecken waren bunt und verrückt, und Politik und das öffentliche Leben haben wie üblich ihr Fett weg gekriegt. Nur die Sache mit dem Papst, die kam dann wirklich zu spät, kein Wagen konnte mehr entsprechend umdekoriert werden.

Ob nun der Papst seinen Rücktritt ankündigt, eine Bildungsministerin von der Uni eine Kugel in den Rücken gefeuert bekommt oder die Bundeskanzlerin wegen ihrer Euro-Rettungsmaßnahmen aufs Korn genommen wird: Irgendwie mögen wir es doch, wenn Entscheidungen von anderen so breit kommentiert werden. Gut, zum Straßenkarneval gehören die bissigen Bilder in ihrer überzogenen Darstellung dazu. Aber jetzt sind die tollen Tage vorbei, die ruhigere Zeit beginnt: Fastenzeit, Passionszeit, die Zeit, in der wir uns wieder mehr auf uns selbst richten sollen.

Das ist gar nicht so einfach. Viel lieber schaue ich doch bei anderen, was die mal besser machen könnten. Viel schneller habe ich ein Urteil gefällt, wenn es nur nicht mich persönlich betrifft und nicht immer bringe ich meinem Nächsten den nötigen Respekt entgegen, wenn ich mit dem, was er tut, so gar nicht einverstanden bin. „Jeder kehre vor seiner eigenen Tür und die Welt ist sauber!“ Dieser Satz, der übrigens von Goethe stammt, könnte doch einmal ein gutes Motto für die bevorstehenden Wochen sein. Ganz locker gesehen, ohne erhobenen, moralischen Zeigefinger. Vielmehr so, dass ich mich doch nicht auch um die Angelegenheiten der anderen kümmern muss. Mit den eigenen hat man doch nun wirklich genug zu tun.

Werd´ ich erst mal mit mir fertig, löse ich alle meine Angelegenheiten zu meiner vollsten Zufriedenheit, dann kann ich immer noch mit Muße den Blick auf den anderen richten. Bevor ich mich im Verhältnis zu meinem Nächsten betrachte, muss ich erst einmal mit mir im Reinen sein. Das muss ja nicht zu jedem Zeitpunkt in eine große tiefenpsychologische Übung ausarten. Nur einen kurzen Moment nachdenken, bevor ich urteile oder kommentiere.

In der vergangenen Woche war hinsichtlich der Entscheidung des Papstes viel von Respekt die Rede. Anders kann man einer solch schwerwiegenden Angelegenheit sicherlich auch nicht begegnen. Unsere kleinen und großen Entscheidungen haben ja nun nicht immer gleich so eine Bedeutung, dass man einen Karnevalswagen davon machen könnte, aber Respekt verdienen wir trotzdem! Wir müssen uns selbst genug Respekt zollen, wenn wir uns zu einer Entscheidung, zu einem Urteil durchringen und wir dürfen ihn auch von anderen einfordern. Und natürlich fällt es uns dann auch leichter, anderen den nötigen Respekt für ihre Taten und Entscheidungen entgegenzubringen.

Ich bin mal gespannt, wie das mit dem Kehren vor der eigenen Tür in den nächsten Wochen so klappt. Vielleicht trifft man sich ja mit dem Besen in der Hand!


Pfr. Oliver Günther

10. Februar 2013

Was ist Wahrheit?

von Pfr. Oliver Günther, Feudingen

Das ist eine gute Frage, die Pontius Pilatus da stellt. Denn ganz objektiv betrachtet: Nichts ist so relativ und offenbar auch subjektiv wie die Wahrheit.

Die Universität Düsseldorf hat der Bundesbildungsministerin Annette Schavan den Doktortitel aberkannt, weil sie nachweislich bei ihrer Promotionsarbeit vor 33 Jahren vorsätzlich getäuscht habe. Frau Schavan sieht das anders. Sie fühle sich in ihrer Ehre tief verletzt. Sie wolle den Rechtsweg beschreiten und hat ihre Klage gegen diese Entscheidung des Fakultätsrates angekündigt. Wo genau liegt die Wahrheit? Ist Frau Schavan eine ignorante Lügnerin oder eine wissenschaftliche Dilettantin oder doch nur Opfer einer üblen Kampagne? Oder liegt die Wahrheit hier ganz woanders, vielleicht irgendwo dazwischen?!

Die Wahrheit hat es schwer. Und jeder hat seine eigene Wahrheit. Auch der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der politische Sunnyboy der CSU, ist über die Frage nach der Wahrheit erst ins Straucheln geraten und dann gestürzt. Er hielt bis zum Schluss an seiner eigenen Wahrheit fest, bei seiner Doktorarbeit nicht abgeschrieben zu haben. Diese Selbsteinschätzung muss nicht unbedingt falsch gewesen sein; denn vermutlich hatte er ja keinen einzigen Satz seiner Promotionsarbeit selbst verfasst. Aber die Wahrheit bleibt auch hier im Schatten der Dunkelheit unkenntlich. Wie schade für ihn, hätte er schneller einen Weg zur Wahrheit gefunden, wäre er unter Umständen immer noch ein Hoffnungsträger der Union. Ihm wäre vergeben worden, und die Menschen hätten ihm verziehen – nach der Devise: Jeder Mensch macht Fehler! Und viele Fehler lassen sich – Gott sei Dank! – korrigieren.

Was ist Wahrheit? Eine gute Frage, die Pilatus im Prozess gegen Jesus stellt. Er bekommt keine Antwort auf seine Frage; jedenfalls keine direkte. Obwohl die Wahrheit in diesem Fall doch auf der Hand liegt: Jesus ist unschuldig. Und doch muss er sterben. Warum? Weil er selbst die Wahrheit ist. Und weil die Menschen offenbar die Wahrheit kaum ertragen können. Deshalb wollen sie Jesus beseitigen. Zur biblischen Wahrheit gehört auch, dass die Wahrheit nicht aus der Welt zu schaffen ist. Gott setzt seinen Sohn wieder ins Recht. Nach drei Tagen ist der Spuk vorbei. Gott weckt ihn auf aus seinem Tod. Er ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden.

Zu Beginn der Passionszeit also eine Bitte: Bleiben Sie doch einfach bei der Wahrheit! Ob das Leben dadurch immer unbedingt leichter wird, weiß ich nicht. Aber ehrlicher wird es auf jeden Fall und wahrlich auch zufriedener. Es kommt auf einen Versuch an!


Pfr. Steffen Post

2. Februar 2013

Herzlich willkommen im Farbklecks !

von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe

Am heutigen Samstag ist es endlich soweit: Mit einem „Tag der offenen Tür“ weihen wir in Bad Laasphe unseren neuen Kindergarten „Farbklecks“ offiziell ein und stellen ihn der Öffentlichkeit vor. Bereits im Oktober 2012 haben wir ihn als Ersatz für den Kindergarten Feldstraße in Betrieb genommen, der aufgrund der baulichen Substanz und der räumlichen Gestaltung nicht mehr den heutigen Anforderungen an die Betreuung von Kindern im Alter von ein bis sechs Jahren entsprach. Damals wurde auch über einem neuen Namen nachgedacht. Das Ergebnis stand relativ schnell fest: „Farbklecks“ soll er heißen, der neue Kindergarten, wegen seiner äußeren Farbgestaltung. Jede der drei Gruppen ist an einer eigenen Farbe zu erkennen.

Ich muss bei dem Namen „Farbklecks“ oft an den Regenbogen denken, von dem Gott in 1. Mose 9, 13 sagt: „Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und der Erde.“ Die bunten Farben des Regenbogens erscheinen oft nach einer Schlechtwetterfront oder einem Gewitter am Himmel als ein Hoffnungszeichen: Bald werden die schwarzen Wolken weg sein.

Das erinnert mich noch einmal an den langwierigen Entscheidungsprozess, der sich mit vielen Gesprächen und Überlegungen, mancher Ratlosigkeit und Resignation über gut zwei Jahre erstreckte, bis im Herbst 2011 mit dem Entschluss zum Neubau des Kindergartens, unterstützt durch einen Investor, eine Lösung gefunden werden konnte.

Die bunten Farben des Regenbogens rufen mir dabei die vielfältige Mithilfe ins Bewusstsein, die wir als Verantwortliche in der Kirchengemeinde in dieser Zeit und dann später bei der Umsetzung des Projektes erlebt haben: Im Rot entdecke ich dabei die Liebe der Mitarbeiterinnen zu ihrem Beruf, ihre Geduld und Tatkraft. Im Violett sehe ich die Beharrlichkeit der Eltern und ihre treue Mithilfe, etwa bei der Herrichtung des Baufeldes, beim Umzug oder beim Schnuppertag. Im Blau schimmert für mich der Mut zur Entscheidung, die das Presbyterium getroffen und damit gezeigt hat, wie wichtig die Kindergartenarbeit für unserer Kirchengemeinde ist. Im Grün sehe ich den Ertrag der fachlichen Beratung durch die kreiskirchliche Verwaltung sowie das offene Ohr für unsere Anliegen bei Vertretern der Stadt Bad Laasphe und des Kreises Siegen-Wittgenstein. Im Orange scheint die fachlich gute Planung und Umsetzung des Neubaus durch die Architekten, den Investor und die von ihm eingebundenen Firmen auf, ergänzt durch das Gelb, das mich an die fachmännische Begleitung bei der Einrichtung des Gebäudes sowie bei der Gestaltung des Außengeländes denken lässt.

Ihnen allen danke ich von Herzen, dass sie auf diese Weise einen speziellen Farbtupfer im Kindergarten „Farbklecks“ gesetzt haben. Bei den bunten Farben des Regenbogens denke ich dann aber auch an die bunte und vielfältige Kinderschar, die nun Tag für Tag den Kindergarten mit Leben füllt. Als originelle Farbkleckse Gottes können sie in der neuen Einrichtung nach Herzenslust spielen, toben und basteln, dabei unter der guten pädagogischen Arbeit der Mitarbeiterinnen heranwachsen und bei verschiedenen Angeboten auch davon hören, dass Jesus als der Meistermaler Farbe in ihr Leben bringt.

So wünsche ich den Kindern und Mitarbeiterinnen im Kindergarten „Farbklecks“ für die Zukunft Gottes Segen unter dem bunten Bogen der Gnade Gottes... und wenn Sie heute zwischen 11 und 16 Uhr Zeit haben, dann kommen Sie doch einfach mal vorbei.


Pfrn. Silke van Doorn

27. Januar 2013

Geheimnis der Erlösung: Erinnerung

von Schulreferentin Pfrn. Silke van Doorn

„Vergessen führt ins Exil; das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“ sagt der Baal Schem Tov. Meine Schülerinnen und Schüler aber sagen: „Warum sollen wir denn immer noch daran erinnert werden, was unsere Urgroßeltern damals getan haben? Ist es nicht besser, alles Schlechte zu vergessen? Was hat das denn mit uns zu tun?“ Fragen über Fragen, wenn ich mit Schülerinnen und Schülern über die Gräueltaten der Deutschen zwischen 1933 und 1945 spreche. Und ja: Haben sie nicht Recht? Warum sollen wir in den furchtbaren alten Geschichten der Geschichte wühlen, uns in den Schmerz, den Schmutz, die Qual und die Not hineinversetzen?

Vergessen… können wir die Gräuel nicht: Die Opferfamilien werden ein Leben lang und über die Generationen mit den traurigen Verlusten von geliebten Menschen, von gravierenden Narben an Körper und Seele leben. Nicht davon zu reden - geht nicht. Selbst wenn sie es versuchten: In den Seelen der Kinder und Kindeskinder zeigen sich die Narben, die aus den unausgesprochenen Verletzungen der Eltern und Großeltern herrühren. Vergessen können auch die Täterfamilien nicht: Bleibt die Schuld unausgesprochen, lastet sie wie ein drohender Schatten über dem Leben. Schatten und Schuld, die niederdrücken und unfrei machen.

Die Kirche tat sich nach 1945 schwer, ihre Schuld an dem Morden und der Entrechtung einzugestehen. Einer der wenigen, die es schon bald in einer Predigt taten, war Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh: „Die Christen haben Teil an der Schuld… weder können wir, noch werden wir versuchen, uns freizusprechen von der Verantwortung für die Schuld und das Schicksal unseres Volkes. Noch suchen wir uns mit der Behauptung zu schützen, dass wir von vielem, was hinter dem Stacheldraht der Lager vor sich ging oder in Polen und Russland, nichts wussten. Diese Verbrechen waren die Taten deutscher Menschen, und wir müssen die Konsequenzen tragen.“

Die Konsequenzen: Nicht verschweigen, denn „als wollte ich es verschweigen, verschmachtete meine Seele“ (Ps 32, 3). Um Vergebung bitten, ausgleichen, wo es möglich ist. Dann werden Opfer und Täter und deren Kinder und Kindeskinder frei werden können von der Last der vorherigen Generationen. Deswegen wollen wir uns erinnern, dass am 27. Januar 1945 endlich das Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee befreit wurde. Dort hatten zuvor 1,1 Millionen Menschen den Tod gefunden. Die wenigen Überlebenden waren schwer gezeichnet. Viele starben an den Folgen noch Wochen später.

Professor Jehuda Aschkenasy, der weiseste und gütigste Mensch, den ich je traf, war einer derjenigen, die überlebten. Er hatte sich nach Jahren des Schweigens zur Aufgabe gemacht, zu erinnern, damit die Kinder beider Seiten leben können und so etwas nicht wieder passieren kann. Wir erinnern uns, damit wir frei werden.


Pfr. Thomas Janetzki

20. Januar 2013

Schenk doch mal wieder!

von Pfr. Thomas Janetzki, Wingeshausen

Ich weiß, es klingt ein wenig eigenartig so kurz nach Weihnachten - in der Zeit, in der die meisten gerade mal alle Weihnachtsgeschenke verstaut oder auch einige umgetauscht haben. Jetzt einfach jemandem etwas schenken, so ganz ohne triftigen Grund?

Aber warum eigentlich nicht? Ich habe festgestellt, dass gerade in diesen Wochen niemand auch nur mit einer Kleinigkeit rechnet, weil alle noch gesättigt sind vom Verschenken und Beschenktwerden. Aber gerade das kann den Reiz ausmachen, denn wer jetzt so etwas tut, überrascht damit garantiert sein Gegenüber völlig - und wann sonst kann man das schon von sich sagen?

Versuchen Sie es einfach mal: Schenken Sie einfach mal jemandem in diesen Tagen zwischen den Geschenkzeiten eine besonders ausgesuchte Kleinigkeit! Sie werden entdecken, dass man damit nicht nur dem anderen eine Freude macht, sondern sich selbst auch ein Stückchen Glück schenkt. Man tut etwas Gutes und darf sich sogar noch selbst daran mit freuen.

Und: Wenn wir so etwas tun, schaffen wir damit eine Atmosphäre des liebevollen Umgangs miteinander, die für uns Christen ja eigentlich auch charakteristisch sein sollte. Dabei kommt es dann in der Tat nicht auf die Größe oder den Wert an, sondern nur auf unsere gute Absicht, einem anderen Menschen eine Freude zu machen, gerade wenn sie oder er es nicht erwartet. Und sollte uns das nicht immer und überall leicht fallen, wo wir doch neben unseren Geschenken an Weihnachten füreinander das größte Geschenk Gottes für uns alle in Empfang genommen haben, nämlich seine Liebe in seinem Sohn? Eigentlich geben wir doch in solchen Momenten nur ein wenig von dem weiter, was wir selbst im Übermaß bekommen haben - nur dass es in diesen Tagen eben niemand von uns erwartet. In diesem Sinne: Schenk doch mal wieder - gerade jetzt!


Pfrn. Claudia Latzel-Binder

13. Januar 2013

Wie viel wiegen Sie eigentlich?

von Pfrn. Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg

Die letzten klingen in diesen Tagen aus. Ansonsten hat man sie inzwischen mit allen ausgetauscht – die guten Wünsche für das neue Jahr. Viele Menschen wünschen sich auch selbst etwas und setzen sich zum Jahreswechsel ein konkretes Vorhaben. Oft hat das etwas mit dem Körper zu tun. Beliebt sind da gute Vorsätze wie mehr Sport zu treiben, abzunehmen oder einfach gesünder zu leben. Auch wenn solche Pläne vielleicht nicht die ersten zwei Wochen überstanden haben, zeigen sie den Willen, das Leben zum Guten zu verändern. Dass wir uns mit jedem Jahr verändern, ist klar.

Die Frage ist nur, in welche Richtung es geht durch die Einflüsse, die wir nehmen und denen wir ausgesetzt sind. Schade: Niemand hat mir bisher von seinem Vorhaben erzählt, im neuen Jahr ein bisschen schwerer zu werden, innerlich. Wieviel wiegen Sie da eigentlich?

Sind Sie ein geistliches Leichtgewicht oder hat Ihr innerer Mensch eine Gewichtigkeit, die ihn für andere wichtig macht, die in Begegnungen Eindruck hinterlässt? Die Absicht geistlich schwerer zu werden wäre ja im tiefsten Sinne der Wunsch, das Leben zu dem Guten, sprich zu Gott, hin zu verändern.

Unsere Häuser und Kalender erzählen von dem, was wir für schwerwiegend und gewichtig halten. In allen Wohnungen gibt es inzwischen mindestens ein Badezimmer, oft mehr, und dort verbringen wir auch manche Zeit, aber eine feste Gebetsecke, wie früher den „Herrgottswinkel“, findet man nur ganz selten. Der Besuch von Fitnessstudios hat den von Gottesdiensten zahlenmäßig längst überrundet und eher reservieren wir in unseren Kalendern einen festen Zeitrahmen für den Sportverein, das Lauftraining oder den Friseur als für einen festen Termin mit Gott. Natürlich müssen Zähne täglich gepflegt werden und wohl niemand käme auf die Idee, das einmal für ein paar Monate auszusetzen und das ist ja auch wirklich gut so. Dass aber auch die Seele einer regelmäßigen Hygiene bedarf und bei mangelnder Pflege durchaus verfaulen kann oder um im Sportbild zu bleiben, Muskeln abbaut, sieht, riecht und spürt man nicht so schnell. Deswegen wird es vielleicht leicht vergessen.

Der Neujahrswunsch „Gesegnetes neues Jahr“ hält da ein gutes Wissen in Erinnerung. Segen umfasst den Menschen als ganzen, in der Einheit von Körper, Geist und Seele. Er ist das Gegenteil von Fluch, der im Hebräischen auch die Bedeutung von „etwas leicht machen“ umfasst, so dass es eben keinen Bestand hat und weggeblasen wird. Segen heißt dann, Gott gibt dem Leben Bestand, hält es für unendlich wichtig, gibt ihm Wert und Würde. Dafür hat er sich selbst in die Waagschale gelegt. Daran mag ich meine Maßstäbe mehr und mehr ausrichten. Es ist das Beste, was uns passieren kann.

So schließe mit meinem Neujahrswunsch für Sie: Legen Sie doch ein paar Pfund zu! Gottes Segen für 2013!


Pfr. Oliver Günther

6. Januar 2013

„Binde deinen Karren an einen Stern!“

von Pfr. Oliver Günther, Feudingen

„Der Weg ist das Ziel“, sagen manche. Aber stimmt das überhaupt? Wohin soll es dann gehen im neuen Jahr?

„Würdest du mir bitte sagen, wie ich von hier aus weitergehen soll?“, fragte Alice im Wunderland. „Das hängt zum größten Teil davon ab, wohin du möchtest“, sagte die Katze. „Ach, wohin ist mir eigentlich gleich“, erwiderte Alice. „Dann ist es auch egal, wie du weitergehst“, sagte die Katze.

Nein, Wege sollten irgendwohin führen.

Mit welchem Ziel sind Sie ins neue Jahr gestartet? Auf Platz eins der guten Vorsätze für 2013 steht mit 59 Prozent „Stress vermeiden oder abbauen“, dicht gefolgt von „mehr Zeit für Familie und Freunde“ mit 52 Prozent und „mehr bewegen/Sport“ mit 51 Prozent. Viele wünschen auch auch „mehr Zeit für sich selbst“ (48 Prozent).

Wir brauchen solche Ziele, auch wenn sie ehrgeizig sind. Denn ein Mensch ohne Ziele irrt planlos umher, wird ein Getriebener des Lebens oder des Schicksals - so wie einst Karl Valentin, der wildfremde Menschen fragte: „Entschuldigung, können Sie mir sagen, wo ich hin will?!“

Ein Mensch ohne Ziele lebt auch ohne Perspektive.

Was ist Ihre Perspektive für 2013? Das neue Jahr ist noch nicht zu alt, um darüber einmal nachzudenken.

Übrigens - die Weisen aus dem Morgenland hatten ein Ziel. Sie folgten dem Stern, um ans Ziel ihres Weges zu kommen. Sie suchten den König, den Messias! Ihre Reise aus Babylonien führte sie auf direktem Weg in den Tempel nach Jerusalem. Könige leben schließlich im Zentrum der Macht, haben sie vermutlich gedacht. Aber auf diesem Weg kommen sie nicht ans Ziel. Ihr Weg führt sie weiter nach Bethlehem, in die Provinz. Wer hätte das gedacht?! Der König ist ein Kind. Verletzlich, angreifbar, schutzbedürftig.

Der große Gott macht sich klein, um in Deine Welt zu kommen.

Gott verfolgt mit seiner Mission nur dieses Ziel: Er will in unserer Welt leben, damit sich Gerechtigkeit und Frieden ausbreiten, damit Liebe wächst und Hoffnung blüht und Vertrauen entsteht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Die Weisen haben ihren Weg gemacht und ihr Ziel gefunden. Leider erzählt uns Matthäus nicht, ob sich diese Ziele der Mission Gottes in ihrem Land und ihrem Lebensumfeld tatsächlich verwirklichlichen ließen. Aber für uns kann es sich auf jeden Fall lohnen, diesem Stern zu folgen; mehr noch - den eigenen Lebenskarren an diesen Stern zu binden. So hatte es einst Leonardo da Vinci empfohlen: „Binde deinen Karren an einen Stern!“ Das wäre doch ein interessantes Ziel für uns?!

Ein gnadenreiches neues Jahr.