An-Gedacht:
Kirche aktuell in Wittgenstein
Die Westfalenpost hat seit Ostern 2009 eine neue Serie in den Lokalteil Wittgenstein aufgenommen, bei der jeden
Samstag Pfarrerinnen und Pfarrer zu Wort kommen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion drucken wir die
Gedanken in der Folgewoche hier ab. - Verantwortlich für den Inhalt sind immer die Verfasser.
Ihre Meinungen sind uns willkommen - schreiben Sie uns per Mail!
An-Gedacht am 9. Januar 2010 - von Pfr. Dr. Dirk Spornhauer, Raumland:
Gegen die Vergänglichkeit ...
Das neue Jahr ist bereits über eine Woche alt und der Alltag hat viele von uns bereits wieder eingeholt.
Sind Sie gut in das neue Jahr hineingekommen? Haben auch Sie um Mitternacht mit einem Glas Sekt angestoßen oder kräftig Raketen abgeschossen, um das neue Jahr zu begrüßen?
Haben sie sich eigentlich schon einmal die Frage gestellt, warum wir eigentlich Silvester feiern? Tun wir das nur, um das alte Jahr zu verabschieden und das neue zu begrüßen? Nein,
darum mag es äußerlich gehen, um das „Prost Neujahr“. Aber das ist doch zu wenig, um solch einen Aufwand zu treiben.
Warum also feiern wir Silvester? Wegen der Raketen und der Kracher, um die bösen Mächte zu vertreiben? Auch das kann es wohl nicht sein. Vielleicht war das vor Jahrhunderten einmal
ein Beweggrund, aber heute?
An Silvester feiern wir im letzten, tiefsten Grunde unsere Vergänglichkeit. Wir bejubeln das neue Jahr, weil wir noch da sind, weil wir noch leben und jubeln können. Silvester ist
eigentlich das Fest unserer Vergänglichkeit. Wir schauen zurück auf das, was gewesen ist und wir schauen gespannt nach vorne auf das, was vor uns liegt mit der Frage im Herzen,
was kommen und was werden wird.
Wahrscheinlich werden etliche von Ihnen auch an diesem Jahreswechsel wieder das Stück „Dinner for one“ gesehen haben. Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht, wie mir. Auch
wenn ich dieses Stück bereits zig mal gesehen habe und bei vielen Texten sowieso schon längst mitsprechen kann, gehört
dieses Theaterstück doch irgendwie zu Silvester. „The same procedure as every year, James“ „Die gleiche Prozedur, wie
jedes Jahr, James“ Neben dem Slapstick ist es genau dieses Spielen mit der Vergänglichkeit, das den Reiz dieses Stückes
ausmacht. Miss Sophie, die den letzten ihrer Freunde vor 25 Jahren beerdigt hat, feiert dennoch alle Jahre wieder ihren
Geburtstag, als wären diese Freunde noch da. Sie hält die Illusion aufrecht, als gäbe es keinen Tod und keine Vergänglichkeit
des Lebens. Und so spricht sie in ihrem Butler James jedes Jahr wieder ihre alten Freunde an, so als hätte sich nichts verändert.
Doch unser Leben verändert sich. Und nicht alle Menschen, die diesen Jahreswechsel noch gefeiert haben, werden auch den
nächsten Jahreswechsel feiern. Das wissen wir alle. Und für uns alle ist dieser Jahreswechsel, den wir gefeiert haben, einer
mehr in der endlichen Reihe von Jahren, die uns geschenkt sind. Für uns alle gibt es wieder einen Jahreswechsel weniger, der noch vor uns liegt.
Es ist eben nicht die gleiche Prozedur, wie jedes Jahr. Jeder Tag ist ein Tag mehr vom Rest unseres Lebens. Nie merken wir das so deutlich, wie beim Wechsel eines Jahres zum nächsten.
„Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ ist ein Motto aus dem Hebräerbrief, das genau passt zu
dieser Feier der Vergänglichkeit unseres Lebens. Gott ist in Jesus Christus Mensch geworden und hat sich der Vergänglichkeit
des Lebens unterworfen. Doch gleichzeitig hat er diese Vergänglichkeit überwunden, weil er den Tod überwunden hat.
Nur Jesus Christus, der gestern, heute und in Ewigkeit derselbe ist, kann uns angesichts der Vergänglichkeit unseres Lebens
Hoffnung auf ein Leben in Ewigkeit geben. So können wir, wie jedes Jahr, das alte Jahr verabschieden und das neue Jahr
begrüßen in der Hoffnung und im Vertrauen auf Jesus Christus, der uns in unserer Vergänglichkeit die Hoffnung über diese
Vergänglichkeit hinaus geben kann. „Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er sterben muss,“ sagt eben dieser Jesus Christus.
An-Gedacht am 12. Dezember 2009 - von Pfr. Steffen Post, Bad Laasphe:
Der unperfekte Weihnachtsbaum: Gott liebt uns mit allen "Macken"
In den nächsten Tagen ist es wieder einmal soweit. "Alle Jahre wieder" mache ich mich auf
den Weg zu meinem ganz persönlichen Festtagseinkauf: Ein Weihnachtsbaum für die heiligen Tage steht auf dem Einkaufszettel. "Wer welchen Baum warum auswählt, ist eine eigene
Geschichte", habe ich jüngst in der Zeitung gelesen; und dazu die Feststellung: "Dass die Kinder den größten, die Männer den preiswertesten und die Frauen den schönsten Baum
wollen, ist entgegen allen Behauptungen nicht die Regel."
Wie dem auch sei, ich habe für mich seit einigen Jahren für diesen Fall ein besonderes
Auswahlkriterium entwickelt: Ich nehme grundsätzlich einen Baum "mit Macke". Mal ist er ein bisschen krumm, mal fehlt ein Ast -oder er hat sogar zwei Spitzen.
Gerade eine solche ungewöhnliche, aber individuelle und originelle Ausstattung findet
meistens meine Aufmerksamkeit -und sie macht mir diesen Baum jeweils sehr sympathisch. Einen perfekten Baum kann schließlich jeder haben, der sich früh genug auf den Weg macht
-aber diese perfekten Bäume finde ich inzwischen genauso langweilig wie perfekte Menschen.
Und manchmal, am ersten Feiertag zum Beispiel, wenn die Verwandten auf dem Heimweg und
die Kinder im Bett sind, da mag es sein, dass ich in unserem Wohnzimmer bei einem edlen Getränk sitze, mir meinen "unperfekten" Weihnachtsbaum anschaue und denke: Ja, gerade
Weihnachten ist die Botschaft, dass wir nicht perfekt sein müssen. Gott kommt uns mitten in
unserer Unvollkommenheit entgegen, ja kommt sogar in einem Stall zur Welt, wird Kind -damit wir nicht dem Wahn der Perfektion erliegen.
In dem Kind in der Krippe macht Gott sich klein, um zu uns Menschen zu kommen, so wie wir sind, mit all unseren Fehlern, all
unseren Unzulänglichkeiten, mit all dem, was an uns schief und krumm ist. Und gerade das ist ja das Befreiende unseres
christlichen Glaubens - dass wir eben nicht perfekt sein müssen, damit unser Gott zu uns kommt. Denn er liebt uns so, wie wir sind. Oder manchmal vielleicht sogar gerade deswegen?
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einen gnädigen Blick für ihren Weihnachtsbaum und eine gesegnete Advents-und Weihnachtszeit.
An-Gedacht am 5. Dezember 2009 - von Pfr. Oliver Lehnsdorf, Feudingen-Oberndorf:
Mehr an die Menschen denken als an die Geschenkeliste
Ein Tag in der vergangenen Woche: Ich renne durch Bad Berleburg, bepackt mit großen
Einkaufstaschen, in gebeugter Haltung. Einen Einkaufszettel in der Jackentasche, weitere Dinge
im Kopf, die ich auf keinen Fall vergessen darf. Massen von Menschen in der Poststraße in Bad Berleburg. Also am besten Augen zu und durch. Den Kopf einziehen, nur noch nach unten
gucken, alles so schnell wie möglich erledigen. Drei Stunden später komme ich zuhause an, völlig k.o. Jetzt am besten mit einem heißen Tee aufs Sofa, nichts hören und nichts sehen.
Ich koche mir einen Tee und will es mir gemütlich machen, da denke ich an den Wochenspruch des 2. Advents aus dem Lukasevangelium: "Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure
Erlösung naht." Noch einmal denke ich über den Tag nach, der hinter mir liegt.
Mit gesenktem Kopf bin ich durch die Stadt gerannt, nur mit mir selbst beschäftigt. Auf der Suche nach Geschenken habe ich die zu Beschenkenden fast vergessen. Und stundelang war
ich in der Stadt und bin niemanden begegnet. Aber wie auch? Selbst wenn ein Bekannter oder eine Bekannte mir entgegengekommen wäre, hätte ich ihn oder sie wohl kaum gesehen.
Doch dann dieser Wochenspruch aus dem Lukasevangelium, der mich aus meinem Trott und meiner Adventshektik herausreißt,
der mich innehalten lässt, und der mich aufsehen lässt zu dem, der da kommt und den wir erwarten. Denn an Weihnachten
feiern wir, dass sich Gott selbst in unsere Welt hinein begeben hat, und dass er Licht in unsere Dunkelheit bringt.
Weihnachten erinnert uns daran, dass der, der kommen wird, und den wir erwarten, derjenige ist, der bereits gekommen ist,
und dessen Licht unser Leben schon jetzt erhellen will, gerade auch dann, wenn manches um uns herum noch dunkel erscheint.
Diese Aussicht verändert auch meine Haltung in der Adventszeit. Ich will darum die noch verbleibende Adventszeit nutzen, um innezuhalten, mich vorzubereiten und bewusst Advent zu feiern.
Und bei den zu erledigenden Dingen möchte ich viel mehr an die Menschen denken, denen ich etwas schenken möchte, als
daran, möglichst schnell die Stichworte auf meinen Einkaufszettel abzuhaken.
Zeit des Advents, eine Zeit, etwas von der Erlösung zu spüren, eine Zeit, Gott und den Menschen zu begegnen.
An-Gedacht am 28. November 2009 - von Pfr. Achim Schwarz, Girkhausen:
Ticken wir eigentlich noch richtig? Kommerz und Rummel zur Unzeit
"Prosit Neujahr !" -Ticken wir eigentlich noch richtig?
Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, jetzt meinen, dass meine Zeitansage vielleicht auch
nicht ins Bild passt, kann ich aber anführen, dass mein "Neujahrswunsch" exakt den Stand der Dinge in Bezug auf das Kirchenjahr ausdrückt. Heute am Tag vor dem ersten
Adventsonntag ist nämlich nichts weniger, als das "Silvester" des zu Ende gehenden Kirchenjahres 2008/2009.
Das Kirchenjahr unterscheidet sich vom Kalenderjahr, indem es am 1. Advent beginnt und in
der Woche des letzten Sonntages im Kirchenjahr, dem traditionellen "Toten-oder Ewigkeitssonntag" endet -vom zeitlichen Umfang aber ist es auch genau ein Jahr.
Das Kirchenjahr ist eine gute Einrichtung, indem es die Menschen immer wieder durch die
Stationen des Heilsplans Gottes führt und allen Sonn-und Feiertagen ihr eigenes Gepräge gibt. Und jetzt beginnt das neue Kirchenjahr 200912010 mit der Adventzeit als Zeit der
Vorbereitung auf Weihnachten -wohlgemerkt jetzt beginnt die Vorbereitung! -das Weihnachtsfest ist wie immer am 25. und 26. Dezember.
Aber genau hier kommt jetzt meine Eingangsfrage wieder ins Spiel, indem wir immer wieder
feststellen können, dass Weihnachtsartikel bereits ab September oder Oktober ausgestellt und angeboten werden, so genannte "Weihnachtsmärkte" immer früher stattfinden, um im
Reigen der vielen Veranstaltungen möglichst vorne zu sein und das beste Geschäft machen
zu können. Lassen Sie sich das Wunder von Weihnachten "Gott wird Mensch dir, Mensch zugute" (Paul Gerhardt, EG 36,2)
nicht durch Kommerz und Rummel zur Unzeit kaputt machen! Nehmen Sie sich Zeit, Zeit der Vorbereitung und Besinnung,
machen Sie es sich schön in Ihrem Zuhause und seien Sie bereit für die Erinnerung an das Ereignis von Weihnachten, das die Weltgeschichte ein für alle Mal verändert hat.
Dabei ist doch der angesprochene Gedanke der guten Vorbereitung auf ein großes Festereignis nicht fremd. Überall in unserem
Leben machen wir es doch so, wenn wir große Familienfeste, Jubiläen, wichtige Prüfungen und anderes mehr vorbereiten.
Lassen Sie daher nicht nur "die Kirche im Dorf", sondern lassen Sie sich auch die gute Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten
nicht nehmen, füllen Sie die vier Wochen der Adventzeit mit guten Dingen aus -vielleicht auch, indem Sie den Auftakt am morgigen Sonntag im Sinne des Eingangswunsches festlich begehen.
In diesem Sinne grüßt Sie herzlich mit den besten Wünschen Ihr Pfarrer Achim Schwarz, Girkhausen.
An-Gedacht am 21. November 2009 - von Superintendent Stefan Berk, Bad Berleburg/Erndtebrück:
Dem Tod ins Auge sehen und trotzdem leben
Am Sonntag ist Totensonntag. Und am Montag Kreissynode. Das hat nichts miteinander zu tun. Oder doch?
Ich versuche seit vielen Jahren, in meinen Gottesdiensten zu sagen: liebe Gemeinde, wir sind eigentlich immer unterwegs vom Toten- zum Ewigkeitssonntag. Uns steht nämlich immer
diese tödliche Bedrohung des Lebens vor Augen. Wer morgen in der Kirche singt, betet und zuhört, erinnert sich an Menschen, die er verloren hat. Manche Erinnerungen sind noch ganz
wach, da ist die Wunde kaum verheilt - und bei anderen kann es Jahre her sein, und es fühlt sich immer noch wie eine Narbe an, die juckt, wenn das Wetter sich ändert.
Da kommt ja niemand dran vorbei, an dieser Realität unseres lebens. Das ist ja wirklich so, dass jeder von uns sterben muss.
Deshalb sollten wir unser Leben klug führen, sagt der 90. Psalm. Aber wie macht man das klug leben? Woher nimmt man den
Mut, dem Tod ins Auge zu sehen und trotzdem das Leben leben zu können? Da bin ich dann plötzlich bei der Synode am Montag.
Zweimal im Jahr treffen sich die Delegierten, die Pfarrer und andere Leute, die für den Kirchenkreis wichtig sind. Wir beraten
über das Geld für das kommende Jahr, über Kinder-und Jugendarbeit, über Johannes Calvin, der 500 Jahre alt geworden wäre und über vieles andere, was uns wichtig erscheint.
Mir fällt auf, dass es am Montag auch darum geht, vom Totensonntag zum Ewigkeitssonntag zu kommen.
Es ist ja nicht so, dass die Kirche keine Sorgen hätte. Wir müssen das Geld so gerecht wie möglich verteilen. Und die
Gemeinden werden von Jahr zu Jahr kleiner und müssen sich auf Dauer zu größeren Einheiten zusammenschließen - aber wie
macht man das, ohne dass die kleineren Partner das Gefühl haben, geschluckt zu werden oder ihre Identität zu verlieren? Deshalb gibt es auf Synoden auch schon mal Totensonntagsstimmung.
Manche sind enttäuscht, andere trauern alten Zeiten hinterher. Und wenn man nach der Zukunft fragt, schütteln einige nur
den Kopf: Die guten alten Zeiten sind ja doch vorbei. Überall sind Menschen am Werk mit ihren Träumen, aber auch mit ihren
Befürchtungen. Es geht mir ja selbst nicht anders. Wer kann schon von sich sagen, er könnte mit diesem Gefühl des Totensonntags nichts anfangen?
Aber wenn wir dann am Sonntag im Gottesdienst sitzen, passiert etwas Wunderbares. Dann wird in dieser einen Stunde aus
dem Totensonntag der Ewigkeitssonntag. Da hören wir, wie Gott das leben sieht. Dass er den Tod längst entmachtet hat.
Dass unser lebensraum wieder weit wird. Dass das Leben nicht auf das Leid oder den Tod fixiert bleibt. Was wir an
Schwierigkeiten sehen, was wir als Schicksalsschläge erleiden, bestimmt am Ende nicht das Leben. Das muss von vorne
buchstabiert werden, von der Hoffnung, dass das Leben bleiben wird. Von dem Glauben, dass Gott sich mit seinem ewigen,
bleibenden Leben durchsetzt. Von der Liebe zum Leben und zu allem, was lebt, weil mir dort überall der Atem Gottes begegnet.
Ich hoffe, dass das morgen auch wieder passiert. Ich hoffe, dass die Ewigkeit Gottes mitten in unsere Zeit "hineinplatzt". Und
ich hoffe, dass wir auch auf unserer Synode am Montag diese Weite Gottes und seine großen Möglichkeiten entdecken.
Vielleicht ist das am Ende ja doch ganz gut, die Synode einen Tag nach Totensonntag - Entschuldigung: nach Ewigkeitssonntag, zu veranstalten.
An-Gedacht am 14. November 2009 -
von Pfarrer Henning-Albert Debus, Schulpfarrer im Kirchenkreis Wittgenstein:
Menschlichkeit in alltäglichen Dingen des Lebens zeigen
Gerichtsshows im Fernsehen sind “in": Richter Alexander Hold und Richterin Barbara Salesch
sprechen im Fernsehen unterhaltsam Recht für ein Millionenpublikum. Da kann man sich zufrieden auf der Couch zurücklehnen, wenn der miese Zuhälter, die dreiste Diebin und der
gewissenlose Totschläger ihre Strafe bekommen.
Noch unterhaltsamer sind die Gerichte, die in den zahllosen Kochsendungen zubereitet werden. Da fehlt eigentlich nur noch der Duftfernseher.
Nicht so unterhaltsam sind die Themen der Kirche in diesen Tagen, am Ende des Kirchenjahres: Volkstrauertag, Buß-und Bettag, Ewigkeitssonntag. Sie erinnern uns auch
daran, dass es noch ein nichtmenschliches Gericht gibt, das Gericht Gottes. Ja, ja, ich weiß: Daran zu erinnern, hat keinen Spaßfaktor. Aber es ist wichtig, weil es Jesus wichtig ist.
Lebenswichtig!
Bevor er in sein Leiden und Sterben geht, hinterlässt er sein "Testament". In Matthäus 25,
31-46 können wir es nachlesen, ein gutes Testament. Da steht, dass wir von Gott eines Tages nicht gefragt werden, ob wir
den richtigen Glauben gehabt haben oder ob wir moralisch einwandfrei gelebt haben. Gott misst uns mit dem Maßstab der
Menschlichkeit, die wir in den ganz alltäglichen Dingen leben können. "Was ihr getan habt einem von meinen geringsten Brü'
dern, das habt ihr mir getan", sagt Jesus. Im Weinen eines Kindes, in der Einsamkeit eines Fremden, in den Sorgen eines
Kranken, in der Aussichtslosigkeit eines Obdachlosen begegnen wir ihm, se· hen sein Gesicht, hören seinen Namen.
Nichts von dem, was wir tun oder lassen, ist egal. Was Gott von uns fordert, ist Menschlichkeit. Das ist doch eigentlich nicht
zuviel verlangt. Und wenn wir in unserem Leben diese Menschlichkeit leben, dann ist der, der am Ende über uns richtet, kein
Unbekannter mehr. Es ist Jesus Christus, der ja auch Mensch war und der weiß, wie es um uns Menschen steht. Dieser
Richter kennt uns. Es wäre doch schön, wenn er am Ende zu uns sagte: Wir kennen uns. Wir sind uns schon begegnet. Denn
was ihr meinen geringsten Brüdern und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.
Es stimmt: Wir können nicht die ganze Welt retten. Aber im jüdischen Talmud steht der schöne Satz: Wer nur ein einziges Leben rettet, der rettet die ganze Welt. Also: Es ist an-gerichtet!
An-Gedacht am 7. November 2009 - von Pfarrer Thomas Janetzki, Wingeshausen:
Innehalten, wenn die Glocken erklingen
Spätestens jetzt, wenn sich der Blick so langsam über Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag hinweg langsam schon auf Advent und Weihnachten richtet und man immer mehr innerlich
wie äußerlich in die alljährliche Abfolge von Planungen und Terminen gerät, steht mir unwillkürlich wieder das Bild eines Hamsterrades vor Augen. Warum? Weil, so, wie diese Tiere
darin nächtelang laufen, ohne wirklich vorwärtszukommen, es jedem und jeder von uns gehen kann, wenn wir es nicht schaffen, uns im Laufe eines Tages, einer Woche in der
kommenden Zeit Haltepunkte zu schaffen, Freiräume, in denen unsere Gedanken und unsere Hände einfach mal zur Ruhe kommen.
In unserer Kirchengemeinde Wingeshausen ist von verschiedener Seite der Wunsch geäußert worden, doch außer Samstagabend um 18 Uhr in Wingeshausen auch die Glocken noch
wieder täglich um 18 Uhr erklingen zu lassen. Die Gewohnheit, dass von den Glockentürmen zu einem oder mehreren festen Zeitpunkten am Tag die Glocken erschallen, hängt damit
zusammen, dass den Menschen, die ihr Tagewerk verrichteten, damit früher signalisiert wurde, dass es jetzt Zeit war, innezuhalten, einfach mal in ihren Mühen und Anstrengungen
eine Pause zum Gebet einzulegen.
Manchmal, so scheint es mir, ist das wirklich eine gute Möglichkeit, unser persönliches Hamsterrad einmal für ein paar Minuten anzuhalten, aus unserem Alltag zumindest für kurze
Zeit auszubrechen, uns einen Freiraum zu erkämpfen, in dem wir zur Ruhe kommen dürfen, im Gespräch mit Gott einmal unseren Tag Revue passieren zu lassen, das Wichtige vom
Unwichtigem zu trennen, unsere Gedanken zu sortieren ...
Wenn uns die Glocken unserer Kirchtürme den Weg zu solchen Haltepunkten weisen, umso besser! Denn wer nicht in der Lage
ist, auch in seinem Tagesablauf einmal in der Anspannung nachzulassen, wird irgendwann feststellen, dass der Bogen
überspannt ist, reißt oder bricht. Und ein paar Minuten täglich, in denen wir uns aus unserer Arbeit heraus zur Ruhe und zur
Besinnung rufen lassen, sollten wir schon übrig haben, sie uns sehr bewusst reservieren. Es lohnt sich ...
An-Gedacht am 31. Oktober 2009 - von Pfarrerin Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg:
Eine gute Störung zum Nachdenken
Es wird geklopft an diesem Tag, dem 31. Oktober. Angefangen hat jener berühmte Tür-und
Sprücheklopfer Martin Luther 1517 mit seinem Thesenanschlag an die Schlosskirche zu Wittenberg. Seit einigen Jahren sind auch unsere Türen an diesem Tag dran, selbst hier in
Wittgenstein. Geklopft oder besser geklingelt wird allerdings von ganz anderen Gestalten: kichernde Kinder verkleidet als Geister, Hexen, Monster oder sonstige Schauergestalten
begrüßen einen mit dem Ruf "Süßes oder Saures".
Während jener kluge Theologe damals mit seinem Klopfanschlag dazu aufforderte, über Gott, Glauben und Kirche nachzudenken und zu diskutieren, scheint die Forderung dieser jungen
Klopfgeneration sich auf Süßigkeiten und das freie Recht auf Zahnfäule zu beschränken. Und trotzdem klingelt es da irgendwie bei mir im Zusammendenken von beidem. Halloween und
Hallo Luther. Wenn jemand an der Tür klopft oder schellt, dann bin ich in dem, was ich sonst gerade tue, unterbrochen.
Der Ton von der Tür lässt mich aufhorchen, aufstehen, aufmachen. Eine gute Störung zum Nachdenken! Hier wird mit Angstgestalten gespielt und Gruseliges bewusst in Szene gesetzt.
Alles in allem harmlos und meist fröhlich. Dahinter stehen aber natürlich die Lebensängste von Kindern und Erwachsenen, die in ihrer Ungestalt viel schwieriger zu verkörpern sind:
Angst vor dem Bösen, dem Schuldig-zu-Sein, vor dem Nicht-geliebt-zu-Werden, vor Sterben und Tod.
Vor knapp 500 Jahren hat Martin Luther die Höllenängste der Menschen und ihr furchtsames Herzklopfen sehr ernst genommen. Es war sein Grundanliegen, hier eine tragfähige und
verlässliche Antwort des Glaubens zu geben. Durch die Wiederentdeckung des Evangeliums von der Rettung des Menschen
allein aus Gottes Gnade hat er den Menschen einen Weg aus der Angst gewiesen.
Nicht Angst und Furcht sollen ein Leben bestimmen, sondern das Vertrauen in den Allmächtigen und Barmherzigen, der uns
durch seine Zusagen und Verheißungen Mut macht zu diesem Leben, weil er für das ewige selbst ge.sorgt hat. Und genau das
feiern wir Evangelische an diesem Tag. Ein anderer Begriff für uns Evangelische ist ja der der "Protestanten", der tatsächlich
von "protestieren" kommt. Das bedeutet zweierlei: zum einen natürlich: widersprechen, Einspruch erheben gegen eine Sache,
einen Missstand; zum anderen -positiv gewendet -: für etwas einstehen, für etwas Zeugnis ablegen. Zeugnis geben von
unserer Hoffnung, von unserem Glaubensmut. Eine verlässliche Antwort für unsere Kinder zu haben, daran erinnert mich das
Klingeln und Klopfen der heutigen Spukgestalten. Das Gedenken an jene Klopfgestalt von vor einem halben Jahrtausend stellt die gleiche Frage.
Beides fordert uns auf, unseren Glauben abzuklopfen auf Missstände, die eigene Sprachfähigkeit im Glauben zu verbessern,
damit wir bezeugen können, was unser Trost ist im Leben, im Sterben und in allen Ängsten.
Wenn es also heute bei Ihnen klopft oder klingelt, lassen Sie sich auf gute Weise stören: Aufhorchen, aufstehen, aufmachen.
Und wenn Sie schon einmal dabei sind, dann lassen Sie 'sich auffordern, über Glauben, Gott und Kirche nachzudenken,
darüber zu reden und zu bezeugen. Protestanten tun das heute auch miteinander. An den Kirchentüren braucht aber niemand
zu klopfen oder zu schellen. Die stehen zu den Reformationsgottesdiensten offen. Ansonsten aber gilt: Es wird geklopft an diesem Tag.
An-Gedacht am 24. Oktober 2009 - von Pfarrer Horst Spillmann, Arfeld:
Was tun mit der gewonnenen Zeit?
"Statt in 50 Minuten können wir bei besser ausgebauten Straßen in 40 Minuten in Siegen
sein. Macht 10 Minuten Zeitgewinn."
Schön, aber was mache ich mit der so gewonnenen Zeit? -Warum wollen wir eigentlich immer schneller sein, immer mehr in die begrenzte Zeit hinein packen ? Wird unser Leben dadurch
reicher? Haben wir wirklich etwas gewonnen mit der Umstellung der Uhren auf die Sommerzeit/Winterzeit? Macht uns die Stunde, die wir morgen geschenkt bekommen, reicher
? Macht es unsere Kinder glücklicher, wenn sie noch früher eingeschult oder wenn sie in acht statt in neun Jahren durchs Gymnasium geschleust werden?
Schenkt es dem alten Menschen ein erfüllteres Leben, wenn trotz seiner Krankheit zum Tode für ihn noch mannigfache medizinische Maßnahmen ergriffen werden, um sein Leben ein paar
Tage zu verlängern? Müssen wir alles raus pressen und das Maximum an Arbeitsleistung, Profit generieren -und deshalb auch noch sonntags die Geschäfte öffnen? Müssen wir die
Preise immer weiter drücken, bis der, der uns etwas verkauft, gar nicht mehr davon leben kann?
Was treibt uns an? Ja, gewiss, meistens das Geld -irgendwie mehr Geld zu bekommen oder im Portemonnaie zu behalten. Aber ich sehe noch etwas anderes dahinter: Es ist die Urangst in
der doch sehr begrenzten Lebenszeit etwas zu verpassen, zu kurz zu kommen und damit auch an Wert zu verlieren. "Das Leben hier muss es bringen -danach kommt ja nichts mehr!"
so das Motto.
Nun, wenn man Kernaussagen des christlichen Glaubens ernst nimmt, kann man diesem Maximierungswahn nicht mehr folgen.
Eine dieser Kernaussagen lautet: Unser Leben hier ist nicht das einzige, es kommt etwas unvergleichlich Größeres: Ewiges
Leben, uns geschenkt durch den Tod Jesu Christi. Demzufolge kann ich das Leben hier durchaus gelassener angehen. Der
Mensch braucht nicht mehr so sehr auf Zeitmaximierung bedacht zu sein, sondern darauf, verantwortungsvoll mit seiner
begrenzten Zeit umzugehen, damit er geistig, seelisch und körperlich gesunden kann.
Und dann noch eine andere Kernaussage: Ich habe meine Würde nicht in der Leistung oder im angesammelten Wohlstand.
Was sollen denn auch die vorweisen, die beispielsweise als Schwerstbehinderte oder Schwerstkranke praktisch keine ökonomisch verwertbare Leistung erbringen können?
Wir Menschen haben unsere Würde und damit unseren Wert darin, dass wir einfach Gottes Geschöpfe, zu seinem Ebenbild
erschaffen sind, ja mehr noch -dass wir Gottes Kinder sind! "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei
deinem Namen gerufen; du bist mein!" so spricht Gott durch den Propheten Jesaja (Kap. 43,1). "Weil ich dich liebe", sagt Gott
, "kannst du ein gesundes Maß für dein Leben finden, brauchst du keine Angst zu haben, im Leben zu kurz zu kommen. Du bist
auch vom Zeitdruck erlöst. Du darfst dir Zeit nehmen, darfst zur Ruhe kommen. Und hier wirst du erfahren, dass ich dir noch mehr zu sagen habe, wie du dein Leben gut ordnen kannst."
Unsere Chance: Herbst und Winter sind im Blick auf die Natur in besonderem Maße Ruhezeiten -wie reich würden wir, wenn
wir dem auch in uns Raum gäben, um uns von Gott ein neues Zeitmaß schenken zu lassen!
An-Gedacht am 17. Oktober 2009 - von Pfarrer Wolfgang Pianka, Feudingen:
Nur was im Herzen verankert ist, vollzieht sich auch in der alltäglichen
Lebensgestaltung
"Im Gegensatz zum Tier sagen dem Menschen keine Instinkte, was er tun muss; und dem
Menschen von heute sagen keine Traditionen mehr, was er soll; und oft scheint er nicht mehr zu wissen, was er will."
Das Thema Werte beschäftigt zunehmend Politiker, Wissenschaftler und Pädagogen. Während die einen vom Werteverfall sprechen, sehen andere lediglich einen Wertewandel.
Wer bestimmt, weIche Werte verbindlich sind und welche nicht? Die Antwort in unserer gegenwärtigen Gesellschaft lautet: die Gesellschaft selbst. Oder sagen wir es noch
deutlicher: der einzelne Mensch.
Werte sind nur insofern und solange gültig wie es Menschen gibt, die diese Werte anerkennen und nach ihnen leben.
In den Krisen des Lebens und der Gesellschaft merken wir, dass das menschliche Leben nicht ohne Grundwerte und Normen auskommt. Solche Grundwerte oder Grundnormen sind aus
christlicher Sicht die 10 Gebote. Sie regeln das Verhalten des Menschen Gott gegenüber und gegenüber den Mitmenschen. Sie sind unverrückbare, unverzichtbare Lebenshilfen. Die
Gebote Gottes sind Lebensgebote, die uns Menschen Orientierung und Wegweisung geben.
Grundwerte, die heute als unverzichtbar angesehen werden, Leitnormen, die im Miteinander gelten, muss es geben. In Umfragen werden genannt: Würde und Freiheit des Menschen,
Gleichberechtigung, Rücksichtnahme, Fairness, soziales Verhalten, Hilfsbereitschaft, Solidarität, Mitmenschlichkeit, Friedensbereitschaft, Vorurteilsfreiheit, Sachlichkeit,
Wahrhaftigkeit, Zuverlässigkeit, Mut, Selbstdisziplin, Verantwortlichkeit, Offenheit für Sinnfragen, u.a.m.
Wenn wir die 10 Gebote mit den genannten Werten vergleichen, stellen wir fest, dass alle in den 10 Geboten enthalten sind.
In 1. und 2. Gebot wird die Stellung des Menschen vor Gott angesprochen, seine Würde und Personalität. Vor Gott sind alle
Menschen gleich und in der Bindung an Gott besteht seine Freiheit. Dieses Gebot bewahrt den Menschen vor Selbstvergätzung und Absolutsetzung der Vernunft.
Menschliches Leben wird im Gebot der Sonntagsheiligung nicht von der Arbeit her definiert. Es gibt noch höhere Werte als
Arbeit. Der Mensch braucht auch Zeiten der Besinnung, Neuorientierung und Erholung. In der Feiertagsheiligung sind
Lebensqualität, Gemeinwohl, Friedensbereitschaft, Verantwortlichkeit und Offenheit für Sinnfragen enthalten.
Ob ein Mensch an bestimmten Werten festhält oder sie wieder aufgibt, hat nicht in erster Linie mit dem Denken zu tun,
sondern mit dem Gemüt. Die Bibel spricht vom Herzen. Werte, die ein Leben lang Bestand haben sollen, haben ihren Sitz im
Herzen bzw. im Gemüt. Das Gemüt ist ein Verbund von Denken, Fühlen, Erkennen, Interessen, Liebeskräften, Glauben,
Vertrauen. Nur was im Herzen verankert ist, vollzieht sich auch in der alltäglichen Lebensgestaltung.
Brauchen wir nicht mehr Herz und Herzlichkeit in unserem Leben? Zeigen' wir unser Herz, indem wir Verantwortung füreinander
über: nehmen. "Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst."
An-Gedacht am 10. Oktober 2009 - von Schulpfarrer Henning-Albert Debus:
Haus der Hoffnung, Haus des Aufbruchs
Mitte August 2009. Leipzig. Ich stehe in der Nikolaikirche. Ein paar Besucher sitzen auf den
Bänken, ein paar stehen vor dem Altar, zwei Kinder betrachten neugierig das Taufbecken. Es ist still. Selbst der Alltagslärm der Großstadt ist kaum zu hören. Ich schließe die Augen, und
sofort sehe ich die Bilder vor mir, die vor genau 20 Jahren von hier aus um die Welt gingen.
Weit mehr als 2000 Menschen, Christen und Nichtchristen, Junge und Alte, hatten sich hier am 9. Oktober 1989 zum Friedensgebet versammelt. Hinzu kamen noch etwa 1000 Mitglieder
des DDR-Staatssicherheitsd ienstes. Sie sollten den staatlichen Druck auf die Versammelten verstärken. In den Seitenstraßen rings um die Kirche standen Militär und Polizei einsatzbereit
, und in der Kirche hörten Christen und Nichtchristen die Frohe Botschaft von Jesus Christus, der die Friedensstifter selig preist.
Als dann die Menschen nach dem Segen die Kirche verließen, warteten dort schon Zehntausende auf sie zum Demonstrationszug für Frieden, Freiheit und Demokratie durch die
Stadt. ~ie hatten Angst vor der Gewalt der Staatsmacht. Doch sie hatten Kerzen in den
Händen. Kerzen gegen Gewehre! Der Geist der Gewaltlosigkeit, der Geist Jesu erfasste die Menschen. Armee, Polizei und
Staatssicherheit zogen sich zurück. Kein einziger Schuss fiel, keine einzige Schaufensterscheibe ging zu Bruch. Einer der DDR
-Verantwortlichen sagte später: "Wir hatten alles geplant. Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete."
Das alles geht mir in der Nikolaikirche durch den Kopf. Die friedliche Revolution in der DDR nahm hier und in vielen anderen
Kirchen ihren Anfang. Das alles geschah vor 20 Jahren. Die DDR wurde nur 40 Jahre alt, die Nikolaikirche ist 800 Jahre alt.
Zurück auf der Straße, schaue ich mir noch einmal die Fassade an und denke: Jedes Kirchengebäude, auch unsere schönen
Wittgensteiner Kirchen, haben eine Zukunft, wenn wir sie als Häuser der Hoffnung, Häuser des Aufbruchs, als Häuser des Auferstandenen mit Leben füllen.
Gott sei Dank dürfen wir seit 19 Jahren im vereinigten Deutschland in einer Demokratie leben. Die ganze Welt hat sich durch
die Ereignisse von 1989 verändert. Unsere Herausforderungen heute sind andere. Und doch gilt nach wie vor die Botschaft
Jesu, der sagt: "Ihr seid das Salz der Erde; ihr seid das Licht der Welt!"
An-Gedacht am 27. September 2009 - von Superintendent Stefan Berk, Erndtebrück:
Die Chance nutzen, dass die Uhren anders ticken
Am Anfang kam ich überall zu spät. "Entschuldigung, ich habe den Weg zu Ihnen nicht richtig
eingeschätzt," musste ich dann sagen. Inzwischen bin immer noch nicht immer pünktlich, aber das hat andere Gründe. Die Straßen in Wittgenstein müssen jedenfalls dafür nicht mehr
herhalten.
Vor einer Woche hatten wir hohen Besuch, der Präses der Westfälischen Kirche, Alfred Buß, hat sich einen ganzen Tag lang in Wittgenstein aufgehalten. Da versucht man natürlich, gut
dazustehen und auch ein bisschen Eindruck zu machen. Schließlich soll der Gast aus Bielefeld ja einen Kirchenkreis sehen und erleben, in dem es sich lohnt zu leben.
Über viele Dinge haben wir in diesen Stunden gesprochen: über die wachsende Armut in Familien auch in unseren Dörfern, über die Herausforderungen der Kindertageseinrichtungen
und Familienzentren, über die Entwicklung in den Kirchengemeinden und die Pfarrstellensituation. Aber zwischen diesen wichtigen Gedanken ist mir ein Satz des Präses
besonders hängen geblieben: "Die Uhren in Wittgenstein gehen wirklich anders als in Bielefeld."
Wer nach Wittgenstein kommt, muss Zeit mitbringen. Die Termine kann man nicht im Stundentakt machen. Schon die Wege
zwischen Bad Berleburg und Bad Laasphe und Erndtebrück sind so weit, dass man sich überlegen muss, ob die Fahrt jetzt
wirklich sinnvoll ist oder nicht. Und erst recht, wenn man von Bielefeld kommt. Mal eben eine Stippvisite, mal eben zu einem
Kaffee nein, das geht nicht. Ein Besuch braucht einen ganzen Tag - einschließlich einer Nacht. Die Zeit muss sein.
Natürlich war die Woche mit all der Vorbereitung stressig. Aber der Präses hat mich noch mal darauf aufmerksam gemacht,
dass es für uns vielleicht auch eine Chance ist, dass die Uhren anders ticken, dass wir mit unserer Zeit gemächlicher umgehen
müssen. Alle Zeit ist ja letztlich Lebenszeit, die sich nicht wiederholen lässt. Ein gutes Gespräch, für das ich mir zwei Stunden
Zeit nehme (oder lasse?), kann am Ende viel wertvoller sein als vier Termine, zu denen ich nur hetze und bei denen ich schon nach fünf Minuten anfange auf die Uhr zu schauen.
"Alles hat seine Zeit", ist ein altes biblisches Motto, nachzulesen in den Sprüchen Salomos. Da steckt eine große Weisheit drin
. Mir scheint, dass darin eine der Wittgensteiner Stärken liegt, sich Zeit zu lassen, das hier und jetzt zu tun, was dran ist - und sich dafür auch "richtig" Zeit zu nehmen.
Ich habe das auch nach elf Jahren immer noch nicht "drauf'. Aber man bleibt ja lernfähig, sagen die Experten. Vielleicht
komme ich ja eines Tages auch noch hinter das Geheimnis der "Wittgensteiner Zeitrechnung" und brauche dann keine Entschuldigungen mehr ...
An-Gedacht am 19. September 2009 - von Pfarrerin Simone Conrad, Birkelbach:
Nicht jeder macht am Sonntag Baustopp
Unser fünfjähriger Sohn hat die Angewohnheit, die tiefschürfenden Fragen des lebens auf der Bettkante zu klären.
So auch neulich, Sonntagabend: Julius hatte den Vormittag bei seiner innig geliebten Patentante mit Familie verbracht. Da er dort ein Kinder-Gartenhaus bauen und selbst die
Bohrmaschine schwingen darf, ist er von seiner "Baustelle" kaum wegzubekommen. "Was gibt
es denn Neues von deinem Hausbau?", frage ich abends. Mürrisch antwortet mein Sohn:
"Nichts. Heute war Baustopp." "Aha", sage ich, "bestimmt, weil heute Sonntag ist." "Ja, das
hat Ingeborg gesagt. Du Mama, warum ist Sonntag Baustopp?"
Und dann hat Mama Luft geholt und angefangen zu erklären: "Du weißt doch, dass Gott die
Welt geschaffen hat?" "Ja, die Welt und die Tiere und die Menschen. Und das Weltall." "Okay
, und als Gott alles geschaffen hatte und gesehen hatte, dass alles gut war, und er die Menschen gesegnet hatte, da hat Gott sich ausgeruht. Und er hat uns Menschen gesagt,
dass auch wir einen Tag in der Woche freihalten sollen von der Arbeit, uns ausruhen und an ihn denken. Das ist der Sonntag und deshalb ist Sonntag Baustopp."
Pause - und ich wiegte mich schon in dem Gefühl, alles zur Zufriedenheit beantwortet und geklärt zu haben. Da hatte ich die
Rechnung ohne mein Kind gemacht: "Und warum ist der Sonntag an einem Sonntag und nicht an einem Dienstag?" Moment
-jetzt musste ich meine Gedanken sortieren. "Du meinst, warum ausgerechnet am Sonntag Ruhetag sein soll?" "Ja, schließlich
kann ich auch am Dienstag an Gott denken und mich ausruhen."
Wo er Recht hat, hat er Recht. Aber Muttern hat ja nicht umsonst Theologie studiert: "Der Sonntag ist an einem Sonntag und
nicht an einem Dienstag, weil sich seit zweitausend Jahren die Menschen am Sonntag an die Auferstehung von Jesus erinnern
und deshalb feiern." "Und deswegen ist Sonntag sonntags und nicht dienstags?" "Genau."
Puh, geschafft. Licht aus, einschlafen. Aus der Dunkelheit: "Aber manche Menschen machen sonntags keinen Baustopp." Tja,
jetzt wird es wahrhaftig kompliziert. "Manche Menschen haben Berufe, die immer im Einsatz sind, weil wir sie brauchen: Ärzte
zum Beispiel", versuche ich eine Erklärung. "Oder Feuerwehrmänner", ergänzt Julius. "Aber Mama, es gibt auch Leute, die sind
nicht Arzt oder bei der Feuerwehr und die machen trotzdem keinen Ruhetag und denken an Gott."
Was sollte ich sagen? Wir leben in einer hektischen Zeit, oft ist der Alltag geprägt von Fülle und Arbeit und Stress und Hetze.
Und ich habe den Eindruck, dass für viele Menschen die Zeit für Gott dann ein zusätzlicher Termin ist, den sie sich nicht auch
noch aufhalsen möchten, weil er dann Zeit an einer anderen Stelle stehlen könnte: Zeit für Sport oder Zeit für die Familie.
Ich persönlich erlebe das anders. Ich erlebe, dass Zeit für Gott auch Zeit für mich ist. Zeit zum Atemholen, Zeit, nicht im
Laufrad mitzulaufen, sondern wirklich zur Ruhe zu kommen. So habe ich Julius auch geantwortet: "Vielleicht haben diese
Menschen noch gar nicht entdeckt, wie wichtig Auszeit ist und wie gut es Gott mit uns Menschen gemeint hat, als er den Sonntag zum Ruhetag gemacht hat."
Diesmal kam keine Frage mehr. Unser Sohn war eingeschlafen - und ließ eine nachdenkliche Mutter zurück.
An-Gedacht am 12. September 2009 - von Pfarrerin Ursula Groß, Klinikseelsorge in Bad Fredeburg:
Die Kraft kommt aus den Wurzeln: Lebenswille,
Stärke und Hoffnung
Morgen findet um 10 Uhr ein ökumenischer Gottesdienst beim Forsthaus Hohenroth statt
-mitten im Wald -unter Bäumen.
Ich liebe Bäume. Sie faszinieren mich immer wieder, und zwar nicht nur die schönen, gerade gewachsenen Bäume mit ihren vollen Kronen, sondern gerade auch die anderen -die krummen
und schiefen Bäume, die alten und knorrigen und die verletzten, von vielerlei Wunden gezeichneten Bäume. Gerade sie faszinieren mich in ihrem lebenswillen, in ihrer Stärke, in der
Hoffnung, die sie verbreiten.
Ich erinnere mich da besonders an einen Baum, den ich vor vielen Jahren im Hof des Klosters St. Odile im Elsaß entdeckt habe. In einer Reihe von Bäumen war er mir sofort aufgefallen.
Seine Krone war rund und voll, seine Blätter leuchteten im Sonnenlicht, und sein Stamm stand gerade gewachsen und glatt da. Es war ein wunderschöner Baum, aber als ich um ihn
herumging, sah ich: Auf seiner Rückseite war der Stamm fast vollständig ausgehöhlt und die Krone wie abgeschnitten.
Es war unglaublich, dass dieser Baum -so wie ich ihn jetzt sah -überhaupt noch lebte und dass er so noch lebte -so leuchtend, so gerade, so stark. Aber es war so trotz der tiefen
Aushöhlung lebte dieser Baum und sah wunderschön aus. Die Aushöhlung hatte seinem leben nichts anhaben können, denn die Wurzeln dieses Baumes waren fest mit der Erde verbunden.
Sie gaben dem Baum Halt und versorgten ihn ausreichend mit Wasser und Nahrung. Aus den Wurzeln nahm er seine Kraft. Durch sie lebte er.
Gesegnet ist der Mensch, der sich auf den Herrn verlässt und dessen Zuversicht der Herr ist, sagt der Prophet Jeremia. Der
ist wie ein Baum am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hinstreckt. Sommer und Hitze und Dürre können ihm nichts
anhaben. Er bringt ohne Aufhören Früchte. Der Mensch wie ein Baum, schön und gerade gewachsen, mit einer Krone, die im
Sonnenlicht leuchtet. Aber auch mit Verletzungen und Aushöhlungen, vor denen das leben nicht schützt.
Ich denke, jede und jeder kennt solche Verletzungen und Aushöhlungen, die ganz unterschiedlich aussehen können. Der
Verlust der Heimat eine Krankheit, die das ganze Leben verändert -der Tod eines lieben Menschen -Zerwürfnisse in der Familie
oder im Freundeskreis können dazu gehören. Das Leben schützt nicht vor solchen Verletzungen und Aushöhlungen -weder in
der Kinder-und Jugendzeit noch im Erwachsenenalter und auch nicht im Älter-und Altwerden.
Aber der Prophet Jeremia sagt, wo wir in diesen Zeiten Hilfe finden: Gesegnet ist der Mensch, der sich auf den Herrn verlässt.
Der ist wie ein Baum am Wasser gepflanzt, der seine Wurzeln zum Bach hinstreckt. Bei Gott findet der Mensch Hilfe. Alle
Verletzungen, alle Wunden und Aushöhlungen können ihm nicht das Leben nehmen, solange seine Wurzeln in Gott liegen. In
ihm findet der Mensch Nahrung und Wasser, in ihm findet er Halt und Stütze und -die Kraft zum Leben -eine Kraft, die
Verletzungen und Aushöhlungen nicht zukittet, sondern die sie heilen und stehen lassen kann und gerade darin den Menschen
wunderschön und faszinierend werden lässt -so schön und faszinierend wie "meinen" Baum Klosterhof St. Odile.
Vielleicht haben auch Sie so einen Baum, der Ihnen zum Bild für das liebevolle, zugewandte und heilende Handeln Gottes
geworden ist und Ihnen geholfen hat, sich in ihm zu verwurzeln. Ich wünsche Ihnen jedenfalls feste Wurzeln in Gott, dass sie
aus dem Halt, den er gibt, und aus seiner Kraft zu allen Zeiten des Lebens leben können.
An-Gedacht am 5. September 2009 -
von Pfarrer Michael Becker, Öffentlichkeitsreferent im Kirchenkreis:
Visitation als Zeichen der
Wertschätzung der Mitarbeiter
Schölers und Hartmanns verabreden sich für Sonntagnachmittag. "Wenn ihr nach dem Kaffee kommt, dann könnt ihr zum Abendessen wieder zu Hause sein", sagt Christine Schöler zu
ihrer Schwägerin Marianne. Klare Ansage: an eine Bewirtung ist nicht zu denken. Eine freundliche Einladung hört sich anders an, das verwandtschaftliche Verhältnis gestaltet sich
augenscheinlich auf geringem Niveau. Der Besuch ist offenkundig nicht mehr als eine Pflichtübung.
Im Kirchenkreis Wittgenstein soll das künftig anders sein. Eine alte Tradition wird neu belebt: die Visitation, zu deutsch: der Besuch einer Kirchengemeinde durch eine Abordnung des
Kirchenkreises.
Entweder bittet eine Kirchengemeinde um eine Visitation und lädt den Kirchenkreis ein oder der Kirchenkreis tritt von sich aus
an eine Gemeinde heran, weil er eine Visitation für erforderlich hält.
Ist die Visitation verabredet und zeitlich festgelegt, so bildet der Kreissynodalvorstand ein Team, das von dem
Superintendenten geleitet wird und dem weitere Mitglieder des Kreissynodalvorstandes sowie fachkundige Gemeindeglieder
aus dem Kirchenkreis angehören. Dieser Personenkreis wird nach der Frage ausgesucht, welche Schwerpunkte in der zu
besuchenden Gemeinde vorhanden sind und welche Kompetenzen im Visitationsteam vorhanden sein müssen.
Eine Visitation beginnt mit einem sonntäglichen Gottesdienst und dauert in der Regel eine Woche. Dann beginnen die Besuche
in der Gemeinde. Vom Kindergottesdienst, der Jungschar und dem Jugendkreis geht das Besuchsteam in die Frauen-und
Seniorenkreise, nehmen an einer Presbyteriumssitzung teil, erkundigen sich nach dem Stand der Kirchenmusik, fragen nach
den ökumenischen Beziehungen vor Ort und beschäftigen sich mit dem Verhältnis von Kirchengemeinde und Kommune.
Aber auch so scheinbar "äußerliche" Dinge wie der Zustand von Kirche, Pfarrhaus und Gemeindehaus oder Kindergarten
werden in den Blick genommen, genauso die Verwaltung und die wirtschaftlichen Verhältnisse der Gemeinde. Am wichtigsten
aber sind vermutlich die Menschen: die wenigen hauptamtlichen und die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter, ohne die das Leben
einer Kirchengemeinde nicht nur ärmer, sondern gar nicht möglich wäre.
Ganz oben auf der Tagesordnung einer Visitation steht, diesen Menschen für ihren Einsatz zu danken und ihrer Arbeit
Wertschätzung entgegenzubringen. Das schließt nicht aus, dass der Blick von außen gelegentlich hilfreich sein kann, auch
Verbesserungsvorschläge zu machen. Es gilt ja, das Zeugnis und den Dienst einer Gemeinde zu stärken. Denn die Kirche lebt, wenn die Gemeinden leben.
So ist also eine Visitation kein obrigkeitlicher Kontrollbesuch oder ein kirchenaufsichtlicher Eingriff in das Leben einer Gemeinde
, sondern ein geschwisterlicher Besuch. Dabei geht es zu wie bei der Entstehung eines guten Ölgemäldes: Gelegentlich muss
der Maler ganz dicht an seine Staffelei herantreten, um eine Winzigkeit zu korrigieren. In anderen Situationen tut er gut daran
, einige Schritte zurückzutreten, weil er erst aus dem Abstand heraus die ganze Komposition seines Bildes überblicken kann.
Der Blickwinkel derer, die immer ganz dicht dran sind, wird ergänzt durch die Sichtweise derer, die nicht aus der Distanz, wohl
aber aus größerem Abstand heraus eine Gemeinde betrachten. So hat es schon Apostel Paulus gehalten, der mit den von ihm
gegründeten Gemeinden nicht nur in brieflichem Kontakt blieb, sondern sie nach Möglichkeit besuchte. Und so soll es in den
kommenden Jahren auch in Wittgenstein geschehen. Den Anfang macht Raumland: Die Kirchengemeinde hat den Kirchenkreis zu einer Visitation eingeladen. Diesen Monat geht es los.
Und anders als beim Treffen der Familien Schöler und Hartmann wird man auch beieinander sitzen und gemeinsam essen und trinken.
An-Gedacht am 29. August 2009 - von Pfarrer Dr. Ralf Kötter, Lukas-Gemeinde:
Vermeintliche Geborgenheit:
Es bröckelt an allen Ecken und Enden
Wenn an diesem Wochenende das Dorf Elsoff sein 9S0-jähriges Jubiläum mit einem
Stehenden Festzug feiert, dann werden sich Besucherinnen und Besucher mit eigenen Augen davon überzeugen können, wie sehr sich das Leben im Laufe der Jahrhunderte verändert hat
. Angefangen bei der Kleidung über die Werkzeuge und Maschinen bis hin zu den Lebensgewohnheiten und Sitten -überall wird eines deutlich: die einzige Konstante des Kosmos ist der Wandel.
Wir aber wiegen uns heute nur allzu gerne in der vermeintlichen Geborgenheit des Vertrauten. Gerade in Wittgenstein neigt mancher zur Beschwichtigung: Man sei doch zukunftsfähig,
wenn nur alles beim Alten bliebe.
Aber das ist ein gefährlicher Trugschluss, denn in vielen Bereichen greifen die alten Strukturen nicht mehr: Ehen und Partnerschaften, Zusammenhalt der Familien, Erziehung und
Bildung der Kinder und Jugendlichen, ein würdiges Leben im Alter, Leistungsfähigkeit der Vereine und Dorfgemeinschaften -wo man auch hinschaut: es bröckelt an allen Ecken und Enden.
Deshalb brauchen wir eine neue Wachsamkeit. Das Gewohnte muss hinterfragt werden. Das Eingespielte muss aufgemischt
werden. Abschiede von Vertrautem werden nötig sein. Kreativität und Phantasie sind gefragt. Wir brauchen Ideen. Wir
brauchen Begeisterung und Engagement. Wir brauchen Netzwerke des Lebens, runde Tische, an denen alle gesellschaftlichen Kräfte gebündelt werden.
Diesen Mut zur Beweglichkeit lehrt uns ein Blick in den Wandel der Vergangenheit. Aber als Christen wissen wir darüber
hinaus: In den mutigen Aufbrüchen manifestiert sich auch der Segen Gottes. Die Bibel ist getränkt mit diesem Zeugnis: Mache dich auf und werde Licht -so heißt es beim Propheten Jesaja.
Noah hat die Zeichen der Zeit erkannt und ist tätig geworden, auch wenn die anderen ihn belächelt haben.
Abraham hat sich auf ungewohntes Terrain begeben und Vertrautes hinter sich gelassen.
Mose ist dem Ruf in die Freiheit gefolgt und hat die vermeintlichen Fleischtöpfe Ägyptens aufgegeben.
Und schließlich hat Jesus Christus selbst dazu ermutigt, alles stehen und liegen zu lassen und mit dem Leben ganz neu zu beginnen.
Gerade in unseren Kirchen und christlichen Gemeinden dürfen wir uns deshalb nicht ängstlich hinter Traditionen verschanzen,
sondern gerade wir dürfen selbst Mut haben und müssen anderen Mut machen: Mut zu Abschieden und Mut zu Aufbrüchen.
Denn wir wissen doch um die belebende Kraft des Geistes Gottes, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte zieht. Wir
sind nicht die Bewahrer der Asche vergangener Zeiten, sondern wir müssen das Feuer der Begeisterung und des Lebens neu entfachen.
Wir müssen Vorreiter sein, um auch andere zum Wandel zu ermutigen.
Damit macht man sich nicht unbedingt Freunde -auch und gerade nicht in den eigenen Reihen. Aber damit trägt man dazu bei, dass der Glaube glaubwürdig und das Leben lebenswert bleiben.
An-Gedacht am 22. August 2009 - von Pfarrer Herbert Siemon, Erndtebrück:
Über den eigenen Schatten springen und
vergeben
Vor kurzem las ich diese Geschichte: Der junge Mann im Zugabteil wirkte nervös und fahrig.
Irgendwie kam er mit seinem Gegenüber ins Gespräch. Er hätte gesessen, vor ein paar Jahren eine große Dummheit begangen und wäre so im Gefängnis gelandet. Seine Eltern seien
rechtschaffene Leute und damals zutiefst getroffen. Ausgerechnet ihr Sohn! Besucht hätte sie ihn nie, nur ab und zu einen Gruß geschrieben. Trotzdem hoffte er, sie würden ihm verzeihen.
Er hatte ihnen geschrieben und gebeten, sie mögen ihm ein Zeichen geben. Sie sollten in den großen alten Apfelbaum kurz vor der Stadt neben den Geleisen ein gelbes Band binden, wenn
sie ihm verziehen hätten. Wenn Sie ihn aber nicht sehen wollten, brauchten Sie gar nichts tun, dann würde er einfach weiterfahren, irgendwo hin.
Als der Zug sich dem Ort näherte, wurde der Druck für ihn unerträglich. Er traute sich nicht mehr aus dem Zug zu schauen. So versprach der Mitfahrer, auf den Baum zu achten, und
dann sah er ihn auch schon: Der ganze Baum über und über behängt mit gelben Bändern. Alles ok, sagte er zu dem jungen Mann, schauen Sie selbst.
Er sah aus dem Fenster. Er hatte Tränen in den Augen. Es war wie ein Wunder. Es ist ein Wunder, noch einmal neu beginnen zu können, auch mitten im Leben.
Vielleicht sind Sie gerade an einer solchen Stelle Ihres Lebens. Auf den gewohnten Bahnen will es nicht weitergehen. Sie
müssen neue Schritte wagen. Vielleicht brauchen Sie nur den Mut, jemanden um Verzeihung zu bitten. Tun Sie es. Sie
beweisen damit Stärke und "vergeben" sich nichts dabei. Das muss Ihr Gegenüber tun. Und selbst wenn er oder sie es nicht
und würde, Gott vergibt. Lassen Sie sich ei nfach darauf ein.
Vielleicht sind Sie aber auch derjenige, der einem an: deren Menschen eine neue Chance geben könnte. Dann prüfen Sie, ob
es Ihnen möglich wäre. Wer unversöhnlich bleibt, scheint Gradlinigkeit zu verkörpern, und natürlich gibt es Dinge, die man
nicht verzeihen kann aber es kann auch eine Schwäche sein, nicht vergeben zu können oder nicht vergeben zu wollen. Gott
ist da zum Glück ganz anders. Er verzeiht. Von ihm können wir lernen. Im Psalm 18 heißt es einmal: "Mit meinem Gott kann ich
über Mauern springen", manchmal sogar über den eigenen Schatten. Und einen Versuch wäre es doch wert, oder?
Noch einmal neu beginnen können... Gott gestattet es uns. Ist das nicht wunderbar?!
An-Gedacht am 15. August 2009 - von Pfarrerin Simone Conrad, Birkelbach:
Die Freude, die wir schenken, kehrt ins
eigene Herz zurück
Ferienzeit ist Reisezeit. Unsere Familie hat es in diesem Jahr nach Irland gezogen -vierzehn
Tage in einem Land von überwältigender landschaftlicher Vielfalt und Schönheit. Neben den Erfahrungen von dem für Irland typischen und reichhaltigen Regengüssen habe ich vor allem
Eindrücke eines unglaublich gastfreundlichen Volkes mit nach Hause genommen.
Unvergessen jener Abend. als wir in der Dunkelheit umherirrten und unser Übernachtungsquartier nicht wiederfanden... Eine Karte hatten wir natürlich nicht dabei, uns
sollte ja das Navigationsgerät im Auto leiten.
Schade, dass das Navi mit der Anschrift in Killarney nichts anfangen konnte. So standen wir also in finsterer Nacht auf einem Parkplatz, der definitiv nicht zu unserem Quartier gehörte
und waren nicht nur orientierungs-, sondern auch ratlos... Ich frag' mal den Herrn in dem Auto da vorne...... sagte mein Mann und stieg aus.
Wir beobachteten im Folgenden ein angeregtes und etwas längeres Gespräch. Nach fünf Minuten begann ich mich zu wundern: So lange dauert eine Wegbeschreibung? Nach
weiteren fünf Minuten kam mein Mann zwar immer noch nicht mit einer Wegbeschreibung. dafür mit einer Erfahrung irischer Hilfsbereitschaft zurück.
Der nette Herr aus dem anderen Wagen war auch nicht einheimisch, dafür aber unbedingt gewillt. uns zu helfen. Und nachdem sein Navi auf Anfrage genauso versagt hatte wie
unseres, hat er einfach die Polizei angerufen, um nach dem Weg zu fragen.
Dabei hat er nicht etwa eine Schimpfkanonade, sondern eine ausführliche, freundliche Beschreibung geerntet, Motto: Die Polizei, dein Freund und Helfer.
Eigentlich hätte er uns mit dieser Beschreibung nun auf die Piste schicken können, aber weit gefehlt. Er fuhr mit seinem Auto
vor uns her und geleitete uns sicher bis zu unserer Pension. Dort gab es nochmals ein Pläuschchen und auf unseren Dank kam die Antwort: Es war ihm eine Ehre und ein Vergnügen.
Mir hat dieses Erlebnis in verschiedenster Hinsicht zu denken gegeben. Nicht nur, dass man das Motto aufstellen möchte: .
.Vertrau lieber deinem Nachbarn als deinem Navi!" Mich hat die Offenheit und Freundlichkeit, mit der die Iren Fremden
begegnen. sehr beeindruckt und bisweilen habe ich mir die Frage gestellt: Wäre das in Deutschland wohl auch so passiert?
Wir sind ja oft eher zurückhaltend. misstrauisch, bequem oder der Ansicht: Die sind die Gäste, die sollen sich anpassen.
Die Bibel sagt dazu: Darum sollt auch ihr die Fremden lieben.lhr habt ja selbst in Ägypten als Fremde gelebt. Ein weises Wort,
dass uns daran erinnert, dass auch wir oft genug Gäste sind und auf Gastfreundschaft und Hilfe angewiesen. Und nicht nur
das: Ich erlebe an mir, wie schön es ist, helfen zu können. Wenn ich menschenfreundlich mit anderen umgehe, trifft deren
Lächeln auch mein Herz. Wie heißt es so schön im Volksmund: Die Freude, die wir schenken. kehrt ins eigne Herz zurück.
In Irland haben wir mit vielen Menschen gelacht oder gelächelt. Warum nicht auch hier?
An-Gedacht am 8. August 2009 - von Superintendent Stefan Berk, Erndtebrück:
Über die kleinen Dinge des Lebens
Mücken sind eine Plage. Eine einzige von ihnen lässt mich nicht einschlafen. Sobald ich
dieses feine und leise Sirren höre, bin ich hellwach. Die Vorstellung, die Mücke könnte mich stechen, raubt mir den Schlaf.
Am Bodensee war es besonders schlimm. Kein Gedanke daran, die warmen Sommerabende in einem der gemütlichen Biergärten zu verbringen. Kurz nach Sonnenuntergang flohen die
Gäste regelrecht in die Gaststube. Am ersten Abend habe ich noch gute Miene zum bösen Spiel gemacht -aber als das am Tag danach wieder los ging, war mein alter Hass auf diese
Tiere wieder da.
"Nu mach mal aus einer Mücke keinen Elefant!" Die Leute, die keine Mücken im Schlafzimmer haben, können leicht reden -und friedlich schlafen. Ich dagegen glaube, dass aus einer
Mücke sehr wohl ein riesiges Monster werden kann, das mich nervt und bedroht. Und wenn es dann sogar ganze Schwärme dieser Viecher sind, die nur auf die Dämmerung warten,
damit sie sich endlich auf die armen Menschen stürzen können -also, da möchte ich die Zeitgenossen sehen, die dann noch freundlich dieses Sprichwort zitieren!
Inzwischen sitze ich in meinem mückenfreien Haus. Im Rückblick auf den Urlaub kam mir das mit den kleinen Monstern
irgendwie merkwürdig vor: Wie, kann so ein'kleines Tier, das noch nicht mal mit einer Briefwaage zu wiegen ist, einem so
großen Lebewesen wie mir diesen Horror bereiten? Sind es am Ende die kleinen Dinge, die unser Leben prägen?
Mir fällt die Schweinegrippe ein, vor der die ganze Welt zu zittern scheint, dabei steht ein einziges Virus dahinter, mit bloßem
Auge nicht zu sehen und doch so mächtig, dass man sogar überlegt, die Ferien zu verlängern. Ein bisschen zu viel Salz -und
ein großartiges Essen ist hin. Ein kleiner Nagel -und das teuerste Auto muss aufgeben.
Vielleicht gilt das auch im Guten. Natürlich sind die großen Dinge wichtig. Aber ohne die Kleinigkeiten wäre unser Alltag nicht
lebenswert: Ein Gruß zum Geburtstag von jemandem, den ich gar nicht mehr im Blick hatte. Ein freundliches Wort an der
Kasse im Supermarkt. Ein entschuldigendes "... kann ja passieren", wenn sich jemand verwählt hat. Ein freundlicher Gruß,
wenn jemand im Straßenverkehr einen Fehler gemacht hat. Einen Sonntag bewusst als Tag zum Aufatmen leben.
Der Glaube an Gott ist auch etwas ziemlich Kleines und Leises. Wenn Menschen Jesus im Vertrauen auf seine Kraft gebeten
haben, für sie etwas heil werden zu lassen, dann hat er das als Glauben bezeichnet. Oft genug waren die Leute darüber verwundert.
Aber Glaube besteht nicht aus Heldentaten, die in der Zeitung stehen. Glaube hat in mir seinen Ort, klein und leise und oft
auch von Zweifeln geplagt. Aber er ist da, viel öfter als wir selber glauben. "Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig", hat Jesus mal gesagt.
Vielleicht wäre es einfach gut, mal mehr den kleinen Gefühlen, dem kleinen Glauben an Gott, dem kleinen Vertrauen zu Jesus
Gehört zu schenken. Vielleicht steckt da ri n doch am Ende die Energie, dem Leben immer wieder Hoffnung zu geben, anderen
ein offenes Ohr und fröhlich warme Sommerabende zu genießen -auch wenn Mücken umherschwirren. Die gehören ja am Ende
doch irgendwie in die Welt Gottes hinein, und außerdem gibt es ja auch noch 'Autan ...
An-Gedacht am 1. August 2009 - von Pfarrerin Stephanie Eyter-Teuchert, Klinikseelsorge Bad Laasphe:
Im Leben nicht auf später warten
Kürzlich hörte ich in einem Interview im Fernsehen diese kurze Szene: Wenn du tot bist,
wirst du nicht gefragt werden: Warum warst du nicht Heidi Klum oder Til Schweiger oder Barak Obama. Sondern du wirst gefragt: Warum warst du nicht einfach du?
Wo liegen Ihre Begabungen? Was können nur Sie? Liegt Ihre Begabung im Holz bearbeiten, in der Gartenarbeit, im Reden, im Pflegen, im Stricken oder am Computer arbeiten? Und was
machen Sie mit dieser Begabung? Freuen Sie sich daran? Merken Sie, Sie sind etwas Besonderes, wenn Sie das tun? Oder sagen Sie eher -ach das -das kann doch jeder?
Oft geht's uns ja so. Dass wir abwiegeln, wenn es um unsere Leistung geht, dass wir uns selbst kleiner machen als wir eigentlich sind. Dabei verlieren wir dann oft die Lust, die
Motivation an der Arbeit und empfinden das, was wir tun als Last. Dann sagen wir, gut, jetzt geht es nicht, so zu leben wie wir eigentlich wollen, aber später.
Die Kinder im Kindergarten sagen: wenn ich erst in der Schule bin -und wir, die wir schon in der Schule waren, wissen, dann ist das Leben auch nicht so sehr viel rosiger. Wenn Kinder in
der Schule sind, warten sie auf die Zeit danach und denken: Wenn ich erst entlassen b.in, das Abitur habe, dann...
Später denken sie: Wenn ich erst einmal eine Freundin oder einen Freund habe, dann wird
das Leben so richtig schön -und wir, die wir schon einen Freund oder eine Freundin haben, merken: Wir müssen uns jetzt mit
Problemen auseinandersetzen, an die wir vorher im Traum nicht gedacht hatten. Weiter geht es mit den Gedanken; wenn ich
erst verheiratet bin, Kinder habe... Und wenn die Kinder da sind, denken manche: ach, wenn die Kinder erst aus dem Haus
sind, wenn ich dann in Rente bin...Auf einer Ansichtskarte las ich in der vergangenen Woche: "Wenn ich erst tot bin, dann mach ich das, was'ich wirklich will."
Ja, so eben nicht. Das zeigt: Wir geraten mit unserer Erwartungs-und Verschiebetechnik in eine Sackgasse im Leben. Wir
sagen so lange "später", bis es zu spät ist. Wir leben jetzt -nicht erst nach Feierabend oder wenn wir Urlaub haben.
"Ihr seid das Salz der Erde" so sagt Jesus im Matthäusevangelium. Ihr lebt jetzt und sollt etwas dazu tun, dass euer Leben
und das Leben der Welt Würze hat. Haben wir so viel Schwung, so viel Energie, dass wir "Salz der Erde" sein können? Und
was bedeutet das für uns? Klare Richtlinien zu setzen, Werte der Menschlichkeit, des Christentums zu vertreten? Grenzen
aufzuzeigen: Es ist in unserer Welt nicht alles machbar? Fühlen wir uns nicht oft eher ausgelaugt in unserem Alltag? Kraft-und
energielos, überfordert, überreizt? Woher beziehen wir unsere Kraft? Wie bauen wir uns wieder auf, um Engagement zu zeigen
, um ein lebenswertes Leben zu finden? Wie füllen wir unser Leben?
"Ihr seid das Licht der Welt" steht bei Matthäus. Dahinter steckt ein Auftrag. Licht weiter geben. In unseren Alltag übersetzt
bedeutet das: Einsatz, Mitgefühl, Anteilnahme, Herzlichkeit, Würdigung des anderen, der mir da begegnet. Mal nachfragen:
Wie geht es Ihnen heute? Kann ich Ihnen etwas vom Markt mitbringen? 5011 ich mal für eine Stunde auf die Kinder aufpassen
? Es ist nicht so gedacht, dass wir uns durch unsere guten Werke hervorheben und uns dadurch die Anerkennung und Lebensberechtigung erarbeiten:
Die ist uns von Gott geschenkt. Jesus Christus ist für uns am Kreuz gestorben, um uns von Schuld und Strafe zu erlösen. Das
ist bereits geschehen. Das dürfen wir uns schenken lassen. Zu denken, wir könnten es selbst schaffen, unseren Lebenswert
zu erarbeiten, wäre Hochmut. Nein, wir sind so gewollt, wie wir sind. Wir sind, so wie wir sind, gut und ganz und schön. Auch
wenn wir nicht alles erreicht haben in unserem Leben, was wir uns erträumten, wenn wir niemals so ähnlich werden wie Heidi Klum oder Till Schweiger. Wir sind so gewollt mit unserem Leben.
Dazu gehört der Dank. Nicht nur der Dank für dein eigenes Leben, sondern auch für das der anderen. Ich kann den Menschen neben mir ganz anders würdigen, wenn ich das wahrnehme.
Ihr seid das Salz der Erde. Und ihr seid das Licht der Welt. Lassen Sie uns daran denken, wenn wir an den lauen
Sommerabenden draußen sitzen. Wir sind wichtig auf dieser Welt. Gewollt und geliebt -erlöst davon, unseren Lebenswert selbst schaffen zu müssen. Dank sei Gott dafür.
An-Gedacht am 25. Juli 2009 - von Pfarrer Oliver Lehnsdorf, Feudingen-Oberndorf:
Brücken der Men schlichkeit bauen
Während des Urlaubs von meiner Familie und mir Anfang Juli an der Ostsee hatten wir auch die
Gelegenheit, für einen Tag nach Hamburg zu fahren. Neben Hamburgs Wahrzeichen, dem Michel, der Speicherstadt, der Außenalster und so manch anderer Sehenswürdigkeit dort, ist uns
dabei vor allem etwas aufgefallen, was wir so vorher noch nicht wussten. Hamburg ist die Stadt der Brücken. Uberall in Hamburg gibt es sehr viele unterschiedlich große Brücken. Wie wir
erfahren konnten, hat Hamburg sogar weit mehr Brücken als Venedig.
Ich denke, dass es gut ist, immer wieder neu auch zu anderen Menschen Brücken zu bauen, beispielsweise Brücken der Menschlichkeit, der Zugewandtheit, der Freundlichkeit und der
Solidarität. Wie eine Millionenstadt wie Hamburg seine sehr vielen Brücken nötig hat, so ist es auch in einer Kirchengemeinde. Sie lebt von den Brücken, die die Menschen miteinander
verbinden. Ihr tut es gut, wenn alte Brücken gestärkt und neue errichtet werden.
Doch nicht nur kleine Brücken in der eigenen Region sind wichtig, sondern auch die größeren und die sehr großen, wie man es auch in den Außenbezirken Hamburgs sehen kann, wo es sehr
große Brücken gibt. Es sind die Brücken weit über die Kirchengemeinde und die Region hinaus, nämlich die Brücken zu Menschen in anderen Ländern, Kontinenten und Kulturen, die ebenfalls
wichtig sind und gut tun. Man sieht dies beispielsweise an den Partnerschaften des Ev. Kirchenkreises Wittgenstein zu Christinnen und Christen in Tansania und in den USA. Der
Kontakt mit ihnen ist mehr als nur ein Austausch. Er eröffnet einem die Möglichkeit, Neues kennen lernen zu können und seinen Horizont erweitern zu können.
Und zudem ermöglicht es einem, Menschen partnerschaftiich zur Seite zu stehen und ihnen zu helfen.
Denn die Grundlage bei all unseren Bemühungen, kleine, größere und sehr große Brücken zu bauen, ist es, da.ss wir dies
aufgrund von Gottes Güte tun können, die uns miteinander in der Weise verbindet, wie es Paulus im 1. Korintherbrief
ausdrückt (1. Kor 12,27): "Ihr seid der Leib Christi und jeder von euch ein Glied." Dadurch, dass wir immer wieder neu
erkennen, dass wir über alle Grenzen hinweg zusammengehören, entsteht eine Gemeinschaft, die von Gottes Liebe getragen wird.
An-Gedacht am 18. Juli 2009 - von Pfarrer Achim Schwarz,
Girkhausen/ Wunderhausen-Diedenshausen:
Nur einmal im Leben!
Die Taufe wieder neu entdecken
Erinnern Sie sich noch, liebe Leserinnen und Leser?
2009 ist das große Jahr der Jubiläen und Erinnerungstage. In allen Bereichen gibt es etwas zu erinnern und zu bedenken: 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland und das Grundgesetz, 20
Jahre Mauerfall, 40 Jahre Mondlandung, im Bereich der klassischen Musik Erinnerungen an Geburts-und Todestage bei Händel, Haydn und MendelssohnBartholdy. Auch im Bereich
unserer evangelischen Kirche gibt es ein großes Jubiläum zu bedenken: den Geburtstag des Reformators Johannes Calvin vor 500 Jahren.
In diesem Zusammenhang fügt es sich, dass wir am kommenden Sonntag nach unserer Textordnung eingeladen sind, auch etwas wichtiges für uns selbst zu bedenken: unsere
Taufe! Die Erfahrung als Gemeindepfarrer hat mir gezeigt, dass alle Menschen, mit denen ich zu tun habe, ihr Geburtsdatum kennen -ihr Taufdatum kennen leider nur die Wenigsten.
Dabei lohnt es sich, Datum, Ereignis, Inhalt und Bedeutung der eigenen Taufe immer wieder zu vergegenwärtigen. Denn in der Taufpraxis unserer Gemeinden erlebe ich immer wieder ein
gewisses Spannungsverhältnis. Erfreulicherweise bewegt sich der Wunsch kirchlicher Familien, ihre Kinder taufen zu lassen gegen 100 Prozent. Andererseits spüre ich immer wieder eine
Unsicherheit bei Eltern und Paten, wenn es darum geht, dem Kind in geeignetem Alter von seiner Taufe zu berichten.
Dabei hat die Taufe den großen Vorteil, dass es nicht nur etwas zu sagen bzw. hören, sondern auch etwas zu sehen bzw.
erleben gibt. Die Bedeutung der Taufe wird darin deutlich, dass sie einmal im Leben vollzogen wird. Sie reicht für alle Zeit,
aber dafür muss sie auch immer wieder in Erinnerung gebracht werden. Denn die Taufe ist nichts Magisches, was aus sich
selbst heraus wirkt. Die Taufe braucht zu ihrer Wirksamkeit eine Antwort im Leben. Nur mit einer erinnerten und gelebten
Taufe kann sie uns Menschen Trost und Vergewisserung in der bleibenden Zusage Gottes sein.
Und so möchte ich Ihnen Mut machen, Ihre eigene Taufe neu lebendig werden zu lassen. Dazu hilft neben der Ermittlung des
eigenen Datums auch ein Blick in unsere Bekenntnisschriften, die Sie im Anhang unseres Gesangbuches finden (eg S. 1322 ff
bzw. 1342 f). Und so wünsche ich Ihnen viel Freude und Ermutigung in der Wiederentdeckung Ihrer eigenen Taufe!
An-Gedacht am 11. Juli 2009 - von Pfarrer Thomas Janetzki, Wingeshausen:
Michael Jackson & Apostel Paulus
Was bleibt von ihnen übrig?
In diesen Wochen nehmen zwei Tote und ihre sterblichen Überreste viel Aufmerksamkeit in Anspruch. So gibt der Leichnam von Michael Jackson immer noch einige Rätsel auf -und auch
der angebliche Fund des Leichnams des Apostel Paulus lässt viele Fragen offen.
Aber während es beim "King of Pop" eher um die Umstände geht, die erst vor kurzer Zeit zu seinem Tod geführt haben, stellen sich beim Apostel Paulus und seinen sterblichen
Überresten ganz andere Fragen ...
Aber bei all dem Trubel um die beiden fragt man sich natürlich: Was wird von ihnen wirklich übrig bleiben? Wird man sich bei Michael Jackson eher an sein Leben, an all die Skandale
erinnern oder seine Musik? Was wird im Nachhinein Bestand haben: Person oder Werk?
Und wie ist es bei Paulus? Was blieb von ihm, was erinnert eigentlich heute wirklich noch an ihn? Als ich letzten Jahr nach längerer Zeit wie der in Rom war, habe ich auch die Basilika
"San Paolo fuori le mure -oder in Deutsch: Sankt Paul vor den Mauern" besucht. Bevor es den Petersdom gab, war dies einmal die größte Kirche der Welt. Mit viel Gold und Marmor
ausgestattet, eine der prunkvollsten Kirchen Roms. Und ich habe mich wieder gefragt: Wäre das, mit all dem Prunk, wirklich seine Kirche geworden, wenn man ihn gefragt hätte? Lange
habe ich damals auch vor dem Steinsarkophag gestanden, in dem, wie man jetzt erfuhr, ja schon vor über einem Jahr Knochen, Gold und wertvoller Purpurstoff gefunden wurden.
Aber sind das nun wirklich die Reste von Paulus? Sein Haupt befindet sich nach der Legende schon seit langer Zeit in der Lateranbasilika und wird dort gezeigt. Andere Teile seines toten
Körpers sind als Reliquien in Tarsus, London, Münster und an anderen Orten verwahrt und werden dort verehrt. Was wird also in dem Sarkophag sein -und von wem stammt es?
Das Schildchen in der Kirche macht unzweideutig klar: Hier ist das Grab des Apostel Paulus. Ich frage mich unwillkürlich: Ist
das wirklich so und ist das wichtig? Und ich stelle fest: Für mich nicht. Knochen, irdische Reste von Menschen sind vergänglich.
Was aber bleibt, das ist die Botschaft, das, was Menschen hinterlassen. So wird man sich an Michael Jackson erinnern wegen
seiner Musik, wegen seines Genies. Und Paulus bleibt für uns Christen bedeutsam, ein'er der ganz Großen, wegen seines Glaubens, seiner Briefe und seines Lebens.
Ich persönlich bin Paulus dankbar, dass er den Menschen damals und auch heute noch einen Weg zu Gott gewiesen hat und
immer noch weist. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er klar gemacht hat: Anerkennung vor Gott finden wir aus Glauben, .aus
Gottvertrauen -und nicht durch Geld, Ruhm, gute Werke oder Prunk. Das bleibt von ihm, das hat Bestand, solange es unseren christlich Glauben gibt.
Aber die Frage vom Anfang bleibt, ist auch eine Frage an mich und mein persönliches Leben: Was wird, was soll von mir eines
Tages eigentlich übrig bleiben? Woran sollen sich andere erinnern, wenn sie an mich denken?
An-Gedacht am 4. Juli 2009 - von Pfarrer Dieter Kuhli, Bad Laasphe:
Das Theater der Herrlichkeit Gottes: Johannes Calvins Liebe zur Schöpfung
"Voila Calvin": Unter diesem Thema stand das Theaterstück, mit dem Schüler des Johannes
-Althusius-Gymnasiums die Eröffnungsandacht zur Kreissynode in Bad Berleburg gestalteten. Wichtige Szenen aus dem Leben des Genfer Reformators, der vor 500 Jahren, am 10. Juli
1509, in Noyon (Nordfrankreich) geboren wurde, wurden auf beeindruckende Weise auf die Bühne gebracht. Zugleich wurden Brücken geschlagen aus dem Genf des 16. Jahrhunderts zu
unseren heutigen Fragestellungen in Kirche und Gesellschaft.
Mit den Anregungen und Herausforderungen, die von Calvin ausgehen, werden wir uns im Rahmen einer Predigtreihe in einigen Gemeinden noch näher beschäftigen. Immer wieder
können wir feststellen: Calvin ist für Überraschungen gut.
Zu den fast unbekannten Seiten seines Denkens gehört sein Schöpfungsverständnis. In seinen Auslegungen der Bibel erweist Calvin sich als Liebhaber des Lebens, der sich vom
Lobpreis des Schöpfer in seinen Werken immer wieder anstecken lässt. Immer wieder ruft er dazu auf, das "schöne Schauspiel der Natur" zu bewundern. Mehrfach spricht er von der
Schöpfung als "Spiegel" oder als "Theater der Herrlichkeit Gottes". Angeleitet durch das
Zeugnis der Bibel, das er als Sehhilfe betrachtet, damit unsere schwachen Augen das Wirken
Gottes wahrnehmen können, wird Calvin zum stillen Genießer der guten Schöpfung Gottes, dessen väterliche Fürsorge uns in
einer Großzügigkeit behandelt, über die wir nur staunen und für die wir jeden Tag von Neuem danken können.
Deshalb fordert Calvin uns zugleich zu einem sorgsamen, verantwortlichen und vernünftigen Umgang mit den Gaben heraus,
die uns anvertraut sind. Calvins Schöpfungsverständnis -Genügsamkeit statt Verschwendung, das rechte Maß halten,
anstatt die Natur auszubeuten! -erscheint mir als eine prophetische Mahnung im Angesicht von Energiekrise und drohender
Klimakatastrophe. Er fordert uns dazu auf, der immer weiter um sich greifenden Maßlosigkeit zu widerstehen und zu den
Maßen zurückzufinden, die Gott uns Menschen gesetzt hat. Calvin schreibt: "Sobald das Herz zu solcher Bescheidenheit
geschickt ist, hat man die Regel des rechten Gebrauchs der Dinge ... erfasst. Die beste Lehrmeisterin maßvollen Lebens muss uns Gottes väterliche Güte sein."
Wenn wir darauf aufmerken, dann werden wir dankbar "die Spur von Gottes Hand und Fuß" wahrnehmen, "die sich uns in den Werken, in der Welt der Schöpfung" enthüllt.
Johannes Calvin tut uns einen guten Dienst mit dieser grundlegenden Erinnerung: Aus dankbarer Wahrnehmung erwächst das
Lob des Schöpfers und zugleich ein verantwortlicher Umgang mit dem, was uns anvertraut ist. Hoffentlich auch hier in Wittgenstein!
An-Gedacht am 27. Juni 2009 - von Pfarrer Wolfgang Pinka, Feudingen:
Ankommen - nicht nur in der Urlaubszeit
Liebe Leser,
die meisten haben ihren Urlaub bereits im letzten Herbst geplant und können sich nun gleich,
wenn der Urlaub beginnt, auf die Reise machen. Andere haben zu lange gewartet und hoffen auf ein LastMinute-Angebot.
Wichtig ist auf jeden Fall, wer reist, möchte auch ankommen. Abgespannt und gewöhnlich gleich von der.Arbeit weg geht es los. Doch Staus, Stress und nicht eingeplante Umstände
sorgen dafür, dass die anvisierten Alpen erst einmal zu einem Alptraum werden. Es lohnt sich nicht immer in der Masse mitzuschwimmen und zu fahren, wenn alle fahren und im Stau zu
stehen, wenn alle im Stau stehen.
Ich erinnere mich an einen Urlaub, den wir in Spanien gebucht hatten. Es war eine Fahrt mit
Hindernissen und Umleitungen. "Endlich ankommen" war unser größter Wunsch. Endlich Zeit haben, um die Seele baumeln zu lassen. Endlich Zeit haben füreinander. In der Hektik des
Alltags verfehlen wir einander. Urlaub ist auch dazu da, um endlich wieder bei sich selbst anzukommen und beim Ehepartner und bei den Kindern.
Der Sinn einer Reise und wohl auch der Lebensreise schlechthin ist es, ans Ziel zu kommen, einen Lebenssinn finden. Ankommen, das möchte ich mit meinem ganzen Leben. Ich möchte
nicht auf der Strecke bleiben, auch wenn Sorgen, schlechte Tage und schlimme Erinnerungen mich ausbremsen. So möchte
ich neu hören, was Jesus mir sagt: "Ich bin gekommen, dass sie das Leben und volles Genüge haben sollen." (Joh.10,10) Will
nicht auch Gott in meinem Leben mit seiner Liebe und mit seinem Frieden ankommen?
Um das zu entdecken, brauche ich Ruhe und Besinnung auf die ersten und letzten Fragen in meinem Leben. Dazu braucht es
Urlaub, eben Befreiung von den Sachzwängen, die mich im Griff halten. In der Stille entdecke ich: Bei Jesus Christus kann ich
die tiefe und beglückende Erfahrung machen, angenommen zu sein: "Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinaus stoßen."
(Joh. 6,37) Und mit Jesus werde ich einmal am Ziel in der Ewigkeit bei Gott ankommen. "Und wenn ich hingehe, euch die
Stätte zu bereiten, will ich wieder kommen und euch zu mir nehmen, damit ihr seid, wo ich bin." (Joh. 14,3)
Als Christ mache ich die Erfahrung: "Ich bin bei Gott angenommen, ich bin schon angekommen." Gott, der ein Gott des Friedens ist, ist der ruhende Pol im Leben.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie ankommen, in Ihrem Urlaub, bei Ihrem Ehepartnern, bei Ihren Kindern und bei sich selbst und
schließlich wieder Zuhause und dass Sie die wunderbare Erfahrung machen: Bei Gott bleibe ich nicht auf der Strecke. Bei ihm bin ich schon am Ursprung und Ziel des Lebens.
Er ist da, wenn Beziehungen zerbrechen, wenn der Arbeitsplatz verloren geht, wenn die Seele sich in der Einsamkeit verliert,
wenn Krankheit mich an mein Zuhause fesselt und der Urlaub in weite Ferne rückt. Bei ihm sind die Staus, die das Leben lahm
legen, beseitigt. Leben pur, unverbraucht, ursprünglich und frisch, Leben aus erster Hand hält er für mich bereit.
Gott hält sein Last-MinuteAngebot für jeden bereit -und das ist erstklassig. Warum nicht mal wieder die Bibel zur Hand nehmen und' sich von Gott überraschen lassen?!
An-Gedacht am 20. Juni 2009 - von Pfarrerin Ursula Groß, Klinikseelsorge in Bad Fredeburg:
Wer im Sommer handelt, handelt klug, er sammelt wichtige Schätze
An diesem Wochenende beginnt nach dem Kalender der Sommer. Ich liebe den Sommer. Er
ist die Zeit der Fülle. So viel gibt es in dieser Zeit zu entdecken -aufzunehmen -zu bewahren. Da ist die Sonne
mit ihrem Licht und ihrer Wärme. Es tut gut, sie zu spüren. Da sind die vielen Farben -das satte Grün der Wiesen und Bäume, die bunten Farben der Blumen. Da sind die Früchte, die
reif werden.
Aber nicht nur die Natur zeigt sich in ihrer ganzen Fülle. Der Sommer ist auch die Zeit der großen Ferien. Er ist Urlaubs-und Ausflugszeit. Menschen lassen den Alltag hinter sich und
genießen die freie Zeit ohne Pflichten. Der Rasen muss nicht gemäht werden, das Mittagessen muss nicht pünktlich fertig sein, keine Uberstunden, kein Pauken für die nächste
Klassenarbeit. Dafür Zeit für mich und Zeit für den anderen, Zeit für den Sonnenuntergang am Meer oder die Hüttenwanderung in den Bergen, Zeit für das Buch, das ich schon so lange
lesen wollte, und für die Flasche Wein, die wir in Ruhe trinken wollten.
Im Sommer gibt es so viel zu entdecken, aufzunehmen und zu bewahren. In der Bibel heißt es dazu: Wer im Sommer sammelt, handelt klug (Sprüche 10,5). Wer in der Fülle des
Sommers die guten Gaben dieser Zeit sammelt, handelt weise, denn er sammelt sich Schätze. Er sammelt den Schatz der Wärme gegen die Kälte des Winters und gegen viel Kälte in
dieser Welt und im Miteinander von Menschen. Er sammelt die Schätze der Farben gegen das
Grau vieler Herbsttage und gegen so viel Grauen in dieser Welt. Er sammelt die Früchte gegen den Hunger und gegen die
Sorge: Was sollen wir morgen essen? Er hält die Vielfalt und Schönheit des Lebens fest gegen so viel Schwarz-Weiß-Denken und
Handeln in dieser Welt. Er nimmt den Schatz von Begegnung und Gemeinschaft mit gegen die Einsamkeit vieler Stunden.
Wer im Sommer sammelt, handelt klug, denn er sammelt lebenswichtige Schätze.
Er sammelt Schätze, die zeigen, was das Leben ist, und die erinnern an den, der das Leben geschenkt hat und der das Leben
will -an unseren Gott. ER schenkt die Schätze des Sommers, und er lädt uns ein, klug zu handeln und sie zu sammeln, damit
wir im Winter und in den Winterzeiten unseres Lebens die Kraft und den Mut haben, dem Leben auch weiter zu vertrauen und
neu nach der Fülle des Sommers zu suchen. Und so wünsche ich Ihnen und mir, dass wir in diesem Sommer, der jetzt beginnt,
viele Schätze des Lebens sammeln, die uns an unseren Gott erinnern und uns ermutigen, dem Leben, das er geschenkt hat, zu allen Zeiten zu vertrauen und es zu leben.
In diesem Sinne: Einen gesegneten Sommer!
An-Gedacht am 13. Juni 2009 - von Pfarrerin Claudia Latzel-Binder, Bad Berleburg:
Haushalten und Vorsorgen: Für den “Winter” konservieren
Letzen Dienstag gab es im Wochenangebot einer Supermarktkette Einkochautomaten. Ich
war erstaunt. Das Gerät kenne ich noch aus meiner Kindheit, wo selbstverständlich Obst, Gemüse, Marmelade und Mus eingeweckt wurde. Tiefkühltruhen und die ganzjährige
Verfügbarkeit sämtlicher Lebensmittel haben die Einmachkessel aus den Haushalten verschwinden lassen. Kaum jemand, der sich noch solche Mühe machte.
Bei größeren Feiern war man ja inzwischen schon froh, wenn noch einer so ein Ding besitzt,
weil man darin so gut den Glühwein warmhalten kann. Und jetzt auf einmal wieder deutschlandweit in den Filialen: Einkochautomaten - tausendfach.
Offensichtlich gibt es für sie wieder einen Markt. Und es scheint mir, dass dies Angebot ein
Symptom der Verunsicherung angesichts der Wirtschaftslage ist. Bei täglichen Nachrichten von Konkursen, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit wird Sparen, Haushalten und Vorsorgen
erneut zum Thema: der Einkochautomat! Das Verfahren wurde ja aus der Notwendigkeit entwickelt, Lebensmittel haltbar zu machen, um zum einen schlichtweg nicht zu verhungern
und zum anderen, um sich auch im Winter noch an den Früchten des Sommers zu freuen.
In den Zeiten, in denen Vitaminreiches eben verfügbar und preiswert ist, lohnt es sich
einzukellern. In den teuren und knappen Zeiten hat man dann das gute Eingemachte. Kochen Sie schon ein? Sollten Sie! Jedenfalls mit dem Einkochkessel des Glaubens.
Auch im Leben mit Gott gibt es Krisenzeiten, die einfach ans Eingemachte gehen. Schlimm, wer dann in Krankheit oder Trauer,
in Schmerz oder Sterben nicht zurückgreifen kann auf das, was in guten Zeiten bereit gelegt wurde.
Es ist ein weiser Gedanke, sich etwas von den guten Glaubensfrüchten zu konservieren. Solche Früchte des Glaubens sind die
Erfahrungen, die ich mit Gott mache. Wo ich spüren darf, er ist mir ganz nah, bei mir, trägt, bewahrt und beansprucht mein Leben als der Liebende und der Allmächtige.
Warum sich nicht tatsächlich einen solchen Vorrat der Glaubenserfahrung anlegen? Auch wirklich ganz praktisch etwas
einkellern: Sich etwa im Sinne von Psalm 103,2 "Vergiss nicht, was ER dir Gutes getan hat" eine Schachtel anlegen und
Erinnerungsstücke einlegen. Das Foto von der Krankenhauskapelle, in der man gebetet hat und getröstet wurde. Das
Programm aus dem Konfirmationsgottesdienst, der einen berührt hat. Die Postkarte mit dem Segenswort, die einem die
Freundin vor dem Umzug geschickt hat. Ich kenne Menschen, die in solcher Weise sammeln: Eine Frau etwa hat Liedverse,
Gebete, Bibelworte und Predigtgedanken, die ihr wichtig geworden sind, über Jahre in Bücher geschrieben. Inzwischen kann
sie aufgrund ihres Alters nicht mehr am Gottesdienst teilnehmen und auch nicht mehr lesen, doch ihre Familie liest ihr aus dem
Schatz ihrer Bücher vor. Jemand anderes lernt bewusst Liedverse auswendig, weil er die Erfahrung gemacht hat, dass das
Worte sind, die ihn in den langen Nächten auf der Intensivstation durchhalten ließen. Sammeln Sie auch solche guten
Glaubenserfahrungen. Kochen Sie mit ein. Es lohnt sich, die Früchte des Sommers für den Winter zu konservieren.
Der Einkochautomat -eine tolle Idee!
An-Gedacht am 6. Juni 2009 - von Pfarrer Michael Becker, Öffentlichkeitsreferent im Kirchenkreis:
Schwarzbrot und Rosinenstuten
Rückblick auf den vergangenen Sonntag: Es ist Pfingsten. Und man hat den Eindruck. halb
Wittgenstein feiert. Die Weidenhäuser feiern den
700. Geburtstag ihres Dorfes, die Bad Berleburger ihre Stadtkirche, die 150 Jahre alt wird, und in Elsoff begeht man 950 Jahre Kirchspiel EIsoff. Und allerorts sind die Kirchen mit dabei,
mit Gemeindefesten und Festgottesdiensten. Die sind gut besucht, die Kirchen randvoll.
"Das müsste jeden Sonntag so sein", sagt die mir unbekannte Banknachbarin auf der vorletzten Kirchenbank in Elsoff. Und in der Tat: Es scheint so, als stünde nicht nur die
Kirche nach wie vor im Dorf, sondern als sei auch überall -die städtischen Bad Berleburger werden es mir verzeihen -das Dorf in der Kirche. Gut so.
Wer etwas zu feiern hat, sollte dies auch tun. Feste sind Höhepunkte im Leben, ohne die das Dasein gleichförmiger und eintöniger verlaufen würde. Das gilt für das Privatleben und das
Familienleben genauso wie für das Leben in einer Dorf-oder Stadtgemeinschaft. Feste sind notwendige Unterbrechungen des Alltags, auch wenn sie Arbeit und Anstrengungen mit sich
bringen. Sie gestatten noch einmal einen anderen, einen neuen Blick auf unser Leben, das im
übrigen so randvoll ist mit Arbeit, Pflichten und Sorgen und das von vielen Menschen auf die Dimensionen des Alltags verkürzt
wird. Insofern sind Feste mehr als nur lebensnotwendig, mehr als Sahnehäubchen auf trockenem Alltagsbrot. Sie sind Atempausen für Leib und Seele und darum unverzichtbar.
Festtage im Laufe eines Kirchenjahres, Jubiläumstage in der Geschichte einer Kirchengemeinde sind Höhepunkte und Anlass
zum Feiern'. Und Festtage verlangen ihr eigenes Festmahl. Da gibt es also Rosinenstuten statt Schwarzbrot und Sahnetorte
statt Kartoffeln mit Speckstippe. Dagegen ist nichts zu sagen. Doch auf Dauer ist das keine ausreichende und ausgewogene
Ernährung. Dabei kann kein Mensch gesund und leistungsfähig bleiben. Ohne das kräftigende Schwarzbrot kommt auch der gesündeste Mensch nicht aus.
Auch ohne den Sonntag kommt der Mensch nicht aus, wenn er an Leib und Seele gesund bleiben will. Er ist die heilsame und
lebensnotwenige Unterbrechung unseres Alltags. Jeder Sonntag ein kleines Fest. Er ist darum ein wahres Gottesgeschenk. Er
ist uns gegeben, damit er uns gut tut. Wir sollten ihn deshalb feiern und in Ehren halten. Und dazu gehört, dass wir ihn
gestalten und feiern und ihn nicht behandeln wie einen lästigen Arbeitstag, den man mit seinen täglichen Anforderungen gerne hinter sich bringt.
Was aber macht den Sonntag zu einem besonderen Tag? Die Tatsache, dass er leider für immer weniger Menschen
-arbeitsfrei ist? Dass die Schule geschlossen bleibt? Dass die Geschäfte nicht zum Einkaufen einladen? Dies alles sind soziale
und kulturelle Errungenschaften, die niemand leichtfertig aufs Spiel setzen sollte. Doch das Besondere des Sonntags liegt in
der Tatsache, dass der lebendige Gott uns an diesem Tag in besonderer Weise in seine Nähe ruft. Dass er uns durch sein
Wort aus unserem Leistungsalltag herausrufen und im wahrsten Sinn des Wortes entlasten will.
Es sind die festtagslpsen und scheinbar namenlosen Sonntage im Kirchenjahr, die bis zum Ende des Kirchenjahres vor uns
liegen. Sie versprechen keine Events und künden von keinen besonderen Festlichkeiten. Sie bieten nicht fortwährend
Rosinenstuten, sondern das Schwarzbrot, an dem Menschen gesunden: das Eva!1gelium von der Menschenfreundlichkeit
Gottes. Sie laden ein zum Gottesdienst, an dem einmal in der Woche nicht wir wem auch immer -dienen, sondern der lebendige Gott uns dienen will.
Ich freue mich, wenn wir einander wieder begegnen. Aber wir sollten nicht bis zum nächsten Jubiläum damit warten. Einer der
nächsten Sonntage bietet Gelegenheit dazu. Wir sehen uns im Gottesdienst - zum Schwarzbrotessen.
An-Gedacht am 30. Mai 2009 - von Pfarrer Frank Schröder, Bad Berleburg:
150 Jahre Kirche: Wie man sich an die
wertvollsten Dinge gewöhnt
Wir sind froh über unsere Kirche. Immer wieder bestätigen Besucher von auswärts neu, was
wir im Alltagsbetrieb manchmal übersehen, weil wir uns daran gewöhnt haben. Wie man sich an die wertvollsten Dinge gewöhnen kann, wenn man sie nur lange genug besitzt. 150 Jahre
in diesem Fall.
Der rote Stein an den Wänden bewirkt zusammen mit der Farbe des Holzes ein warmes Raumgefühl, die Fenster geben dem Betrachter von innen sparsam und gezielt einige Motive
und Farbspiele zur Betrachtung. In all dem strahlt der Raum Ruhe aus. Nichts wirkt überladen oder gar bedrängend. Großartige Kunstschätze, vor denen man ehrfürchtig stehen bleibt um
ihre Pracht anzustaunen, gibt es nicht.
Genau das ist auch gut so. Man wird nicht durch den Raum oder seine Einrichtung ehrfürchtig auf Distanz gehalten. Gerne bleibt man hier eine Weile sitzen, vielleicht auf ein
Gebet, auf einen Moment der Ruhe, man lässt Raum und Stille auf sich wirken. Wir sind froh über unsere Kirche.
Aber gerade wegen ihrer innersten Bedeutung darf die Wertschätzung der äußeren Gestalt nicht überzogen werden. Es ist im Gemeindeleben immer eine Versuchung, unverhältnismäßig
viel Arbeit und Energie, Geld und Zeit in Gebäude zu investieren.
Nach evangelischem Verständnis ist klar, dass auch die herrlichste Kirche nur ein Mittel zum Zweck ist. Es gibt für
Protestanten keine heiligen Räume. Jesus sagt, Joh, 4,21, "weder auf diesem Berg noch zu Jerusalem werdet ihr den Vater
anbeten, sondern die wahren Anbeter werden im Geist und in der Wahrheit anbeten".
Anbeten. Damit ist klar, dass der Zweck eines sakralen Gebäudes über museale Aspekte hinausgehen muss. Das gilt auch für
die persönliche Ebene. Wenn dieses Kirchengebäude für einen Menschen seine Bedeutung ausschließlich daraus gewinnt, dass
er oder sie da getauft wurde oder die Konfirmation erlebt hat, bleibt sein Hauptzweck noch unerfüllt.
In der Bibel findet sich eine gute Hilfe, um die Spannung zwischen der gebotenen Wertschätzung des Gebäudes und der
nötigen Relativierung positiv zu deuten. Im ersten Petrusbrief steht dort: "Kommt zu IHM! Er ist der lebendige Stein, den die
Mensehen als unbrauchbar weggeworfen haben, aber bei Gott ist er ausgesucht und wertvoll. Lasst euch selbst als lebendige
Steine zu einem geistlichen Haus erbauen." (1. Petrus 2, 4-5).
Der Bau der Gemeinde Gottes wird mit dem Bau eines Gebäudes verglichen. Und da ist zuerst von Jesus Christus als dem
Grundstein für den Bau der Gemeinde die Rede. "Kommt zu Ihm" heißt es. Das ist ganz grundlegend. Es ist Aufruf und Ansage.
Es meint die Zuwendung des ganzen Menschen zu Christus, nicht nur eine Anschauung oder Einstellung zum Glauben, eine
Kenntnisnahme oder Information über die Kirche oder Gott. Es geht um die Hinwendung zu Jesus, um das Einswerden mit ihm
durch Taufe und Glaube. Und es geht für die Getauften um das ständige Nachvollziehe der Taufe durch Glaube, Liebe und
Hoffnung in der Nachfolge. Als Konsequenz bedeutet das, sich zugleich in den auf Christus errichteten "Bau" einzufügen. Eine
Existenz auf diesem Grundstein als individueller einzelner Stein ist nicht möglich. Zu Christus kommen heißt, in dem geistlichen
Haus einen Ort einnehmen und allein schon durch den Platz in der "Mauer", den man dann innehat, eine Funktion ausüben. Das
geht nicht vom eigenen Sofa aus. Dazu muss man wirklich kommen und selbst dabei sein.
Das Haus, das dabei entsteht, ist ein "geistliches Haus". Haus natürlich im übertragenen Sinn, ein Organismus lebendiger
Menschen. Auch in unserer Umgangssprache kann Haus schlicht die Familie bedeuten, die darin wohnt. Es ist die Familie
Gottes, die in dieser Welt wohnt, es ist der neue Tempel, Stätte seiner Gegenwart. Christen sollen sich als Glieder der
Gemeinschaft bewähren. die auf den lebendigen Stein Jesus Christus gegründet ist.
Wir wollen dafür beten und freuen uns. wenn immer wieder neue und immer mehr Menschen unsere Kirche zur gemeinsamen
Feier des Gottesdienstes aufsuchen. Sich in diesem schönen Haus der lebendigen Steine mit hineinnehmen lassen in die
Anbetung, in die Nähe Gottes, die allein diesen Raum heilig machen kann.Wann immer es IHM gefällt.
An-Gedacht am 23. Mai 2009 - von Pfarrerin i.E. Kerstin Grünert, Kinder- und Jugendarbeit im Kirchenkreis Wittgenstein:
Die persönliche Fankurve:
Jeder braucht Rückenstärkung
Letzter Spieltag! Finale! Der Titel! Fans zittern bis zum Ende mit! Der letzte Spieltag in der
Bundesliga: endlich noch einmal spannend, endlich noch einmal ein richtiges Finale. Da ich nicht unbedingt ein großer Bayern-Fan bin, freut es mich besonders, dass sie diesmal nicht
einfach automatisch schon drei Spieltage vorm Ende die Meisterschale fest im Griff haben ....
Und wer würde Wolfsburg den Titel nicht gönnen?! Sogar Edmund Stoiber, ausgewiesener
Vollblut-Bayer, musste schon nach dem vergangenen Spieltag eingestehen, dass der Titel den Wölfen wohl nicht mehr zu nehmen sei.
Noch eine Entscheidung ist in dieser Woche gefallen: Germany hat ein neues Topmodel.
Nach einer schier endlos erscheinenden Zeit der Castings, Fotoshoots und Chailenges ist die allerletzte Entscheidung der dreiköpfigen Jury gefallen. Wie so oft konnte ich zu Hause auf
dem Sofa einiges nachvollziehen, manches aber auch so gar nicht! Egal, jetzt gibt's ja erst noch einmal eine Pause bis zum nächsten Schönheitsmarathon...
Meine Stimme vom Sofa können und wollen die wichtige Leute im Fernsehen bestimmt nicht
hören; bei der Entscheidung in der Bundesliga bin ich doch eher machtlos. Da bleibt mir und Millionen anderen Fans nichts anderes übrig, als gebannt der WDRKonferenz zu lauschen oder
in regelmäßigen Abständen ins Internet oder den Videotext zu schauen. Oder ich mache
etwas ganz anderes und denke erst um viertel nach fünf wieder an die Bundesliga und lasse mich dann überraschen...
Wenn es doch immer so leicht wäre. Wenn man doch immer nur einfach interessierter Zuschauer - mehr oder weniger
betroffen -beim Finale sein könnte. Aber die wirklich wichtigen Dinge des Lebens, meines Alltags muss ich doch meistens
alleine und mit einer großen Portion Initiative und auch Herzblut bewältigen. Da fehlt dann der Glamour einer Modenschau oder die mitreißende Atmosphäre eines Stadions.
Und doch komme ich durch, irgendwie ist es immer gegangen und wird es auch immer gehen. Weil ich meine ganz persönliche
Fankurve habe, Menschen, die hinter mir stehen, zu mir halten und mich unvoreingenommen unterstützen.
Nur so kann man doch den ganz normalen Wahnsinn des Lebens managen. Jeder und jede braucht Leute um sich herum, die
ihm/ihr den Rücken stärken. Deswegen möchte ich diese Woche den Titel, die Meisterschaft, an alle die unscheinbaren und
unheimlich wichtigen Menschen vergeben, auf die man unmöglich im Leben verzichten kann! Gott sei Dank für jede persönliche Dankkurve!
An-Gedacht am 16. Mai 2009 - von Pfarrer Michael Becker, Öffentlichkeitsreferent im Kirchenkreis:
Ehrensache: Die Arbeit der Unbezahlten ist unbezahlbar
Sie seien die Heinzelmännchen der modernen Bürgergesellschaft, hieß es dieser Tage in einer
Hörfunksendung im Rahmen der ARD-Themenreihe "Ist doch Ehrensache!" Die Rede war von
den Ehrenamtlichen, den Mitbürgerinnen und Mitbürgern also, die sich in ihrer Freizeit, neben ihrer Berufstätigkeit oder im Ruhestand für ihre Mitmenschen einsetzen, ohne dafür bezahlt
zu werden.
Und in der Tat: Sie sind aus unserer Gesellschaft und unseren sozialen Bezügen nicht mehr wegzudenken. Da sind die Mütter und Väter, die sich im Elternrat des Kindergartens oder der
Schule ihrer Kinder engagieren.
Da sind die Mitarbeiter in den vielen Sportvereinen, die Kindern und Jugendlichen nicht nur Kondition und Technik einer Sportart vermitteln, sondern sie auch zu einem fairen Mitarbeiter
im Alltag anleiten. Da gibt es die Grünen Damen im Krankenhaus und die Sterbebegleiter in der Hospizbewegung. Und es gibt die Freiwillige Feuerwehr, ohne die in vielen Kommunen der
Brandschutz nicht mehr zu gewährleisten wäre.
Ehrenamtlich Tätige arbeiten, so lautet eine Statistik, durchschnittlich 16,2 Stunden im
Monat. Würden sie fehlen, wäre unsere Gesellschaft nicht nur ärmer, sie würde an manchen Stellen nicht mehr funktionieren.
Denn eines ist klar: Der Staat kann diese sinnvollen und notwendigen Tätigkeiten ausschließlich durch hauptamtlich Beschäftigte nicht finanzieren.
Das gilt auch in der Kirche und in unseren Kirchengemeinden. Menschen werden gebraucht, und Menschen stellen sich in den
Dienst der guten Botschaft Gottes. Das fängt bei denen an, die jedes Vierteljahr dafür sorgen, dass der Gemeindebrief in alle
Häuser der Gemeinde kommt. Das gilt für die Jugendlichen, die nach dem Besuch der Jungschar und des Jugendkreises selber anfangen, Aufgaben in der Jugendarbeit zu übernehmen.
Das gilt für die Frauen und Männer, die in den Kirchenund Posaunenchören das Lob Gottes erklingen lassen. Es gilt für die
Presbyterinnen und Presbyter, die sich in finanziell nicht eben leichten Zeiten der Aufgabe der Gemeindeleitung stellen und
mancherorts ganz nebenbei sonntags noch den Küsterdienst übernehmen. Und es gilt für die, die als Mitarbeiter in
Besuchsdienstkreisen ihrem Nächsten mit Rat und Tat, mit einem Trostwort oder einem Gebet zur Seite stehen.
Ihnen allen schulden wir Anerkennung und Dank, denn wir alle profitieren mehr von der Tätigkeit der Ehrenamtlichen, als uns
bewusst ist oder wir im Alltag bemerken. Es ist weit mehr als ein Kalauer: Die Arbeit der Unbezahlten ist unbezahlbar,
Fragt man diese Mitmenschen nach den Motiven ihres ehrenamtlichen Engagements, so hört man gelegentlich: "Es macht mir
Freude, anderen Menschen beizustehen, die in ihrem Alltag Hilfe brauchen." Ein anderer sagt: "Ich habe in meinem Leben so
viel Gutes erlebt und erfahren, Davon möchte ich etwas abgeben und mit anderen teilen." Und ein Dritter wagt den Satz:
"Mein Einsatz für andere gibt meinem Leben Sinn." Das wird dann gewiss nicht so zu verstehen sein, dass der Helfer den
Hilfsbedürftigen braucht, um dem eigenen Leben Erfüllung zu verschaffen. Das wäre sonst der Missbrauch unseres Nächsten.
Johannes Calvin hat die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens auf den Punkt gebracht. Der große Genfer
Reformator, dessen 500. Geburtstag wir in diesem Jahr gedenken, hat sinngemäß geantwortet: "Der Sinn des Lebens ist -Gott ehren und dem Nächsten dienen." Ehrensache eben.
An-Gedacht am 9. Mai 2009 - von Pfarrer Wolfgang Pianka, Feudingen:
Woher und wohin? Gemeinden arbeiten an
Zukunftskonzepten
Man kann es in der Natur beobachten: Was nicht wächst, stirbt, was sich nicht bewegt, ist tot. Auch in den Wittgensteiner Gemeinden bewegt sich einiges. Neue Impulse werden zur
Zeit vielerorts durch die Erstellung einer Gemeindekonzeption in das Gemeindeleben eingebracht.
icht nur das Presbyterium der Kirchengemeinde Feudingen beschäftigte sich in den letzten
Monaten mit der Formulierung einer Gemeindeentwicklung. Ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter sitzen allerorts zusammen, um neue Zielsetzungen für ihre Gemeindearbeit zu
erarbeiten. Gemeindearbeit steht vielerorts im Umbruch, da Gemeinden und Pfarrbezirke und auch Regionen zusammenwachsen. Die demographische Entwicklung, der Wegzug junger,
jobsuchender Menschen, nötigen Frage auf, wie sich die Gemeindearbeit weiter entwickeln und in Zukunft personell und finanziell aufstellen lässt.
Verschiedene Fragen stehen am Anfang einer zu erstellenden Konzeption.
Woher kommen wir eigentlich?
Eine lange und vor allem auch lebendige Tradition zählt zu den geschichtlichen Wurzeln
Wittgensteiner Kirchengemeinden. Für die Kirchengemeinde Feudingen klingt das etwa so: Die erste urkundliche Erwähnung als
Kirche datiert aus dem Jahr 1218, wobei anzunehmen ist, dass zu diesem Zeitpunkt bereits ein Kirchspiel aus etwa 25 Dörfern des oberen Lahntal bestand.
Die Feudinger Kirche, ein Baudenkmal von hohem kulturhistorischem Rang, prägt seit dieser Zeit das Dorfbild und ist
Mittelpunkt des geistlichen Lebens im Oberen Lahntal. Die Reformationszeit und dann wieder die Erweckungsbewegung am
Ende des 19. Jahrhunderts haben die Gemeinde geprägt. In dieser Zeit entstanden im Kirchspiel Feudingen einige
Landeskirchliche Gemeinschaften und CVJMs. Heute umfasst die Gemeinde 15 Ortschaften.
Die Wurzeln sind wichtig, sie geben Halt und Stabilität. Zu den geschichtlichen Wurzeln kommen noch geistliche Wurzeln hinzu
. So heißt es in der Konzeption in Feudingen: Mit dem Grundartikel der Kircheno'rdnung der Evangelischen Kirche von
Westfalen bekennen wir: Die Kirchengemeinde Feudingenist gegründet auf das Evangelium von Jesus Christus, dem Mensch
gewordenen Wort Gottes, dem gekreuzigten, auferstandenen und wiederkommenden Herrn. Er ist allein der Herr seiner Gemeinde, die er beruft, sammelt, begabt, sendet und segnet.
Wie soll nun darauf aufgebaut werden?
In Feudingen wurde durch eine Fragebogenaktion das Gespräch mit den Gemeindegliedern gesucht. Der Rücklauf ist in
wichtige Fragen der Gemeinde-und Gottesdienstgestaltung eingeflossen. Die Gottesdienste als der zentrale Punkt im
Geineindeleben sollen wieder für mehr Gemeindeglieder als Ort des Auftankens und des Miteinanders erfahrbar gemacht
werden. Gottesdienste von der Gemeinde für die Gemeinde stehen hoch im Kurs. Gelebter Glaube ist lebendiger Glaube.
Wie kann eine Gemeinde mit der besten Botschaft der Welt, die Hoffnung und Frieden verkündigt, einladende Gemeinde sein?
In der Feudinger Konzeption heißt es: Wir wollen eine einladende Gemeinde sein, die sensibel ist gegenüber den suchenden
und sich nach Ruhe sehnenden Menschen. Statt zu klagen und zu jammern wollen wir einander ermutigen und Sorge tragen,
dass Menschen sich angenommen wissen. Wir wissen uns dabei selbst gerufen und uns mit unseren Lasten getragen.
Die Herausforderungen der Zeit mögen vielfältig sein. Das Potential der Gemeinde sind nicht Finanzen und Gebäude sondern
Menschen, die glauben und zukunftsorientiert handeln. Die Gemeindekonzeption belegt: Und sie bewegt sich doch - die Gemeinde.
An-Gedacht am 2. Mai 2009 - von Pfarrer Dr. Dirk Spornhauer, Raumland:
Glocken läuten gegen die Oberflächlichkeit
Die Kirche in Raumland ist die Mutterkirche des oberen Edertals. Die Glocken, die seit einigen
Tagen wieder in der Raumländer Kirche hängen, sind das älteste zusammenhängende Glockengeläut in ganz Westfalen. Doch das alles ist für uns als Christen nicht das Besondere
oder das Eigentliche. Denn im evangelischen Bereich gibt es keine geheiligten Orte oder geheiligte Gegenstände. Dies haben wir Martin Luther zu verdanken.
Für uns als evangelische Christen und als evangelische Kirchengemeinde haben die Glocken
nicht ihre besondere Bedeutung, weil sie so alt sind, sondern weil sie auch heute noch ihre Aufgaben für die Kirche erfüllen. Glocken sind, wie alle anderen Teile des Gottesdienstes
auch, Verkündiger des Wortes Gottes. Wie Lieder, Gebete oder die Predigt, so haben auch die Glocken ihre Aufgabe.
Sie rufen die Gläubigen zum Gottesdienst und zeigen an, wann der Gottesdienst beginnt. Sie
erklingen, wenn wir von einem Menschen aus unserer Mitte Abschied nehmen müssen, den wir der Gnade Gottes an befehlen. Schließlich verkünden sie, wenn zwei Menschen in der
Kirche den Bund fürs Leben durch ihr Ja-Wort besiegeln.
Sie sind immer wieder wie Mahner, die mit vertrauter Stimme mal Trauer, mal Freude
verkünden. Gleichzeitig zeigen sie uns bestimmte Uhrzeiten im Laufe eines Tages an. Die
Glocken unterbrechen mit ihrem Klang die Eintönigkeit unseres Alltagslebens. Sie erinnern uns so daran, wie schnell unser
Leben dahingeht und wie schnell ein Tag zu Ende geht. Sie geben dem Alltag Struktur und verweisen uns Menschen auf eine
Dimension, die weit über unser Leben mit seiner oft so unwichtigen aber sich wichtig tuenden Geschäftigkeit hinausreicht. Sie
läuten an gegen unser oft gedankenloses Dahinleben und unsere flache Oberflächlichkeit.
Sie scheinen mir zu sagen: "Das was du weißt und, kannst ist nur Stückwerk, ein ganz kleiner Teil von dem, was Gott für uns
Menschen bedeutet und was er für uns Menschen tut."
Die Glocken sind ein Sinnbild für das Verhältnis von Glaube, Hoffnung und Liebe, denn sie geben das, was in sie an Glauben
und Hoffnung hinein gegossen worden ist, durch ihre Töne weiter, so wie die Liebe es für den Nächsten tut und sie erinnern so immerzu an diese Nächstenliebe.
Die Menschen, die vor 750 bis 800 Jahren die Raumländer Kirche gebaut haben und die die alten Glocken vor rund 650 Jahren
haben anfertigen lassen, die haben all das zum Lob und zur Ehre Gottes getan. Und wir wünschen uns, dass die Glocken ihre Aufgaben noch lange werden ausüben können.
Ich wünsche uns, dass wir uns durch die Glocken in unseren Kirchen noch oft daran erinnern lassen, dass unser Leben von
Gottes Liebe abhängt, die uns zu Glaube, Hoffnung und Liebe leitet. Mögen uns unsere Glocken noch lange begleiten und
durch ihr Geläut und ihre Botschaft daran erinnern, dass unser Leben in Gottes Hand liegt.
An-Gedacht am 25. April 2009 - von Pfarrer Dr. Ralf Kötter,
Lukas-Kirchengemeinde im Eder- und Elsofftal:
Über den Tellerrand des Dorfes schauen und aufeinander zugehen
In diesem Jahr feiern die Dörfer der Lukas-Kirchengemeinde im Eder-und Elsofftal ihr 950
-jähriges Bestehen. Seit Monaten laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Ein großer Arbeitskreis mit ,lenschen aus den Dörfern Alertshausen, Beddelhausen, Christianseck, Elsoff
und Schwarzenau koordiniert alle Aktivitäten. Sie machen dabei die Erfahrung, dass Zusammenarbeit gelingt und dass sie sinnvoll und zukunftsweisend ist - insbesondere
angesichts der gewaltigen Herausforderungen, vor denen die Dörfer der gesamten Region Wittgenstein gestellt sind.
Der demographische Wandel hat Folgen, die das Leben in unseren Dörfern massiv verändern
werden. Vieles kommt an seine Grenzen. Ein Ausweg liegt insbesondere in der Bereitschaft, über den Tellerrand des eigenen Dorfes hinauszusehen, aufeinander zuzugehen, Vorurteile zu
überwinden und sich gegenseitig zu bereichern. Wir brauchen in Wittgenstein wachsende Kooperation -und zwar in allen Bereichen des öffentlichen Lebens.
In unseren Jubiläums-Dörfern gehen die Fußballer mutig voran: die Schwarzenauer stoßen
zum FC Ebenau hinzu. Unsere Chöre nähern sich ebenfalls an und haben beim Festkommers
in der Elsoffer Festhalle am vergangenen Wochenende die Bach-Kantate "Jesu bleibet meine Freude" zu einem großartigen
Klangerlebnis werden lassen. Und auch in unserer LukasKirchengemeinde wächst seit Jahren das ermutigende Miteinander im Glauben über die Dorfgrenzen hinweg.
Unterschiede und Eigenheiten werden auch in Zukunft gewahrt bleiben. Vieles wird weiterhin in vertrauter, dörflicher Runde
vor Ort erhalten werden können - aber nur dann, wenn wir uns der
großen Herausforderungen künftig gemeinsam stellen. Dazu gehört etwa die wohnortnahe Begleitung älterer Menschen, deren
Zahl dramatisch ansteigt. Dazu gehört aber auch eine verantwortliche Jugendarbeit oder ein koordiniertes
Gebäudemanagement über die Dorfgrenzen hinweg. Gesangs- und Heimatvereine werden in der Kooperation neue Ermutigung
und Inspiration finden, um die allgegenwärtige Misere aufzuarbeiten. Das alles sind wunderbare Chancen.
Meine Hoffnung ist, dass das gemeinsame Jubiläumsjahr der Dörfer im sogenannten "Kirchspiel Elsoff" keine Eintagsfliege ist,
sondern dass hier ein Impuls lebendig wird, der zur Stärkung der Lebensqualität in ländlicher Region beiträgt - mit
Vorbildfunktion: Überall in Wittgenstein müssen sich "Dorf-Verbände" bilden, um zukunftsfähig zu werden. Christlicher Glaube
jedenfaIJs hat bei uns zu diesem Miteinander über die Dorfgrenzen hinaus schon seit mindestens 950 Jahren gerufen: zum
gemeinsamen Gebet, zum Lob Gottes in großer Runde und zur verantwortlichen Gestaltung des Lebens im Alltag.
An-Gedacht am 19. April 2009 - von Pfarrer Michael Becker, Öffentlichkeitsreferent im Kirchenkreis:
Nach dem Osterfest für alle Gläubigen:
Hoffnung in einer blutenden Welt
Der ist so unschuldig wie ein neugeborenes Kind”, sagt der Volksmund, wenn er versichern will,
dass die Rechtschaffenheit eines Menschen über jeden Zweifel erhaben und die etwaige Beschuldigung, eine Straftat begangen zu haben, völlig grundlos sei. Ach ja, das wäre etwas,
wenn wir alle miteinander und ein jeder für sich nicht nur die Zeit zurückdrehen könnten, sondern
noch einmal hineinschlüpfen könnten in diese vermeintlich unschuldige aut eines Neugeborenen!
Das wäre etwas, wenn wir austilgen könnten, woran wir nicht gern erinnert werden, wenn wir die Worte zurückholen könnten, die nun doch einmal ausgesprochen wurden, und wenn die Schuld,
mit der wir in der Kreide stehen, und die Bosheiten, die wir von anderen zu erleiden hatten, ungeschehen gemacht werden könnten!
Nun hat der Volksmund zwar oft, aber doch nicht immer, recht. Die neugeborenen Kinder sind
weder wegen ihrer angeblichen Unschuld in die Bibel geraten, noch haben sie deshalb dem kommenden Sonntag, dem Sonntag nach Namen gegeben: Quasimodogeniti, zu deutsch: Wie
neugeborene Kinder.
In der Bibel stehen diese Kinder gerade nicht wegen ihres korrekten Verhaltens oder gar wegen
ihrer Unschuld, ganz im Gegenteil. In der Bibel stehen sie und als Namensgeber eines Sonntags im Kirchenjahr fungieren sie wegen ihres ungebärdigen Verhaltens, wegen ihres unartikulierten
Schreiens und Strampelns, wegen ihres Gebrülls, das weder Tag noch Stunde kennt. Die Säuglinge fordern in ihrer ganzen
ungezügelten Vitalität ihre Milch, sie fordern ihr Recht auf Nahrung, Nahrung, die sie am Leben erhält und wachsen lässt. Und dafür werden sie gepriesen!
Und noch einer wird gepriesen, besonders an diesem Sonntag. Von ihm ist in dem Wochenspruch die Rede, der zu dem Namen des
Sonntags passt: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren
hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten (1. Petrus 1,3). Verkürzt gesagt: Mit der
Auferstehung Jesu Christi von den Toten gibt es für uns Menschen, gibt es für unsere Welt, die aus tausend Wunden blutet, eine lebendige Hoffnung.
Oder noch kürzer mit den Worten des Kirchenvaters Augustin: „Die Auferstehung Christi ist unsere Hoffnung”.
Christen haben, wie andere Menschen auch, Sehnsüchte. Nicht alle lassen sich erfüllen. Christen haben, wie andere Menschen auch,
Träume. Sie platzen nicht öfter und nicht weniger oft als überall auf der Welt. Und Christen haben, wie andere Menschen auch,
gelegentlich Visionen, ohne deshalb gleich, wie ein früherer Bundeskanzler riet, auf die Couch eines Psychiaters zu gehören. Sie
haben die Vision von einer überzeugungsvollen Kirche oder einer gerechteren Welt.
Aber Hoffnung? Lebendige Hoffnung, die sich von Niederlagen nicht unterkriegen lässt, von Widerspruch nicht aus der Bahn werfen
und von schwierigen Lebensläufen nicht verbittern lässt? Die haben wir nicht, die muss uns geschenkt werden. Aber wir dürfen und
sollen nach ihr rufen wie das Neugeborene nach der Milch schreit. Mit der Auferstehung Jesu von den Toten ist diese lebendige
Hoffnung da, und sie ist für uns alle da - für Neugeborene und Sterbende, für Gläubige und Skeptiker, für suchende und allzu selbstsichere Menschen.
Niemand muss seit Ostern ohne diese lebendige Hoffnung leben.
Michael Becker ist Pfarrer und Öffentlichkeitsreferent im Kirchenkreis Wittgenstein.
An-Gedacht am 11. April 2009 - von Superintendent Stefan Berk:
Ostern fängt mit Suchen an
Ostern fängt mit Suchen an. Unsere Kinder suchen nach Ostereiern, die einer namens
Osterhase gemeinerweise versteckt hat. Manche werden denn auch erst gefunden, wenn es später merkwürdig zu riechen beginnt.
In diesem Jahr wird noch mehr gesucht. Was wir in den letzten Monaten an Weisheiten über die Lage der Welt und ihrer Wirtschaft präsentiert bekommen haben, ist reichlich unklar und
nebulös. Da bleibt einem nichts anderes übrig, als zu versuchen, sich selbst einen Reim auf das alles zu machen: auf Aktienkurse, die keiner mehr versteht, auf Rendite und Gewinne,
die jenseits aller Vernunft liegen, auf Geschäftemacherei, die mit gesundem Menschenverstand nichts mehr zu tun hat. Und so suchen wir: die einen, wie man die
Märkte besser kontrollieren kann, die andern, wie man den Lebensstandard halten kann, die dritten, wie man überhaupt überlebt. Vieles, was über die Jahre hin selbstverständlich war,
geht verloren. Jetzt ist deshalb Hochkonjunktur für die Sucher. Osterzeit, nicht nur im April.
Um es deutlich zu sagen: Suchen ist nicht schlecht! Wer sucht, der findet – so hat Jesus seinen Freunden das Suchen schmackhaft gemacht. Er hat ja recht: Nur wer auf der Suche
bleibt, kann etwas finden und bleibt für das Leben offen. Suchen hat mit Neugier zu tun. Wer sucht, rechnet damit, dass
einem etwas Neues über den Weg läuft – neue Eindrücke, neue Freundschaften, neue Erkenntnisse. Suchen hat mit
Lebendigkeit zu tun. Und umgekehrt: Wer nichts mehr sucht, der erwartet auch nichts mehr.
Ostern fängt mit Suchen an. Das war schon damals so, als die Freundinnen und Freunde Jesus mit dem gewaltsamen Tod Jesu
fertig werden mussten. Um so schlimmer, dass das Grab am dritten Tag leer war! Doch da begann ganz leise und unscheinbar
schon Ostern: Denn trotz ihrer Verzweiflung begaben sie zu suchen. Sie gaben nicht auf. Schließlich fragten sie einen, der
wie ein Gärtner aussah, einen, der sich auskennen musste. Und als der sie anredete, da hatten sie ihren Jesus plötzlich
gefunden – ganz und gar neu, eben nicht mehr tot, sondern auferstanden, ganz und gar lebendig, ganz und gar vertraut und gleichzeitig fremd, beängstigend mutmachend.
Wer sucht, der findet. Manchmal nur Ostereier, wie morgen oder übermorgen. Manchmal auch eine Idee, wie man aus einer
Krise herauskommt. Und dann und wann auch das Leben selbst. Die Auferstehung zu neuer Hoffnung, neuem Lebensmut,
neuer Energie. Wunder sind da nicht ausgeschlossen, wenn man auf der Suche bleibt und Gott zutraut, dass es zu Ostern mehr zu finden gibt als bunte Eier.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie diesmal alle Eier rechtzeitig finden – und trotzdem auf der Suche bleiben nach dem Leben, nach
der Hoffnung, nach dem Glauben. Allein sind Sie damit ganz sicher nicht!
In diesem Sinne: Gesegnete Ostern!
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