Chile: Wie viele Brote habt ihr?

Zu jedem Weltgebetstag gehört ein Bild. Diese Postkarte zeigt die Illustration der Frage „Wie viele Brote habt ihr?“, dem Leitmotiv von diesem Jahr. Die 77-jährige Norma Ulloa hat es gestickt, sie verbindet biblische Wundererzählungen und bäuerliche Alltagsszenen aus Chile. Seit den 70er Jahren gehört sie einem Stickerinnen-Kollektiv aus Copiulemu an, Ausstellungen machten die Werke der 40 Stickerinnen weltweit bekannt.

Wie hieß es noch das Land, auf das sich im zweiten Halbjahr 2010 wochenlang Augen aus der ganzen Welt richteten, weil dort verschüttete Bergleute auf ihre Rettung warteten? Über Dioxin, Gorch Fock und Tunesien als aktuelles Nachrichten-Land Nummer Eins und die Dauer-Krisengebiete Afghanistan und Irak ist es längst wieder in Vergessenheit geraten: Chile.

So ist es nun einmal, wenn zwischen Tür und Angel mal kurz Katastrophen- Schlaglichter auf ein Land geworfen werden. Deutlich anders ist das beim Weltgebetstag, der in diesem Jahr ganz Chile wirklich in den Mittelpunkt stellt. Hier nähern sich Christinnen weltweit einem Land an, lernen viele Fakten über den Staat und hören noch mehr über die alltäglichen Probleme, aber auch die alltäglichen Freuden der Menschen dort.

Selbst wenn sich die Veranstaltung inzwischen ganz selbstbewusst nicht mehr Weltgebetstag der Frauen nennt, so sind es immer noch Frauen, die mit ihrer Arbeit die traditionsreiche Veranstaltung vorbereiten: Da sind zum einen die Frauen in dem jeweiligen Gastgeberland des Jahres, die die Gottesdienstordnung erarbeiten, zum anderen die christlichen Frauen in den über 170 anderen beteiligten Ländern, die eben anhand jener Gottesdienstordnung am ersten Freitag im März weltweit den Gebetstag feiern. Und weil die Sachen so gut vorbereitet sein müssen, steckt da viel Arbeit drin - auch in Wittgenstein. Die heimischen Expertinnen aus dem Evangelischen Kirchenkreis Wittgenstein befassen sich quasi schon wieder ein Jahr lang mit Chile, jetzt fand im evangelischen Jugendheim in Erndtebrück der ökumenische Vorbereitungstag zum Weltgebetstag 2011 statt. Eingeladen hatte der Bezirksverband der Evangelischen Frauenhilfe in Wittgenstein, dabei waren natürlich auch wieder Katholikinnen, seit Jahren bereiten man den Weltgebetstag ganz im Sinne der Idee gemeinsam vor.

Geschichtlich, politisch, geographisch näherten sich die Wittgensteinerinnen dem südamerikanischen Land mit seinen rund 17 Mill. Menschen und dem einprägsamen, schmalen Umriss. Schließlich ist das Land zwar in der Nord-Süd-Ausdehnung über 4300 Kilometer lang, aber im Schnitt höchstens 180 Kilometer breit. Ach ja, kulinarisch näherte man sich an diesem Tag Chile auch an. Aus Wittgensteiner Produktion war den Frauen fürs Mittagessen ein typisch chilenischer, orangefarbener Eintopf mit Kürbis, Karotten, Bohnen und Rindfleisch angeliefert worden, zum Kaffeetrinken gab es chilenischen Karottenkuchen mit Ananas- und Möhren-Stückchen. Die Frage, ob es geschmeckt habe, konnte Manuela Schnell vom Wittgensteiner Organisations-Komitee nur bejahen, zwei Zahlen sagten da mehr als viele Worte: Man habe Suppe für 60 Frauen bestellt, die hätten die anwesenden 40 Frauen locker geschafft. In einzelnen Gruppen beschäftigten sich die Frauenhilfs-Frauen mit den unterschiedlichen Aspekten des Weltgebetstages.

Eine gute Vorarbeit ist alles: Das Wittgensteiner Weltgebetstags-Team traf sich jetzt im evangelischen Jugendheim in Erndtebrück zur Vorbereitung auf Kirchenkreis-Ebene. Dazu gehören von links: Erna Galler, Johanna Debus, Christel Knebel, Brigitte Rothenpieler, Manuela Schnell und Ulrike Berk.

Zum Abschluss der Tagesveranstaltung wurde der Gottesdienst komplett und im Zusammenhang einmal durchgespielt, immer wieder gaben Ulrike Berk, Erna Galler und Brigitte Rothenpieler von den Organisatorinnen im heimischen Kirchenkreis Tipps zu den Abläufen. Wie man der Aussprache der verflixt langen ausländischen Wörter beikommen kann, wie man mit Handbewegungen und Tanzschritten den oftmals ungewohnt schwungvollen Liedern gerecht werden kann, wie man mit dem Einsatz eines CD-Players auch die komplizierteren Lieder in den Weltgebetstags-Gottesdienst einbauen kann. Verbunden damit gab es auch die Bitte, die schwierigen Lieder nicht zu streichen, nur weil die Umsetzung Mühe macht. Ulrike Berk verband das mit der Anregung, man möge mit dem Computer doch tatsächlich auch die Bilder aus Chile zeigen, für die dafür notwenige Technik solle man in den Gemeinden versuchen, jüngere Helfer in den Gottesdienst zu holen. Denn natürlich wollen die Organisatorinnen nach ihrer vielen Vorbereitungsarbeit zum Weltgebetstag möglichst viele Menschen in den heimischen Gottesdiensten haben.

Überall in Wittgenstein wird es in knapp sechs Wochen Weltgebetstags-Gottesdienste geben - und obwohl es eigentlich in jedem Jahr auch in Wittgenstein aufgrund der guten Organisation und des mannigfaltigen Engagements eine Veranstaltung mit vielen Ausrufezeichen ist, steht hinter der Veranstaltung in diesem Jahr ein Fragezeichen. Die im Matthäus-Evangelium überlieferte Frage von Jesus „Wie viele Brote habt ihr?“ ist das Leitmotiv der Gottesdienstordnung in diesem Jahr. Dahinter steckt in den Zeiten einer wachsenden materiellen Gier die Frage nach dem menschenwürdigen und guten Zusammenleben in einer Welt der ungerecht verteilten Güter.